Stuttgart https://die-deutsche-buehne.de/taxonomy/term/644 de Hans Werner Henze: Der Prinz von Homburg https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/utopie-durch-koerperarbeit <span>Hans Werner Henze: Der Prinz von Homburg</span> <span><span lang="" about="/user/10" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Andreas Falentin</span></span> <span>Mo., 18.03.2019 - 11:26</span> <div><p>Hans Werner Henzes „Prinz von Homburg“ wird nicht häufig gespielt. Die Musik gilt als spröde, hochkomplex und extrem fordernd, besonders für die Gesangssolisten. Zudem erscheint der Stoff als schwer zugänglich, vor allem wegen des, in Zeiten von Political Correctness hoch brisanten, bewussten Umgangs mit Patriotismus. Dabei hat Ingeborg Bachmann Kleists Dramentext besonders in dieser Hinsicht ge- wie entschärft. Henze und Bachmann, die sich dem „Prinzen“ auf Anregung Luchino Viscontis zuwandten, wollten gerade der aus ihrer Sicht in ihrer Vergangenheit, ihrer geistigen Enge und ihrer Profitsucht gefangenen deutschen Wirtschaftswundergesellschaft eine Staatsidee entgegenstellen, in der Vernunft regieren und Freiheit dennoch herrschen kann.</p> <p>Es ist eine Stärke von Stephan Kimmigs Stuttgarter Inszenierung, dass er diese Idee konsequent nach heute weiterdenkt. Zur Bewusstmachung scheut er sogar das Plakative nicht und reiht sein großes Ensemble – Henze hat auf einen Chor verzichtet und den acht Solo-Rollen dafür drei „Hofdamen“ und drei „Offiziere“ zugesellt – am Schluss an der Rampe auf. „Welt“, „Wir“ und „Freiheit“ kann man da auf den Oberbekleidungen lesen und auf bunten Schals, die jeder Mitwirkende individuell um sich herum drapiert, scheinen Schlagwörter auf wie „Optimismus“, „Empathie“ oder „Mitgefühl“. Dieses Bild alleine verheißt Gesinnungskitsch, wird aber durch die vorhergehenden zwei Stunden Theater beglaubigt und vor allem stringent aus diesen entwickelt.</p> <p>Kimmigs Mittel der Wahl hierfür ist eines, das auf unseren Musiktheaterbühnen häufig extrem vernachlässigt wird: die Körperarbeit. Diese Theaterfiguren scheinen während der Handlung ihre Körperlichkeit sogar zu trainieren, manchmal sogar an der Ballettstange. Am Anfang wird der Traum des Prinzen in Armbewegungen und subtile Körperzuckungen übersetzt. Die Figuren gewinnen, manchmal mit fast tanztheatralischer Intensität, menschliche Substanz durch ihre Körper, ihre Haltungen von Kopf und Rumpf, ihre Bewegungsmuster. Und durch die Kostüme von Anja Rabes, die hochintelligent die Entstehungszeit mit heutigem Modebewusstsein verschränken, die Offiziere im Retro-Trainingsanzug ihre Befehle entgegennehmen lassen oder Prinzessin Natalie zum Gesamtkunstwerk machen, mit Existenzialisten-Pullover, Marlene-Anzug, Piaf-Ausstrahlung und roten Boxhandschuhen. Ihre Szenen mit dem Prinzen erhalten so eine sinnlich ausufernde und doch strukturell gebändigte Erotik, genau wie die Szenen des Prinzen mit dem allein durch sein Strizzi-Hütchen vom Rest abgehobenen Grafen Hohenzollern durch die entfesselte Körperarbeit fast Beckett’sche Intensität gewinnen. Nur dass hier die Erfüllung der stetig um sich kreisenden Sehnsüchte noch möglich scheint. So entwickelt diese Inszenierung nach und nach, aus Traum und Krieg, ein utopisches Gesellschaftsbild. Selbstbewusste Menschen handeln aneinander und miteinander, ohne den Eigennutz oder eine abstrakte Staatsräson über Mitmenschlichkeit zu stellen. Im Zentrum dieser Handlung und Idee steht der Kurfürst, ein alter Mann, dessen welker Körper gnadenlos gezeigt wird, über den aber ein klarer, vernünftiger und empathischer Geist herrscht. <a href="http://stefanmargita.com/en/" target="_blank">Stefan Margita</a> zeigt das großartig, ist ungeheuer präsent, artikuliert klar und verschmilzt in seinen Gesangslinien schwerelos schöne Tonkaskaden mit rhetorisch gehärten, wie an der Melodieführung festgetackerten Wortreihen.</p> <p>Wie überhaupt der Abend von den Sängern lebt, von einem Ensemble, dass sich den ungewöhnlichen Anforderungen des musikalischen Schauspielregisseurs offenbar willig, vielleicht sogar freudig ausgeliefert hat. Seien es die homogen besetzten Hofdamen- und Offiziers-Trios, Friedemann Röhlig als fast buddhistisch ausgeglichener Kottwitz oder die Stuttgart-Veteranen Michael Ebbecke (Dörfling) und Helene Schneidermann (Kurfürstin). Umwerfend, durch Charme wie (Körper-)Präsenz und Koloraturvirtuosität erspielt sich <a href="https://www.operamusica.com/artist/vera-lotte-boecker/video/7618" target="_blank">Vera-Lotte Böcker</a> die Prinzessin Natalie. Die Entdeckung des Abends ist dennoch der junge Tenor Moritz Kallenberg als Hohenzollern, der noch dem Opernstudio der Oper Stuttgart angehört: fein timbriert, hochmusikalisch mit bestechender Wortbehandlung und mit gewaltiger Ausstrahlung begabt.</p> <p>Cornelius Meister gelingt es mit dem Staatsorchester hervorragend, die musikalische Besonderheit von Henzes Komposition heraus zu modellieren. Wir hören eine Musik, die kaum noch eine Verbindung zur Tonalität hält und dennoch nicht wirklich von ihr fortstrebt, einen schwebenden Klang, der durch ins Geräuschhafte spielende Bläserfanfaren, extensiven Einsatz von Schlagwerk und in allen Lagen sichelnde Streicher immer wieder fast brutal gehärtet wird. Allerdings fährt Meister häufig, vor allem im Kriegsbild, den Lautstärkeregler zu schnell zu hoch, so dass es gelegentlich an farblicher Differenzierung fehlt und die großformatigen Ensembles flächig, momentweise fast breiig geraten. Auch Robin Adams in der Titelrolle kommt durch die geforderte Expansion an Grenzen. Sein Bariton ist deutlich lyrisch timbriert, die Eindringlichkeit seines Gesangsvortrags steigt dramatisch mit der Transparenz von Komposition und Dirigat. Seine fast tänzerisch anmutende Körperlichkeit hingegen fasziniert in jedem Moment.</p> <p>So ist, trotz des gewollt neutralen, aber doch etwas reizarmen Einheitsbühnenbildes von Katja Haß und den rätselhaften, vielleicht der Traumkomponente der Story zugedachten Videos von Rebecca Riedel, in Stuttgart ein spannender, vor allem: sehr ungewöhnlicher Opernabend entstanden. Der zudem geeignet scheint, Henzes Meisterwerk wieder etwas näher ans Repertoire zu führen.</p> <p> </p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Der Prinz von Homburg</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Utopie durch Körperarbeit</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Hans Werner Henze</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2019-03-10T12:00:00Z">10.03.2019</time> </div> </div> <div> <div>Medialink</div> <div><a href="https://www.staatsoper-stuttgart.de/spielplan/a-z/der-prinz-von-homburg/">Videotrailer und Programmheftauszüge auf der Homepage der Staatsoper Stuttgart</a></div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Stephan Kimmig</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/644" hreflang="de">Stuttgart</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1806" hreflang="de">Staatsoper Stuttgart</a></div> </div> <div> <div>Musikalische Leitung</div> <div>Cornelius Meister</div> </div> <div> <div>Autor der Vorlage</div> <div>Heinrich von Kleist</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Musiktheater</div> </div> <div> <div>Vorlage</div> <div>Prinz Friedrich von Homburg</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Mo., 18.03.2019 - 11:47</div> <div><span lang="" about="/user/10" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Andreas Falentin</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/Bild-gross/Homburg_10.jpg?itok=mZwDH6zU" width="100" height="66" alt="Thumbnail" title="Stefan Margita (Kurfürst, v.) und Robyn Adams in der Titelrolle" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/Bild-gross/Homburg_10.jpg?itok=KW9lYKgT" width="1800" height="1200" alt="Stefan Margita (Kurfürst, v.) und Robyn Adams in der Titelrolle" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Wolf Silveri / Staatsoper Stuttgart</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Stefan Margita (Kurfürst, v.) und Robyn Adams in der Titelrolle</div> </div> </div> </div> </div> Mon, 18 Mar 2019 10:26:52 +0000 Andreas Falentin 11931 at https://die-deutsche-buehne.de Federico García Lorca: Bernarda Albas Haus