Zwischenruf: Zur Auswahl des Theatertreffens 2020

Von Detlev Baur am 28.01.2020 • Bild: JU Bochum
Das Bild zeigt: Voraussichtlicher Star des Theatertreffens: Sandra Hüller als Hamlet

Die Auswahl für das Berliner Theatertreffen im Mai in Berlin wurde heute bekannt. Es ist das erste Mal, das der Jury eine Quote von mindestens fünf Regiearbeiten von Frauen vorgegeben war. Die Quote wurde mit sechs Regisseurinnen übererfüllt. Und das tut nicht einmal weh, alle sechs Regisseurinnen beherrschen zweifellos ihr Handwerk und haben etwas zu sagen, auch wenn ich Claudia Bauers eingeladene Williams-Inszenierung für keinen großen Wurf halte.

Insgesamt wirkt die Auswahl sehr disparat, insofern ist sie das Abbild einer sehr diversen Theaterlandschaft: mit Klassikern (in diesem Jahr gibt es immerhin je einen einigermaßen textreuen Shakespeare und Molière sowie einmal Tennessee Williams), zwei Epik-Adaptionen (eine nach Dante, eine nach Frisch), einem neuen (englischen) Drama, einem selbst entwickelten Stück und drei performativen Konzeptionswerken. Wer nun der Favorit beim Theatertreffen selbst wird, ist schwer vorherzusagen, was das alles für den Zustand und die Tendenzen in der Theaterszene bedeutet ebenfalls. Besondere Aufmerksamkeit wird zu Recht der Bochumer „Hamlet“ mit einer grandiosen Sandra Hüller und einer bemerkenswerten Gina Haller als Ophelia genießen.

Und der Gewinner unter den Theatern sind die Münchner Kammerspiele. Vielleicht aber auch das Berliner Produktionshaus Hebbel am Ufer oder dessen Frankfurter Pendant, das Künstlerhaus Mousonturm. Während an den Kammerspielen zwei der zum diesjährigen Theatertreffen eingeladenen Inszenierungen herauskamen, sind Mousonturm und HAU an zwei Produktionen beteiligt, unter anderem an Anta Helena Reckes „Die Kränkungen der Menschheit“ von den Kammerspielen. Auch angesichts zahlreicher Koproduktionen ist das Tableau der zehn von den sieben Jurorinnen und Juroren erwählten Inszenierungen des Theatertreffens ziemlich unübersichtlich. Es finden sich zahlreiche neue Namen unter den vier Regisseuren und sechs Regisseurinnen: Alexander Giesche, Anne Lenk, Antonio Latella, Toshiki Okada und Florentine Holzinger waren noch nicht dabei. Große Namen sind rar: Johan Simons mit dem Hamlet einer großartigen Sandra Hüller ist dabei, Claudia Bauer mit einem holzhammerartigen Tennessee Williams und Katie Mitchell.

Die Theaterhauptstadt jedenfalls ist München. Denn auch das Residenztheater ist eingeladen, mit einer Inszenierung aus der abgelaufenen Intendanz Martin Kusejs, mit Antonia Latellas „Eine göttliche Komödie“; sie dürfte beim Theatertreffen gar nicht vorzeigbar sein, weil sie sich in keinem Repertoire mehr findet. Neben der ausgesprochenen Frauenquote gibt es auch die heimliche Länderquote, die dazu führt, dass auch in diesem Jahr jeweils eine Produktion aus Wien und eine aus Zürich dabei ist. Auch Ostdeutschland ist mit Leipzig vertreten.

Dass aber keine kleinere deutsche Stadt als Bochum oder Frankfurt außerordentliches Theater bieten soll, ist befremdlich. Nicht einmal in der Auswahl der letzten 35 von der Jury vor der finalen Auswahl diskutierten Produktionen kommen künstlerisch gelungene Inszenierungen beispielsweise aus Mülheim oder Bamberg vor, die ästhetisch und inhaltlich durchaus auf der Höhe der Zeit sind. Das ist schade und einer diversen Theaterlandschaft auch nicht angemessen.