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Wir müssen reden!

Das Schauspiel Leipzig hat im Rahmen der Produktion „Die Schutzflehenden/Die Schutzbefohlenen“ eine Diskussionsreihe mit Experten initiiert. Chefdramaturg Torsten Buß über eine neue Gesprächskultur mit der Stadtgesellschaft.

Leseprobe aus Heft 12/2019 zum Schwerpunkt „Wir müssen reden!“.
Von Torsten Buß am 01.12.2019

Im Herbst 2014, als Enrico Lübbe und ich am Schauspiel Leipzig das Doppelprojekt „Die Schutzflehenden/Die Schutzbefohlenen” von Aischylos/Jelinek entwickelten, war das eine bewusste Entscheidung, als Theater in der Befragung zweier starker Stoffe mit theatralen Mitteln auf sich zuspitzende Entwicklungen der Zeit zu reagieren. Beide Texte trafen ins Herz einer Gegenwart, die geprägt war von einer Krise Griechenlands, die sich zu einer Krise Europas und des Euro auswuchs. Europa seinerseits war Ziel einer großen Migrationsbewegung, und die Demonstrationen um Pegida erhielten mehr und mehr Zulauf.

Aischylos’ Text verhandelt das Schutzersuchen der Töchter des Danaos im griechischen Argos, Jelineks Text behandelt die Debatte um das Kirchenasyl in der Wiener Votivkirche, ausgelöst durch die Situation in der Erstaufnahme Traiskirchen, unweit von Wien. Zugleich sind Jelineks „Schutzbefohlene“ selbst eine Überschreibung (oder auch: Negativbelichtung) der „Schutzflehenden“ aus dem Jetzt heraus. Eine antike Utopie und ein wütender Blick auf die Gegenwart: Zwischen beiden Texten liegen 2500 Jahre, verbunden durch eine Diskussion über Humanität und Gesellschaft.

Die historischen und erbittert aktuellen Themenfelder zu recherchieren, die sich in beiden Texten treffen, wurde ein entscheidender Teil der Vorbereitung: antikes und gegenwärtiges Asylrecht, die Praxis des Kirchenasyls, die Arbeit der umstrittenen Agentur Frontex oder die Situation der Geflüchteten in Leipzig und Sachsen. In der Zeit der Proben ab Frühjahr 2015 schienen sich die Ereignisse oft zu überschlagen. Im schnellen Rhythmus verschoben sich gesellschaftliche Parameter, nicht immer frei von hysterischen Reaktionsmustern. Umso mehr sahen wir das Theater in der Aufgabe, bei aller deutlichen Positionierung, zu einer anderen Zeitlichkeit und Inhaltlichkeit der Beschäftigung zurückzugelangen. Das bedeutete für uns den Rückgriff auf ur­eigene theaterästhetische Mittel und Kompetenzen – und den Entschluss, das umfangreiche Material der thematischen Recherchen Teil der Aufführung werden zu lassen.

Daraus entstand die Idee, jede einzelne Aufführung von „Die Schutzflehenden/Die Schutzbefohlenen“ mit einem Expertengespräch zu einem der Themenfelder zu begleiten. In enger Anbindung an die Aufführung, aber in einem eigenständigen Rahmen, ermöglichte ein solches Format eine größere Vertiefung der Hintergründe sowie den Raum, anders auf aktuelle Entwicklungen zu reagieren. Jens Bisky von der Süddeutschen Zeitung, dem wir die Idee dieser Reihe vorstellten, sagte zu, und so entstand in seiner Moderation eine Reihe aus dreizehn Gesprächen, die im Anschluss an die Aufführungen Expertinnen und Experten aus den verschiedensten Wissensgebieten und Arbeitsfeldern befragte. Der Historiker Enno Bünz von der Universität Leipzig verwies darauf, dass auch in der Geschichte Sachsens Städte und Gesellschaften historisch auf Zuwanderung angewiesen waren, um sich entwickeln zu können. Auch Karl Schlögel brachte die gegenwärtige Migration in den Zusammenhang historischer Wanderungsbewegungen und stellte fest: „Das ist etwas, was passiert. Und wir verfügen nicht darüber, wir müssen uns danach richten.“ Frank Zöllner und Kerstin Borchhardt vom Institut für Kunstgeschichte der Universität Leipzig referierten über das „Bild des Fremden“ und anderes in der Kunst der griechischen Antike. „Niemand geht freiwillig weg aus seiner Heimat. Es gibt immer Gründe“, so Susanne Rieper, die aus ihren Recherchen in der sizilianischen Kleinstadt Mazara del Vallo berichtete. Sie konstatierte die staatlich geduldete „Normalität der Illegalität“ der Migrantinnen und Migranten, ohne deren billige Arbeitskraft die sizilianische Landwirtschaft zusammenbrechen würde. Das Kilo Apfelsinen, das in Deutschland für einen Euro gekauft wird, hat seinen Ursprung auch in dieser Struktur. Die Leiterin des Sozialamtes Leipzig, Martina Kador-Probst, beschrieb die Integrationsmöglichkeiten der Stadt – und wie diese durch Landes- oder Bundesrecht bedingt sind. In der anschließenden Diskussion vergewisserte sich eine Stadtgesellschaft ihrer selbst. Es sprachen Menschen, die sich sonst nicht getroffen hätten, über ihr Engagement, aber auch über anstehende Herausforderungen.

