Aus der Redaktion: Theaterregisseure erobern Netflix

Von Andreas Falentin und Detlev Baur am 02.02.2021 • Bild: netflix/action press
Das Bild zeigt: Vanessa Kirby und Shia LaBoeuf, die Hauptdarsteller in Kornél Mundruczós Film „Pieces of a Woman“

Zwei durch ihre Arbeit auf deutschsprachigen Bühnen aber auch international tätige Theaterregisseure, der Ungar Kornél Mundruczó und der Australier Simon Stone, haben in gewisser Weise das getan, was ihr Publikum auch getan hat: Sie haben, zumindest für ein Projekt, ihren Tätigkeitsbereich von der Bühne auf die Mattscheibe verlegt. „Pieces of a Woman“ von Mundruczó und „Die Ausgrabung“ von Stone sind abendfüllende Spielfilme, die in den letzten Monaten für das Streaming-Portal Netflix entstanden sind und im Januar dort veröffentlicht wurden. Unsere Redakteure Detlev Baur und Andreas Falentin haben sich beide Filme angesehen und sich hinterher darüber ausgetauscht.
 

Andreas Falentin: Als erste möchte ich sagen, dass beide Filme aus meiner Sicht in jedem Fall gelungen sind und dass sich die Stärken und Besonderheiten der Theaterarbeit beider Regisseure überraschend klar in ihren Kreationen für ein anderes Medium wiederfinden lassen. Abgesehen von herausragenden schauspielerischen Leistungen sowohl in (hier die Trailer:) „The Dig“ als auch in „Pieces of a Woman“ könnten die Filme jedoch unterschiedlicher nicht sein. Ein intensives, teilweise verstörend tief bohrendes Drama mit versöhnlichem Ende hier, ein sanft melancholischer, wenn auch nicht harmloser Genrefilm dort. Wie haben Dir die beiden Filme gefallen. Hast Du vielleicht einen eindeutigen Favoriten?
 
Detlev Baur: Ich schätze beide Filme ähnlich ein wie Du: Beides sind sehenswerte Filme; „Pieces of Woman“ hat mich jedoch fraglos mehr beeindruckt. Der Film greift sozusagen von Anfang an mitten hinein ins menschliche Leben. Nach einer kurzen Exposition wird in einer fast halbstündigen Dauerszene eine Hausgeburt gezeigt, an deren Ende der Tod des Neugeborenen steht. Das kann ich niemandem empfehlen, der demnächst persönlich mit einer Geburt zu tun haben dürfte, weil die Inszenierung und das Spiel des Ehepaares (Vanessa Kirby und Shia LaBeouf) und der Ersatz-Hebamme (Molly Parker) so realistisch sind und der Schmerz dank des großartigen Spiels und der gelungenen Regie so eindrücklich vermittelt werden. Wir sehen großes Leiden mit einem fatalen, tödlichen Ende an der Stelle eines neuen Lebens. Der Rest des gut zweistündigen Films dreht sich um die Folgen und die Aufarbeitung dieser Katastrophe. Das Paar entfernt sich immer weiter voneinander, die Mutter will die familiäre Niederlage nicht akzeptieren und sorgt dafür, dass die Hebamme vor Gericht kommt. Und doch findet die Hauptfigur, eine grandiose Vanessa Kirby, die einen Menschen zwischen Ausnahmezustand und konzentrierter Suche nach neuen Perspektiven im Leben zeigt, in diesem Schlamassel eigentlich zu sich, spätestens in der Gerichtsszene, in der sie die Hebamme entlastet. Die Beziehungen zum dann auch abreisenden Mann und zur überambitionierten Mutter werden am Ende immerhin geklärt. Fandest Du den Film bei aller Drastik auch in gewisser Weise tröstlich und hast Du besonders theatrale Filmregie gesehen?
 
Andreas Falentin: Eigentlich weder noch. Wie öfter bei Munduczó auf der Bühne, etwa beim grandiosen „Evolution“-Projekt auf Ligetis „Requiem“ bei der Ruhrtriennale 2019, ist die Analyse menschlichen Zusammenlebens, die Notwendigkeit und Unmöglich-, manchmal sogar Unmenschlichkeit der sozialen Ankerinstitution Familie gnadenlos genau. Man wird beim Zusehen auf sich und seine Beziehungen geworfen. Mundruczó gestaltet hier nicht zum ersten Mal eine Mutter-Tochter-Beziehung, und auch die Motive, der zumindest teilweise zerstörten jüdischen Familie und des tragisch verlorenen Kindes (was hier auch bei der von Ellen Burstyn umwerfend gespielten Mutter der Protagonistin eine Rolle spielt) kehren im Werk des Regisseurs und seiner Standardautorin Kata Weber immer wieder. Mich frappiert immer wieder, wie Mundruczó es schafft, durch relativ lakonisches Spiel der Schauspieler so intensive Seherlebnisse zu schaffen. Ich war geradezu körperlich traurig, als die Beziehung dieser beiden so sehr liebenden, so verschiedenen Menschen kaputt ging, weil ihre Ängste und Gefühle, Sehnsüchte und Bedürfnisse nach dem katastrophalen Verlust des Kindes so unterschiedlich sind. Zumal das, neben der schauspielerischen Arbeit über die Bilder hergestellt wird, über Motive, Symbole, Kamerafahrten, also mit genuin filmischen Mitteln. Das tröstliche Ende aber, der Früchte tragende Baum, auf dem das Kind sitzt und von der hübschen blonden Frau zum Essen gerufen wird, kann mir hier gestohlen bleiben. Ich brauche das nicht und will das nicht. Das Verstreuen der Asche aus der Urne in den Fluss tut es für die Protagonistin. Und für mich auch. Es ist letztlich doch „nur“ ein (sehr gut gemachter) Film.

