Freiburg https://die-deutsche-buehne.de/taxonomy/term/682 de Wolfgang Amadeus Mozart: Don Giovanni https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/die-beliebigkeit-der-doppelgaenger <span>Wolfgang Amadeus Mozart: Don Giovanni</span> <span><span lang="" about="/user/72" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Georg Rudiger</span></span> <span>Sa., 13.04.2019 - 14:42</span> <div><p>Für das <a href="https://theater.freiburg.de/de_DE/spielplan/ein-sommernachtstraum.14953295">Bühnenbild von Shakespeares „Sommernachtstraum“</a> ließ sich <a href="https://www.theater.freiburg.de/de_DE/ensemble/katarzyna-borkowska.140650">Katarzyna Borkowska</a> am Theater Freiburg von <a href="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/0/0b/Sandro_Botticelli_-_La_nascita_di_Venere_-_Google_Art_Project_-_edited.jpg/1200px-Sandro_Botticelli_-_La_nascita_di_Venere_-_Google_Art_Project_-_edited.jpg">Botticellis „Die Geburt der Venus“</a> inspirieren. Nun hat die polnische Ausstatterin zum ersten Mal überhaupt Regie geführt – und sich dafür mit „Don Giovanni“ nicht gerade ein leichtes Einstiegswerk gewählt. Wieder ist es ein Gemälde, das ihre Inszenierung von Beginn an prägt. Zur ruppigen, noch etwas unkoordiniert musizierten Ouvertüre lässt Borkowska <a href="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/ae/El_jard%C3%ADn_de_las_Delicias%2C_de_El_Bosco.jpg">Hieronymus Boschs „Garten der Lüste“</a> auf den Gazevorhang projizieren, während der nackte Don Giovanni dahinter seine Unterhose anzieht. Immer wieder läuft dieses Bild an diesem Abend als Dauerschleife in Zeitlupe über die Bühnenwände. Eine zweite Idee der polnischen Theatermacherin ist es, den Hauptfiguren einige Doppelgänger zur Seite zu stellen. Don Giovanni bringt es auf vier Doubles, die drei Frauen immerhin auf je zwei. Und so rammelt sich Don Giovanni von einer zur anderen, während Leporello die <a href="https://www.youtube.com/watch?v=Sw21560Pk1c">Registerarie</a> singt. Masetto (eher moderat als rustikal: Jongsoo Yang) wird von zwei Zerlinas beleckt, während die echte (Katharina Ruckgaber mit schlackenlosem Sopran) gerade mit Don Giovanni im Duett <a href="https://www.youtube.com/watch?v=iJnJjpMdT3Y">„Là ci darem la mano“</a> zugange ist. Die seltsam eindimensionalen Figuren, die die Regisseurin zeichnet, werden durch die Doubles nur kopiert, nicht bereichert. Don Giovanni als Getriebener im Garten der Lüste, mit Koks in eine andere Welt geschossen, ständig am Kopulieren, umgeben von willigen Frauen – eine befremdliche Verengung von Mozarts Dramma giocoso, das viel tiefer gründet, als sich das Borkowska zurechtlegt. Was die Personenregie angeht, bietet sie seltsam altmodisches Stehrampentheater, das nicht an der Beziehung oder gar Entwicklung der Figuren interessiert ist.</p> <p>Musikalisch ist der Abend spannender, wenn auch die rasenden Tempi, die Dirigent <a href="https://www.theater.freiburg.de/de_DE/ensemble/daniel-carter.140561">Daniel Carter</a> meist wählt, mitunter gehetzt klingen, weil die Streicher manche Figurationen nicht mehr ausspielen können und das Zusammenspiel mit der präsenten Pauke zumindest in der Ouvertüre nicht perfekt gelingt. Im halb hochgefahrenen Graben zeigt das Philharmonische Orchester Freiburg aber insgesamt eine frische, dramatische Lesart, die immer sprechend bleibt und zumindest phasenweise auch die Leichtigkeit entfaltet, die man auf der Bühne gänzlich vermisst. Vor allem in den Rezitativen entwickeln Hammerflügel und Cello eine direkte, spontane Ansprache. Die Dialoge zwischen Don Giovanni und Leporello sind ganz nah am natürlichen Sprechen. Michael Borth kann in der Titelpartie mit seinem virilen Bariton dem Getriebenen ein musikalisches Fundament gehen. Er hätte bestimmt noch ein vielschichtigeres Rollenprofil zeichnen können, wenn die Regie es zugelassen hätte. Juan Oroczos gelegentlich forcierter, dann auch intonationsgefährdeter Bariton macht aus Leporello einen gefühlskalten Zyniker. Sarah Traubel ist eine auf sexy getrimmte, stimmlich ein wenig flackernde Donna Anna mit enormer Strahlkraft und blitzsauberen Koloraturen. Inga Schäfer gibt Donna Elvira als präsente Drama Queen. Und Jin Seok Lee ist ein bassgestützter, rauchender Komtur, der die meiste Zeit blutüberströmt und unbeachtet auf einem Sofa sitzt. Im zweiten Akt wird die Bühne selbst zum Gemälde, in dem sich die Akteure meist in Zeitlupe bewegen. Ausstattung statt Regie, Beliebigkeit statt Differenzierung, Bilderflut statt bewusster Zeichensetzung. Auch der runde, strahlenförmig zentrierte Spiegel in der Bühnenmitte vermag es leider nicht, dieser Inszenierung einen Fokus zu geben.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Don Giovanni</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Die Beliebigkeit der Doppelgänger</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Wolfgang Amadeus Mozart</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2019-04-12T12:00:00Z">12.04.2019</time> </div> </div> <div> <div>Medialink</div> <div><a href="https://www.theater.freiburg.de/de_DE/spielplan/don-giovanni.15384571">Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung</a></div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Katarzyna Borkowska</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/682" hreflang="de">Freiburg</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1901" hreflang="de">Theater Freiburg</a></div> </div> <div> <div>Musikalische Leitung</div> <div>Daniel Carter</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Musiktheater</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Sa., 13.04.2019 - 14:44</div> <div><span lang="" about="/user/24" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Antonia Ruhl</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/Bild-gross/image1.jpeg?itok=nkkPS_He" width="100" height="60" alt="Thumbnail" title="image1.jpeg" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/Bild-gross/image1.jpeg?itok=ggKR37-_" width="1800" height="1200" alt="Don Giovanni (Michael Borth) und Donna Elvira (Inga Schäfer) sowie Statisterie" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Paul Leclaire</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Don Giovanni (Michael Borth) und Donna Elvira (Inga Schäfer) sowie Statisterie</div> </div> </div> </div> </div> Sat, 13 Apr 2019 12:42:25 +0000 Georg Rudiger 11975 at https://die-deutsche-buehne.de Ulf Nilsson: Die besten Beerdigungen der Welt https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/wie-man-tote-tiere-beerdigt <span>Ulf Nilsson: Die besten Beerdigungen der Welt</span> <span><span lang="" about="/user/109" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Manfred Jahnke</span></span> <span>Mo., 25.02.2019 - 11:15</span> <div><p>Was für ein Spielzimmer! Eine Dachbodenkammer, vielleicht mit einer großen Hobelbank auf der linken Seite, auf der rechten steht vorne eine große Kiste, mit Kunstrasen drauf, dahinter gestapelte alte Koffer. Bühnenbildner Bernhard Ott spart nicht an liebevollen Details, von einem alten verrosteten Dreirad über die Hobelspäne auf der Bank bis zu einem kleinen Gestell mit vertrockneten Pflanzen. Nun fordert „Die besten Beerdigungen der Welt“, ein humorvolles Bilderbuch des Schweden <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ulf_Nilsson_(Autor)">Ulf Nilsson</a> über das Sterben, allerdings auch eine Fülle an Requisiten: Kästchen in verschiedener Größe, Holzbretter, Farbsprays und viele andere Kleinigkeiten. All das bringt Ott in versteckten Kisten oder auf dem Hobeltisch unter. Darüber wölbt sich ein „Himmel“ aus lauter Glühbirnen, von denen am Anfang aber nur die Hälfte brennt.</p> <p>Wenn man so ein Spielzimmer hat, dann muss man auch spielen. Aber das ist gar nicht so einfach. Lisa Bräuniger, Burkhard Finckh und Christoph Müller, die durch den Zuschauerraum auftreten, langweilen sich zunächst. Langeweile auf der Bühne zu spielen, ohne das Publikum zum Gähnen zu bringen, ist noch weniger einfach. Da führt Müller einen stummen Kampf mit einer Glühbirne, da starrt Bräuniger mit imposanter Ausdruckslosigkeit ins Publikum, da steht der Musiker Finckh mitsamt seinen drei Instrumenten verloren im Raum, ein so trostloses wie humorvolles Bild. Der Regie von Sascha Flocken gelingt es, die Langeweile als Spiel zu setzen, eingebunden in kleine Slapsticknummern. Bis dann Ester eine tote Hummel findet. Nun startet ein Feuerwerk der Komödiantik, die sich aus einer genauen Beobachtung dessen speist, was Kinder tun: nämlich alle Gegenstände in ihrer Umgebung ins Spiel zu bringen.