Theater für die Ohren - nochmal Offenbach

Von Andreas Falentin am 21.02.2020 • Bild: Rheinisches Bildarchiv Köln
Das Bild zeigt: Jacques Offenbach

2019 war Offenbach-Jahr. Der Geburtstag des in Köln geborenen Komponisten, der in Paris mehr oder weniger die Operette an sich erfunden hat, jährte sich zum 200. Mal. Die Feierlichkeiten verliefen jedoch, zumindest in Deutschland, enttäuschend, zumal in Offenbachs Heimatstadt. Da stellte sich gerne mal die Event-Idee vor die Kunst, war vieles zu grob, zu repräsentativ, zu eindeutig gedacht.

Dabei war Jacques Offenbachs Waffe das Florett, nicht der Bihänder. Er unterhielt die Leute, indem er ihnen die Absurdität ihrer Lebensumstände augenzwinkernd aber nie ohne Haltung vorführte. Seine Mittel dabei: eine melodische Fülle, Gespür für Witz und Timing, gekonnter, eleganter Ausdruck von Lebensfreude.

Inzwischen ist das „Offenbach-Jahr“ Geschichte, oder genauer: vom „Beethoven-Jahr“ verschlungen worden. Und kurz danach sind in Deutschland zwei CD-Aufnahmen (natürlich auch zum Streamen) veröffentlicht worden, die Offenbach und seine Musik in ihrer ganzen Schönheit und Besonderheit vorführen, der Kulturgeschichte tatsächlich unbekannte Werke entreißen, und diesen mit der vom Aussterben bedrohten Kunst der subtilen Übertreibung auf wunderbar leichtfüssige Weise gerecht werden, die eine Aufnahme sozusagen im Großen, die andere im Kleinen.

 

Maitre Peronilla (Palazetto Bru Zane)

 

Wie schon gesagt: ein völlig unbekanntes Stück, dazu ein spätes. Die Uraufführung war erst 1878. Die von Offenbach gefundene Form der Opera Bouffe hatte sich als ideale Theaterform für das Zweite Kaiserreich erwiesen und verlor nach dessen Ende schnell an Zulauf und Zustimmung. Offenbach machte für seinen immer häufigeren Misserfolg aber nicht nur die Zeitläufte verantwortlich, sondern vor allem die Ex-Kaiserin Eugénie, ihr Kungeln mit den Siegern, ihren Anspruch einer Art kultureller Bedeutungshoheit und ihr Intrigantentum. Ihr setzte Offenbach mit seinem Dreiakter „Maitre Peronilla" ein so witziges wie galliges Denkmal. Da Eugénie aus Spanien stammte und das spanische Milieu damals in Paris, kurz nach der „Carmen“-Uraufführung ohnehin sehr beliebt war, siedelte Offenbach, der das Libretto selber schrieb, sein Stück in einem spanischen Milieu an. So ließen sich zwei Fliegen mit einer Klappe verspotten.

Léona, die Schwester der Titelfigur, hat Haare auf den Zähnen und will immer alles bestimmen, was letztlich zu einer Bigamie-Situation führt, die nur dadurch geklärt werden kann, dass sie als zweite Braut einspringt und den reichen Alten heiratet, damit die jungen hübschen zusammenbleiben können.

Offenbach hat dafür wunderbar schwerelos komponiert. Nur gelegentlich hüpft das Geschehen momentweise ins Poetische oder Klamaukige, die vielen Ensembles des auf zwei CDs aufgenommenen Dreiakters (hier geht's zum Trailer) ziehen vorbei wie köstliche Pralinés am Gaumen. Markus Poschner und das Orchestre National de France finden stets das richtige Maß in Gestaltung und Begleitung, Effekt und musikalischer Linie, Veronique Gens gibt die Léona in ihren kurzen musikalischen Momenten mit zickiger Grandezza, Tassis Christoyannis und die mit der schönsten Musik geradezu überschüttete Antoinette Dennefeld rücken ihre dem eigenen Spaß verpflichteten und dabei Gutes stiftenden Intrigantenfiguren elegant ins Zentrum.

Diese „Maitre Peronilla“-Aufnahme ist aber vor allem gelungen, weil hier eine Art Lebensthema von Offenbach, seine generelle Zielscheibe mühelos sichtbar gemacht wird: Alle Figuren werden stets Opfer ihrer persönlichen Eitelkeit, lernen im Verlauf mit dieser bewusst umzugehen und drüber zu lachen, über die der anderen naturgemäß viel lieber als über die eigene.

Das alles purzelt in der Aufnahme der Stiftung Palazzetto Bru Zane, die wiederum ein Mitschnitt von Live-Konzerten in Paris ist, wunderbarerweise wie von selber heraus. Ein echtes Vergnügen!

 

Pomme d'Api/Sur un Vulcan (cpo)

 

Zweimal das süsse Nichts in Vollendung. Zwei Drei-Personen-Stückchen für Sopran, Tenor und Bariton, die um Katastrophen kreisen, hier die Privatinsolvenz des Tenors, dort die Komplettexplosion der irischen Hauptstadt. Plus Liebe und Eifersucht selbstverständlich. Genauso selbstverständlich wird es nie existenziell. Alles perlt, alles ist Spaß, alles freut sich des Lebens aus jeder Ritze. Und gesungen wird großartig, rau, herzlich und timingsicher von Marc Barrard, der als Bariton die Frau nie kriegt, frisch und besonders im Parlando schwerelos elegant von Magali Léger, einfach nur großartig in seiner Dekadenz mitschwingen lassenden Leichtigkeit vom Tenor Florian Laconi.

Diese Kostbarkeit ist bei cpo in Georgsmarienhütte erschienen, produziert wurde sie aber, tatsächlich, in Köln! Was die kleine Kölner Akademie und ihr aus den USA stammender Dirigent Michael Alexander Willens hier an musikalischer Präzision und unprätentiöser Theaterlust zusammenbringen, hätte dem Kölner Offenbach-Jahr wirklich auf die Sprünge helfen können, wenn man an einem Weg interessiert gewesen wäre, genau diese Stimmung auf breiter Front unter die Leute zu bringen. Womit wir wieder beim Problem des Anfangs wären. Vorbei, vorbei!

Hört Offenbach, schaut ihn euch an. Es lohnt sich! Nicht nur zur Jubiläumszeit, nicht nur an Karneval...