Zum Tod der Schauspielerin Irm Hermann

Von Andreas Falentin am 28.05.2020 • Bild: Holger Foullois/DRAMA
Das Bild zeigt: Irm Hermann liest "SPEECHES: KAMPF UM DAS GELOBTE LAND", Premiere am 12.09.2003 in der Parochialkirche, Berlin

Sie war eigentlich immer da, unverwechselbar, mit niemandem zu vergleichen und oft nicht von dieser Welt. Widerspenstiges rotes Haar, schmaler, oft beängstigend lächelnder Mund, insistierender, oft scheinbar Unbekanntes fixierender, oft geradezu irrer Blick. Und auf der anderen Seite geradezu nackte, unverhüllte Lebendigkeit.

So habe ich Irm Hermann wahrgenommen. Immer wieder. Denn obwohl sie vor allem als Fassbinder-Schauspielerin und als eigenwillige Film- und Fernsehdiva von „Loriot“ über „Tatort“ bis „Fack ju, Göhte“ bekannt wurde, hat sie das Theater in den letzten 60 Jahren nie aus den Augen verloren.

1966 begann sie als „Gründungsmitglied“ von Rainer Werner Fassbinders Antitheater, wo die Entwicklung des Theaters der folgenden 50 Jahre, weg vom pathetisch aufgeladenen Rollenspiel, hin zu einer diskursiven, auch partizipativen Ästhetik, in wenigen Jahren durchmessen wurde.

Fassbinder wurde ihr zum Leitstern. Irm Hermann spielte, gleichfalls 1966, in seinem allerersten Kurzfilm, lebte in der Fassbinder-Kommune, wurde zum unverzichtbaren Teil des Fassbinder-Ensembles. Wobei sie hier nie Star war wie Hanna Schygulla, Ingrid Caven oder Margit Carstensen. Irm Hermann war eher abonniert auf skurrile Nebenrollen, wurde oft eingesetzt als strahlende Ironisierung als überlebt gezeichneter Realismuskonzepte. Und war doch oft das heimliche Zentrum von Filmen wie „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ oder „Mutter Küsters‘ Fahrt zum Himmel“. Großartig ihre einzige Fassbinder-Hauptrolle, die Ehefrau im „Händler der vier Jahreszeiten“. Hier war die Hermann beängstigend blass, verschwand der sonst immer so direkt berührende Bühnen- und Filmmensch hinter der Rolle, die ihr Zeit, Gesellschaft, Familie zuwiesen und wurde so zu deren Werkzeug, ein Paradox, dass sich in ihren wütend, orientierungslosen Blicken und ihrem linkischen, orientierungslos triumphierenden Lächeln widerspiegelte. Unvergesslich wie so vieles.

Nach Fassbinders Tod fiel Irm Hermann nach eigenen Zeugnissen im Leben in ein sehr tiefes Loch, nicht aber in der Arbeit. Schon vorher hatte sie auch mit Peter Zadek („Der Pott“) und Werner Herzog („Woyzeck“) gearbeitet. In den 80ern kamen bedeutende Filme wie „Wallers letzter Gang“ von Christian Wagner und „Johanna d‘Arc of Mongolia“ von Ulrike Ottinger dazu. Dazu wirkte sie in Hörspielen, Konzerten und Rezitationsabenden mit. Wer hören konnte und wollte, hörte hier, wie sich, sozusagen unter dem unverkennbaren Münchner Akzent, große sprachliche Virtuosität entfaltete, aber nie eitel, stets im Dienst von Text und Performance. Und das Theater rückte endlich wieder in den Mittelpunkt. Irm Hermann spielte in Berlin, erst an der Freien Volksbühne und am BE, dann an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Schlingensief, mit dem sie schon das „Kettensägenmassaker“ gedreht hatte, besetzte sie als Gertrud in seinem Zürcher „Hamlet“. Und Marthaler holte sie mehrfach, zuletzt 2014 für „Heimweh und Verbrechen“ am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg und „Tessa Blomstedt gibt nicht auf“ auf an der Volksbühne.

Inzwischen war Irm Hermann eine Grande Dame des Theaters. Ein Lächeln ihrer Figuren war jetzt in erster Linie ein hoheitsvolles Geschenk und kein Versuch mehr, Schüchternheit zu überdecken oder sich einen Sieg zu erschleichen. Aber es behielt einen Rest Unsicherheit. Und einen Rest Unwirklichkeit. Immer. Ein Glück.

Jetzt ist Irm Hermann nicht mehr da. Am 26. Mai ist sie nach kurzer Krankheit im Alter von 77 Jahren gestorben.