Zur Auswahl für das Theatertreffen 2019

Von Andreas Falentin am 30.01.2019

Abwechslung geht anders. Ulrich Rasche und Ersan Mondtag, Simon Stone und Thom Luz sind ja bereits so etwas wie Stammgäste beim Theatertreffen – und auch in der heute veröffentlichten 10er-Auswahl der „bemerkenswertesten Inszenierungen“ wieder dabei. Dazu ist Christopher Rüping zum dritten, Claudia Bauer zum zweiten Mal eingeladen. Einziger „Frischling“ unter den Regisseurinnen und -euren ist Anna Bergmann – mit Ingmar Bergmans „Persona“, produziert am Deutschen Theater Berlin. Auch dieses Haus ist eine Konstante der letzten Jahre beim Theatertreffen. Wie das Burgtheater, die Münchner Kammerspiele und das Theater Basel.

Dagegen ist natürlich genauso wenig einzuwenden wie gegen die Tatsache, dass fast ein Drittel der 39 in die engere Wahl gekommenen Inszenierungen in der Hauptstadt herausgekommen ist. Es stellt sich nur wieder – und durchaus dringlich – die oft gestellte Frage, ob in der Jury-Auswahl wirklich die Vielfalt und Qualität des Theaters im deutschsprachigen Raum in irgendeiner Weise abgebildet wird. Haben wir wirklich eine derart einsame Spitzengruppe an Häusern und Regiekünstlern? Und ist bereits die Tatsache, dass dieses Jahr Karin Henkel, Herbert Fritsch und Frank Castorf, dass die beiden großen Hamburger Stadttheater, das das Gorki und die Schaubühne einmal nicht eingeladen wurden, ein Zeichen für irgendeine Andeutung einer Tendenz? Immerhin: drei, man könnte auch sagen: ein Drittel, der ausgewählten Aufführungen, She She Pops „Oratorium“, Thom Luz‘ „Girl From The Fog Machine Factory“ und Torsten Lensings David Foster Wallace-Theatralisierung „Unendlicher Spaß“, sind  unabhängige Produktionen, gestemmt in Zusammenarbeit mit etlichen Theater, Festivals und Produktionshäusern, somit also nicht einem einzigen Haus zuzuordnen. Das ist neu – zumindest ein kleines bisschen.

Aber ist wirklich alles Berlin und München mit den etablierten Sidekicks Basel, Dresden und Dortmund? Niemand bestreitet die herausragende Qualität von Rasches „Das große Heft“ oder Rüpings „Dionysos Stadt“, aber schafft wirklich keiner sonst überwältigend Neues oder zumindest animierend Anderes in anderen großen und kleinen Städten? Warum hat es etwa Thorleifur Örn Arnarssons „Edda“, ein rauschendes Vereinigungsfest aller klassischen Theatermittel, eine textuell hochintelligente Verschränkung von Altem und Neuem und immerhin mit dem Deutschen Theaterpreis DER FAUST ausgezeichnet, nicht in die Endauswahl geschafft? Und was ist mit der Tendenz zum neuen Well Made Play, der sich im (nicht nur Publikums-)Erfolg der Stücke von Noah Haidle, Lot Vekemans oder Lutz Hübner widerspiegelt, übrigens an kleinen und großen Häusern gleichermaßen? Die Auswahl beim Theatertreffen gibt sich dagegen dezidiert heterogen postdramatisch, geradezu retro-postmodern. Keine „echten“ Stücke, aber auch kein wirkliches Schürfen nach neuen Wegen, weder inhaltlich noch strukturell. Warum eigentlich?

Und wo geht die Jury überhaupt hin? Macht Sie sich selbst ästhetische Vorgaben? Setzt sie überregionale Strahlkraft und Medienpräsenz voraus, so dass anerkannt herausragende Produktionen kleinerer Häuser, wie ein Beispiel unter vielen, Ulrich Grebs Inszenierung von Horváths „Zur schönen Aussicht“ am Schlosstheater Moers gleichsam unter dem Radar fliegen? Womöglich findet doch nur ein sehr kleiner Teil der beeindruckenden 90 bis 120 Vorstellungen, denen sich jede einzelne Jurorin, jeder einzelne Juror unterzieht, abseits der großen Ballungsgebiete statt...

Und wäre es nicht wirklich interessant, wie eigentlich „das Publikum“ über die Theatertreffen-Auswahl denkt, natürlich nicht das, das dann in Berlin die Vorstellungen sieht, sondern jenes landauf, landab mit seinen Theatercards, Wahl- und Wochentagsabos oder seinem Spaß am Unetablierten, mit seinen Vorlieben für das, was es schon kennt und seiner gar nicht so schwer anzustachelnden Neugier für alles Mögliche. Leider ist diese Meinung schwer bis unmöglich seriös zu ermitteln. Und würde sie die Macher des Theatertreffens überhaupt interessieren?