 Vanessa Kirby in „Pieces of a Woman“

Vanessa Kirby in „Pieces of a Woman"

Detlev Baur: Für mich wird der Film nicht erst durch die finale Apfelbaum-Szene tröstlich. Ich sehe die nicht ganz so kritisch, weil das Apfelmotiv – vor Gericht beschreibt die Mutter das ganz kurz lebende Kind als ein Apfelduft verströmendes Wesen, und Äpfel spielen in der Verarbeitung des Traumas eine große Rolle – zentral ist, auch wenn mir selbst nicht ganz klar wurde, wer in dieser Schlussszene eigentlich Mutter und Kind sind. Ich sah aber im Gegensatz zu Dir, in der Trennung vom doch recht beschränkten Mann und in der Abgrenzung von der übergriffigen Mutter doch eine positive Entwicklung für die Hauptfigur. Auch das Bild der langsam wachsenden großen Brücke über den Fluss der Stadt, an der der Gatte anfangs mitbaut, ist für mich ein positives Bild, das sich durch den Film zieht.

Andreas Falentin: Die Brücke ist ein großes Bild. An ihr wird gezeigt, wie Zeit vergeht, und auf der symbolischen Ebene wird sozusagen Verbindung, Einheit geschaffen. Die Trennung von dem von der Mutter nie akzeptierten Lebenspartner kann ich aber nicht als positive Entwicklung betrachten. Die Beziehung war offenbar, das zeigt ja gerade der Anfang des Films, bis zur Katastrophe sehr glücklich, das Kind ein großer gemeinsamer Wunsch, die Verschiedenheit in Bildung und sozialer Herkunft kein Hinderungsgrund. Sean ist zweifelsfrei kein Intellektueller, geht den Verarbeitungsprozess auch nicht bewusst an, ist eher Verdränger und sucht Vergessen im Libidinösen. Aber beschränkt?

Detlev Baur: Zumindest ist er latent gewalttätig; und das Glück erschien mir auch anfangs ziemlich oberflächlich. Jedenfalls kratzt „Pieces of a Woman“ – gar nicht unbedingt in der Thematik, aber in der Gestaltung der Figuren – für mich schon an existenzielleren Fragen als der Stone-Film. Da war ich zugegebenermaßen hin- und hergerissen zwischen Bewunderung für die ausführliche Entwicklung des Ausgrabungs-Motivs und ihrer Verbindung mit der Biographie der Hauptfiguren einerseits und der arg hollywoodesken Filmmusik sowie den immer neuen Figuren im Team der Ausgräber, deren Befindlichkeiten in knapp zwei Stunden notwendigerweise an der Oberfläche bleiben müssen. Letztlich berührt das weniger, auch wenn es als heimisches Sofakino wohl passender ist als das Drama nach einer Hausgeburt.

Filmplakat zu „Die Ausgrabung" mit den Hauptdarstellern Carey Mulligan und Ralph Fiennes

Filmplakat zu „Die Ausgrabung" mit den Hauptdarstellern Carey Mulligan und Ralph Fiennes

Andreas Falentin: „Die Ausgrabung“ sehe ich doch etwas positiver als Du. Mit der Filmmusik von Stefan Gregory, der wie die großartige Kostümbildnerin des Films, Alice Babidge, seit Jahren mit Simon Stone zusammenarbeitet, hast Du aber vollkommen recht. Die Musik ist konventionell, manipulativ und stellt sich häufig zwischen die Bilder und die Zuschauer, im Gegensatz übrigens zum ungewöhnlichen Umgang mit dem Ton, der hier oft zu früh oder zu spät einzusetzen scheint und so eigenes Erzählmittel wird.