</p> <p>In seinem Bilderbuch erzählt Ulf Nilsson davon, wie der ängstliche Ich-Erzähler, der auch ein Dichter ist, von Ester ins Spiel hineingezogen wird wie schließlich auch Putte, ihr kleiner Bruder. Mit der ersten Bestattung intensivieren sich die Begräbnisse, man geht auf die Suche nach toten Tieren, gründet ein Beerdigungsinstitut und geht schließlich auf die Suche nach weiteren toten Körpern, wobei ein plattgefahrener Hase denn das größte ist. Die <a href="https://www.moritzverlag.de/Alle-Buecher/Buecher-um-mit-Kindern-ins-Gespraech-zu-kommen/Die-besten-Beerdigungen-der-Welt.html">Illustrationen von Eva Eriksson</a> im Buch zeigen eine Welt im Garten, wenn auch mit Hobelbank. Auf der Bühne bleibt das Spiel ganz auf dem Dachboden. Alles, was im Bilderbuch realistisch erscheint, wird von Sascha Flocken und seinem Ensemble in pures Spiel verwandelt. Der Eintritt in die heimliche Lichtung, auf der die Begräbnisse stattfinden, wird beispielsweise durch einen Bilderrahmen angedeutet, der Weg dorthin ritualisiert, als wiederholter Slapstick mit kleinen Variationen. Die toten Tiere sind einfache Spielrequisiten. So stellen etwa drei Krawatten tote Fische aus dem Kühlschrank dar. Das hat Witz und lädt geradezu zum Mitspielen ein. Dabei werden die Beerdigungen selbst immer stärker ritualisiert, die Gedichte des Ich-Erzählers werden von Finckh vertont und von allen gesungen, die „Heiligkeit“ des Todes wird nicht nur beschworen, sondern findet eine Form.</p> <p>Man könnte aus dem Vorherigen schließen, dass hier ein wichtiges Thema, der Tod, auch die Angst vor ihm, zerspielt und damit verharmlost wird. Dem ist nicht so. Wenn auch der Zugang ein rein spielerischer ist, so bleibt der Respekt vor den toten Tieren immer kenntlich. Christoph Müller lässt mit minimalem Aufwand einen ganzen Kosmos entstehen, Lisa Bräuniger genießt mit Power ihre Leitrolle, selbst Burkhard Finck in seiner Schüchternheit passt sich in das Ensemble ein. Und natürlich fordert die Dramaturgie ein, dass aus Spiel auch Ernst wird. Da sehen die Drei eine Amsel gegen das Verandafenster fliegen und mit offenem Schnabel und kurzem Zucken sterben. Und die Inszenierung von Sascha Flocken hält inne, etwas vom Hauch des Todes wird tatsächlich spürbar.</p> <p>Ach ja, das ist wohl selbstverständlich, morgen werden die Drei etwas ganz anderes spielen…</p> <p> </p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Die besten Beerdigungen der Welt</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Wie man tote Tiere beerdigt</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Ulf Nilsson</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2019-02-24T12:00:00Z">24.02.2019</time> </div> </div> <div> <div>UA/DE/DSE</div> <div>UA</div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Sascha Flocken</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/682" hreflang="de">Freiburg</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1912" hreflang="de">Theater im Marienbad</a></div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Schauspiel</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Mo., 25.02.2019 - 11:25</div> <div><span lang="" about="/user/10" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Andreas Falentin</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/Bild-gross/DieBestenBeerdigungenDerWelt_TheaterImMarienbad_SzenenfotosPresse_%28c%29MINZ_KUNSTphotography%20%286%29.jpg?itok=lCA5B9HK" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Das Ensemble spielt (v.l. Burkhard Finckh, Lisa Bräuniger, Christoph Müller)" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/Bild-gross/DieBestenBeerdigungenDerWelt_TheaterImMarienbad_SzenenfotosPresse_%28c%29MINZ_KUNSTphotography%20%286%29.jpg?itok=QKTrBCfJ" width="1800" height="1200" alt="Das Ensemble spielt (v.l. Burkhard Finckh, Lisa Bräuniger, Christoph Müller)" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>MINZ &amp; KUNSTphotographs</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Das Ensemble spielt (v.l. Burkhard Finckh, Lisa Bräuniger, Christoph Müller)</div> </div> </div> </div> </div> Mon, 25 Feb 2019 10:15:59 +0000 Manfred Jahnke 11902 at https://die-deutsche-buehne.de César Franck: Hulda https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/rachewahn-im-township <span>César Franck: Hulda</span> <span><span lang="" about="/user/72" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Georg Rudiger</span></span> <span>So., 17.02.2019 - 09:50</span> <div><p>Eine Frau verliert alles. Ihre Mutter wird getötet, ihr Volk massakriert. Man deportiert sie aus der Heimat. Sie wird vergewaltigt und soll zwangsverheiratet werden. Aber sie wehrt sich – und aus der Erniedrigung erwächst ihre Rache. Am Ende gibt es noch mehr Gewalt, bis sie sich schließlich selbst mit einem Sturz von der Klippe das Leben nimmt. „Hulda“ heißt die 1885 vollendete, am 8. März 1894 in Monte Carlo uraufgeführte Oper von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/C%C3%A9sar_Franck">César Franck</a> nach dem Drama „Halte-Hulda“ des norwegischen Schriftstellers <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bj%C3%B8rnstjerne_Bj%C3%B8rnson">Bjørnstjerne Bjørnson</a>. Schon zwei Jahre später geriet die nach ihrer Protagonistin benannte Oper in Vergessenheit. Nun hat der Freiburger Generalmusikdirektor <a href="https://theater.freiburg.de/de_DE/ensemble/fabrice-bollon.140538">Fabrice Bollon</a> das Werk entdeckt und nach dem Studium des Autographs herausgefunden, dass bei der Uraufführung einige Szenen gekürzt waren. Für die deutsche Erstaufführung der Oper in Freiburg wurde vom Pariser Verlag Editions Choudens extra eine neue, vollständige Partitur erstellt, sodass einige Passagen wie eine Vergewaltigungsszene zum ersten Mal überhaupt gespielt wurden.</p> <p>César Francks Grand Opéra klingt aber nicht so martialisch, wie man nach der literarischen Vorlage denken könnte. Natürlich gibt es wuchtige Massenszenen, aber es ist auch viel Raum für lyrische Stimmungen und das große Melos, das vor allem die Liebesgeschichte zwischen Hulda und Eiolf in Klang setzt. Die melodischen Linien der Gesangssolisten werden vom Orchester übernommen und weitergesponnen – und umgekehrt. Die Musik César Francks trägt elegische Züge und hat häufig einen melancholischen Grundton. Sie ist meist verbindlich und rhythmisch weich formuliert. Sie ist gekennzeichnet von Farbmischungen, nicht von radikalen Kontrasten. Fabrice Bollon arbeitet gerade mit den Streichern diesen homogenen Klang gut heraus, der die Weite kennt und auch aus dem Nichts entstehen kann. Oboe und Klarinette stechen aus dieser pastosen Farbgebung etwas zu stark heraus. Das Blech dagegen wird gut im Gesamtklang integriert und an einzelnen, markanten Stellen geschärft, um Höhepunkte zu markieren. Leider ist von der Musik nicht immer viel zu hören, weil sie ständig durch Geräusche von der Bühne unter Beschuss gerät. Vom Türschlagen bis zum Maschinengewehrfeuer, vom notorischen Grölen der Saufbrüder bis zum Surren des Eisernen Vorhangs nimmt <a href="https://theater.freiburg.de/de_DE/ensemble/tilman-knabe.142957">Tilman Knabe</a> in seiner Inszenierung keine Rücksicht auf die Musik. Da hätten sich Fabrice Bollon und das Philharmonische Orchester Freiburg ihre Bemühungen um Differenzierung auch sparen können.</p> <p>Knabe transferiert die Geschichte, die im Norwegen des 11. Jahrhunderts spielt, mit Gewalt in das Afrika der Gegenwart. Ein Township im Kongo (Bühne: Kaspar Zwimpfer, Kostüme: Eva Mareike Uhlig) ist der Schauplatz des Geschehens. Es gibt Söldnertruppen und UNO-Blauhelmsoldaten. Ständig wird irgendwo jemand gequält oder getötet. Auch durch das Parkett werden zwei Frauen geschleift. Knabe möchte aufrütteln und anklagen. Immer wieder werden in bewusst gesetzten Unterbrechungen Texte eingeblendet, die belehren und auch mal den Imperialismus mit dem Holocaust vergleichen. Dass sich Joshua Kohl als Huldas Blauhelm-Liebhaber in den Proben am Arm verletzte und in der Premiere bei den Faust-Kämpfen mit einer Armschiene agieren muss, entfaltet dann fast schon eine unfreiwillige Komik. Der Pseudorealismus kommt schon bald an Grenzen, da die Figuren zu Schattenrissen werden und jegliche Zwischentöne, von denen die Musik erzählt, in der Inszenierung verloren gehen.</p> <p>Und wenn Morenike Fadayomi in der Titelpartie mitten im lyrischen Liebestaumel plötzlich hektisch und zunächst erfolglos an der Hose ihres Kollegen nestelt, kann man sich ein Grinsen nicht verkneifen. Die US-Amerikanerin bewältigt die vielfältigen darstellerischen Anforderungen der Titelpartie bis zum höhnischen Gelächter und Weinkrampf mit Bravour. Stimmlich kommt sie am Ende an ihre Grenzen, wenn ihr reicher dramatischer Sopran, der Hulda das notwendige Durchsetzungsvermögen gibt, flacher wird und kaum mehr Gestaltungsmöglichkeiten hat. Joshua Kohl verbindet als Huldas Liebhaber Eiolf große Strahlkraft mit leuchtenden Farben. Dass er doch zu seiner Ex-Geliebten Swanhilde (klangschön: Irina Jae Eun Park) zurückgeht und damit Huldas Eifersucht lodern lässt, wird durch die Regie nicht schlüssig erzählt – wie überhaupt die Beziehungen zwischen den Figuren im Kampfgetöse brutal vernachlässigt werden. Anja Jung als Huldas Mutter, Juan Orozco als Huldas verhasster Bräutigam Gudleik, Jin Seok Lee als brutaler Stammesvater Aslak mit Schickimicki-Gattin Gudrun (stark: Katerina Hebelková) und Katharina Ruckgaber in der Rolle der Stieftochter Thordis überzeugen.