Über die Strecke dieser Gespräche verdichtete sich, was schon die Proben begleitet hatte: Die gesellschaftliche Situation änderte sich stetig. Schnelle Lösungen und Antworten darauf wollte und konnte keiner der Gäste präsentieren, und in der Summe der Gespräche wurde deutlich: Die Zeit 2015/16 ist ein Umbruch zu einer dauerhaft veränderten Gesellschaft gewesen, die diese Herausforderung nur gemeinsam wird lösen können. Sich darüber in öffentlicher Diskussion ausgetauscht und debattiert zu haben, ist für mich eine der wichtigsten Ergebnisse dieser ersten Gesprächsreihe.

Mit dieser Erfahrung war der Entschluss klar, gemeinsam mit Jens Bisky, weiterhin Inszenierungen des Schauspiels Leipzig in Expertengesprächen zu begleiten. Die folgenden Gespräche zum Spielzeitmotto 2016/17 „Woher Wohin“ beschäftigten sich zentral mit der Entwicklung der ostdeutschen Gesellschaft. Sie wurden zum Beleg, dass nicht wenige Analysen und Gedanken ihre Gültigkeit behalten, auch wenn Debatten immer schnelllebiger aufeinanderfolgen und gern der Eindruck vermittelt wird, für die jeweilig ausgerufene gesellschaftliche oder politische Situation brauche es je wieder ganz neue Antworten. Die Gespräche mit unter anderen Hans Vorländer, Róza Thun, Oliver Nachtwey, Heinz Bude oder Herfried Münkler ergaben eine differenzierte, langfristige Analyse der Entwicklungen und Probleme.

„Im schnellen Rhythmus verschoben sich gesellschaftliche Parameter, nicht immer frei von hysterischen Reaktionsmustern. Umso mehr sahen wir das Theater in der Aufgabe, bei aller deutlichen Positionierung, zu einer anderen Zeitlichkeit und Inhaltlichkeit der Beschäftigung zurückzugelangen.“ (Torsten Buß)

Mit Andreas Reckwitz und seinen Thesen zur „Gesellschaft der Singularitäten” konnten wir dann vergangene Spielzeit über die Modernität der Figur des Faust diskutieren, und Anne Bohnenkamp-Renken vom Frankfurter Goethe-Haus hob hervor, wie sehr Goethes Drama in einer Phase des Umbruchs entstand, die unserer Gegenwart nicht unähnlich ist.

Die Erfahrung der Expertengespräche als Erweiterung des eigenen theatralen Denkens hat großen Anteil an unserem Zugriff, den „Faust II“ weniger mit den Worten des Dramas umzusetzen, als vielmehr auf Basis seiner prägenden Themen. Themen, die heute mehr als aktuell sind: die Entwicklung der industriellen Moderne, die Erfindung des künstlichen Menschen, virtueller Reichtum und Finanzblasen. In dieser Umsetzung findet „Faust II“ nicht auf der Bühne statt, sondern in drei Thementouren, die das Publikum in die Stadt Leipzig hineinführen. Zu Wort kommen themenspezifische Gäste unter anderem aus der Wissenschaft, in der Tour zur künstlichen Intelligenz, oder aus den Reihen der Bewohnerinnen und Bewohner von Dörfern, die vom Braunkohletagebau um Leipzig betroffen sind, in der Tour zur industriellen Moderne.

Die Braunkohlethematik, die uns auf diese Weise im „Faust II“ erstmals beschäftigte, setzt sich in der laufenden Spielzeit mit mehreren Projekten fort: In der Diskothek erarbeiten Regine Dura und Hans-Werner Kroesinger ein Dokumentartheaterprojekt zum Braunkohletagebau um Leipzig, und in der Residenz untersuchen die Teams Jule Flierl und Mars Dietz sowie Daniel Kötter, Sarah Israel und Elisa Limberg die Tagebauthematik nicht nur aus deutscher, sondern auch aus europäischer und globaler Perspektive. Womit eine Thematik, die Leipzig betrifft, auch in ihrer weltweiten Aktualität theatral nach Leipzig zurückfindet. Bis Oktober 2019 haben 28 Expertengespräche entlang des Spielplans stattgefunden. Diese Gespräche haben das Fundament, auf dem unsere inhaltliche Arbeit stattfindet, vergrößert. Mit ihnen ist auf Basis vieler Inszenierungen des Schauspiels Leipzig ein Resonanzraum zu Gegenwart und Vergangenheit, zu Wissenschaft und Gesellschaft entstanden, der vom Publikum mit großem Interesse getragen wird. Es ist ein Gedanken- und Debattenort für die Stadtgesellschaft gewachsen.

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