Der Film bedient ein in den letzten Jahren in Großbritannien ziemlich populäres Subgenre, das ich einfach total mag. Ich würde es mit 20th Century Period Peace bezeichnen. Die Zutaten sind: Mindestens zwei britische Star-Schauspieler, ein besonders über die Ausstattung vermittelter, wenige Jahre dauernder Ausschnitt aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts, die Anlehnung an ein kleines oder großes zeithistorisches Ereignis, langsames Erzähltempo und eine unerfüllte Liebesgeschichte. In Großbritannien höchst erfolgreiche Filme mit diesen Zutaten in den letzten Jahren waren etwa „Ihre beste Stunde (Their Finest)“ von Lone Scherfig mit Gemma Arterton und Bill Nighy von 2016, der Filmdreharbeiten in den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs zum Thema hat; oder „Filmstars don’t die in Liverpool“ (Regie Paul Mc Guigan) mit Annette Benning und Jamie Bell von 2017 über den Tod der Filmdiva Gloria Graham, die Ende der 70er-Jahre krebskrank von einem Fan in einem Arbeiterhaushalt gepflegt wird. Diese Filme sind in Großbritannien Kinorenner, bei uns kratzen sie höchstens mal an der Einlasspforte des einen oder anderen Arthouse-Kinos. Ihre Stärke, die Genauigkeit der Charakterzeichnung, die Gestaltung kleiner Seelenregungen und kleinster Entwicklungsschritte versteht man hier weniger und mag man nicht. Der Cineast rümpft die Nase über Sentimentalität, der „Normalseher“ über den Mangel an Action.
 
Simon Stone erzählt die Geschichte der – historischen – Ausgrabung eines Schiffsgrabes aus dem 7. Jahrhundert in Suffolk ohne jede Hetze. Er entwickelt seine Figuren ruhig, schrittweise, passgenau, erzählt wesentlich linearer als auf der Theaterbühne, aber genau wie dort kriegt er Außergewöhnliches von den Schauspielern. Ralph Fiennes habe ich noch nie so subtil und versammelt spielen sehen und Carey Mulligan dosiert ihren nicht unbeträchtlichen Charme extrem wirkungsmächtig und schafft dadurch eine außergewöhnliche Figur. Dazu hat Stone eine tolle Supporting Cast besetzt und bekommt von jedem und jeder einzelnen mehr als die meisten anderen Regisseure.
 
Wie, findest Du, schlagen sich Stone und Mundruczó denn im engeren Sinne als Filmregisseure?

Detlev Baur: Beide Filme sind wie schon gesagt sehr professionell gemacht; anders als manches Theaterstreaming habe ich das nicht nur gesehen, weil es zu meinem Job gehört. Dabei erkenne ich in beiden Fällen eigentlich nicht den hauptberuflichen Theaterregisseur. Allerdings kenne ich Simon Stones Theater noch deutlich besser als das von Kornél Mundruczó. Stone arbeitet im Theater meistens mit angelsächsisch pragmatischen und zugleich sehr konsequenten Überschreibungen von klassischen Theatertexten, er verbindet also  ein Well-made play mit einem kräftigen Regiezugriff. Meist, wenn es gelingt, transformiert er so klassische Theatertexte ins Heute, zoomt die Figuren an uns heran. Das Verhältnis von Vergangenheit und Gegenwart ist ja auch das Thema in „The Dig“. Davon hätte ich vom Drehbuch her gerne noch mehr gesehen und weniger neue Verwicklungen um eine junge Archäologin, die sich in einen jungen Fotografen verliebt, der aber zur Luftwaffe muss, während sich ihr Mann lieber mit einem jungen Kollegen verlustiert – das war mir zu aufgesetzt dramatisierend-unterhaltend. Die sterbenskranke Mäzenin  auf der Suche nach der Vergangenheit und ihr wunderbarer kleiner Sohn mit Sehnsucht nach der Raumfahrt  – das ist anderseits auch darstellerisch wirklich „großes Kino“.

Verglichen mit den Theaterarbeiten von Stone und Mundruczó fehlt mir beim Betrachten der beiden Filmen zuweilen etwas die  Drastik, vor allem die räumliche, ja körperliche Nähe zu den Darstellern. Solange wir die aber nicht haben können, bietet Netflix schon eine beachtliche künstlerische Alternative. Auch ein Erfolgswerk der Corona-Zeit war ja Maria Schraders Miniserie „Unorthodox“ über den Ausbruch einer jungen Frau aus orthodoxen jüdischen Verhältnissen in Brooklyn nach Berlin. Von welchen Theatermachern würdest Du denn noch gerne einen Film oder eine Miniserie auf Netflix und Co sehen?

Andreas Falentin: Ja, wer erzählt entschlossen, aber unkonventionell? Michael Thalheimers minimalistischer Rigorismus könnte mich interessieren, Thorleifur Örn Arnarssons mythische Maßlosigkeit, Anne Lenk mit ihrer Fähigkeit, Ausdruck zu konzentrieren, ohne die Erzählung anzuhalten oder Daniela Löffner mit ihrem Hang zur Genauigkeit im kleinteiligen Fluß. Oder Herbert Fritsch? Als Berserker-Solo-Monty-Python des 21. Jahrhunderts? Ginge alles, Netflix!