Meldung: Zum Tod des Schauspielers Dieter Mann

Von Andreas Falentin am 03.02.2022

Ich habe den Schauspieler Dieter Mann erstmals 1991 am Deutschen Schauspielhaus Hamburg erlebt, als aasigen Waffenhändler in der von Wilfried Minks inszenierten Deutschen Erstaufführung von Peter Turrinis „Tod und Teufel“. Das war nur eine Art größerer Episodenrolle, aber Manns Sonorität und Timing warfen mich schier um. Vor allem, weil sich alles, und das war sicher ein Markenzeichen von Dieter Manns Arbeit auf der Bühne, vollkommen unaufgeregt ereignete. Das war nie klein realistisch, aber auch nicht künstlich aufgesteift – Schauspielkunst mit beiden Beinen auf dem Boden, aber nie erdenschwer.

Damals, 1991, gab Dieter Mann gerade seine Intendanz am Deutschen Theater Berlin auf, was sicher schmerzhaft war, weil er sich dem Haus so sehr verbunden führte.  Von 1964 bis 2006 war er dort im Ensemble, einer seiner Protagonisten nahezu von Anfang an. 1941 in Berlin geboren lernte er Dreher und arbeitete zwei Jahre als Facharbeiter, bevor er 1962 seine Schauspielausbildung beginnen konnte. Noch während der Ausbildung wurde er von Friedo Solter, der sehr lange ein wichtiger Regisseur für ihn blieb, ans DT verpflichtet. Sein größter früher Erfolg war hier sicher die Titelrolle in „Die neuen Leiden des jungen W.“ von Ulrich Plenzdorf, die er in den 70er-Jahren über 300 mal spielte. Dazu wurde Mann zum erfolgreichen Filmdarsteller und „Fernsehliebling“ der DDR. Und 1984 eben Intendant des ersten Hauses in einem Staat, der das Theater als Ort freier Meinungsäußerung fürchtete und zu kontrollieren versuchte. Er holte Heiner Müller und Frank Castorf ans Haus, ließ Alexander Lang prominent inszenieren und galt doch nach der Wiedervereinigung latent als verstrickt. 1991 wirkte Dieter Mann fast erleichtert, dass er wieder „nur“ Schauspieler war.

Und was für einer! Wer seinen Odysseus (neben Dagmar Manzels Penelope) in Botho Strauß‘ „Ithaka“ 1997 am Deutschen Theater gesehen hat, wird das kaum vergessen. Nicht unbedingt wegen Thomas Langhoffs Regie. Es war die Art, wie Dieter Mann die Tragödie des Alterns eines Helden (und eines Schauspielers) verschränkte mit einer Parodie auf einen alternden Helden (und Schauspieler). Präzise. Gelassen. Sehr nuanciert. Und mit Witz.

Viele Rollen ließen sich aufzählen, zumal sich Fernsehrollen fanden im wiedervereinigten Deutschland und Dieter Mann zur prominenten Hörbuchstimme wurde, am schönsten vielleicht in Hans Falladas „Der eiserne Gustav“. Souverän liest er, mit empathischer Ironie schenkt er den Figuren Leidensfähigkeit und redet doch die historische Distanz nie klein.

Dieter Mann war ein großer deutscher Schauspieler. 2016 sprach er auf einer Lesung davon, dass er an Parkinson erkrankt war. Heute ist er im Alter von 80 Jahren verstorben.