Theater für die Ohren - noch einmal Bruno Ganz

Von Andreas Falentin am 21.02.2020 • Bild: myrios classics, Foto von Ruth Walz
Das Bild zeigt: „Enoch Arden“ bei myrios classics

2011 begegnete Bruno Ganz dem Pianisten Kirill Gerstein, der anregte, gemeinsam „Enoch Arden" von Richard Strauss auf den Balladen-Text von Alfred Lord Tennyson aufzuführen. Ganz überlegte, traf sich mit Gerstein, man merkte, dass man zusammen konnte, suchte nach der richtigen Übersetzung, strich hier ein wenig, verschob dort ein wenig Musik und führte das Stück wirklich gemeinsam auf. 2016 gingen beide dann damit noch ins Aufnahmestudio. Das jetzt veröffentlichte Ergebnis hat Ereignischarakter.

„Enoch Arden" ist ein Melodram. Ein Sprecher spricht zu Klaviermusik, eine zur Entstehungszeit em Ende des 19. Jahrhunderts sehr populäre Vortragsgattung. Der Text erzählt eine Seemannstragödie inklusive Dreiecksgeschichte. Enoch und Philipp lieben Annie. Sie zieht den armen, verwaisten Seemann dem Mühlen-Erben vor und bekommt drei Kinder von ihm. Im Bemühen, seiner Familie etwas zu bieten, verpflichtet sich Enoch auf große Fahrt, erleidet Schiffbruch und überlebt zehn Jahre auf einer einsamen Insel. In der Heimat findet eine langsame, zarte Annäherung zwischen Annie und Philipp statt. Nach langer zeit heiraten sie, Annie wird noch einmal Mutter, die Familie ist glücklich. Enoch wird gerettet, kommt in sein Dorf zurück, sieht das Glück, gibt sich nicht zu erkennen und stirbt. Seine Identität wird offenbar. Und er wird betrauert - in den letzten zwei Sätzen eines sehr langen Gedichts.

Schon die ersten Klaviertöne nehmen gefangen, erzählen vom Meer, aber auch von Ambivalenz: von Mühsal und Schönheit des Lebens. Ganz und Gerstein haben Musik und Text an einigen Stellen entzerrt, sie konzertieren teilweise mit der Stille. Noch einmal tritt die einzigartige Begabung des Sprechers Bruno Ganz zutage. Die Sprache ist geistig durchdrungen, geradezu ausanalysiert, die Syntax wird klar vermittelt. Ganz wirft  keine verführerisch sonoren, emotional geladenen Sprach-Schlingen aus wie die großen britischen Rezitatoren (im Fall von „Enoch Arden“ etwa Claude Rains oder Patrick Stewart), er spricht wie nach innen, scheint in jedem Moment die Geschichte zu reflektieren, in sich nachzuvollziehen. Bei aller Kleinteiligkeit liegt darin etwas Endgültiges, auch, weil er, abgesehen von einer Stelle gegen Ende, nie laut wird. Er erzählt klar, aber voll Mitgefühl, ohne dabei sentimental zu werden. Die Geschichte entfaltet sich organisch, wobei Bruno Ganz nicht, wie seine Vorgänger, von Männern und Frauen erzählt. Er erzählt eine Geschichte über Menschen, imaginiert ein Drama des Menschen an sich. Womit er vermulich nah bei Tennyson ist (und etwas weniger nah bei Richard Strauss). Die Schatten, die auf dem Leben liegen, Armut, Krankheit, erzwungener und freiwilliger Verzicht, breiten sich aus, füllen echtes Pathos, gerade weil Ganz es im oft wie durchscheinenden Sprechen, Gerstein es im flüssigen, impressionistisch weichen Klavierspiel verweigert.

Woher kommt diese ungeheure Sensibiltät? Doch von der Krankheit, von einer Beschäftigung mit dem eigenen Tod, gar einer Ahnung? Oder geraten wir hier in genau jene Sentimentalität, von der Bruno Ganz „Enoch Arden“ freihält, durch seine Lauterkeit, seinen sinnlichen Umgang mit der Sprache, seinen durchgeistigten Umgang mit dem Text?

Ein gültiges Vermächtnis ist diese bei myrios classics erschienene CD in jedem Fall.