Zur Nicht-Verlängerung von Florian Lutz’ Intendantenvertrag an der Oper Halle

Von Detlef Brandenburg am 22.02.2019 • Bild: Detlef Brandenburg
Das Bild zeigt: Bild aus besseren Zeiten auf der Raumbühne HETEROTOPIA: Bühnenbildner Sebastian Hannak; Halles Operintendant Florian Lutz; Sarah Nemtsov, Komponistin der in Halle uraufgeführten Oper „Sacrifice“; und Chefdramaturg Michael v. zur Mühlen.

Der Showdown fand statt und das Ergebnis ist traurig. Vor wenigen Stunden wurde bekannt, dass der Aufsichtsrat der Bühnen Halle den Vertrag des Opernintendanten Florian Lutz nicht verlängert hat, die Verträge von Schauspielchef Matthias Brenner und Puppentheater-Intendant Christoph Werner dagegen schon. Noch gibt es kaum zitierfähige Reaktionen, aber nachdem die Opernarbeit von Lutz weithin Aufmerksamkeit und Lob erntete, ist mit einiger Resonanz auf diesen Paukenschlag zu rechnen. Was kann man dazu jetzt schon sagen?

Als Florian Lutz nach Halle geholt wurde, kommunizierten die Vertreter der Stadt – gegenüber der DEUTSCHEN BÜHNE beispielsweise der Oberbürgermeister Bernd Wiegand – klare Ziele: Man wollte ein zeitgemäßes Musiktheater, wollte mehr junges Publikum, ein klares Profil der Oper gegenüber den benachbarten Großstädten und einen Imagefaktor für die Kultur- und Händelstadt Halle. Florian Lutz hat diese Erwartungen weitgehend erfüllt. Es kamen jüngere Leute. Die Oper Halle bekam in den überregionalen Feuilletons großes Lob und wurde stärker wahrgenommen als die benachbarten Häuser in Magdeburg oder in Leipzig. Bekannte, ja berühmte Regisseure wie Peter Konwitschny, Tatjana Gürbaca oder Paul-Georg Dittrich, dessen „Ariadne auf Naxos“-Premiere am heutigen Abend über die Bühne geht, arbeiten hier. Und Sebastian Hannaks Raumbühne „HETEROTOPIA“ wurde mit dem Deutschen Theaterpreis DER FAUST ausgezeichnet. Dafür also hat der Aufsichtsrat der Theater und Orchester Halle GmbH Florian Lutz heute die Rechnung ausgestellt: 2021 ist Schluss mit dem vielbeachteten Aufbruch des neuen Musiktheaters abseits der Zentren.

Wer die zunehmend dramatischeren Meldungen der letzten zwei Wochen las, ahnte bereits Schlimmes, hatte aber auch seine liebe Not, den Überblick zu behalten. Da sah man sich mit gegensätzlichen Behauptungen zu Zuschauerzahlen und Einnahmesituation der Oper konfrontiert. Lutz und der Schauspielintendant Matthias Brenner beklagten das zerrüttete Verhältnis zum Geschäftsführer Stefan Rosinski. Und geradezu aberwitzig wurde die Nachrichtenlage, als sich ein Orchestervorstand in einem Brief an den Aufsichtsrat mit heftigen Vorwürfen gegenüber Florian Lutz zum Sprecher der Opernmitarbeiter aufwarf, dieser Vertretungsanspruch aber sofort wieder öffentlich infrage gestellt wurde. Allein schon die Diskreditierung von Aufführungen, die „die Grenze zum multimedialen Spektakel“ überschritten hätten und als „bloße Vorlage für die Vermittlung politischer und persönlicher Botschaften des Regisseurs“ dienen würden, hätte jeden Leser des Briefes misstrauisch machen müssen. Dass Kunst mit Politik und mit Subjektivität zu tun hat, soll unverzeihlicherweise ja sogar bei Richard Wagner oder Peter Konwitschny vorkommen. Bis nach Halle hat sich das aber offenbar noch nicht herumgesprochen.

Und das ist das wirklich Deprimierende an diesem Streit und seinem Ausgang: nicht die Tatsache, dass es solche kruden Ansichten in Halle gibt; sondern dass sie offenbar im Aufsichtsrat einer großen künstlerischen Institution der Stadt Widerhall finden. Zumal sich auch die Behauptung von den schwindenden Zuschauerzahlen bei genauerem Hinsehen relativiert. In einer ersten Stellungnahme veröffentlichte die Opernleitung folgende Daten: Vergleicht man die Gesamtzuschauerzahl der zwei bereits abgeschlossenen Spielzeiten von Florian Lutz mit den letzten beiden Spielzeiten seines Vorgängers, ergebe sich ein Minus von etwa 9 %. In 2018 habe man deutlich über 57.000 zahlende Zuschauer in der Opern- und Ballettsparte erreicht. Mit gut 1.140.000 € Einnahmen seien nach aktuellem Stand 80.000 € mehr als im Wirtschaftsplan vorgegeben erreicht. Für einen Intendanten, der von der Politik ausdrücklich mit der Mission Erneuerung betraut wurde, wäre das absolut im Rahmen.

Wenn man sich fragt, woran es in Halle gescheitert ist, kommt man aber auch um den Geschäftsführer Stefan Rosinski nicht herum, über den sich sowohl Lutz wie auch Schauspielkollege Brenner so massiv beklagt hatten. Er darf sich nach dem Ergebnis der Aufsichtsratssitzung als Sieger fühlen. Aber was um alles in der Welt ist das für ein Sieg? Und wie ist er errungen? Wer wird in zwei Jahren, nachdem der Geschäftsführer sich unter undurchschaubaren Umständen derart gegen einen künstlerischen Intendanten durchsetzen konnte, Lust haben, sich als Nachfolger auf den heißen Stuhl zu setzten? Florian Lutz, so scheint es, hat bekommen, was er nicht verdient hat. Der Aufsichtsrat dagegen wird das Musiktheater bekommen, das er verdient. Aber gilt das auch für die Stadt Halle, die sich so gern als Kunststadt, als jung, vital und zukunftsoffen verstehen möchte?