</p> <p>Was Tilman Knabe mit seiner radikalen Inszenierung sicherlich gelingt, ist, auf ein wichtiges Thema aufmerksam zu machen – die afrikanische Sicht auf den Kolonialismus und die Verbrechen, die mit ihm verbunden waren und sind. Künstlerisch kann diese Regiearbeit jedoch nicht überzeugen. Man darf gespannt auf die nächste Inszenierung von César Francks Oper „Hulda“, die dank des Freiburger Theaters wieder aus der Versenkung aufgetaucht ist. </p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Hulda</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Rachewahn im Township</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>César Franck</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2019-02-16T12:00:00Z">16.02.2019</time> </div> </div> <div> <div>UA/DE/DSE</div> <div>DE</div> </div> <div> <div>Medialink</div> <div><a href="https://www.theater.freiburg.de/de_DE/spielplan/hulda.15384600">Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung</a></div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Tilman Knabe</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/682" hreflang="de">Freiburg</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1901" hreflang="de">Theater Freiburg</a></div> </div> <div> <div>Musikalische Leitung</div> <div>Fabrice Bollon</div> </div> <div> <div>Autor der Vorlage</div> <div>Bjørnstjerne Bjørnson</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Musiktheater</div> </div> <div> <div>Vorlage</div> <div>Halte-Hulda</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Fr., 15.02.2019 - 09:55</div> <div><span lang="" about="/user/24" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Antonia Ruhl</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/Bild-gross/pic_1549637204_88e09b65edfc4c546272cfb66276ed77%20%282%29.jpeg?itok=j3gp0R7p" width="100" height="66" alt="Thumbnail" title="pic_1549637204_88e09b65edfc4c546272cfb66276ed77 (2).jpeg" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/Bild-gross/pic_1549637204_88e09b65edfc4c546272cfb66276ed77%20%282%29.jpeg?itok=j73PuLmy" width="1800" height="1200" alt="Eiolf (Joshua Kohl) und Hulda (Morenike Fadayomi)" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Tanja Dorendorf / T+T Fotografie</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Eiolf (Joshua Kohl) und Hulda (Morenike Fadayomi)</div> </div> </div> </div> </div> Sun, 17 Feb 2019 08:50:21 +0000 Georg Rudiger 11881 at https://die-deutsche-buehne.de Jan Czaplinski, Michael Billenkamp: Die Bartholomäusnacht https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/der-leere-himmel <span>Jan Czaplinski, Michael Billenkamp: Die Bartholomäusnacht</span> <span><span lang="" about="/user/33" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Bettina Schulte</span></span> <span>Mo., 28.01.2019 - 10:09</span> <div><p>Wenn das kein europäisches Projekt ist! Die polnische Regisseurin Ewelina Marciniak inszeniert mit einem ausschließlich polnischen Team am Theater Freiburg ein Stück nach Motiven des französischen Autors <a href="https://www.histo-couch.de/alexandre-dumas-die-bartholomaeusnacht.html">Alexandre Dumas</a>: Mit „Die Barthomomäusnacht“ knüpft Marciniak an ihre überaus erfolgreiche Umsetzung von Shakespeares „Sommernachtstraum“ vor einem Jahr an. Intendant Peter Carp und sein Haus setzen auf den preisgekrönten Nachwuchsstar. Mit Recht?<br />  <br /> Die Frage lässt sich nicht eindeutig beantworten. Im Vergleich zum großartigen „Sommernachtstraum“ fällt „Die Bartholomäusnacht“ ab, obwohl die Voraussetzungen mindestens ebenso gut waren. Die Werkstätten des Drei-Sparten-Hauses haben ganze Arbeit geleistet, um die Vorgaben der Künstlerin und Bühnenbildnerin Anna Krolikiewicz umzusetzen. Drei überdimensionale Vögel auf Rollen aus <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Garten_der_L%C3%BCste_(Bosch)">Hieronymus Boschs </a>„Garten der Lüste“ bevölkern zwischenzeitlich die Bühne im Großen Haus des Theaters. An der Hinterwand erkennt man das Setting aus <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Fra_Angelico_069.jpg">Fra Angelicos berühmtem Gemälde </a>„Die Verkündigung“ - ohne die handelnden Figuren. Der Himmel ist leer, soll das wohl heißen - wozu John Lennons Song „Imagine“, man kann wohl sagen: die Hymne des Abends, bestens passt. Klar doch: Es geht um den Kampf zweier Religionen, der im Paris des 16. Jahrhunderts in ein beispielloses Gemetzel mündete - und der Text von Jan Czaplinski scheut sich nicht, die Protestanten unserer Tage zu nennen; die Juden, die Muslime und die SPD-Jugend von Utoya. Dieser etwas platten Aktualisierung hätte es gar nicht bedurft. Das historische Drama um Macht, Kalkül, Intrigen und Mord bietet von sich aus genug zeitgeschichtlichen Assoziationsraum. Aber offenbar wollten die Regisseurin und ihr Autor deutlich machen, warum sie ein 450 Jahre zurückliegendes Ereignis für erzählenswert halten - anstatt allein auf die große, suggestive Bildkraft des mit blutroter Lackfolie ausgelegten Bühnenraums zu vertrauen.<br />  <br /> Das gilt auch und besonders für die Sprache der „Bartholomäusnacht“. König Heinrich II. rotzt  nach seinem ruhmlosen Tod eine „Fick-dich“-Suada heraus, die in dem hochartifiziellen Kontext höchst unangemessen wirkt; so wie der von „Ich scheiß drauf“ triefende Sprachgestus des schwulen Heinrich von Anjou. Die Fallhöhe von eiskalter Herrschsucht (Katharina von Medici,  Heinrich de Guise) zu infantiler Aufsässigkeit wie auch mädchenhaft naiver Romantik (Margarete von Valois) ist mitunter zu groß; auch die Brüche zwischen dem von Konrad Parols wahrlich prächtigen Kostümen geschaffenem historischem Rahmen und Kalauern aus der Jetztzeit - Heinrich von Navarra kommt mit dem Flieger nach Paris und muss durch eine Gesinnungsschleuse - sind nicht wirklich motiviert.</p> <p>Trotzdem gelingen der Regie immer wieder eindrucksvolle Momente: Sie haben vor allem mit Rosa Thormeyer zu tun. Ihre Margarete von Valois nimmt für sich ein durch die Glaubwürdigkeit ihrer Gefühle: Sie ist die ohnmächtige, aber gleichwohl heftig aufbegehrende Schachfigur im Machtspiel ihrer Mutter (Anja Schweitzer), die angeblich Frieden um jeden Preis will: Der Preis ist das Pogrom an den Hugenotten. Thormeyer klopft an die Wände ihres Gefängnisses, vernehmlich, aber ohne Erfolg. Ihr Korsett legt sie nicht ab - im Gegensatz zu Karls (und dann auch Heinrichs) Mätresse Carolina (Angela Falkenhan). Aber sie ist andererseits weit weniger fügsam als ihre Schwester Claudia (Stefanie Mrachacz), die von sich in der dritten Person spricht, weil ein Ich für sie nicht mehr in Frage kommt. In der Figur der Margarete von Valois verdichtet sich Ewelina Marciniaks Frage nach der Schnittstelle zwischen Machtpolitik und Individuum, an der der Körper zur Schau gestellt, verletzt, getötet wird.  Den Anspruch dieser Regisseurin muss man ernst nehmen. Und ihren Willen zur Gestaltung dieses Anspruchs erst recht.</p> <p><span> </span></p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Die Bartholomäusnacht</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Der leere Himmel</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Jan Czaplinski, Michael Billenkamp</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2019-01-25T12:00:00Z">25.01.2019</time> </div> </div> <div> <div>UA/DE/DSE</div> <div>UA</div> </div> <div> <div>Medialink</div> <div><a href="https://www.theater.freiburg.de/de_DE/spielplan/die-bartholomaeusnacht.15384560">Fotogalerie auf der Homepage des Theaters Freiburg</a></div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Ewelina Marciniak</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/682" hreflang="de">Freiburg</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1901" hreflang="de">Theater Freiburg</a></div> </div> <div> <div>Autor der Vorlage</div> <div>Alexandre Dumas Pére</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Schauspiel</div> </div> <div> <div>Vorlage</div> <div>La Reine Margot</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Mo., 28.01.2019 - 10:12</div> <div><span lang="" about="/user/10" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Andreas Falentin</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/Bild-gross/Bartholomaeus%2C%20Freiburg_0.jpeg?itok=aV0Ddiyc" width="100" height="66" alt="Thumbnail" title="Spinne im Renaissance-Netz? Anja Schweitzer (im Vordergrund) als Katharina von Medici in &quot;Die Bartholomäusnacht&quot; in Freiburg" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/Bild-gross/Bartholomaeus%2C%20Freiburg_0.jpeg?itok=uTUVOxJe" width="1800" height="1200" alt="Spinne im Renaissance-Netz? Anja Schweitzer (im Vordergrund) als Katharina von Medici in &quot;Die Bartholomäusnacht&quot; in Freiburg" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Birgit