Zum Tod des Baritons Claudio Nicolai

Von Andreas Falentin am 14.05.2020 • Bild: Claudio Nicolai
Das Bild zeigt: Autogrammkarte von Claudio Nicolai

„Kavalierbariton“ ist eine Bezeichnung aus einer anderen Zeit. Das beginnt schon damit, dass viele Menschen sich heute unter dem ersten Wortteil nichts Rechtes mehr vorstellen können. Wenn  man aber  Mitschnitte von Claudio Nicolai hört oder sieht, weiß man sofort: Hier begegnet man einem „Kavalierbariton“. Nicolai besaß nicht allein eine klangprächtige, individuell timbrierte Baritonstimme. Er verstand es auch großartig, sie künstlerisch einzusetzen, sie im richtigen Moment funkeln zu lassen und im richtigen Moment zurückzunehmen. Und er beherrschte sein Instrument technisch perfekt, vermochte es bruchlos durch alle Register und dynamischen Stufen zu führen und tat dies nie um des Selbstzwecks, um der Brillanz willen. Claudio Nicolai gestaltete Rollen – und Menschen. Er war ein profunder Darsteller und bewahrte sich stets jene Distanz zu seinen Figuren, die Eleganz ermöglicht und leuchten lässt. Was ihm auch deshalb leicht fiel, weil er zusätzlich, nicht nur nach den Maßstäben seiner Zeit, über ein blendendes Aussehen verfügte.

1929 in Kiel geboren, kam er nach einem Studium in Essen, Anfängerjahren in Ulm und Linz und einem fünfjährigen Engagement am Gärtnerplatz in München nach Köln, wo er dem Opernhaus 25 Jahre lang verbunden blieb. In dieser Zeit sang er weit über 1000 Vorstellungen und avancierte zum absoluten Publikumsliebling, vor allem in Rollen von Mozart, in der deutschen Spieloper und der Operette. Aber nicht ausschließlich. Sein Fürst Jeletzki in Rudolf Noeltes legendärer „Pique Dame“ Inszenierung war ein großes Erlebnis. Mit Noblesse, leuchtendem Tonfluss und urgewaltiger Präsenz bot er dem überbordenden Hermann von René Kollo und der verschrobenen Grandezza von Martha Mödl mühelos Paroli. Auch an der Kölner Uraufführung von Bernd Alois Zimmermanns „Soldaten“ wirkte Claudio Nicolai mit, in der zentralen Rolle des Stolzius. Zu seine Signaturrollen wurden der „Don Giovanni", mit dem er in den 80ern an der Mailänder Scala debütierte und der Graf in Mozarts „Nozze di Figaro“. Wie hier stimmlicher Glanz und gestalterische Souveränität plastisch auf die rollenspezifische Macho-Hysterie trafen, ohne die Sphäre der Eleganz zu verlassen, muss man gehört haben. Es ist kein Wunder, dass Herbert von Karajan Nicolai mit dieser Rolle an die Wiener Staatsoper und zu den Salzburger Festspielen führte.

Claudio Nicolai nahm Hindemiths „Neues vom Tage“ und Orffs „Die Kluge“ auf, sang „Cosi fan tutte“ unter John Eliot Gardiner und debütierte noch relativ spät in seiner Karriere an der MET in New York (als Eisenstein in der „Fledermaus").  Und er trat immer wieder im Fernsehen auf, bevorzugt mit Operettenpartien.

Dazu unterrichtete er bis 1991 an der Kölner Musikhochschule. Seinen Schülern, der Prominenteste dürfte der Bassist Franz-Josef Selig sein, hört man die „Nicolai-Schulung“ in der Regel an: Schlacken- und drucklose Tonproduktion, weiche aber sehr klare Diktion. Was unter anderem zu hervorragender Textverständlichkeit führt.

Seinen Ruhestand verlebte Claudio Nicolai gemeinsam mit seiner Frau auf den Kanarischen Inseln. Am Montag ist er im Alter von 91 Jahren gestorben.