Wie Köln ins Offenbach-Jahr 2019 stolpert

Von Andreas Falentin am 10.01.2019 • Bild: Ausstellung zum 100.Todestag/Detmold
Das Bild zeigt: Jacques Offenbach

Am 20. Juni 1819 wurde der Komponist Jacques Offenbach geboren, am Großen Griechenmarkt. Mitten in Köln. Deshalb feiert die Rheinische Metropole jetzt ein Jahr lang Jubiläum. Sagt die Oberbürgermeisterin in ihrem Grußwort zum Neujahrskonzert des Gürzenich-Orchesters. Begibt man sich auf ihren Facebook-Account, findet man ein Foto, wo sie neben einem Offenbach-Pappaufsteller posiert – und einen ellenlangen Bericht über ihr Treffen mit Sternsingern am selben Tag. Tippt man auf der städtischen Homepage „Offenbach“ in die Suchfunktion, erscheint huldreich einzig das Silvesterkonzert 2017 (sic!), das mit dem „galop infernal“ aus „Orpheus in der Unterwelt“ gekrönt wurde, also dem CanCan.

„Yes, we CanCan“, heißt auch das Motto dieses Veranstaltungsjahres, was sich nicht die Stadt Köln ausgedacht hat, sondern die 2015 gegründete private Offenbach-Gesellschaft. Die hat immerhin mithilfe eines profilierten Musikwissenschaftlers eine kleine, aber sehr interessante Ausstellung erdacht, die auch in Paris gezeigt werden wird. Und eine Online-Plattform geschaffen, die alle Kölner Aktivitäten zum Offenbach-Jahr bündeln und ihnen PR- und Marketing-Rückenwind verschaffen will.

Die Stadt, die Oper und der WDR lassen sich und ihre Projekte zum Thema gerne von der zusätzlichen Öffentlichkeit bescheinen, leugnen das aber auf ihren Homepages durch Nicht-Verlinkung. Eine Struktur, eine verabredete Dramaturgie gibt es für dieses Jubiläumsjahr offenbar nicht.  Ein verlautbartes Ziel der Offenbach-Gesellschaft ist es, ihren Namenspatron auch gerade den Menschen bekannt zu machen, denen bei Offenbach, wenn überhaupt, nur eine südhessische Industriestadt einfällt, die früher mal einen guten Fußballverein hatte. Aber kriegt man die mit den zwölf Podiumsdiskussionen, mit denen WDR 3 schwerpunktmäßig das Offenbach-Jahr bestreitet? Oder mit „Musikpicknicks in Schlössern und Parks“, für die man einen Fresskorb für 64 Euro erwerben soll, sich aber keine eigene Butterstulle mitbringen darf?

Offenbach gewidmete Neujahrskonzert des Gürzenich-Orchesters wäre eine Chance gewesen. Frisch und lebendig musiziert, originell, seriös und innovativ zusammengestellt, nicht einen Moment nach ausgelatschter Romantik klingend, stringent und vor allem witzig vermittelt. Und genau einmalaufgeführt. Vor geladenen Gästen, Fach- und Stammpublikum in der Philharmonie. Warum spielt man es nicht mehrmals? An leicht zugänglichen Plätzen bei geringen Eintrittspreisen? Und jeder müsste seine Stullen mitbringen dürfen. Aber so etwas organisieren oder beauftragen könnte nur die Stadt selbst. Und die tut es nicht. Städte tun so etwas heutzutage generell ungern. Wenn es nicht die lokale Wirtschaft bezahlt

Die Gründer und Betreiber der Kölner Offenbach-Gesellschaft sind aktuelle und gewesene Lokalgrößen, vom Ex-Oberbürgermeister über aktuelle Regionalpolitiker bis zum gewesenen Funkenmariechen, Kulturamateure, die wirklich für ihre Sache brennen. Und eben Spaß haben am noblen Picknick. Oder an einem fröhlich-pompösen Jubiläumsjahres-Auftakt-Spektakel auf der Eisbahn am Heumarkt, zu der Jacques Offenbach gerade mal die Begleitmusik beisteuert.

Sie stehen für die letzten Reste genau jener bürgerlichen Repräsentationskultur, der Jacques Offenbach im Paris des zweiten Kaiserreichs liebevoll und scharfsichtig seinen funkensprühenden Spiegel vorhielt. Es gehe im Offenbach-Jahr darum, „die Dinge gegen den Strich zu bürsten“, sagt die Oberbürgermeisterin. Wirklich?