Hupfeld</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Spinne im Renaissance-Netz? Anja Schweitzer (im Vordergrund) als Katharina von Medici in &quot;Die Bartholomäusnacht&quot; in Freiburg</div> </div> </div> </div> </div> Mon, 28 Jan 2019 09:09:58 +0000 Bettina Schulte 11849 at https://die-deutsche-buehne.de Viktor Ullmann, Anno Schreier: Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung / Atlantis - Prolog und Epilog https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/unverbindliche-sehnsuchtsraeume <span>Viktor Ullmann, Anno Schreier: Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung / Atlantis - Prolog und Epilog</span> <span><span lang="" about="/user/72" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Georg Rudiger</span></span> <span>So., 14.10.2018 - 15:20</span> <div><p>Kaum eine Oper ist so mit ihrer Entstehungsgeschichte verknüpft wie „Der Kaiser von Atlantis“ von Viktor Ullmann. Der österreichische Komponist schrieb sie 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt für genau die Instrumente, die man zur Verfügung hatte – darunter Saxofon und Banjo. Musikalisch gibt es mit einem verfremdeten Deutschlandlied, dem von den Nazis häufig missbrauchten Lutherchoral „Ein‘ feste Burg“ und dem doppelten Tritonus als Charakterisierung des Kaisers viel Doppelbödiges zu entdecken. Die Anspielungen auf die NS-Diktatur bei diesem „Spiel in einem Akt“ waren der Lagerleitung zu offensichtlich, so dass die Uraufführung nach der Generalprobe verboten wurde. Ullmann gelang es, die Partitur aus dem Lager zu schmuggeln. Er selbst und der Librettist Peter Kien wurden im Oktober 1944 nach Auschwitz deportiert und in der Gaskammer getötet. Sein 1975 in Amsterdam uraufgeführtes Musiktheater ist auch ein Mahnmal. Nun hat sich die Opera Factory Freiburg der knapp einstündigen Oper angenommen und sie um fünf Lieder Viktor Ullmanns ergänzt. Außerdem komponierte der Karlsruher Komponist Anno Schreier einen „Atlantis“ genannten Prolog und Epilog, so dass der Abend im Freiburger <a href="http://ewerk-freiburg.de/">E-Werk</a> rund eineinhalb Stunden dauert. Klaus Simon (musikalische Leitung) und Joachim Rathke (Regie und Kostüme) wollten mit diesen Eingriffen aber nicht nur mehr Spielzeit gewinnen, sondern auch eine Distanz schaffen zum Stück, um es zeitloser zu machen und es „aus dem Korsett des bloßen politisch korrekten Abarbeitens der unrühmlichen Geschichte der Nazizeit zu befreien“, wie die beiden im Programmheft darlegen.</p> <p>Der Abend beginnt stark. Die Bühne ist leer und dunkel, Nebel zieht auf. Aufsteigende Akkorde am Klavier (Marie-Luise Klewer) werden von Liegeklängen in Streichern und Bläsern eingefroren. Eine Frau mit Pistole dreht bedrohlich ihre Runden, ehe sich der Vorhang an der Bühnenrückseite öffnet und ein fahrendes Stahlgerüst auftaucht, das an einen Wachturm erinnert (Bühne: Melanie Kintzinger). Streben werden ausgefahren, die Leinen vertäut. Die Klangfläche des Prologs bereitet das Fundament, auf dem nun mit dem markanten Trompetenmotiv und dem einsetzenden Tutti die Oper beginnt, die durch die Figur des Lautsprechers angekündigt wird. Nikolaus Meer stellt mit schwerem, dumpfem Bassbariton die Akteure vor, ehe er seinen Regenmantel ablegt und mit Silberstock und Lackschuhen zum Tod mutiert, der sich mit dem Harlekin (Keith Bernard Stonum) über das leidvolle Leben unterhält. Währenddessen hält der Kaiser (Ekkehard Abele) die Stellung im Machtzentrum dieses Turms und verteilt mit herumfliegenden Papierbögen seine Befehle. Mit dem Trommler (Sibylle Fischer) und dem Bubikopf (Lena Kiepenheuer) ist das Personal komplett und die Geschichte, die von Machtverlust und der Vision einer friedlichen Zeit erzählt, kann beginnen.</p> <p>Je länger der Abend allerdings andauert, desto mehr verliert er an Spannung. Das hat verschiedene Gründe. Zum einen ist der Text ohne Übertitel nur in Ansätzen zu verstehen, obwohl das Ensemble sehr gut artikuliert. Zum anderen führt die gewollte Distanzierung zu einer szenischen Unverbindlichkeit, die der Oper mehr schadet als nützt. Musikalisch funktionieren die eingeflochtenen, von Klaus Simon für Kammerensemble arrangierten Lieder erstaunlich gut – auch die Nahtstellen sind sensibel verbunden mit dem Kontext. Allerdings bringen diese lyrischen Inseln die Balance innerhalb der Oper ins Wanken. Die Sehnsuchtsräume werden zu groß und zu idyllisch, um wieder glaubwürdig in den lakonischen, auch sarkastischen Tonfall des Werkes zurückzugelangen. Auch eingefügte Nebenhandlungen wie die angedeutete Liebesaffäre des Trommlers mit dem Kaiser verunklaren den Fokus. Die eigentliche Geschichte vom Tod, der seinen Dienst versagt und auf diese Weise das ganze diktatorische System zum Einsturz bringt, bleibt auf der Strecke. Auch musikalisch hinterlässt der Abend einen zwiespältigen Eindruck. Die Holst Sinfonietta setzt unter der Leitung von Klaus Simon zwar die Partitur, die häufig blitzschnell zwischen romantischer Überhöhung, Neuer Sachlichkeit und Einflüssen der Unterhaltungsmusik wechselt, solide um – es fehlt aber Homogenität im Klang und auch die Suggestionskraft. Gerade die einfach besetzten Streicher schaffen es kaum, das Ensemble zu einer Einheit zu verbinden und Atmosphäre zu schaffen. Auch gesanglich ist das Niveau zu heterogen. Am ehesten überzeugt noch Ekkehard Abele als sonor klingender Kaiser, der viel lyrisches Potential offenbart. Keith Bernard Stonums heller und leichter Tenor (Harlekin/Soldat) kommt in der extremen Höhe dann doch in Schlingern – genauso wie Lena Kiepenheuers kristalliner Sopran. Sibylle Fischer ist da als Trommler intonationssicherer. Dem darstellerisch sehr präsenten Nikolaus Meer (Der Lautsprecher/Der Tod) schließlich fehlt es an Geschmeidigkeit und Linie. Am Ende packt diese fahrende Theatertruppe wieder ihre Sachen zusammen und fährt zurück ins Nichts. Anno Schreier komponiert in seinem Epilog die Musik von Viktor Ullmann weiter, löst sie allmählich auf und kehrt wieder zum Ausgangspunkt mit den aufsteigenden Klavierklängen zurück. Ein paar verstörende Trommelschläge (Lee Forrest Ferguson) erinnern noch an UIlmanns Partitur, ehe die Musik Schreiers allmählich ausfadet und das Licht im E-Werk erlöscht.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung / Atlantis - Prolog und Epilog</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Unverbindliche Sehnsuchtsräume</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Viktor Ullmann, Anno Schreier</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2018-10-13T12:00:00Z">13.10.2018</time> </div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Joachim Rathke</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/682" hreflang="de">Freiburg</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1689" hreflang="de">Opera Factory Freiburg im E-Werk</a></div> </div> <div> <div>Musikalische Leitung</div> <div>Klaus Simon</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Musiktheater</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>So., 14.10.2018 - 15:20</div> <div><span lang="" about="/user/72" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Georg Rudiger</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/atlantis_sebastian_duesenberg.jpg?itok=IKR9JQ9j" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Viktor Ullmann: Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/atlantis_sebastian_duesenberg.jpg?itok=lp25ygUU" width="1800" height="1200" alt="Die Opera Factory Freiburg zeigt &quot;Der Kaiser von Atlantis&quot; " title="Die Opera Factory Freiburg zeigt &quot;Der Kaiser von Atlantis&quot; " typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Sebastian Düsenberg</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Die Opera Factory Freiburg zeigt &quot;Der Kaiser von Atlantis&quot;</div> </div> </div> </div> </div> Sun, 14 Oct 2018 13:20:38 +0000 Georg Rudiger 10684 at https://die-deutsche-buehne.de Jacques Offenbach: Les contes d’Hoffmann https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/die-oper-als-baustelle <span>Jacques Offenbach: Les contes d’Hoffmann</span> <span><span lang="" about="/user/72" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Georg Rudiger</span></span> <span>Mo., 23.10.2017 - 12:00</span> <div><p>„Wozu Dichter in dürftiger Zeit?“, steht auf dem Schild, das ein Schauspieler vor Vorstellungsbeginn auf der Bühne des Freiburger Theaters hochhält. Das Hölderlin-Zitat soll Jacques Offenbachs Oper „Hoffmanns Erzählungen“, die der neue, aus Oberhausen gekommene Intendant Peter Carp und seine Musiktheaterdramaturgin Tatjana Beyer am Eröffnungswochenende des Hauses platziert hat, in die Gegenwart holen und grundsätzliche Fragen zum Thema Literatur und Politik zu stellen. Dafür hat man mit dem französischen Künstlerkollektiv <a href="http://www.clarac-deloeuil.fr/lelab/en" target="_blank"><em>Le Lab</em></a> um die beiden Regisseure Jean-Philippe Clarac und Olivier Deloeuil ein Team aus Bordeaux geholt, das Oper dezidiert als politische Kunst versteht. Offenbachs heterogene, nicht vollendete Künstleroper als Vorlage für ein Nachdenken über Politik und Kunst? Keine schlechte Ausgangsposition für einen spannenden Musiktheaterabend.