https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/der-wahn-einer-heilen-welt <span>Federico García Lorca: Bernarda Albas Haus</span> <span><span lang="" about="/user/109" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Manfred Jahnke</span></span> <span>So., 17.03.2019 - 13:55</span> <div><p>Wie es unter dem Schein einer heilen Welt, die ihre Akteure zum Schweigen verdammt, brodelt, das führt <a href="http://dibb.de/garcia-lorca.php">Federico García Lorca</a> modellhaft vor in „Bernarda Albas Haus“, seiner „Frauentragödie in spanischen Dörfern“. Seine Intentionen eines „photographischen dokumentarischen Berichts“ verdeutlichen dabei, dass es ihm nicht nur um das Erzählen einer Familiengeschichte geht, sondern mehr noch um eine Untersuchung des unvermeidlichen Bruchs zwischen Tradition und Moderne in Zeiten des <a href="http://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/231078/1936-spanischer-buergerkrieg-14-07-2016">Spanischen Bürgerkriegs</a>. Nach dem Tod ihres Mannes verhängt Bernarda über ihre fünf Töchter, die bis auf die jüngste, Adela, das Heiratsalter schon überschritten haben, eine achtjährige Trauer. In dieser Zeit dürfen sie keinen Mann ansehen, mit Ausnahme der ältesten Tochter Angustias. Sie soll Pepe heiraten, dummerweise sind aber auch zwei ihrer Schwestern in ihn verliebt. Und so kommt es zur Katastrophe, die Bernarda nicht wahrhaben will. Am Ende gibt es einen Fehlschuss und dann doch eine Tote, Adela, die sich erhängt. Und Bernarda befiehlt Schweigen: Der wahre Sachverhalt soll nicht nach draußen dringen.</p> <p>Der katalanische Regisseur <a href="https://www.schauspiel-stuttgart.de/spielplan/a-z/bernarda-albas-haus/calixto-bieito/">Calixto Bieito</a> hat „Bernanda Albas Haus“ 2011 schon einmal inszeniert, am Nationaltheater Mannheim, wo der jetzige Stuttgarter Intendant Burkhard C. Kosminski Schauspielchef war. Dabei waren damals auch schon Nicole Heesters als Bernarda Alba, Elke Twieselmann als deren Mutter und Anke Schubert als die Magd La Poncia. Die Töchter sind nun in diesem ausschließlich weiblichen Ensemble neu besetzt, ebenso gibt es mit Alfons Flores einen neuen Bühnenbildner. Der hat einen ziemlich kahlen Raum geschaffen: In die schwarz ausgeschlagene Bühne setzt er mittig einen langen weißen Aushang, davor einen weißen Tanzboden als Spielfläche, an den Seiten Batterien von Scheinwerfern, links sind sechs schwarze Stühle zu sehen. Andere Dekorationsteile wie die Stühle für die Trauergäste, eine Nähmaschine oder ein langer Tisch werden aus dem Schnürboden herabgelassen und auch wieder hochgezogen.</p> <p>Die Inszenierung beginnt aus einer Stille heraus, in der die Artistin Kaatie Akstinat auftritt, sich an einem herabhängenden Seil sichert und dann langsam hochgezogen wird, ein Motiv, das sich durchzieht, ein Menetekel, das konkret schon den Erhängungstod von Adela vorwegnimmt, aber auch an den Gekreuzigten erinnert. Erst nachdem die Artistin im Bühnenboden verschwunden ist, beginnt das eigentliche Spiel, eröffnet von der Magd, dann stürmen Bernarda und ihre Töchter herein, schwarz verhüllt. Nicole Heesters lässt da schon mal die Peitsche niedersausen, wie überhaupt dann Bieito für die unterdrückte Sexualität viele kleine Bilder findet, wie das die Schwester der anderen die Brust streichelt, Röcke sich hochschieben, Stöhnen ertönt. Abgesehen davon, dass durch den Wegfall zweier Nebenfiguren die Handlung gestrafft wird, hält sich die Regie eng an die Vorlage, setzt nur verdeutlichende Zeichen, vor allen Dingen in einer genauen Choreografie, wenn Stühle umgeworfen werden, im Kreis gehetzt oder sich mit dem Sprungseil in Bewegung gesetzt wird. Und manchmal, wie am Schluss, werden Gegenstände wie das Gewehr auch nur pantomimisch angedeutet.</p> <p>Entstanden ist ein grandioser Theaterabend, der durch einen genauen Rhythmus und im Zentrum mit den Schauspielerinnen besticht. Heesters und Schubert sind ein eingespieltes Paar. In ihrem Schlagabtausch voller Humor wird Schubert im Verlaufe des Abends die Widerständige, die das Unglück kommen sieht. Heesters hingegen pflegt mit Lächeln und Peitsche die Wahnvorstellung einer heilen Welt, immer überlegen und so engstirnig wie erschreckend klarsichtig. Dabei blitzt auch bei ihr die Sehnsucht auf, Sexualität ausleben zu wollen. Von den Töchtern ragen Paula Skorupa als Martirio und Nina Siewert als Adela heraus, die beiden Konkurrentinnen um Pepe, die sich nichts schenken. Während Siewert ihre Rolle emotional-impulsiv anlegt, spielt Skorupa die Überlegene, die ihre Stiche gezielt setzt. Juliane Köhler ist als die Älteste verhuscht-melancholisch. Anne-Marie Lux als Magdalena und Jelena Kurz als Amelia bleiben unauffällig im Hintergrund, eher schon in einer Beobachterinnen-Position. Und Elke Twieselmann, die eingesperrte Mutter Bernardas, spielt den Wechsel von „irren“ und „lichten“ Momenten groß und anrührend heraus. Toll!</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Bernarda Albas Haus</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Der Wahn einer heilen Welt</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Federico García Lorca</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2019-03-16T12:00:00Z">16.03.2019</time> </div> </div> <div> <div>Medialink</div> <div><a href="https://www.schauspiel-stuttgart.de/spielplan/a-z/bernarda-albas-haus/">Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung</a></div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Calixto Bieito</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/644" hreflang="de">Stuttgart</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1766" hreflang="de">Schauspiel Stuttgart</a></div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Schauspiel</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>So., 17.03.2019 - 14:22</div> <div><span lang="" about="/user/24" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Antonia Ruhl</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/Bild-gross/11286_bernarda_albas_haus_10_fotograf_thomas_aurin%20%282%29.jpg?itok=fmYJAVVx" width="100" height="66" alt="Thumbnail" title="Überzeugendes Frauenensemble am Schauspiel Stuttgart in &quot;Bernarda Albas Haus&quot;" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/Bild-gross/11286_bernarda_albas_haus_10_fotograf_thomas_aurin%20%282%29.jpg?itok=mJon8UVd" width="1800" height="1200" alt="Überzeugendes Frauenensemble am Schauspiel Stuttgart in &quot;Bernarda Albas Haus&quot;" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Thomas Aurin</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Überzeugendes Frauenensemble am Schauspiel Stuttgart in &quot;Bernarda Albas Haus&quot;</div> </div> </div> </div> </div> Sun, 17 Mar 2019 12:55:29 +0000 Manfred Jahnke 11927 at https://die-deutsche-buehne.de Nicki Liszta: Vesper https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/schon-alles-versemmelt <span>Nicki Liszta: Vesper</span> <span><span lang="" about="/user/109" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Manfred Jahnke</span></span> <span>So., 10.03.2019 - 11:48</span> <div><p>Als Rezensent wünscht man sich manchmal klammheimlich, nicht in einer Premiere zu sitzen. Zumal in einer für sehr junges Publikum. Denn da gibt‘s bestimmte Rituale: Erzieher wie Lehrerinnen behandeln einen Theaterbesuch gerne wie einen Schulausflug; da muss man unbedingt vorher im Foyer die Frühstücksdosen auspacken, picknicken, sich streiten und balgen. Weil in der Premiere von <a href="https://www.backsteinhausproduktion.de/team/">Nicki Liszta</a>s neuem Stück aber mehr Erwachsene als Kinder sitzen, simuliert das Theater die Situation: Am Ende des Abends kreisen im Jungen Ensemble Stuttgart Schüsseln mit Karottenscheiben und Apfelschnitzen, auch Erdbeeren. Während das Publikum speist, singen die beiden Darsteller Franziska Schmitz und Kelvin Kilonzo ein Lied davon, wie viele Menschen in dieser Welt „Schimmelbrot“ essen müssen, und postulieren: „Ich will lieber mit dir teilen / Und die Welt ein bisschen heilen.