Aktuelles: Zum Tod von Christa Ludwig

Von Andreas Falentin am 26.04.2021 • Bild: Salzburger Festspiele/Marco Borrelli
Das Bild zeigt: Christa Ludwig bei einer öffentlichen Meisterklasse im Rahmen der Salzburger Festspiele 2018

Eine makellos und schlicht geführte, perfekt sitzende Mezzosopran-Stimme. Groß. Rund. Ohne Ecken und blinde Flecke. Keusch, ein wenig androgyn im Timbre. Und ein wenig mütterlich.

So lässt sich vielleicht die Stimme von Christa Ludwig beschreiben, der Mezzosopranistin in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den großen Fachpartien von Wagner, Mozart, Verdi und Richard Strauss. Sie sang an allen großen Opernhäusern der Welt und war vielleicht die einzige Sängerin, die von gleich drei wesentlichen Dirigenten ihrer Zeit immer wieder gefördert, gefordert, umschwärmt wurde: von Herbert von Karajan, Leonard Bernstein und Karl Böhm. Als vierter im Bunde stieß in den 70er-Jahren Georg Solti hinzu, der sie für seine Wagner-Aufnahmen holte, für die Venus im „Tannhäuser“ und die Kundry im „Parsifal“. An dieser Rolle lässt sich die besondere Qualität von Ludwigs Singen gut beschreiben. Die Interpretin muss hier sängerisch so gut wie alles können:  Sie benötigt ein außergewöhnliches Alt-Fundament, ein souveränes Parlando in der Mittellage und Kraft und Präzision für explosive Aufstiege in höchste (Ton-)Höhen. Den meisten Kundry-Sängerinnen zerfällt die Stimme in zwei Farbspektren, wird hart oder strähnig, gaumig oder schrill und  der Text ist nicht zu verstehen. Und wenn doch einmal alles zusammenkommt, wie etwa bei der großartigen Waltraud Meier, dominieren kalte Farben, lässt die Figur also keine emotionale Beteiligung der Zuhörenden zu. Christa Ludwig aber klingt in der genannten Aufnahme – und klang nach vielfacher Zeugenschaft auch auf der Bühne – bei all dieser Beanspruchung rund, warm, alterslos. Vor allem aber mühelos. Man verstand ihren Text und hörte keine Registerbrüche. Man hörte einen Menschen, keine Kunstfigur, mochte Kundry, entwickelte Mitleid mit und bekam Angst vor ihr.

Christa Ludwig hatte eine außergewöhnlich lange Karriere. 1928 in Berlin geboren, wurde sie von ihrer Mutter, einer renommierten Gesangslehrerin ausgebildet und debütierte mit 17 Jahren in Gießen so erfolgreich, dass sie bald nach Frankfurt am Main engagiert wurde. Von dort ging sie nach Darmstadt und Hannover – und sang in dieser Zeit auch neue Musik bei den Darmstädter Ferienkursen. 1955 engagierte sie Karl Böhm an die wiedereröffnete Wiener Staatsoper. Mit der neuen Musik war es vorbei und die Weltkarriere begann, in Chicago und New York, in London und Mailand und immer wieder in Wien und bei den Salzburger Festspielen. Dabei machte sie der Gestus ihres Singens zu perfekten Partnern von die Kompositionen bewusst künstlerisch überformenden Virtuosen wie Maria Callas oder Dietrich Fischer-Dieskau.

Und Christa Ludwig machte unglaublich viele Schallplattenaufnahmen, von denen viele bis heute Referenzstatus genießen. Besonders zu nennen sind hier der Londoner „Fidelio“ unter Otto Klemperer, mit dem Ludwig einmal ihr angestammtes Fach verließ. Dass sie das sonst nie tat, hat sicherlich geholfen, die Stimme bis ins Alter klangschön und flexibel zu halten. Am „Lohengrin“ unter Rudolf Kempe lobte die Kritik vor allem die unglaubliche Spannung der Szenen zwischen Ortrud und Telramund. Dabei waren Christa Ludwig und Dietrich Fischer-Dieskau keine Stunde lang zusammen im Aufnahmestudio. Dazu seien hier zwei legendäre Mahler-Aufnahmen genannt: „Das Lied von der Erde“ mit Fritz Wunderlich und wieder unter Klemperer sowie die zweite Sinfonie unter Zubin Mehta.

In den späten Jahren ihrer Karriere beschäftigte sich Christa Ludwig zunehmend mit dem deutschen Kunstlied und stieg auch hier schnell in die erste Klasse der Interpreten auf. Auf der Opernbühne konzentrierte sie sich auf die klassischen Mezzo-Altersrollen. 1993/94, nach dem Tod der Mutter, verabschiedete sich Christa Ludwig mit der Fricka an der Met, der Klytämnestra in Wien und einer Lieder-Tournee offiziell von der Bühne. Als hochengagierte, zugewandte und kundige Lehrerin blieb sie der Musikwelt in Meisterkursen erhalten.

„Die Kunst ist keine gemeine Schönheit für alle, wie es schon bei Schiller heißt. Wir sind halt keine Rock- und Popkünstler. Und sollten auch nicht versuchen, mit denen zu konkurrieren.“ So fasste die, auch was Theaterästhetik angeht, ein Leben lang eher konservative Christa Ludwig 2008 in einem Interview mit der Welt ihr Kunst- und Musiktheaterverständnis zusammen. Jetzt ist sie mit 93 Jahren in Klosterneuburg bei Wien gestorben.