</p> <p>Aus den vielen verschiedenen Quellen, die erst nach dem Tod von Offenbach entdeckt wurden, hat man eine eigene Freiburger Fassung erstellt, die zusätzliches musikalisches Material enthält. Vor allem aber wurden viele Texte von Novalis bis Galina Rymbu hinzugefügt, die die beiden Schauspieler Stefanie Mrachacz und Thieß Brammer im weißen Overall und mit Schutzhelm vortragen. Sätze wie „Die Poesie wird im Bett gemacht – wie die Liebe“, „Bedenkt, dass alle Universitäten hier auf Blut gebaut sind“ oder „Zu schreiben, zu sprechen ist kein Luxusgut“ werden kombiniert mit einem Ausschnitt aus Bob Dylans Rede anlässlich der Verleihung des Literatur-Nobelpreises, in dem er über die Bedeutung von Songs räsoniert. Die Bandbreite reicht von grotesk bis poetisch, von sozialkritisch bis utopisch. Eine Collage, die im Kontext der Oper jedeoch beliebig wirkt und auch immer wieder eingreift ins ohnehin schon fragile Werk. Übergänge werden keine geschaffen. Überhaupt wirkt dies eher wie ein Brainstorming als ein schlüssig ausgearbeitetes Konzept. Zwischen Musik und Text entsteht keine unmittelbare Beziehung. Die Oper wird zur Baustelle. So gesehen erhält auch der Schutzhelm eine ganz neue Bedeutung. „Hoffmanns Erzählungen“ erzählen nichts, sondern stellen nur Fragen, reißen an und dekonstruieren die Handlung.</p> <p><em>Le Lab</em> schafft auch mit dem weiß gekachelten Bühnenbild, das den Charme eines Schlachthofs verbreitet, keinen Raum für Musik. Hier trinken die in rote Uni-T-Shirts gesteckten Studenten das Freiburger Pilsener der hier ansässigen Brauerei (Lokalbezug!), hier spielt man auch die fantastischen Binnenakte mit den drei Frauenfiguren, ohne dabei Atmosphäre zu entfalten. Glücklicherweise lässt sich das Philharmonische Orchester Freiburg unter <a href="http://www.theater.freiburg.de/de_DE/ensemble/fabrice-bollon.140538" target="_blank">Fabrice Bollon</a> nicht von der Kälte anstecken, sondern lässt eine farbige, sehr plastische Interpretation entstehen, die die gesamte Bandbreite zwischen Studentenlied und sinnlicher Barcarolle im Venedig-Akt umfasst. Der für den erkrankten Rolf Romei kurzfristig eingesprungene Sébastien Guèze gibt einen lyrischen Hoffmann, der aber über genügend dramatische Reserven verfügt, um der Verzweiflung des Dichters Ausdruck zu verleihen. Mit Juan Oroczo hat er einen markigen, im Fortissimo etwas zu grob singenden Gegenspieler (Lindorf, Coppélius, Miracle, Dapertutto), der mit seinem Pelzmantel in fast allen Rollen ein wenig nach Zuhälter aussieht. Großartig die bis in höchste Höhen brillant gestaltete Olympia von Samantha Gaul! Solen Mainguené macht aus der todgeweihten Sängerin Antonia eine starke Frau mit großer dramatischer Wucht. Juanita Lascarro ist eine klangsinnliche Giulietta, Roberto Gionfriddo (Andrès, Cochenille, Frantz, Pitichinaccio) ein omnipräsenter Diener mit verstörender Komik.</p> <p>Der Chor (Einstudierung: Norbert Kleinschmidt, Bernhard Moncado) agiert bis auf den wackeligen A-Cappella-Beginn der Männer im 5. Akt souverän und trotz relativ kleiner Besetzung durchaus klanggewaltig. Und gibt sich Mühe, dem keimfreien Ambiente ein wenig Leben einzuhauchen. Niklaus (mit betörendem Mezzo: Inga Schäfer) wird am Ende wieder zur Muse und streift seinen Theater-Overall über. Und der tote Hoffmann steht auf und schüttelt ein paar Hände.</p> <p><em>2./5./16./24. November, 1./8./13./22./25. Dezember, 13. Januar, 4./21. Februar, 23./25. März</em></p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Les contes d’Hoffmann</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Die Oper als Baustelle</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Jacques Offenbach</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2017-10-22T12:00:00Z">22.10.2017</time> </div> </div> <div> <div>Medialink</div> <div><a href="http://www.theater.freiburg.de/de_DE/spielplan/14871964">Fotostrecke auf der Homepage des Theaters Freiburg</a></div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Jean-Philippe Clarac/Olivier Deloeuil</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/682" hreflang="de">Freiburg</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1901" hreflang="de">Theater Freiburg</a></div> </div> <div> <div>Musikalische Leitung</div> <div>Fabrice Bollon</div> </div> <div> <div>Autor der Vorlage</div> <div>E.T.A. Hoffmann</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Musiktheater</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Mo., 23.10.2017 - 12:00</div> <div><span lang="" about="/user/72" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Georg Rudiger</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/kk_mt_freiburg_hoffmanns.jpg?itok=h2UOKhU2" width="100" height="69" alt="Thumbnail" title="Jacques Offenbach: Les contes d’Hoffmann " typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/kk_mt_freiburg_hoffmanns.jpg?itok=oqNZQBtU" width="1800" height="1200" alt="Szene mit Solen Mainguené, Anja Jung und Juan Orozco" title="Szene mit Solen Mainguené, Anja Jung und Juan Orozco" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Tanja Dorendorf</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Szene mit Solen Mainguené, Anja Jung und Juan Orozco</div> </div> </div> </div> </div> Mon, 23 Oct 2017 10:00:07 +0000 Georg Rudiger 10388 at https://die-deutsche-buehne.de Chaya Czernowin: Zaïde/Adama https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/eine-mozart-zersetzung <span>Chaya Czernowin: Zaïde/Adama</span> <span><span lang="" about="/user/49" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Detlef Brandenburg</span></span> <span>Sa., 17.06.2017 - 15:09</span> <div><p>Peter Ruzicka wusste, was er tat, als er im Rahmen seines Projekts <em>Mozart 22 </em>bei den Salzburger Festspielen 2006 Chaya Czernowin damit beauftragte, Mozarts Opernfragment „Zaïde“ zu vollenden. Immerhin gab es damals eine klare Vereinbarung darüber, dass der größte Teil von Mozarts Musik unangetastet zu bleiben habe. Dazu bestand Anlass. Denn dass die 1957 in Haifa geborene israelisch-amerikanische Komponistin das Werk einfach im Stil Mozarts zu Ende komponieren würde, war definitiv nicht zu erwarten. Was im Jahr von Mozarts 250. Geburtstag unter dem Titel „Zaïde/Adama“ im Salzburger Landestheater ans Scheinwerferlicht der Opernwelt kam, das war eben keine „Vollendung“, sondern die Konfrontation eines historischen Fragments mit dem auf seine Weise nicht minder fragmentarischen Klanggebilde einer prononciert zeitgenössischen, zerrissenen, spröden Musiksprache – letztlich eine musikalisch-dramaturgische Rücknahme des versöhnlichen Optimismus, der mit der Gattung Singspiel im späten 18. Jahrhundert unlösbar verbunden war.</p> <p>„Zaïde“ ist ein Vorläuferwerk zu Mozarts nur zwei Jahre später in Wien entstandener „Entführung aus dem Serail“ mit überdeutlichen Handlungsparallelen. Hier wie dort gerät ein europäisches Liebespaar (Zaïde und Gomatz) in die Gefangenschaft eines orientalischen Sultans (Soliman), hier wie dort löst das auch einen Zusammenprall unterschiedlicher Kulturen aus. Zwar gibt es Spekulationen, dass Mozart für „Zaïde“ ein tragisches Ende plante. Aber bei Begutachtung der Partitur, der Textvorlage und der Gattungskonvention ist das wenig glaubwürdig. Die scheinbar ausweglosen, in einem Quartett spannungsvoll ausgebreiteten Konflikte, mit denen das Fragment abbricht, verlangen dramaturgisch nahezu zwingend den Umschwung zum „überraschenden“ glücklichen Ende – welcher <em>Deus ex musica</em> auch immer dafür  hätte sorgen müssen. Czernowin setzt Mozarts harmonischer Welt den dissonanten Geräuschkosmos ihrer Musik entgegen, der vom spröden Hauch bis zum disparat gewitternden Schlagwerk ein knisterndes Spannungsfeld krasser Extreme erzeugt. Die harmlose Exotik des Serails kontrapunktiert sie pointiert gegenwartsbezogen mit einer ahnungsweise angedeuteten Liebensgeschichte zwischen einem Palästinenser und einer Israelin, die an der Unversöhnlichkeit der Väter scheitert und in die Katastrophe einer Steinigung der „Verräterin“ mündet. Schon der Titel „Adama“, ein hebräisches Wort, in dem die Begriffe „Mensch“, „Blut“ und „Erde“ anklingen, vereint in sich die Motivationskomplexe, die hinter diesen Konflikten stecken. Wobei die teils arabischen und teils hebräischen, überwiegend deutschen Textfragmente aber auch immer wieder, ähnlich wie auch die Musik, einzelne Worte und Motive aus „Zaïde“ variieren.