Zum Tod von Hans Zender

Von Detlef Brandenburg am 25.10.2019 • Bild: Inge Zimmermann
Das Bild zeigt: Komponist, Dirigent, Musikdenker und hellwacher Erforscher fremder Werke: Hans Zender

Mit dem Tod von Hans Zender verliert die zeitgenössische Musik nicht nur einen enorm produktiven Komponisten, sondern auch einen ihrer großen Vermittler und Vordenker. Zenders Musik ist extrem komplex organisiert, dabei aber zugleich sinnlich und vor allem sehr eigenständig. Immer wieder hat er neue Ansätze gefunden, sich dabei mit anderen Kunstformen und Philosophie auseinandergesetzt, sich von europäischen wie fernöstlichen Traditionen inspirieren lassen. Zugleich hat er immer auch seine eigene Rolle und die Stellung des aktuellen Komponierens zur musikalischen Tradition und zum kulturellen Kontext extrem scharfsinnig reflektiert. Was auch darin zum Ausdruck kam, dass er sich in seinem Komponieren oft mit früheren Werken auseinandersetzte – zum Beispiel in seiner viel gespielten „komponierten Interpretation“ von Schuberts „Winterreise“ für Tenor und kleines Orchester. Ab 1. März 2020 wird sie in einer szenischen Interpretation des niederländischen Installations- und Videokünstlers Aernout Mik an der Staatsoper Stuttgart zu sehen sein.

Trotz seiner ausgeprägten künstlerischen Intellektualität war Zender aber nie ein Elfenbeinturm-Eremit, sondern ein geradezu leidenschaftlicher Praktiker, ja, „Handwerker“, der als Dirigent den „Marsch durch die Institutionen“ nicht scheute und sich dabei vehement für seine komponierenden Zeitgenossen und die Musik der jüngsten Vergangenheit einsetzte. Dabei war er frei von aller stilistischen Dogmatik. Er beförderte die Aufführung von Messiaen oder Giacinto Scelsi ebenso wie von Varèse, Nono oder Bernd Alois Zimmermann. Auch romantischen Komponisten wie Mendelssohn oder Schubert galt seine große Liebe.

Geboren 1936 in Wiesbaden, studierte er an den Musikhochschulen in Frankfurt und Freiburg Komposition, Klavier und Dirigieren und arbeitete schon als Student als Kapellmeister an den Städtischen Bühnen Freiburg. Als er 1964 Chefdirigent der Oper Bonn wurde, da war er gerade mal 27 Jahre alt. In rascher Folge war er Generalmusikdirektor in Kiel, Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Saarbrücken und von 1984 bis 1987 Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper. Damals habe ich ihn kennengelernt, ich schätzte seine Strenge und Genauigkeit in der Interpretation der von ihm dirigierten Werke, vermisste aber manchmal doch ein bisschen die süffige Sinnlichkeit und das irrational Überbordende, das ja gelegentlich auch zur Oper gehört. Unendlich verdienstvoll war sein Wirken als ständiger Gastdirigent des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg (1999 bis 2010) und als Professor für Komposition an der Frankfurter Musikhochschule (1988 bis 2000).

Hans Zender starb im Oktober 2019 im Alter von 82 Jahren an seinem Wohnort Meersburg am Bodensee.