Zum Tod des großen Dirigenten Michael Gielen

Von Detlef Brandenburg am 11.03.2019 • Bild: Deutscher Bühnenverein

Nur Kompromisslosigkeit in der Behandlung des historisch gewachsenen Materials garantiert Authentizität, wahre Reflexion des historischen Moments; der technische Stand ist der geistige. Beethoven, Berlioz, Wagner, Mahler, Schönberg waren die avanciertesten Komponisten ihrer Zeit und zugleich die, welche die Konflikte der Gesellschaft und des Individuums ihrer Zeit am radikalsten empfunden und ausgedrückt, am gültigsten in ihrer Musik gestaltet haben. An ihnen lernen wir Wahrheit über den Menschen und über Beziehungen zwischen Menschen.
Michael Gielen
 

Wo soll man anfangen, die Verdienste des Dirigenten und Komponisten Michael Gielen zu würdigen, der am vergangenen Freitag in seinem Haus im Salzkammergut im Alter von 91 Jahren verstorben ist? Bei seiner Zeit als Generalmusikdirektor der Oper Frankfurt, die er von 1977 bis 1987 gemeinsam mit seinen Chefdramaturgen und Ko-Direktor Klaus Zehelein zu einem europäischen Zentrum des zeitgenössischen Musiktheaters machte, maßstabsetzend sowohl in der Programmdramaturgie wie auch in den szenischen und musikalischen Lesarten der Werke? Bei seinem Wirken als Leiter des SWF Sinfonieorchester Baden-Baden (ab 1996 SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg) von 1986 bis 1999, wo er sich unermessliche Verdienste um die Förderung zeitgenössischer Werke erworben hat? Oder bei seinen Schriften, die zum Klügsten gehören, was es über neue Musik zu lesen gibt?

Ich denke, am grundlegendsten kommt man Michael Gielen da nahe, wo seine künstlerische Haltung zum Ausdruck kommt; eine Haltung die seinem Wirken, wo auch immer und woran auch immer, den unverwechselbaren Stempel kompromissloser Strenge und Genauigkeit aufprägte. Das Zitat oben, das sein Weggefährte Klaus Zehelein gern verwendete, verdichtet diese Haltung auf wenige Sätze, in denen gleich drei wichtige Dimensionen aufscheinen: Gielens Einsatz für die neue Musik; sein großer Respekt vor dem „Material“ der Tradition; und sein Insistieren auf der gesellschaftlichen Relevanz von Musik. Dieser Haltung war es zu verdanken, dass sich die Namen seiner Weggefährten lesen wie ein Who is who der zeitgenössischen Musikszene. Einer der bedeutendsten ist der Komponist Helmut Lachenmann. Sie finden hier seine wunderbare, mit grandiosem Eigensinn den Rahmen der Veranstaltung sprengende Laudatio bei der Verleihung des Deutschen Theaterpreises DER FAUST für das Lebenswerk an Michael Gielen 2007 im Münchner Prinzregententheater.

Was mich persönlich immer wieder, wenn ich daran erinnert wurde, besonders beeindruckt hat, das war die Insistenz, mit der Michael Gielen die Uraufführung von Bernd Alois Zimmermanns Epochenwerk „Die Soldaten“ durchgedrückt hat. Von Dirigenten-Koryphäen wie Günther Wand und Wolfgang Sawallisch aufgrund der hyperkomplexen Formschichtungen für unspielbar erklärt, bewies ihnen Michael Gielen 1965 an der Oper Köln das Gegenteil. Wäre ihm das nicht gelungen – wer weiß, ob Zimmermanns Werk jenen musikgeschichtlichen Rang erreicht hätte, der ihm zweifellos zustand? Allein dafür hätte der Verstorbene es verdient, seinen Namen in Ehren zu halten und sich seine Haltung zum Vorbild zu nehmen.