</p> <p>Das weitgehend Unangetastete von Mozarts Musik hatte allerdings zur Folge, dass in den bisherigen Aufführungen von „Zaïde/Adama“ die Dramaturgie der „Zaïde“-Handlung allzu dominant blieb. Vordergründig blieb zu viel beim Alten, hintergründig sorgte Czernowins faszinierend auratische Musik dafür, dass man ans Alte trotzdem nicht mehr glaubte. Das erzeugte eine gewisse Unentschiedenheit. Nun aber hat Czernowin, angeregt durch den Regisseur Ludger Engels, für eine neue Produktion am Theater Freiburg „Zaïde/Adama“ genau unter diesem Aspekt noch einmal grundlegend überarbeitet und um einen Chorpart erweitert, der Mozarts Musik geradezu zersetzt: Musikalisch destruieren die Dissonanzen Mozarts Dur-Moll-Zuversicht substantiell. Und semantisch treten an die Stelle der despotischen Vaterfiguren die Kollektive gegensätzlicher Zivilisationen. Dadurch erfährt „Zaïde/Adama“ eine nachhaltige politische Aufladung. Huntingtons <em>Clash of civilizations </em>ist mit Händen zu greifen. Und Mozarts Musik wird zur Folie für eine illusionslose Bestandsaufnahme einer gescheiterten humanen Hoffnung. In Freiburg ist „Zaïde/Adama“ zu erleben als tiefpessimistische Bestandsaufnahme unserer Gegenwart des religiös motivierten Terrors infolge kolonialistischer Überheblichkeit und postkolonialistischer Verantwortungslosigkeit – dies aber nicht als politische „Erzählung“, sondern vollkommen eingeschmolzen in eine ausweglos disparate musikalische Struktur.</p> <p>Und genau deshalb ist es in Freiburg mehr als nur ein effektvoller Coup, wenn Regisseur Ludger Engels und sein Ausstatter Ric Schachtebeck jede Erzähldramaturgie verweigern und stattdessen buchstäblich das komplette Freiburger Opernhaus in eine raumgreifende, von performativen Aktionen der Protagonisten und des Chores belebte musikalische Installation verwandeln. Die Zuschauer sitzen auf den Hinter- und Seitenbühnen sowie auf den Rängen des Auditoriums. In dessen Parkett, also im „alten“ Theatersaal, hat das „alte“ „Zaïde“-Orchester seinen Ort, dem „Adama“-Orchester ist eine Versenkung in der Bühnenmitte vorbehalten. Die Sänger agieren um dieses Orchester herum, deuten Handlungsfragmente an (etwa die Steinigung), Textprojektionen bilden die assoziativen Bezüge ab, mit denen sich die „Adama“-Textsplitter auf das „Zaïde“-Libretto beziehen. Der Chor exponiert sich als Störfaktur in Mozarts Musik, unterminiert diese durch Murmel- und Tuschel-, Zisch- und Geräuschattacken – zum blanken Entsetzen einiger Zuschauer, die verstört oder empört das Weite suchten. Das ganze Theaterhaus wird zu einem faszinierend offenen Ereignis- und Gedankenraum, der die Zuschauer einlädt, das Erlebte mit eigenen Assoziationen aufzuladen. Das einzige, was dabei stört, sind einige dann doch arg plakative Kommentare aus dem Geist des selbstgerechten Volksempfindens, mit denen der Chor das abtrünnige Liebespaar bedenkt („Schande!“, „Pfui“, „Die beiden sollte man einfach rausschmeißen“).</p> <p>Czernowins Musik übernimmt in dieser neuen Fassung klar die Führungsrolle – und wird von den Protagonisten (Frau: Annette Schönmüller; Mann: Robin Adams; Vater: Patrick Ruyters) sowie vom „Adama“-Orchester unter der Leitung von Daniel Carter und dem von Bernhard Moncado geleiteten Chor suggestiv vorgetragen. Das von Johannes Knapp souverän geleitete „Zaïde“-Ensemble klingt wie eine Reminiszenz aus ferner Zeit. Diese Reminiszenz wäre allerdings wesentlich stärker gewesen, wenn Laure Meloy als Zaïde und Christoph Waltle als Gomatz ihre Mozart-Partien wirklich erstklassig gesungen hätten. Laure Meloys waberndes Vibrato nahm ihrem eigentlich sehr schön timbrierten Sopran den Fokus, Christoph Waltles Tenor fehlte es an Flexibilität, Delikatesse und entspannter Tragkraft, wie man sie für Mozart nun mal braucht. Und Alejandro Lárraga Schleskes Alazim wirkte ebenso unartikuliert wie Jin Seok Lees Osmin, nur Roberto Gionfriddo gelang ein halbwegs idiomatischer Soliman. Das war schade. Denn damit das zerstörerische Moment, das Czernowin ihrer Geräuschmusik so gezielt einschreibt, auch wirklich trifft, muss das Heile als dessen vergänglicher Gegenpol stark spürbar bleiben. Das war hier leider nicht der Fall.</p> <p>Trotzdem: Ein eindrucksvoller Abend, den die Zuschauer (abzüglich der vorzeitig Ausgestiegenen) begeistert feierten.</p> <p><em>(Weitere Termine: 22. / 24. / 29. Juni, 1. Juli)</em></p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Zaïde/Adama</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Eine Mozart-Zersetzung</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Chaya Czernowin</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2017-06-16T12:00:00Z">16.06.2017</time> </div> </div> <div> <div>UA/DE/DSE</div> <div>UA</div> </div> <div> <div>Medialink</div> <div><a href="http://www.theater.freiburg.de/index/TheaterFreiburg/Monatsspielplan.html?SpId=86299">Slideshow und weitere Informationen auf der Homepage des Theaters Freiburg</a></div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Ludger Engels</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/682" hreflang="de">Freiburg</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1901" hreflang="de">Theater Freiburg</a></div> </div> <div> <div>Musikalische Leitung</div> <div>Daniel Carter / Johannes Knapp</div> </div> <div> <div>Autor der Vorlage</div> <div>Wolfgang Amadeus Mozart</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Musiktheater</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Sa., 17.06.2017 - 15:09</div> <div><span lang="" about="/user/49" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Detlef Brandenburg</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/org_m.korbel2017__5868.jpg?itok=984hk6DR" width="100" height="68" alt="Thumbnail" title="Chaya Czernowin: Zaïde/Adama" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/org_m.korbel2017__5868.jpg?itok=YLqtQUs1" width="1800" height="1200" alt="org_m.korbel2017__5868.jpg" title="org_m.korbel2017__5868.jpg" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Maurice Korbel</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Das ganze Theaterhaus wird zum Erlebnisraum: Ensembleszene aus Chaya Czernowins &quot;Zaïde/Adama&quot; in der Regie von Ludger Engels.</div> </div> </div> </div> </div> Sat, 17 Jun 2017 13:09:28 +0000 Detlef Brandenburg 10301 at https://die-deutsche-buehne.de Ludger Vollmer: Crusades https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/make-love-not-war <span>Ludger Vollmer: Crusades</span> <span><span lang="" about="/user/72" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Georg Rudiger</span></span> <span>Do., 12.01.2017 - 10:36</span> <div><p>Ein islamistischer Selbstmordattentäter, der sich kurz vor dem Anschlag auf die Jerusalemer Grabeskirche bekehrt und deshalb von seinem Auftraggeber erschossen wird –  „Crusades“, die neue Oper von Ludger Vollmer, trägt am Ende richtig dick auf. Und lässt nochmals alle der über 100 Beteiligten auf die Bühne kommen, um im Epilog Frieden und Gerechtigkeit zu fordern.</p> <p>Liebe ist stärker als Hass. So lautet die Botschaft dieses Auftragswerks des Freiburger Theaters, das eine Verbindung vom Mittelalter in die Gegenwart zieht und in Sachen Fanatismus Parallelen zwischen dem Christentum und dem Islam aufzeigt. Leider lässt das von Tina Hartmann geschriebene Libretto die Figuren leblos. Und auch die gefällige Musik Ludger Vollmers schafft es nicht, ihnen eine Prägung zu geben. Die Geschichte wirkt konstruiert. Trotz der brisanten Thematik hat sie keinen Stachel. Auch die behutsame, abstrakt-choreographische Regie von Neco Celik verdichtet das Geschehen kaum, sondern schafft bis auf wenige Ausnahmen stimmungsvoll beleuchtete, aber wenig packende Bilder (Licht: Michael Philipp).</p> <p>Die Oper "Crusades" (Kreuzzüge) beginnt im Mittelalter mit dem Palästinalied von Walter von der Vogelweide (innig: Matthew Shaw), in dem er, nur von einer arabischen Laute begleitet, das Heilige Land besingt. Papst Urban II. (mit mächtigem, nie dröhnenden Bass: Jin Seok Lee) und Bernhard von Clairvaux (bis auf die Tiefe sehr präsent: Alejandro Lárraga Schleske), die Chefideologen der ersten sogenannten Heiligen Kriege, wandeln sich in muslimische Extremisten der Gegenwart. Der Papst wird zum Hass predigenden Imam Ibrahim, der Abt zum muslimischen Studenten Omar, der sich allmählich radikalisiert und zum Werkzeug des Bösen mutiert. Die eigentliche Geschichte spielt auf einem Campus in einer westlichen Großstadt. Bühnenbildner Rifail Ajdarpasic hat dafür im Theater Freiburg eine von vier Straßenlaternen begrenzte Tribüne gebaut, die zum Schauplatz der Gegenwart und Vergangenheit wird. Dass der moderne Dschihad von den Kreuzzügen des Mittelalters ideologisch vorbereitet wurde, ist die zentrale These der Opernmacher. Der sogenannte Heilige Krieg widerspreche dem Wesen Gottes und sei deshalb einfach nur ein krimineller Akt, der von fundamentalistischen Hetzern wie Maciel (Ünüsan Kuloglu) und Waffenfabrikanten wie Dandolo (Andrei Yvan) herbeigeführt werde. Zwei Liebespaare unterschiedlichen Glaubens zeigen exemplarisch, wie Vorurteile überwunden werden könnten. Der Juniorprofessor (stark, mit glänzender Höhe: Christoph Waltle) konvertiert für seine angebetete Safiye (mit leuchtendem Sopran: Kim-Lillian Strebel) sogar zum Islam. Tamar (stark: Sirin Kilic) wirkt mäßigend auf den sich radikalisierenden Omar ein. Die Eindimensionalität der Figuren spiegelt sich auch in der süffigen, tonal gebundenen Musik Ludger Vollmers.