Meinung: Von den Friseuren siegen lernen!

Von Detlef Brandenburg am 11.02.2021 • Bild: phoenix
Das Bild zeigt: Angela Merkel in einer Video-Übertragung der Pressekonferenz nach dem Coronagipfel am Mittwoch, 10. Februar

Die deutsche Corona-Politik hat ihr Herz für die Friseure entdeckt. Und wenn man die Begründungen für deren vorzeitige Erlösung vom Lockdown liest, geht einem das Herz auf angesichts einer mirakulösen Melange aus subtiler Empathie mit dem pandemischen Seelenleben einerseits und dem coolen Blick auf die Mechanismen des Wirtschaftssystems andererseits. Für beides zeichnet die CSU zuständig, für die Empathie gar – wer hätte das gedacht!? – sogar Markus Söder in eigener Person. Die Entscheidung pro Figaro habe „auch mit Würde zu tun in diesen schwierigen Zeiten“, gab Söder nach den Bund-Länder-Beratungen gestern Abend zu Protokoll. Für viele Menschen spielten Friseursalons in der Pandemie eine wichtige Rolle, „um sich wiederzufinden“. Hm, na ja, stimmt schon. In dem zotteligen Späthippie, der mich des Morgens unversehens aus dem Spiegel anblinzelt, finde ich mich auch nicht mehr so richtig wieder. Selbst Söders tendenziell eher nüchterner  Kollege Müller aus Berlin war beeindruckt: „Ich staune da über manche Debatte, wie groß die Rolle ist, die Friseure spielen." Das Staunen ist laut Platon der Anfang der Erkenntnis. Aber, liebe Ministerpräsidenten, ich betone: lediglich der Anfang!

Wie gut, dass dem empathischen Herrn Söder sein kühl kalkulierender Parteifeind Seehofer beisprang, der als Bundesinnenminister auch mit in dem Innersten des Geschäftslebens vertraut ist – bis in die dunkelsten Hinterzimmer offenbar. Bei den Friseuren, so Seehofer, habe sich „regelrecht ein Schwarzmarkt“ entwickelt, wo Mensch sich ohne alle Hygienekonzepte unters Messer begibt. Das sei viel gefährlicher, als Friseurläden mit einem strengen Hygienekonzept die Öffnung zu gestatten. Na dann… Selbst die Bundeskanzlerin, sonst keiner unnötigen Lockerungsübung verdächtig, hatte unlängst bekundet, wie sehr sie sich auf ihren nächsten Friseurbesuch freue. Wir beglückwünschen an dieser Stelle den Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks zu seiner ebenso gezielten wie durchgreifenden Lobbyarbeit!

Die Barbiere in Deutschland also dürfen ab 1. März wieder loslegen. Das ist schön. Der Barbier von Sevilla aber leider nicht. Und da könnte man sich ja mal fragen, ob nicht beispielsweise die Theater und ihre Lobby etwas von der Friseur-Innung lernen könnten. Gut, wenn die Kanzlerin sich nun mal nach dem Friseursalon sehnt und nicht nach dem Theater, Bayreuth ist ja auch erst im Sommer, da kann man nichts machen. Aber, lieber Herr Söder, als Ort der Selbsterkenntnis und des Sich-Wiederfindens ist das Theater auch keine schlechte Adresse. Und wenn Sie sich nicht gerade in irgendeine wilde Avantgarde-Sause stürzen, können Sie sogar ziemlich sicher davon ausgehen, dass Ihnen kein Sänger oder Schauspieler so nah kommt wie Ihr Friseur. So viel zum Hygiene-Konzept.

Aber wir halten uns lieber an die ehernen Gesetze der Wirtschaftswelt, denn von Seehofer lernen heißt siegen lernen. Wie wäre es denn, wenn sich auch die Theater in die Hinterzimmer und die Kulissenlager zurückzögen? Wenn sie dort unter Missachtung aller Hygieneregeln wilde Off-Performances hinlegten nach dem Motto: Manche mögen’s heiß! Zugelassen nur für die Freunde der italienischen Oper, und am Einlass kassiert der Türsteher Cash inde Täsch. Dann müsste man nur noch einen losschicken, der irgendwie an den Seehofer rankommt (ist der nicht Mitglied in einem Modelleisenbahner-Club?) und ihm durchsticht, wie im Theater das Publikum klammheimlich über den Löffel barbiert wird. Und schwupps! – dürfen die Bühnenschwarzarbeiter wieder im hellen Licht und hygienisch einwandfrei fürs Vorderhaus spielen – auf dass der Theater-Schwarzmarkt radikal ausgetrocknet werde!

Ja – mit der föderalistisch illuminierten deutschen Coronapolitik ist alleweil gut lustig sein, nicht wahr? Wenn es nur nicht so traurig wäre. Wenn nur nicht schon der Stufenplan der Kultusministerkonferenz mit seiner verschämten Forderung nach Öffnung der Theater parallel zu Kneipen und Gaststätten so erschütternd kleinmütig gewesen wäre. Hätten sie mal beim Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks nachgefragt, wie man sowas macht! So jedenfalls ist es kein Wunder, dass im Beschluss der gestrigen Videoschaltkonferenz die Kultur noch nach den „körpernahen Dienstleistungen“ (welch eine Wortschöpfung!) rangiert und dort auf von Bund und Ländern noch zu erarbeitende „nächste Schritte“ vertröstet wird. Das aber ist für mich derzeit denn auch das ebenso traurige wie beunruhigende Fazit der Coronapolitik in Sachen Kultur: Die Künstler, gerade auch die Theaterkünstler, die so gern in ihren Diskursen um sich selbst kreisen und sich dabei gegenseitig ihrer Wichtigkeit für die Gesellschaft versichern (Letzteres meiner Meinung nach sogar mit einigem Recht!) – sie erreichen offenbar die Gesellschaft, für die sie sich so wichtig wähnen, außerhalb ihrer Blase nicht mehr. Zumindest erreichen sie diejenigen nicht, die von der Gesellschaft gewählt wurden, um deren Geschicke zu lenken. Und das ist überhaupt nicht lustig.