“</p> <p>Was da ein bisschen stark nach Goodwill klingt, ist in dieser Inszenierung durchaus politisch fundiert. Für Menschen ab vier Jahren wird vom Hunger in der Welt erzählt, in einfachen wie grandiosen Bildern. Die Choreografin Nicki Liszta, die erstmalig eine Produktion für Kinder erarbeitet hat, bleibt den Prinzipien ihrer Gruppe <a href="https://www.backsteinhausproduktion.de">backsteinhaus produktion</a> treu: Szenografie, Bewegungsmaterial und Aussagen werden zu politischen Grundfragen, die die Zukunft der Welt betreffen, schließlich zu einem Statement zusammengeführt. Auf einer ganz weißen Bühne mit Tanzboden sind Aushänge (Bühnenbild: Nina Malotta) zu sehen, in die ein Schlauch hineinragt, der sich später als Speiseröhre erweist; zwei merkwürdige kugelförmige Objekte mit unterschiedlichen Ausstülpungen rechts und links verfremden das Spiel und machen es zugleich real.</p> <p>Aber das Spiel beginnt zunächst vor einem Vorhang. Kilonzo schiebt einen merkwürdigen Wagen herein, vergießt farbige Flüssigkeiten, die erst auf seinen Körper und dann auf den Vorhang projiziert werden, die dann immer mehr die Form von Fleisch annehmen, was bei seiner Partnerin Schmitz zu Würggeräuschen führt. Heiko Giering hat dazu aus unterschiedlichen Geräuschen eine spannende Tonkulisse geschaffen; überhaupt nehmen seine Kompositionen und die Videos von Christopher Bühler in dieser Inszenierung einen großen Raum ein. Als sich der Vorhang öffnet, beginnt das große Fressen, man stopft sich voll, aber teilen? Nein, die beiden Darstellertänzer rollen, obwohl sie so vollgestopft sind, über den Boden, bekämpfen sich, selbst als sie in den großen Ballons, symbolhaft für die Fettleibigkeit, eingeklemmt sind. Bis endlich die Polizei einschreitet. Bauchschmerzen gibt es auch. Nicki Liszta entwickelt ihre Choreografie präzise aus der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Contact_Improvisation">contact improvisation</a>, insbesondere die Kampfchoreografien sind bodenbehaftet und Kilonzo und Schmitz verhaken sich immer wieder am Boden.</p> <p>Wenn dann am Ende Kilonzo feststellt, dass man wohl alles „versemmelt“ hätte, weil er alles behalten und nicht mit Schmitz teilen wollte, übergibt er gleichsam die Verantwortung, es besser zu machen, an das junge und auch nicht so junge Publikum. Es entspricht einer treffenden Ironie, dass im Hintergrund ein Video mit einem Jungen läuft, der ständig Sachen in sich hineinstopft. Obwohl Liszta keinen Moment davon abweicht, wie sie für ein erwachsenes Publikum arbeitet, erreicht sie das Kinderpublikum total. Wenn nun auch niemand an den Kapitalismus, der an der Ungleichheit in der Welt verbissen arbeitet, rüttelt; die Bilder, die Liszta schafft, sind in ihrer Einfachheit so eindringlich wie niederschmetternd, weil die große Politik sich schon in den alltäglichen Vorgängen, die im Kindergarten zu beobachten sind, widerspiegelt.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Vesper</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Schon alles versemmelt?</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Nicki Liszta</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2019-03-09T12:00:00Z">09.03.2019</time> </div> </div> <div> <div>UA/DE/DSE</div> <div>UA</div> </div> <div> <div>Medialink</div> <div><a href="https://www.jes-stuttgart.de/spielplan/detail/vesper/">Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung</a></div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Nicki Liszta</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/644" hreflang="de">Stuttgart</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1566" hreflang="de">Junges Ensemble Stuttgart</a></div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Tanz</div> </div> <div> <div>Komponist</div> <div>Heiko Giering</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>So., 10.03.2019 - 12:22</div> <div><span lang="" about="/user/24" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Antonia Ruhl</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/Bild-gross/JES_Vesper.jpg?itok=Z6zGSkWg" width="100" height="60" alt="Thumbnail" title="JES_Vesper.jpg" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/Bild-gross/JES_Vesper.jpg?itok=NQYw47uD" width="1800" height="1200" alt="„Vesper”, ein Tanztheaterstück von Nicki Liszta" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Alex Wunsch</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>„Vesper”, ein Tanztheaterstück von Nicki Liszta</div> </div> </div> </div> </div> Sun, 10 Mar 2019 10:48:18 +0000 Manfred Jahnke 11915 at https://die-deutsche-buehne.de Kurt Weill/Bertolt Brecht/Louis Stiens: Die sieben Todsünden/Seven Heavenly Sins https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/selbstoptimierung-ueber-alles <span>Kurt Weill/Bertolt Brecht/Louis Stiens: Die sieben Todsünden/Seven Heavenly Sins</span> <span><span lang="" about="/user/286" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Petra Mostbacher-Dix</span></span> <span>So., 03.02.2019 - 15:05</span> <div><p>Er ist das Symbol für den Kampf: der Boxring. Majestätisch reckt er sich in der Mitte der Schauspielbühne in die Höhe, langsam, mit hochfahrendem Licht, die Kombattanten offenbarend, die in den Ecken liegen, langsam ihre Köpfe erheben. Beide – Schauspielerin Josephine Köhler sowie Choreograph und Tänzer Louis Stiens – tragen seitliche Undercuts. Just wie Peaches. Die kanadische Electroclash-Sängerin hat ihre beiden Alter Egos ruhig beobachtet, lehnt nun lässig am Ring und erhebt die Stimme. Singt von sich und ihrer Schwester Anna, dabei sind sie ein und dieselbe Person. Erzählt von ihrer Glücksuche in den großen Städten, zu der sie vor vier Wochen in Louisiana aufbrach, wo „die Wasser des Mississippi unter dem Mond fließen“. Von den Eltern und beiden Brüdern, die in der Heimat mit dem Geld, das sie schickt, ein Haus bauen.</p> <p>Willkommen zu Bertolt Brechts „Die sieben Todsünden“, dem Ballett mit Gesang samt Prolog und Epilog, zu dem Kurt Weill die Musik komponierte und – weiland 1933 zur Uraufführung in Paris – Georges Balanchine die Choreographie beisteuerte. Nun feierte das als Satire konzipierte Stück im Schauspielhaus der Württembergischen Staatstheater Premiere. Im Sinne des Wortes: Das Publikum feierte Darstellende und Inszenierung nach pausenlosen, intensiven eineinhalb Stunden frenetisch. Die Erwartungen waren groß: Nach 23 Jahren ist dies wieder eine Neuproduktion, an der alle drei künstlerischen Sparten der Staatstheater Stuttgart, Oper, Schauspiel, Ballett, beteiligt sind.</p> <p>Doch um Erwartungen schert sich Peaches, die 1966 als Merrill Beth Nisker geboren wurde und sich nach einer archetypischen afrikanischen Frauenfigur eines Nina Simone Songs nennt, nie. Wer ihre Songs kennt, in denen Punk, Rock und New Wave eine beatstarke Melange eingehen zu Texten, die in Sachen Sex, dessen diversen Praktiken und Konstellationen nicht deutlicher sein könnten, der weiß auch, dass kein Kaffeekränzchen zu erwarten ist.</p> <p>Regisseurin Anna-Sophie Mahler nutzt dies. Stand sie doch vor einigen Herausforderungen: Die Brecht-Weill-Vorlage dauert nur 35 Minuten. Den Texten, so Mahler, merke man die Vergangenheit an. Um sie in die Gegenwart zu katapultieren, setzte sie daher den klassischen sieben Todsünden in der zweiten Hälfte die „Seven Heavenly Sins“ entgegen. Will heißen, im ersten Part boxen sich deutsch-englisch – die Texte werden projiziert – die drei Annas (Köhler, Stiens und Peaches) im Ring und am Sandsack davor bis zur Erschöpfung von Louisiana etwa durch Memphis, Los Angeles und San Francisco. Dort begegnen sie Zorn, Stolz, Habgier, Faulheit, Völlerei, Unzucht, Neid, eingerahmt vom grandios spielenden Staatsorchester wie von einem sensationsheischenden Publikum. Zudem angefeuert und kommentiert von Annas Familie, die als Männerquartett am Bühnenrand in Ringrichterkleidung sitzt, in wunderbar zurückhaltender Dramatik gesungen von Gergely Németi, Florian Spiess von der Staatsoper sowie Christopher Sokolowski und Elliott Carlton Hines von dessen internationalem Opernstudio.</p> <p>Part zwei wird dann zum Peaches-Special à la Rave-Club mit Punk und Lichtshow. Da mutieren die Todsünden zu himmlischen Lüsten, denen die Wahlberlinerin mit ihren Songs wie „Fuck the Pain Away“, „Dick in the Air“, „Vaginoplasty“ oder „Boys Wanna Be Her“ huldigt – in Kostümen aus Pelz, Schwänzen, überzähligen Brüsten oder halbnackt, mal auf einem Leuchtpodest, mal in einem aufgeblasenen transparenten Penis. Dazu schwingen Köhler und Stiens – der nicht nur die Choreographie dem Thema entsprechend besorgte, sondern auch wie ein junger Gott tanzte – mit Vaginamasken ihre Hintern erotisch, entführen mit Peaches in diverse Stellungen; gar Bariton Elliott Carlton Hines hat einen Twerking-Auftritt in schwarzem Höschen und roten High Heels.