</p> <p>„Crusades“ changiert zwischen mittelalterlicher Organum-Technik, arabischen Skalen, symphonischem Streicherschmelz und ein paar Ausflügen in Richtung Rap. Vollmer arbeitet mit Orgelpunkten und Ostinati, die das rund zweistündige Werk zusammenhalten. Geschickt wechselt er zwischen lyrischen Szenen und rhythmisch aufgepeitschtem Tutti. Dirigent Daniel Carter bringt mit dem flexiblen Philharmonischen Orchester Freiburg die Musik zum Fließen, achtet auf rhythmische Präzision und koordiniert die verschiedenen Klangkörper bravourös. Neben dem vom Musikstudierenden erweiterten Opernchor überzeugt insbesondere der Kinder- und Jugendchor des Freiburger Theaters (Leitung: Thomas Schmieger). In der Rolle des Friedensstifters gelingen ihm die berührendsten Momente des Abends. Die mit einer schwarzen Perücke maskierten Kinder (Kostüme: Ariane Isabell Unfried) zeigen erst am Ende ihr Gesicht. Und stehen für die Hoffnung, in der Zukunft den Hass zu überwinden. </p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Crusades</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Make Love Not War</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Ludger Vollmer</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2017-01-14T12:00:00Z">14.01.2017</time> </div> </div> <div> <div>UA/DE/DSE</div> <div>UA</div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Neco Celik</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/682" hreflang="de">Freiburg</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1901" hreflang="de">Theater Freiburg</a></div> </div> <div> <div>Musikalische Leitung</div> <div>Daniel Carter</div> </div> <div> <div>Autor der Vorlage</div> <div>Tiina Hartmann</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Musiktheater</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Do., 12.01.2017 - 10:36</div> <div><span lang="" about="/user/72" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Georg Rudiger</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/kk_mt_freiburg_crusades.jpg?itok=89I5RFsz" width="100" height="68" alt="Thumbnail" title="Ludger Vollmer: Crusades" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/kk_mt_freiburg_crusades.jpg?itok=A6j7nCj1" width="1800" height="1200" alt="Kim Lillian Strebel und Christoph Waltle" title="Kim Lillian Strebel und Christoph Waltle" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Maurice Korbel</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Kim Lillian Strebel und Christoph Waltle</div> </div> </div> </div> </div> Thu, 12 Jan 2017 09:36:34 +0000 Georg Rudiger 10168 at https://die-deutsche-buehne.de Hans Thomalla: Kaspar Hauser https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/fremd-ist-er-eingedrungen <span>Hans Thomalla: Kaspar Hauser</span> <span><span lang="" about="/user/89" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Joachim Lange</span></span> <span>Fr., 08.04.2016 - 16:16</span> <div><p>Mit einem wie Kaspar Hauser haben offenbar nicht nur die Nürnberger  und Ansbacher nach 1828 ihre Probleme, sondern auch die Freiburger im Jahre 2016. Die Fassade ihres Theaters jedenfalls zierte selbst am Tag der Uraufführung der Oper „Kaspar Hauser“ das Plakat zum „Schmuck der Madonna“ vom Vortag. Der Blick auf den Spielplan beruhigte dann aber: kein Irrtum beim angereisten Zuschauer. Im günstigsten Fall ein unbeabsichtigter Kalauer des Marketings.  </p> <p>Drinnen, bei der Uraufführung von Hans Thomallas vom Theater Freiburg in Auftrag gegebener, mit dem Theater Augsburg koproduzierter und von der Ernst von Siemens Musikstiftung finanzierter Opern-Novität geht es auch um das Verschwinden von Kaspar Hauser. Oder besser um das Nichts, aus dem er plötzlich auftauchte, um die Leere in ihm oder die Risse, die durch seine Gegenwart in der Welt der braven Bürger fühlbar werden. Am Ende jedenfalls, da kann das berühmteste Findelkind des 19. Jahrhunderts, das wie ein Ufo zwischen den Bürgern landete, nur als Denkmal überleben. Hier als eines, das blutet. </p> <p>Davor geht es in den anderthalb Stunden nicht nur um eine quasi referierende Aufarbeitung der Aktenlage zum Fall Hauser in der Librettoform, die sich der Komponist selbst daraus destilliert hat. Musikalisch setzt der 1975 in Bonn geborene, jetzt in Chicago Komposition lehrende Thomalla in seiner zweiten Oper (nach „Fremd“ 2011 in Stuttgart uraufgeführt) immer wieder auf die Anziehungskraft jenes Nichts, jener Beinahe-Stille, jenes komponierten Schweigens, das Hauser wie ein Schwarzes Loch anzieht und dem er zu entkommen versucht.  </p> <p>Diese tönende Stille (diese Oper ist nichts für eine verhustete Jahreszeit), droht ab und an alles zu verschlingen. Auch den Sound für die bürgerliche Ruhe, der wie Sommerhitze vibriert und immer mal von kleinen pointierenden Irritationen einzelner Instrumente kenntlich gemacht wird. Langsames Eskalieren und ein melancholisches Trompeten „wa-wa-wa“ inklusive. Regisseur Frank Hilbig lässt Kaspar Hauser im trichterförmigen, leicht giftigen Sonnengelb des abstrakten Bühnenkastens von Volker Thiele von unten auftauchen. Er könnte auch vom Himmel gefallen sein, denn der sich verjüngende Raum ist oben offen. Sechs Männer und zwei Frauen sind schon da. Gabriele Rupprecht hat sie alle in Alltagskleidung von heute gesteckt. Sie sind nicht einzelnen Rollen zugeordnet, sondern ihren Stimmen. Susanna Schnell und Sigrun Schell als lyrischer und dramatischer Sopran, Christoph Waltle und Roberto Gionfriddo als lyrischen und dramatischen Tenor, Alejandro Lárraga Schleske und Pascal Hufschmid als lyrischer sowie Juan Orozco als dramatischer Bariton und Andrej Yvan als Bass. Sie alle teilen die vorkommenden Männer und Frauen aus Nürnberg und Ansbach (ob Gerichtspräsident, Gymnasialprofessor, englischer Graf, Rittmeister, Gerichtsarzt, Organist, Polizeiaktuar, Leutnant und Bürgermeister oder diverse Töchter und Gattinnen) je nach Bedarf untereinander auf. Thomalla meint es gut mit allen, lässt ihnen Entfaltungsspielraum mit ariosen Einsprengseln. Daniel Carter und das famose Philharmonische Orchester Freiburg umspielen sie, wie das Licht den Raum und der Schlamm das seltsame, schon recht ausgewachsene Findelkind.  </p> <p>Wenn das auftaucht sind sie alle längst dabei, nach Spuren zu suchen, die ihre latente Irritation erklären könnte. Das Andere, Rätselhafte, sprich: der Fremde zieht eben nicht wie ein Wanderer ein. Er wuchtet sich aus einem Loch in der Mitte der Bühne und wirft sich ihnen vor die Füße. Als der personifizierte Abgrund. In einer Ganzkörper-Schlammpackung. Modellierbar. Unfertig. Bedrohlich. Eine Projektion per se. Er sieht ganz anders aus und artikuliert sich anders. So, als ob der Abgrund, in den sie alle heimlich starren, zurück starrt und antwortet. Dafür zieht der Countertenor Xavier Sabata alle Register seiner Virtuosität, mit der er leicht und geschmeidig ins Brustregister hinabsteigen und sich ins feminine Falsett aufschwingen kann. Hinzu kommt die rein körperliche Bühnenpräsenz. Schlammpackung hin, Schlammpackung her. </p> <p>Der Reiz von Thomallas Oper liegt im Wechsel von narrativem Voranschreiten und Innehalten. Da berichten die Nürnberger und Ansbacher wie sie mit Hauser in Kontakt kommen, ihn zu ergründen versuchen, ihn vereinnahmen, mit ihm experimentieren oder spielen. Zwei Mal wird er mit dem Messer attackiert. Beim zweiten Mal tödlich.  Davor erleben wir seine Versuche, zu sich selbst und eigenen Worten zu finden, seine Geschichte als Autobiographie zu erzählen. </p> <p>Dazwischen gibt es immer wieder jene Momente, die der Komponist „Risse“ oder „Nichts“ nennt und die er mit einem suggestiven, feingeschichteten, geradezu aparten Klang ausstattet. Bis es dann passiert: Wenn Hauser plötzlich ungarische Worte erkennt, gar seiner rätselhaften Indentität auf die Spur kommt, zu kommen scheint oder es auch nur vortäuscht, kommt das Genre quasi zu sich selbst und richtet sich mit einem harten, rhythmisch flankierten szenischen WER BIST DU emanzipiert auf und packt den Zuschauer ganz unmittelbar. Die Begegnung mit Caroline Kannewurf, dem lyrischen Sopran, wird gar zu einem Ausflug auf die Gipfel des musikalisch Schönen, mit einem utopischen Ausblick, der über den Horizont jener Bürger hinausgeht, sie allesamt nervös macht, ja aggressiv werden lässt. Erst in seinem Traum ist Hauser schließlich wirklich bei sich, im Gedankenpalast seiner Kindheit. Nur wo der zu finden ist, das bleibt in der Schwebe. Das ist die Art von Fremdheit, die die Einheimischen nicht mögen, die sie - wie den Hauser in ihrer Mitte – zurück in den Abgrund stoßen, dem er entstiegen war. Um ihm dann dennoch ein Denkmal zu setzen. Ein Schelm, wer 2016 dabei an uns selber denkt….