Zum Tod von Jessye Norman

Von Andreas Falentin am 01.10.2019

Jessye Norman ist tot. Eine einzigartige, besser eine unvergleichliche Sängerin. Wer Sie einmal live gehört hat, wird diese riesige in Opaltönen leuchtende, so individuell und homogen timbrierte Stimme nicht vergessen können. Dazu war Norman eine große Musikerin. Und hatte eine Ausstrahlung, der man sich nicht entziehen konnte.

Sie wurde 1945 in Augusta/Georgia geboren, in eine hoch musikalische Familie  – und in die Zeit der Rassentrennung. Trotzdem gelang ihr eine der größten Gesangskarrieren im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts; damit machte sie vielen Menschen Mut. Wie viele amerikanische Sängerinnen und Sänger führte ihr Weg in die großen Opernhäuser und Konzertsäle über das deutsche Ensembletheater. Jessye Norman sang mehrere Jahre an der Deutschen Oper Berlin und gab dort auch 1969 ihr Operndebut. Wobei gesagt werden muss, dass sie eigentlich keine klassische Opernsängerin war. Sie stand auf der Bühne, verkörperte und belebte das Prinzip Diva, ließ zu, dass um sie herum eine Inszenierung entstand und setzte dieser ihre unerhört humane Ausstrahlung und ihre Kunst entgegen. Wenn die Inszenierung das aushielt, konnte Großes Entstehen, wie etwa 2002 in Paris mit Schönbergs „Erwartung“ und Poulencs „Voix humaine“.

In Jessye Normans Gesang verband sich Sinnlichkeit mit Intellektualität. Ihre Interpretationen, auch und gerade in französischer und deutscher Sprache waren ausgefeilt und geistig durchdrungen und berührten dadurch genauso unmittelbar wie die Farben ihrer Stimme, die genau auf der Grenze zwischen Sopran und Mezzosopran angesiedelt war.

Jetzt ist diese einzigartige, unvergessliche Sängerin mit 74 Jahren gestorben.

 

Postscriptum: ein Hinweis für, eine Bitte an die Nachgeborenen. Wer Jessye Norman nie live erlebt hat, kann aus einer Fülle von akustischen Dokumenten wählen, von Aufnahmen und Mitschnitten, auf CD und DVD, für Download oder Streaming. Aber Vorsicht: Jessye Normans größte Zeit waren die 80er-Jahre, die Zeit der Goldgräberstimmung in der CD-Branche. Es wurde rasend schnell produziert, um Nachfragen zu befriedigen und zwar alles, was nicht weglaufen können. Auch Jessye Norman geriet in die Mühlen der Industrie und es wurden Aufnahmen gemacht, die, euphemistisch gesprochen, ihrer Stimme in keiner Weise gerecht werden.

Vermeiden Sie diese! Verzichten Sie bewusst auf ihre Carmen, ihre Salome, ihren Fidelio und ihre Santuzza! Diese Partien waren zu dramatisch, zu laut für ihre zwar große aber im Kern sensible, geradezu fragile Stimme. Weswegen sie aus etlichen Aufnahmeschnipseln zusammengeklebt wurden, so dass nicht nur keine gültige musikalische, sondern auch keine dramatische Aussage entsteht.

Wenn Sie sich von Jessye Norman faszinieren lassen wollen, hören sie wie sie die Stratosphären-Höhen von Richard Strauss' „Vier letzten Liedern“ mit dunkel glänzendem Licht flutet und dabei den Text erhält, wie sie Todesahnung und Lebensfreude in einer Mahler-Sinfonie versinnlicht, oder wie delikat sie französische Lieder von Chausson, Debussy oder Duparc gestaltet. Und man sollte unbedingt in ihren Gospels und Spirituals baden. Und wenn es Oper sein soll, hat sie Gültiges als Sieglinde, Euryanthe, in Strawinskys „Oedipus Rex“ und Schönbergs „Erwartung“ akustisch zu Protokoll gegeben. Lassen Sie sich einfangen!