</p> <p>Das kann man platt finden, monieren, dass es zu viele Brüche zwischen den Teilen gibt, Stringenz, Subtilität fehlen. Man kann es aber auch als typisch für die provokante Kanadierin sehen. Oder eben als Darstellung dieser disruptiven Zeiten, in denen es mehr Brüche als Kontinuitäten gibt, in denen zunehmend Plattitüden regieren. Und als Essenz von Satire, die durch extreme Zuspitzung den Spiegel vorhält. Denn keiner kommt ungeschoren davon bei Regisseurin Mahler, die zeigt, dass Brechts Kapitalismuskritik aktueller ist denn je.</p> <p>Auch weil zwischen den beiden Hälften als Übergang Köhler mitreißend die King-Kong-Theorie der französischen Skandalautorin Virginie Despentes rezitiert. „Ich spreche für die hässlichen Frauen, die unzufriedenen, die schlechtgefickten, die selbstzweifelnden, die niemals perfekten“, um dann zu konstatieren, dass alles trügt, es die perfekte Frau nicht geben kann, so kulturelle Bilder von Geschlechterverhältnissen und Sexualität schonungslos bloßlegt.</p> <p>Wie rät die Ringrichter-Familie noch ihren Annas, die quasi Verkäuferin ihrer selbst und Ware in einem sind? Schön still halten im System: mit „offener Missbilligung des Unrechts“ zurückhalten, die so sehr geahndet wird. „Immer sagte ich ihr: ‚Halte dich zurück, Anna, denn du weißt, wohin die Unbeherrschtheit führt’ ... Wer über sich selber den Sieg erringt, Der erringt auch den Lohn.“ Selbstoptimierung über alles? Gut, dass Mahler all dem noch Charles Ives’ unter die Haut gehende Komposition „The Unanswered Question“ entgegensetzt, zu der Charaktertänzerin Melinda Witham, die ältere Anna, ins gleissende Licht entschwindet. Das Fragezeichen sollte immer am Ende stehen in diesen Zeiten.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Die sieben Todsünden/Seven Heavenly Sins</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Selbstoptimierung über alles?</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Kurt Weill/Bertolt Brecht/Louis Stiens</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2019-02-02T12:00:00Z">02.02.2019</time> </div> </div> <div> <div>Medialink</div> <div><a href="https://www.oper-stuttgart.de/spielplan/kalender/die-sieben-todsuenden/81/">Fotos auf der Homepage des Theaters</a></div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Anna-Sophie Mahler, featuring Peaches</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/644" hreflang="de">Stuttgart</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/2058" hreflang="de">Staatsoper Stuttgart, Stuttgarter Ballett und Schauspiel Stuttgart</a></div> </div> <div> <div>Musikalische Leitung</div> <div>Stefan Schreiber</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Crossover</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>So., 03.02.2019 - 15:17</div> <div><span lang="" about="/user/50" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Detlev Baur</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/Bild-gross/fullsizeoutput_80.jpeg?itok=ycM1ROy7" width="100" height="70" alt="Thumbnail" title="&quot;Die sieben Todsünden/Seven Heavenly Sins&quot; in Stuttgart" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/Bild-gross/fullsizeoutput_80.jpeg?itok=UA6MPjd4" width="1800" height="1200" alt="&quot;Die sieben Todsünden/Seven Heavenly Sins&quot; in Stuttgart" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Bernhard Weis</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>&quot;Die sieben Todsünden/Seven Heavenly Sins&quot; in Stuttgart</div> </div> </div> </div> </div> Sun, 03 Feb 2019 14:05:51 +0000 Petra Mostbacher-Dix 11863 at https://die-deutsche-buehne.de Nis-Momme Stockmann: Das Imperium des Schönen https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/zusammenkommen <span>Nis-Momme Stockmann: Das Imperium des Schönen</span> <span><span lang="" about="/user/109" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Manfred Jahnke</span></span> <span>Fr., 01.02.2019 - 09:52</span> <div><p><span><span><span>Nicht immer treffen sich zwei Visionen. Weil Autor und Regisseurin nicht zusammen kamen, musste die Premiere verschoben werden. Eine neue Regisseurin musste her. Tina Lanik hat nun „Das Imperium des Schönen“ von Nis-Momme Stockmann zur Uraufführung gebracht. In diesem fast „klassischen“ Konversationsspiel, das sogar die 24-Stunden-Regel einhält, geht es um den Clash der Kulturen, der aber allein in einer europäischen Professorenfamilie ausgetragen wird. Er, Falk, fährt mit seiner Familie und der Freundin seines Bruders, Maja, nach Japan. In seinen Seminaren untersucht er nicht nur Schopenhauer: „Denn alles Streben entspringt aus Mangel, aus Unzufriedenheit mit seinem Zustande…“, sondern auch die japanische Haltung des Yugen, die eine Stimmung der Uneindeutigkeit erzeugt. Weil diese sich der Aussage, der Interpretation verweigert, bleibt sie im Jetzt, in der „Oberfläche“ verhaftet, während der Europäer lieber die „Tiefe“ auslotet.</span></span></span></p> <p><span><span><span>Auch, wenn die Differenz zwischen europäischer und fernöstlicher Philosophie in diesem Stück von Bedeutung ist – der Autor selbst war mehrfach in Japan, dennoch ist ihm das Land nach eigener Aussage immer noch fremd –, so ist das, was nun in Tokio geschieht, eigentlich nur unter eurozentrischen Kategorien zu verstehen. Da prallen Falk, Professor, der gewohnt ist, seine Umwelt nach seinem Bilde zu formen, und Maja, Bäckerfachkraft und die Freundin seines Bruders Matze, aufeinander. Und es kommt, wie es kommen muss. Maja treibt ihn dahin, wo alle seine Armseligkeit erkennen können. Eigentlich ist es so ein bisschen wie in der naturalistischen Dramaturgie: da kommt eine von draußen und vor ihr enthüllt sich die Lebenslüge. Matze und Maja, wie auch Adriana, seine Frau, mit den beiden Kindern reisen ab. Er allein bleibt in der „Stille“ zurück, dem Ort, wo er zu sich selbst finden kann.</span></span></span></p> <p><span><span><span>Stockmann ist da eine merkwürdige Melange aus naturalistischen, symbolischen und performativen Momenten gelungen. Die beiden Kinder der Familie Falk, in der Stuttgarter Uraufführung in Akademikerkostümen (Kostüme: Natalie Soroko) und langen blonden Zöpfen gespielt, sind mehr als Kinder: Sie beobachten aus einer verfremdenden Distanz das Geschehen, sie werden nicht nur zu Beobachtern, sondern auch zu Kommentatoren der Handlungen. Tina Lanik betont das noch in ihrer Regie. Lautmalerisch verstärken Daniel Fleischmann und Marielle Layher die Spielsituationen der Erwachsenen, legen sich leidend neben sie – wie Boten aus einer anderen Welt. Sie sind zugleich Chiffre und real. Genau in diesem Changieren findet die Inszenierung, die sich als abstraktes Denkspiel strukturiert, den Zugang. Eine leere Bühne, die durch eine schwarze Wand kaum Tiefe hat,  auf den beiden Seiten stehen jeweils vier Stühle und ein Mikrofon, ist der Handlungsort (Raum: Tina Lanik). Das Licht (Stefan Schmidt) kommt hauptsächlich von den Seiten und der Mitte unten, von oben dezent, erst am Schluss zum Shutdown strahlt es von oben rot. An Japan erinnert nur ein Kostümteil der Adriana.</span></span></span></p> <p><span><span><span>Eine solche Bühne stellt die Schauspieler aus. Im Zentrum steht der Match zwischen Falk und Maja. Der gibt Nina Siewert starke Facetten, von der zunächst Schüchternen hin zu der immer größeren Gewissheit, zu sich selbst gefunden zu haben, zwischen anrührenden und aufrührenden Momenten changierend. Eine starke Leistung. In diesem Clinch hat Falk von Marco Massafra schlechte Karten. Dabei führt Massafra wirklich spannend seine Fassade vor, allerdings gibt er so eine Höhe vor, dass die sich nicht mehr steigern lässt und so mit der Zeit monoton wirkt. Katharina Hauter als Adriana und Martin Bruchmann als Matze haben in diesem Kampf wenig Chancen sich zu profilieren. Während Hauter sich mehr auf die lächelnde Zuschauerrolle zurückzieht, spielt Bruchmann zunächst einen, der allen Entscheidungen aus dem Weg zu gehen versucht, dann aber sich gegenüber seinem Bruder emanzipiert. Das geht rasant schnell, wie überhaupt Tina Lanik ihr Ensemble in ein hohes Spieltempo treibt, was dem Stück sichtlich gut tut.