</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Kaspar Hauser</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Fremd ist er eingedrungen</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Hans Thomalla</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2016-04-09T12:00:00Z">09.04.2016</time> </div> </div> <div> <div>UA/DE/DSE</div> <div>UA</div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Frank Hilbrich</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/682" hreflang="de">Freiburg</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1901" hreflang="de">Theater Freiburg</a></div> </div> <div> <div>Musikalische Leitung</div> <div>Daniel Carter</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Musiktheater</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Fr., 08.04.2016 - 16:16</div> <div><span lang="" about="/user/89" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Joachim Lange</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/kk_mt_freiburg_kasparhauser.jpg?itok=apJXeeKU" width="100" height="68" alt="Thumbnail" title="Hans Thomalla: Kaspar Hauser " typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/kk_mt_freiburg_kasparhauser.jpg?itok=0kjYW6PY" width="1800" height="1200" alt="Ensembleszene" title="Ensembleszene" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Maurice Korbel</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Ensembleszene</div> </div> </div> </div> </div> Fri, 08 Apr 2016 14:16:44 +0000 Joachim Lange 9975 at https://die-deutsche-buehne.de Ermanno Wolf-Ferrari: Der Schmuck der Madonna https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/alle-farben-werden-grau <span>Ermanno Wolf-Ferrari: Der Schmuck der Madonna</span> <span><span lang="" about="/user/72" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Georg Rudiger</span></span> <span>So., 06.03.2016 - 14:07</span> <div><p>„Eine unerquickliche Mischung aus Blut, Sperma und Weihrauch“ hat Ulrich Schreiber Ermanno Wolf-Ferraris „Der Schmuck der Madonna“ aus dem Jahr 1911 in seinem „Opernführer für Fortgeschrittene“ genannt. Nach einem großen Erfolg im Entstehungsjahr verschwand die dreiaktige veristische Oper weitgehend von den Bühnen. Besonders in Italien stieß der Stoff auch auf den Widerstand der katholischen Kirche, so dass der deutsch-italienische Komponist noch eine zweite, entschärfte Fassung ohne Vergewaltigung und Selbstmord herausbrachte. Aber auch mit dieser Light-Version kam der Erfolg nicht mehr zurück. Nun hat das Theater Freiburg den opulenten Opernschocker wieder ausgegraben und in einer so ästhetischen wie packenden Inszenierung von Kirsten Harms auf die Bühne gebracht.</p> <p>Die frühere Intendantin der Deutschen Oper Berlin hat schon vor einem Jahr mit Karl Goldmarks „Die Königin von Saba“ am gleichen Haus unter der musikalischen Leitung des Generalmusikdirektors Fabrice Bollon einen verschütteten Schatz gehoben. Im April erscheint eine CD-Produktion davon beim Label cpo. Auch von Wolf-Ferraris Oper wird eine Studioaufnahme gemacht. Den Livemitschnitt der Premiere hätte man dafür nicht nehmen können, weil das Philharmonische Orchester Freiburg unter Fabrice Bollon einen ganzen Akt braucht, bis die Balance stimmt und auch die Koordination zwischen Bühne und Orchestergraben optimiert ist. Bei der Massenszene zu Beginn, wo das Fest zur Ehren der Madonna del Carmine in Neapel gefeiert wird, agieren die Chöre (Opern- und Extrachor sowie Kinder und Jugendchor des Freiburger Theaters,  Studierende der Musikhochschule Freiburg. Leitung: Bernhard Moncado und Thomas Schmieger), Solisten und das Orchester zu wenig aufeinander abgestimmt. Auch die vielen Tempowechsel hat Bollon nicht immer im Griff. Den Unisoni von Streichern und Holzbläsern fehlt die Genauigkeit und Raffinesse. Erst mit dem betörenden Intermezzo zum zweiten Akt steigt auch musikalisch die Intensität und Qualität.</p> <p>Szenisch ist der von der Excellence-Initiative des Theaters unterstützte Opernabend von Beginn an auf hohem Niveau. Überdimensionale Rosenkränze und abgetrennte Gliedmaßen hängen bei diesem neapolitanischen Marienfest vom Schnürboden. Erstkommunikantinnen treffen auf Camorra-Banditen in Unterhose, ein jonglierender Pazzariello (Fabian Flender) auf hübsch frisierte Schäferinnen. Der Alltag ist religiös aufgeladen. Und wenn die 3,5 Meter hohe, schmuckbehängte Madonna von der Unterbühne hochgefahren wird, dann findet das große musikalisches Pathos auch seine szenische Entsprechung (Bühne und Kostüme: Bernd Damovsky). Vor diesem bunten Hintergrund richtet sich der Fokus auf eine Dreiecksgeschichte, die ungebremst auf die Katastrophe zuläuft. Gennaro (Hector Lopez-Mendoza) liebt seine Stiefschwester Maliella (Elena Stikhina), die sich allerdings dem Camorra-Boss Rafaele (Kartal Karagedik) hingezogen fühlt und aus den engen katholischen Verhältnissen der Familie (Anja Jung als stimmgewaltige Mutter Carmela) entfliehen möchte.</p> <p>Im zweiten Akt ist die vermeintlich heile Welt zerstört. Die Holzschafe liegen auf dem Kopf, ein Bett steht einsam im leeren Raum. Dieses wird zum Gefängnis, wenn Gennaro Maliella an das Gestänge fesselt und ein Netz darüber ausbreitet. Ein starkes, ergreifendes Bild für Maliellas Schicksal, gegen das Elena Stikhina mit ihrem ausdrucksstarken, in den Dynamikspitzen metallisch werdenden Sopran ansingt. Dass sie zuvor mit ihrer Mutter ausgerechnet Hochzeitskleider auf Bügel hängt, verschärft die Tragik. Und wenn ihr Gennaro am Aktende den geraubten Schmuck der Madonna um den Hals legt, um sie anschließend zur schwebenden Musik von Wolf-Ferrari zu vergewaltigen, entstehen intensive, schmerzende Theatermomente. Die suggestive Lichtregie von Dorothee Hoff unterstützt die atmosphärische Dichte. Das Philharmonische Orchester Freiburg zaubert sphärische Streicherfarben genauso wie es dramatisch zuspitzt. Überhaupt entwirft das Orchester eine großes Panorama zwischen einfacher Folklore, veristischer Radikalität und dem wie aus einer anderen Welt stammenden, sphärischen Streicherklang. Dass das Werk zu unbedarft zwischen den Stilen hin-und herspringt und musikalisch nicht immer die Sogwirkung einer Puccinioper entfaltet, fällt bei dieser glanzvollen Produktion nicht so stark ins Gewicht.</p> <p>Im dritten Akt werden die Extreme noch größer. Die lange Tafel, an der Rafaele mit seinen zwölf kreuzbehängten Kumpanen seine Pasta verspeist, erinnert an das letzte Abendmahl. Dass er hier die aufreizenden Tänze der Animierdamen genießt, zeigt die Doppelmoral dieser Gesellschaft. Da ist es nur folgerichtig, dass er die geschändete Maliella von sich stößt, da sie durch den Verlust der Jungfräulichkeit für ihn wertlos geworden ist. Während Kartal Karagedik mit seinem virilen Bariton und seiner Präsenz diesem Obermacho klare Konturen verleiht, hat Hector Lopez-Mendoza am Ende etwas zu kämpfen mit der eher tief liegenden, dramatischen Tenorpartie. Den stärksten Eindruck im Solistenensemble hinterlässt Elena Stikhina, die das Drama der Maliella mit jeder Faser verkörpert. Am Ende nach den Selbsttötungen von Maliella und Gennaro schwebt die Madonna nochmals vom Himmel. Und alle Farben werden grau.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Der Schmuck der Madonna</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Alle Farben werden grau</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Ermanno Wolf-Ferrari</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2016-03-05T12:00:00Z">05.03.2016</time> </div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Kirsten Harms</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/682" hreflang="de">Freiburg</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1901" hreflang="de">Theater Freiburg</a></div> </div> <div> <div>Musikalische Leitung</div> <div>Fabrice Bollon</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Musiktheater</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>So., 06.03.2016 - 14:07</div> <div><span lang="" about="/user/72" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Georg Rudiger</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/kk_mt_freiburg_madonnaschmuck.jpg?itok=NXXvcPp5" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Ermanno Wolf-Ferrari: Der Schmuck der Madonna " typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/kk_mt_freiburg_madonnaschmuck.jpg?itok=4pQQSpjX" width="1800" height="1200" alt="Ensembleszene aus Ermanno Wolf-Ferraris &quot;Der Schmuck der Madonna&quot;" title="Ensembleszene aus Ermanno Wolf-Ferraris &quot;Der Schmuck der Madonna&quot;" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Maurice Korbel</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Ensembleszene aus Ermanno Wolf-Ferraris &quot;Der Schmuck der Madonna&quot;</div> </div> </div> </div> </div> Sun, 06 Mar 2016 13:07:33 +0000 Georg Rudiger 9949 at https://die-deutsche-buehne.de