Nachruf: Zum Tod von Mirella Freni

Von Detlef Brandenburg am 10.02.2020

Mirella Freni werde ich immer im Gedächtnis behalten. Denn ihr engelssüßer Sopran hat meine Erstbegegnung mit Verdis „Messa da requiem“ in unvergesslicher Weise geprägt. Nicht live natürlich, aber durch eine Einspielung mit Herbert von Karajan, an dessen Dirigat ich inzwischen einiges auszusetzen habe. Aber diese Stimme: Immer, wenn ich an das „Recordare“ denke, höre ich sie, so wunderschön schimmernd, so sahneweich und herzenswarm! Wenn ich an Mimì denke, natürlich auch; an Micaëla; an Liù; an Elisabetta; oder an Zerlina. Aber für mich war es eben doch das „Requiem“, in dem die Schönheit ihres Singens vollends zur Wahrheit kam, weil man hier erleben konnten, wie Mirella Freni ohne die opernüblichen narrativen Sentimentalitäten Ausdruck pur zu Geltung brachte. Unvergesslich bleibt mir allerdings auch ihre Tatjana – kaum jemand konnte die Tragödie dieser jungen Frau so unsentimental mädchenhaft singen wie sie. Dabei hat sich Mirella Freni diese Partie erst relativ spät in ihrer Karriere wirklich zu eigen gemacht.

Sie war eine ganz besondere Sängerpersönlichkeit: geboren 1935 in Modena, hatte sie dieselbe Amme wie ein gewisser Luciano Pavarotti. Die Milch machte offenbar musikalisch. Schon 1955 debütierte Mirella Freni in ihrer Heimatstadt als Micaëla in „Carmen“, beide traten oft auch gemeinsam auf, und wie Pavarotti erhielt sich auch Mirella Freni eine unverstellte Natürlichkeit des Singens und eine instinkthafte Sensibilität für die Musik. Die Grenzen ihrer Stimme aber kannte sie besser als der Tenorissimo. Herbert von Karajan, übermächtiger Lehrmeister ihrer frühen Jahre, der sie als „seine“ Mimì und 1963 zu Weltruhm führte, drängte sie nach und nach auch in dramatischere Partien. Aber nach einem legendären Debakel als Violetta in „La traviata“ 1964 an der Mailänder Scala (wo zuletzt Maria Callas diese Partie gesungen hatte) hatte Mirella Freni ihre Lektion gelernt und ging nur äußerst behutsam an schwerere Rollen heran. Der Lohn ihrer Vorsicht war eine 50-jährige, grandios erfolgreiche Bühnenlaufbahn, die sie 2005 beendete.

Ich habe sie leider nicht oft auf der Bühne gehört. Aber auf CDs darf ich fast alle ihre berühmten Partien mein Eigen nennen. Wobei ich die oben genannten lyrisch-seriösen Figuren immer lieber mochte als ihre Buffa-Mädel von Donizetti oder Rossini. Da gab es brillantere Sängerinnen als sie. Aber darin, mit purer Schönheit an die Herzen ihrer Zuhörer zu rühren, war sie unvergleichlich. Jetzt ist Mirella Freni 84-jährig in Heimatstadt gestorben. Fürderhin, da bin ich ganz sicher, wird sie den Engeln singen helfen.