</span></span></span></p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Das Imperium des Schönen</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Zusammenkommen?</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Nis-Momme Stockmann</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2019-01-31T12:00:00Z">31.01.2019</time> </div> </div> <div> <div>UA/DE/DSE</div> <div>UA</div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Tina Lanik</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/644" hreflang="de">Stuttgart</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1766" hreflang="de">Schauspiel Stuttgart</a></div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Schauspiel</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Fr., 01.02.2019 - 09:59</div> <div><span lang="" about="/user/50" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Detlev Baur</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/Bild-gross/10379_imperium_des_schoenen_2_fotograf_bjoern_klein.jpg?itok=_QGQVtZ7" width="100" height="66" alt="Thumbnail" title="Europäer im japanischen NIrgendwo: &quot;Das Imperium des Schönen&quot;" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/Bild-gross/10379_imperium_des_schoenen_2_fotograf_bjoern_klein.jpg?itok=OBHLaprF" width="1800" height="1200" alt="Europäer im japanischen NIrgendwo: &quot;Das Imperium des Schönen&quot;" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Björn Klein</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Europäer im japanischen NIrgendwo: &quot;Das Imperium des Schönen&quot;</div> </div> </div> </div> </div> Fri, 01 Feb 2019 08:52:58 +0000 Manfred Jahnke 11857 at https://die-deutsche-buehne.de Franz Grillparzer: Medea https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/begegnungen-im-treppenhaus <span>Franz Grillparzer: Medea</span> <span><span lang="" about="/user/109" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Manfred Jahnke</span></span> <span>Sa., 15.12.2018 - 10:55</span> <div><p>Franz Grillparzer nimmt der archaischen „Medea“ von Euripides viel von ihrer Wut. Er psychologisiert dessen Entwurf (obschon auch dieser den Stoff durchaus schon psychologisch organisiert) und bricht ihn auf das bürgerliche Familienmodell herab: ein Streit unter Eheleuten, die sich nicht mehr verstehen, mit tödlichem Ausgang für die zwei Söhne dieser griechisch-barbarisch gemischten Familie. Kein Mitleid mit der Medea aus Kolchis, die als Fremde fremd bleiben muss. In der Stuttgarter Inszenierung von Mateja Koležnik dominiert ein Treppenhaus (Bühne: Raimund Orfeo Voigt), das um eine Art Liftschacht mit lauter Drahtfenstern herumführt. Das schafft Assoziationen; wenn sich Menschen, zumeist die Kinder, in diesem Schacht bewegen, denkt man sofort an Bilder von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Oskar_Schlemmer">Oskar Schlemmer</a>, etwa die <a href="https://shop.klassikradio.de/media/product/355/oskar-schlemmer-bild-bauhaustreppe-1932-517.jpg">Bauhaustreppe</a> von 1932. Und die Treppe selbst erinnert nicht nur an Schlemmer, sondern den Theaterhistoriker mehr noch an die expressionistischen Inszenierungen von <a href="http://www.zeitklicks.de/weimarer-republik/zeitklicks/zeit/kultur/theater/leopold-jessner-und-seine-treppe/">Leopold Jessner</a>.</p> <p>Wenn allerdings bei Jessner die Treppe Ausdruck von emotionalen Bewegungen im Raum wurde, wird hier das Treppenhaus eher zum Ort flüchtiger Begegnungen. Mühsam müssen hier Kreon oder Jason die Treppen hochsteigen, sie haben daher keinen Hochstatus, den hat eindeutig Medea, die zumeist von oben herabsteigt, womit sie zumindest visuell von vornherein als Siegerin feststeht. Die Männer hier, auch, wenn sie bei Grillparzer nicht so komische Figuren wie bei Euripides sind, bleiben fast immer auf den unteren Stufen der Treppe. Nun nutzt Koležnik zwar die Metaphorik des Spielraums, aber sie entwickelt ihre Inszenierung allein über die Sprache. Abgesehen vom Auf- und Abstieg der Spieler auf den Treppen finden nur wenige szenische Aktionen statt. Da speit denn die Amme (Marietta Meguid) gelbe Flüssigkeit auf die Treppe, wenn sie vom Tod der Kinder erfährt.</p> <p>Diese Reduktion auf Sprache macht diese Inszenierung zugleich spannend und ermüdend. Dem Publikum wird keine Pause gegönnt, es muss ständig das sprachliche Potential mitdenken und für sich in Bilder umsetzen. Zudem wird, um die Intimität zu unterstreichen, im Treppenhaus in einem eher unaufgeregten Ton gesprochen. Sylvana Krappatsch ist eine Medea, die staunend die Welt wahrnimmt, ohne sich in diese Männerwelt einzufügen. Benjamin Pauquet führt einen Jason vor, der einen klaren Plan verfolgt. Klaus Rodewald gibt seinem Kreon joviale Züge, während Katharina Hauter als Kreusa die naiven Facetten ihrer Rolle betont. In den Kostümen von Alan Hranitelj dominieren dunkle Farben. Nikolaj Efendi hat dazu eine Musik komponiert, die mit einzelnen Tönen arbeitet.</p> <p>Diese Regiearbeit von Mateja Koležnik ist als Denkspiel konzipiert, bei dem die Emotionen eingedampft sind. Das gelingt mit diesem Ensemble.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Medea</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Begegnungen im Treppenhaus</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Franz Grillparzer</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2018-12-14T12:00:00Z">14.12.2018</time> </div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Mateja Koležnik</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/644" hreflang="de">Stuttgart</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1766" hreflang="de">Schauspiel Stuttgart</a></div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Schauspiel</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Sa., 15.12.2018 - 10:55</div> <div><span lang="" about="/user/109" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Manfred Jahnke</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/9504_medea_6_fotograf_thomas_aurin_kopie.jpg?itok=jOWjeSrD" width="100" height="66" alt="Thumbnail" title="Franz Grillparzer: Medea" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/9504_medea_6_fotograf_thomas_aurin_kopie.jpg?itok=0FD8hnbm" width="1800" height="1200" alt="Einander begegnen im Treppenhaus: das &quot;Medea&quot;-Ensemble am Schauspiel Stuttgart" title="Einander begegnen im Treppenhaus: das &quot;Medea&quot;-Ensemble am Schauspiel Stuttgart" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Thomas Aurin</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Einander begegnen im Treppenhaus: das &quot;Medea&quot;-Ensemble am Schauspiel Stuttgart</div> </div> </div> </div> </div> Sat, 15 Dec 2018 09:55:24 +0000 Manfred Jahnke 11785 at https://die-deutsche-buehne.de Sergej Prokofjew: Die Liebe zu drei Orangen https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/orange-desert <span>Sergej Prokofjew: Die Liebe zu drei Orangen</span> <span><span lang="" about="/user/101" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Klaus Kalchschmid</span></span> <span>Mo., 03.12.2018 - 06:58</span> <div><p>Einen ganzen Abend lang überblendete Axel Ranisch Sergej Prokofjews „Liebe zu drei Orangen“ (der Artikel fehlt, um den Silben des Russischen zu entsprechen) über einen Königssohn, der vom „hypochondritischen Schleim“, sprich seiner Melancholie, die ihm das Lachen vergällt hat, geheilt werden soll, mit der Optik eines historischen, freilich fiktiven Videospiels aus den frühen 1990er Jahren. Der Regisseur nennt es in Anspielung auf die Handlung der Oper, die weite Teile in der Wüste spielt, „Orange Desert III“ und zieht die extravagante Situationskomik in jeder Szene immer noch eine kleine Drehung der Schraube weiter an oder liefert herrlich verrückte Begründungen für das schon im Original märchenhaft versponnene Geschehen.