Theatertage Baden Württemberg

Von Miriam Fehlker am 01.07.2019 • Bild: Detlev Baur
Das Bild zeigt: Test- und Textlektüre im Workshop über „Die Zukunft der Kritik“

Zehn Tage lang. Draußen sein. Raus aus dem Alltag, dem normalen Berufsleben, und mal schauen, wie läuft es denn so da draußen? In Baden-Württemberg, genauer in Baden-Baden, wo die diesjährigen Theatertage des Bundeslandes unter dem Motto #draußen stattgefunden haben.

Und das zum ersten Mal mit uns, dem Theatertage-Forum: 9 Stipendiat*innen, jeweils von einem Theater entsendet. Keiner von uns ist länger als drei Jahre in seinem oder ihrem Beruf tätig und vertreten sind die verschiedensten Disziplinen: Schauspiel, Regieassistenz, Malerei/Plastik, Dramaturgie, Theaterpädagogik, Projektleitung.

Nach kurzem Apfelkuchen-Kaffee-Kennenlernen ist der Vortrag von Prof. Heinz Bude der Auftakt: Solidarität. Die Zukunft einer großen Idee. Als wir uns danach fragen, wie denn nun Solidarität wirklich praktiziert werden kann, ahnen wir noch nicht, dass unsere gemeinsame Zeit ein Anfang, ein gelebtes Beispiel, für eine solidarische Basis sein könnte. Schon geht es weiter mit dem ersten Theaterstück, „Andorra“ aus Tübingen. An der langen Eröffnungspicknicktafel ist danach extra ein Tisch für uns reserviert und wir tauschen uns aus. Die Meinungen sind verschieden. Der Flammkuchen schmeckt und wir spüren schon jetzt – der Diskussionsstoff wird uns nicht ausgehen.

Im Hotel, in dem wir alle untergebracht sind, werden die Tische im Frühstücksraum zusammengeschoben. Vor zwei Tagen kannten wir uns noch nicht, sobald wir nun aufeinandertreffen geht es los:

  • Bei uns am Theater gibt es noch keinen InstagramAccount, das werde ich jetzt mal ändern.
  • Bei euch dürfen die Schauspieler*innen mit am Spielplan planen?
  • Dort wird ein Ensemblefrühstück gemacht, alle zwei Wochen fangen dafür die Proben eine halbe Stunde später an, damit alle dran teilnehmen können, auch die Werkstätten.
  • So viele Stücke in so kurzer Zeit, ich hab richtig Lust auch in Zukunft mehr zu sehen.
  • Habt ihr hier schon etwas erlebt, das euren Blick auf Theater verändert hat?

Die nächsten neun Tage sind nicht weniger voll: Wir lernen die „Initiative für Solidarität am Theater“ kennen, wir finden spielerisch heraus, was die größten Klischees über unsere Berufe sind, wir erfahren die Hintergründe und Entwicklungen des Kinder- und Jugendtheaters. Wir lernen die Geschichte Baden-Badens und die aktuellen Ausstellungen in den Museen der Stadt kennen. Wir essen viele, viele Flammkuchen - der Bäcker am Stand vor dem Theater kennt uns schon. Und vor allem schauen wir fast immer mindestens zwei Aufführungen pro Tag.

Im letzten Gespräch werden wir die Highlights für uns herausgepickt haben: The European House of Gambling“ vom Theater Rampe in Stuttgart – ein Casino-Theater draußen, bei dem man selbst aktiv mitgestalten konnte. Das ist nicht nur eine angenehme Abwechslung, sondern auch ein unkonventioneller Kontrast im Gesamtprogramm. „The Broken Circle“ aus Karlsruhe, ein Abend der die Zuschauer mitreißt, mitlachen und mitweinen lässt. „Der Fluch der Tantaliden“, eine Rap-Oper aus Mannheim, bei der man im Zuschauerraum gespürt hat wie der Spaß der Jüngeren auf die ältere Generation übersprang.

Vor allem aber wissen wir – in Bruchsal, Konstanz, Aalen, Ulm, Karlsruhe, Baden-Baden, Heidelberg, Mannheim, Stuttgart gibt es junge theaterbegeisterte Menschen in allen Berufen. Leute, die ähnliche Fragen haben, bereit sind kritisch zu denken, garantiert nicht immer die gleiche Meinung haben, inspiriert sind und sich inspirieren lassen wollen und sich bestimmt nicht das letzte Mal gesehen haben.

 

Verfasst von Miriam Fehlker (Dramaturgin am Theater Konstanz)

 

DdB-Redakteur Detlev Baur beschäftigte sich in einem Workshop mit den Stipendiatinnen und Stipdendiaten der Theatertage mit der „Zukunft der Theaterkritik“. Ein Artikel über die Theatertage im Verlgeich zum Theatertreffen NRW folgt in unserer August-Ausgabe.