</p> <p>Am Ende läuft das Ganze zum großen Finale auf: Der kleine Lockenkopf Serjoscha, wie der Kosename für Sergej lautet (Ben Knotz), den man immer wieder per Video vor dem PC sitzen sah, ist plötzlich durch Intervention der bösen Fee Fata Morgana (Carole Wilson) zwischen die Fronten seines eigenen Spiels geraten und versucht nun – mit Hilfe seines Vaters am Joystick – nicht nur sich, sondern auch das Leben seiner Protagonisten zu retten. Da wirbeln plötzlich alle wie ferngesteuert über die Bühne und das Chaos ist perfekt. Der Abend bekommt so eine schöne Brisanz, denn Ranisch traut auch dem Happy Ending nicht so recht: Warum erklärt der Prinz ausgerechnet Nanetta, dem dritten Mädchen, das aus einer Orange, hier einem Flugobjekt, entsprungen ist, und beinahe in der Wüste verdursten muss, die große Liebe? Dabei wurde sie doch vom Zauberer Celio (mit langer, weißer Haarpracht wie aus „Herr der Ringe“ entsprungen: Michael Ebbecke) mit Geld prostituiert und gebiert am Ende – eine Orange!</p> <p>Bühnenbildnerin Saskia Wunsch hat auf die Bühne eine Art gestrandeter Dampfer mit Schornstein (und Rutsche!) gebaut, in dessen Schiffs-Bauch man gelegentlich sehen kann, und Till Nowak schuf dazu eine gleichermaßen entzückend altmodisch verpixelte Computeranimation. So gelingt es fulminant, die verschiedenen Ebenen von Theater- und Videospiel, Tragödie und Komödie, Ernst und Spaß virtuos zu verschränken, wozu auch die knatschbunten, originell ausgeflippten Kostüme von Bettina Werner und Claudia Irro einen entscheidenden Beitrag leisten. Weil (Film-)Regisseur Ranisch aber auch witzig und fantasievoll (Personen-)Regie führen kann, sieht vieles nach Commedia dell’arte des 21. Jahrhunderts aus, wird der König (sonor bassstimmig sich Gehör verschaffend: Goran Juric) gleich zu Beginn wie ein Märchen-Herrscher eingekleidet, sieht Leander, der Premierminister (herrlich fies: Shigeo Ishino), aus, als wäre er einer Science-Fiction-Serie entsprungen, scheint Pantalone (Johannes Kammler) in einen Topf mit oranger Farbe gefallen zu sein. Die drei entzückend singenden Prinzessinen (Aytaj Shikhalizade, Fiorella Hincapié, Esther Dierkes) tragen Haarpracht wie im alten Ägypten, Matthew Anchel ist mit warmem Bass als so gar nicht bedrohliche Köchin ein zart tuntiges Prackl, während ein dünner Schlacks von Zeremonienmeister (der blutjunge Tenor Christopher Sokolowski) aus einer Charles-Dickens-Verfilmung stammen könnte. Das perfekte Komödien-Paar geben freilich zwei weitere Tenöre ab: Elmar Gilbertsson als tüteliger Prinz, der großartig spielt, er wäre eine Mischung aus Mensch und Marionette, und Daniel Kluge als sein ängstlicher Diener Truffaldino.</p> <p>Aber was wäre eine „Liebe zu drei Orangen“ ohne das sich permanent vorlaut und prägnant einmischende oder antreibende Orchester, das anfangs gegenüber der Komödien-Handlung wie ein aggressives Gegengift wirkt, im zweiten Teil aber immer mehr mit dem absurden Geschehen sich vermischt und jeder szenischen Volte noch eine instrumentale aufsetzt. Unter Alejo Pérez hat das Staatsorchester Stuttgart hörbar Spaß am temporeichen, nie zur Ruhe kommenden Geschehen, ist – wie der Staatsopernchor Stuttgart – mit Feuereifer bei der Sache und mischt höchst lebendig in jedem Moment der Oper mit, als säßen die Musiker auf der Bühne zwischen den Darstellern.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Die Liebe zu drei Orangen</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Orange Desert</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Sergej Prokofjew</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2018-12-02T12:00:00Z">02.12.2018</time> </div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Axel Ranisch</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/644" hreflang="de">Stuttgart</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1806" hreflang="de">Staatsoper Stuttgart</a></div> </div> <div> <div>Musikalische Leitung</div> <div>Alejo Pérez</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Musiktheater</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Mo., 03.12.2018 - 06:58</div> <div><span lang="" about="/user/101" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Klaus Kalchschmid</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/kk_mt_stuttgart_orangen.jpg?itok=2Myoe8Vs" width="100" height="66" alt="Thumbnail" title="Sergej Prokofjew: Die Liebe zu drei Orangen " typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/kk_mt_stuttgart_orangen.jpg?itok=CT31X7ZK" width="1800" height="1200" alt="Truffaldino (Daniel Kluge), Die Köchin (Matthew Anchel) und der Prinz (Elmar Gilbertsson)" title="Truffaldino (Daniel Kluge), Die Köchin (Matthew Anchel) und der Prinz (Elmar Gilbertsson)" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Matthias Baus</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Truffaldino (Daniel Kluge), Die Köchin (Matthew Anchel) und der Prinz (Elmar Gilbertsson)</div> </div> </div> </div> </div> Mon, 03 Dec 2018 05:58:05 +0000 Klaus Kalchschmid 10734 at https://die-deutsche-buehne.de William Shakespeare: Romeo und Julia https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/narzisstische-liebe <span>William Shakespeare: Romeo und Julia</span> <span><span lang="" about="/user/109" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Manfred Jahnke</span></span> <span>So., 25.11.2018 - 14:28</span> <div><p><span>Der in Bosnien geborene und in Kroatien aufgewachsene Oliver Frljic gilt als einer der wichtigsten politischen Regisseure der europäischen Theaterszene, der sich durch seine packenden Zugriffe von Stücken und Stoffen auszeichnet. Ein solcher Zugriff ist ihm nun auch bei Shakespeares „Romeo und Julia“ gelungen. Wenn der Vorhang sich hebt, stehen sich Tybald (David Müller) und Romeo gegenüber mit den Texten aus der berühmten Erkenntnisszene zwischen Romeo und Julia. Mit einem Schlag ist die ganze Genderdebatte ins Bild gefasst. Beide umarmen sich, ziehen sich aus und trennen sich gar nicht mehr zärtlich, als Romeo gesteht, dass er eine Frau liebt. Das Spiel zwischen zärtlichem Angezogen- und  aggressivem Abgestoßensein, auch das ein Motiv, das sich durch die gesamte Inszenierung zieht. Dann werden Grabsteine in den Raum gerollt, zwei schlichte Holzsärge hereingetragen. Im Halbdunkel huschen dunkle Gestalten herum, und Pater Lorenzo (Thomas Meinhardt) fasst kurz die Rolle, die er in dieser Geschichte spielt, zusammen. Dann trägt auf einem hohen Gestell Sandra Hartmann „Killing me softly“ vor, Rauch quillt, Discobeleuchtung, kurz, das ist das Fest, bei dem sich die beiden kennenlernen. Und im Hintergrund bleibt im Dunkel der Friedhof zu sehen.</span></p> <p><span>Frljic geht davon aus, dass das Publikum zumindest im Groben diese Geschichte kennt. Er erzählt sie vom Schluss her und spürt dabei der Frage nach, was hat diese Personen geformt, dass sie so geworden sind, wie sie sind? Darin enthalten ist die Frage nach der geschlechtlichen Identität. Der Regisseur zeigt seine Figuren vor dem Spiegel in ihren narzisstischen Befangenheiten, aber auch wie Erziehung ein Verhalten produziert, dass jede Berührung in einen aggressiven Akt umschlagen lässt. Er konzentriert sich dabei auf die Geschichte der Capulets, die Mutter (Gabriele Hintermaier) und vor allen Dingen den Vater, den Klaus Rodewald zur Studie des „autoritären Charakters“ (Adorno) ausweitet. Beide verschachern ihre Tochter wie eine feile Ware an den Grafen Paris (Benjamin Pauquet). Frljic findet dafür schöne Bilder, wenn die Gräfin ihn mit Pralinen füttert oder Capulet ihm den Bart krault. Perfide Aktionen der Eltern, die eine Vierzehnjährige gegen ihren Willen verheiraten wollen.</span></p> <p><span>Im Großen wie im Kleinen findet Frljic großartige Bilder. Szenisches Halbdunkel (Licht: Jörg Schuchardt) taucht die Bühne von Igor Pauska ein, die sich mit wenigen Gegenständen begnügt, den beiden Särgen, zwei auf- und abfahrenden Spiegeln, fünf Grabsteinen und eine an orthodoxe Kirchenarchitektur erinnernde, bespielbare „Plastik“. Zusammen mit den Renaissance-Kostümen von Sandra Dekanic ergeben sich im Zusammenspiel von Licht und Bild wunderschöne geheimnisvolle Bilder, die sich noch steigern, wenn im Spiegel sich die Figuren in schönen Bildern vermehren. Oder wenn die merkwürdigen Gestalten aus dem „Hölle“–Teil von Hieronymus Bosch’ „Garten der Lüste“ schemenhaft auftauchen, die das Unheimliche der Handlungen auf der Bühne betonen. Nicht den „Garten Edens“  und auch nicht die schöne Liebesutopie des „Paradieses“ regiert diese Welt, sondern die Hölle. Wenn Liebe und Tod schon immer mythologisch eng verbunden sind, wird das hier konkret. Da ist eine große Sehnsucht, aber man findet keine wirklichen Berührungen: Nicht nur die Rache, auch der Narziss verhindern das Paradies. Das zu spielen, gelingt Nina Siewert als Julia mit herbem Charme, großen körperlichen Einsatz und Bitternis. Jannik Mühlenweg spielt den Romeo als Getriebenen, der seine eigene Identität noch nicht gefunden hat. Christoph Jöde als Mercutio und Valentin Richter als Benvolio übernehmen den eher komischen Part von Rosenkrantz und Güldenstern. Eberhard Boeck als Fürst und Frank Laske als Montague ergänzen das tolle Ensemble.</span></p> <p><span>Wenn auch vom Bild her das historische Renaissance-Kostüm regiert, so verdeutlicht die „nervöse“ Spielweise mit ihren vielen Brüchen eine ganz und gar heutige Untersuchung über das Bild des Narziss. Eine mitreißende Inszenierung.</span></p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Romeo und Julia</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Narzisstische Liebe</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>William Shakespeare</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2018-11-24T12:00:00Z">24.11.2018</time> </div> </div> <div> <div>Medialink</div> <div><a href="https://www.schauspiel-stuttgart.de/spielplan/a-z/romeo-und-julia/">Fotos auf der Homepage des Theaters</a></div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Oliver Frljic</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/644" hreflang="de">Stuttgart</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1766" hreflang="de">Schauspiel Stuttgart</a></div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Schauspiel</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>So., 25.11.2018 - 14:28</div> <div><span lang="" about="/user/109" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Manfred Jahnke</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/fullsizeoutput_4.jpeg?itok=TzI_l_7R" width="100" height="66" alt="Thumbnail" title="William Shakespeare: Romeo und Julia" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/fullsizeoutput_4.jpeg?itok=9vwz08PJ" width="1800" height="1200" alt="&quot;Romeo und Julia&quot; am Schauspiel Stuttgart" title="&quot;Romeo und Julia&quot; am Schauspiel Stuttgart" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Thomas Aurin</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>&quot;Romeo und Julia&quot; am Schauspiel Stuttgart. Benjamin Bouquet (Graf Paris), Nina Siewert (Julia)</div> </div> </div> </div> </div> Sun, 25 Nov 2018 13:28:56 +0000 Manfred Jahnke 10724 at https://die-deutsche-buehne.de Robert Icke nach Aischylos: Orestie https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/fernes-leid <span>Robert Icke nach Aischylos: Orestie</span> <span><span lang="" about="/user/50" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Detlev Baur</span></span> <span>Fr., 16.11.2018 - 09:54</span> <div><p>Der Anfang ist furios; mit großer Genauigkeit im Timing und mit einem intensiv spielenden Ensemble zeigt der englische Regisseur Robert Icke in diesem Remake seiner Londoner „Orestie“-Inszenierung von 2015 die drastische Tragik im Hause der Atriden. Klytaimnestra (Sylvana Krappatsch) und Agamemnon (Matthias Leja) sind zunächst einmal die Eltern von Elektra, Orest und der kleinen Iphigenie. Beim Abendessen verbinden sich Familienritual, Gottesdienst und Familienglück sowie kleine Reibereien zwischen den Generationen zu einem fast perfekten Glück. Doch wirken der Herrscher und seine Frau von Beginn an auch schwer belastet. Bei einem Auftritt im Fernsehen – durch den Raubvogel als Wappen, das bei der Live-Aufnahme auf zwei Bildschirme am Bühnenportal neben dem Staatsmann eingeblendet ist, mag man an den syrischen Gewaltherrscher der Gegenwart denken – wird deutlich, dass ein Krieg bevorsteht, das Familienglück bedroht ist.</p> <p>Hildegard Bechtler (Bühne und Kostüme) hat eine weite, halbrunde Apsis aus Backstein auf die Bühne gestellt. In diesem religiös und antik anmutenden Raum ist durch zwei hintereinander gelagerte Glasfronten mit großen Schiebetüren ein modernes Heim integriert. Hinter der zweiten Glaswand steht eine große Badewanne altargleich vor dem alten Stein. Die kleine Iphigenie im gelben Kleid (in der Premiere von der beeindruckend klar spielenden Aniko Sophie Huber gespielt) wird jedoch vom angekratzten Familien- und Staatsoberhaupt vor den Glasscheiben zur Strecke gebracht, ganz zivilisiert, unter medizinischer und juristischer Anleitung auf dem Schoß des Papas durch einschläfernde Medikamente. Auch diese Szene wird live gefilmt, dennoch schauen alle Augen direkt auf die Akteure. Hier wird fast unerträglich klar gezeigt, dass die Familie an diesem Kindstod und Mord zerbrechen muss; dass der Vater der Mörder im Auftrag des Staates ist, macht die bevorstehenden Katastrophen völlig unausweichlich. Sprachlich ist die Textfassung (in der Übersetzung von Ulrike Syha) gut gelungen. Damit ist die Vorgeschichte der „Orestie“ nicht nur erzählt, sondern unglaublich atmosphärisch gezeigt. Alles Weitere in der knapp vier stündigen Inszenierung folgt daraus – und ist leider nur noch ein zunehmend verblassender Widerschein der Familientragödie.</p> <p>Zum Auftakt des zweiten Teils, des Beginns der Trilogie des Aischylos, gibt es noch einmal eine Fernsehszene, die gar nicht so sehr zum Blick auf Bildschirme und die Projektion auf die Türe in der Mitte der Glaswand einlädt, sondern die Verbindung von Herrscherfamilie und Öffentlichkeit in unsere Gegenwart transportiert. Klytaimnestra begrüßt den müden Helden und Gatten mit von Trauer getrübten Worten, Agamemnon versucht öffentlich Haltung zu wahren. Der Mord an ihm und seiner Kriegsbeute Kassandra - Therese Dörr trägt ein gelbes Kleid, das an Iphigenie erinnert – läuft eher geschäftsmäßig und automatisch ab. Aigisth tritt erst später auf, von Matthias Leja gespielt und von Tochter Elektra (Anne-Marie Lux) als Vater angesehen; auch Iphigenie geistert immer wieder über die Bühne. Der tote Agamemnon mutiert beinah zum Vater Hamlets, der rächende Gerechtigkeit fordert. Im Zentrum steht nun auch der Hamlet-gleich verwirrte Orest (Peer Oscar Musinowski); von Anfang an tauchten er und die Psychotherapeutin (Marietta Meguid) vorne auf der Bühne auf und rahmen das Spiel als therapeutischen Rückblick des Patienten. Und nun spielt der Sohn des Hauses sich selbst, wird vom hysterischen Patienten zum Muttermörder und schließlich zum Angeklagten eines Gerichtsprozesses im Finale, dem dritten Teil dieser „Orestie“. Das ist dramaturgisch nicht sonderlich schlüssig, wenn die Ärztin zur Anklägerin wird, aber auch darstellerisch geht Musinowski die Präzision der Darsteller aus den ersten Szenen ab. Auch Michael Stiller als Menelaos und Felix Strobel als Berater Talthybios sind in den Szenen um den Tod Iphigenies herum wesentlich überzeugender als später in der Rolle von Verteidigern vor einem dubiosen Gericht mit Richterin Athene (Therese Dörr) hinter Glasscheiben. Paula Skorupa erledigt die eher undankbare Aufgabe Filmerin, Gerichtsdienerin und Pausenansagerin und somit eine Art Chorersatz zu sein, mit Bravour, indem sie eine bedeutungsvolle Ruhe in ihr Spiel legt. Das Publikum wird schließlich zur Abstimmung über den Mörder Orest gebeten; diese Öffnung des anfangs hermetischen Spiels, ist, wenn auch über das strikte Timing der zwei Pausen eine Publikumsbeteiligung schon angedeutet wird, nicht sonderlich überzeugend. Orest ist am Ende freigesprochen, wird aber vor dem Bild der toten Familie womöglich von sich aus noch den Freitod wählen.</p> <p>Über die zunächst grandios inszenierte Familientragödie hinaus hat diese „Orestie“ wenig zu erzählen über den Stand unseres Gemeinwesens. Die Einsicht des Chores, dass Tun, Leiden und Lernen zusammengehören in dieser Welt, wird zwar immer wieder von Familienmitgliedern geäußert, über das Konstatieren einer verzwickten persönlichen Situation führt das aber nicht hinaus.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Orestie</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Fernes Leid</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Robert Icke nach Aischylos</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2018-11-17T12:00:00Z">17.11.2018</time> </div> </div> <div> <div>UA/DE/DSE</div> <div>DSE</div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Robert Icke</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/644" hreflang="de">Stuttgart</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1766" hreflang="de">Schauspiel Stuttgart</a></div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Schauspiel</div> </div> <div> <div>Vorlage</div> <div>Aischylos: Die Orestie</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Fr., 16.11.2018 - 09:54</div> <div><span lang="" about="/user/50" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Detlev Baur</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/8698_orestie_3_fotograf_matthias_horn.jpg?itok=COBPEhXz" width="100" height="66" alt="Thumbnail" title="Aischylos: Orestie" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/8698_orestie_3_fotograf_matthias_horn.jpg?itok=SyWmAZsG" width="1800" height="1200" alt="Die erste Inszenierung des Engländers Robert Icke in Deutschland: Die &quot;Orestie&quot;" title="Die erste Inszenierung des Engländers Robert Icke in Deutschland: Die &quot;Orestie&quot;" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Matthias Horn</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Die erste Inszenierung des Engländers Robert Icke in Deutschland: Die &quot;Orestie&quot;</div> </div> </div> </div> </div> Fri, 16 Nov 2018 08:54:46 +0000 Detlev Baur 10715 at https://die-deutsche-buehne.de Wajdi Mouawad: Vögel https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/reise-nach-jerusalem <span>Wajdi Mouawad: Vögel</span> <span><span lang="" about="/user/50" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Detlev Baur</span></span> <span>Fr., 16.11.2018 - 09:47</span> <div><p>Die neue Intendanz am Schauspiel Stuttgart beginnt mit einer Familiengeschichte, die es in sich hat. Wajdi Mouawad verknüpft in „Vögel“ – wie schon in seinem Erfolgsstück „Verbrennungen“ – die Aufarbeitung komplexer Familienverhältnisse mit dem Nahost-Konflikt, und zugleich mit den Sehnsüchten und Ängsten in den Westen emigrierter Familienmitglieder. Der Beginn von Kosminskis Auftaktinszenierung ist aber auch ausgesprochen höflich – und polyglott: „Excuse me.“ Der junge Naturwissenschaftler Eitan verliebt sich in einer New Yorker Bibliothek in die Doktorandin Wahida. In Mouawads geschickt gebautem Werk, das Erzählkunst und filmische Szenenüberblendung zu einem stringenten Erzähltheater verbindet, überbrückt das Liebespaar wie im Flug zwei Jahre.</p> <p>Bei einer zentralen Familienszene am Esstisch versammelt der Berliner Eitan mit jüdischen Wurzeln dann seine Eltern und den Großvater zur Vorstellung der Freundin. Doch Wahida kommt gar nicht zu Tisch, sie muss im Treppenhaus die Auseinandersetzung zwischen Vater David und Eitan mitanhören. David entwirft als gebürtiger Israeli ein ob der Vergangenheit und aktuellen Bedrohung der Heimat verständliches, aber auch brutales, alle anderen ausschließenden Gesellschafts- und Familienbild. Eitan setzt seine bedingungslose Liebe zur arabischstämmigen Wahida dagegen. Mutter Norah, deren Eltern ihr Judentum gegen den Glauben an den Kommunismus eingetauscht hatten, will ihm ersparen gegen den Willen der Eltern zu heiraten und stellt sich so familiendialektisch gegen ihn. Schon wenig später liegt Eitan in Israel im Krankenhaus, nachdem er bei einem Bombenattentat verletzt wurde. Nun spürt Wahida seine Großmutter auf, sie hatte David und seinen Vater vor langer Zeit weggeschickt. Und langsam schält sich heraus, dass der kompromisslose Israeli David eigentlich ein palästinensischer Bauernjunge ist, der von Großvater Etgar in einem eroberten Dorf gefunden wurde – und wohl aus Erschöpfung adoptiert wurde. Was für ein Drama, in dem sich Familie und Weltpolitik verbinden! Nach diesem Schock stirbt David an einem Schlaganfall, nicht ohne im Koma den Grenzgänger Al-Hasan Al-Wazan aus dem 15. Jahrhundert zu sprechen, über den Wahida forscht.</p> <p>Mouawad lässt die Figuren selbst immer wieder auf den Konflikt von „Romeo und Julia“ anspielen, das Stück (mit dem nicht unbedingt treffenden Titel „Vögel“) ist aber auch eine Variation auf „Nathan der Weise“, wo Familien- und Feindschaftsverhältnisse im Nahen Osten gleichzeitig enthüllt werden. Mit einer Mischung aus südländischer Emotionalität, Hollywood-Rezepten, well-made Dramen- und Dialogkunst und souveräner Unparteilichkeit schafft Mouawad ein Stück, das ein paar Striche vertragen könnte, aber gewiss seinen Weg über die Bühnen machen wird. Zwischen Utopie und Verzweiflung angesichts der verfahrenen Situation im Nahen Osten spielt der inzwischen in Frankreich lebende gebürtige Libanese eine globale Familiengeschichte souverän durch.</p> <p>Die deutschsprachige Erstaufführung wird in Stuttgart fürs Publikum nicht einfacher dadurch, dass nur zum kleinen Teil deutsch gesprochen wird und englische, aber auch (größere) hebräische und (kleinere) arabische Teile übertitelt werden. Die Projektionsfläche dafür sind große weiße Papierwände, die, teils nach oben gezogen, die weite Drehbühne ansonsten in Zeit- und Spielräume strukturieren (Bühne: Florian Etti). In seiner Bühnenpräsenz und differenzierten Charakterdarstellung ist Itay Tiran als anfangs abwehrender und schließlich zerrissener David herausragend in einem noch etwas unebenen Ensemble; der Israeli ist ebenso neu im Ensemble wie Martin Bruchmann als Eitan, Amina Merai als Wahida und Silke Bodenbender als Norah. Die Großeltern werden von den Gästen Dov Glickman und Evgenia Dodina gespielt. Dodina gelingt es bemerkenswert eine schräge, kratzbürstige und liebenswerte Frau zu spielen.</p> <p>Insgesamt übersetzen Kosminiski und das Ensemble die Geschichte überzeugend auf die Bühne; mit einer Familienaufstellung, die immer in  Bewegung bleibt. Vater-Sohn-Konflikte, Geborgenheit und Enge von Familie, Ursprünge und Perspektiven in weltpolitischen Konflikten verbinden sich zu einem kleinen Welttheater. Der große, andauernde Jubel nach der Premiere zeigt, dass das Stuttgarter Publikum sich nach einem Theater gesehnt hat, das es ernst nimmt und ernsthaft die Fragen des Menschseins auf die Bühne bringt, quasi Geborgenheit durch offene Auseinandersetzung mit der Welt vermittelt.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Vögel</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Reise nach Jerusalem</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Wajdi Mouawad</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2018-11-16T12:00:00Z">16.11.2018</time> </div> </div> <div> <div>UA/DE/DSE</div> <div>DSE</div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Burkhard C. Kosminski</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/644" hreflang="de">Stuttgart</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1766" hreflang="de">Schauspiel Stuttgart</a></div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Schauspiel</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Fr., 16.11.2018 - 09:47</div> <div><span lang="" about="/user/50" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Detlev Baur</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/8655_voegel_3_fotograf_matthias_horn.jpg?itok=eAmGyny7" width="100" height="68" alt="Thumbnail" title="Wajdi Mouawad: Vögel" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/8655_voegel_3_fotograf_matthias_horn.jpg?itok=kj0OYcYq" width="1800" height="1200" alt="Die Uraufführung von Wajdi Mouawads &quot;Vögel&quot; in der Regie des neuen Intendanten Burkhard C. Kosminski" title="Die Uraufführung von Wajdi Mouawads &quot;Vögel&quot; in der Regie des neuen Intendanten Burkhard C. Kosminski" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Matthias Horn</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Die Uraufführung von Wajdi Mouawads &quot;Vögel&quot; in der Regie des neuen Intendanten Burkhard C. Kosminski</div> </div> </div> </div> </div> Fri, 16 Nov 2018 08:47:11 +0000 Detlev Baur 10714 at https://die-deutsche-buehne.de