Kiel https://die-deutsche-buehne.de/taxonomy/term/643 de Robert Habeck, Andrea Paluch: Neunzehnachtzehn https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/theatraler-geschichtsunterricht <span>Robert Habeck, Andrea Paluch: Neunzehnachtzehn</span> <span><span lang="" about="/user/88" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Jens Fischer</span></span> <span>So., 02.12.2018 - 13:18</span> <div><p>Schlechte Ernährung, standesdünkelige Schikanen der Chefs, unbändige Friedenssehnsucht und zäher Überlebenswille – machten 1918 Mut zur Befehlsverweigerung. Der revolutionäre Zündfunke erglühte in Wilhelmshaven gerade, als Heizer das „Feuer aus den Kesseln“ der Kriegsschiffe nahmen, um das Auslaufen zu einem ehrpusseligen Selbstmordkommando zu verhindern. Das hat Regisseur Michael Uhl mit <a href="https://landesbuehne-nord.de/stueck/feuer-aus-allen-kesseln-leer/">Ernst Tollers expressivem Theaterstück</a> an der Landesbühne Nord inszeniert und gleich noch ein <a href="https://landesbuehne-nord.de/stueck/marschdermatrosen/2018-09-09/">interaktives Hörspiel</a> dazu spendiert, das Stadtbummelanten unter Kopfhörern an Orten des Aufbegehrens mit den Perspektiven der Beteiligten vertraut macht. Da die als Vaterlandsverräter und Bolschewiken beschimpften Matrosen nach Kiel abkommandiert wurden, kochte der Widerstand dort dank Arbeiter- und Soldatenzulauf zum Aufstand hoch. Dessen Ideen von Frieden, Demokratie, Pressefreiheit und Frauenwahlrecht infizierten rasend schnell Menschenmassen im ganzen Reich. Ratzfatz ist der Kaiser abgesetzt und die Republik ausgerufen. So zog auch Uhl von Wilhelmshaven an die Förde und inszeniert die Fortsetzung der Geschichte: „Neunzehnachtzehn“.</p> <p>Der heutige Bundesgrünenchef Robert Habeck bereitete gerade seinen Einzug in den Schleswig-Holsteinischen Landtag und damit den Abschied von seinem Schriftstellerleben vor, als er 2008 mit seiner Ehefrau Andrea Paluch die wilden Zeiten auch als Selbstvergewisserung dramatisierte – ein revolutionsidealistischer Künstler verwandelt sich zum pragmatischen Politiker. Uhl besorgte die Uraufführung – und inszeniert das Stück nun zehn Jahre später noch einmal. Denn Kiel feiert sich gerade zum 100. Jahrestag des Matrosenaufstandes als „Geburtstort der Demokratie“. Spurensuche und Aufarbeitung erfolgt in Ausstellungen, mit Publikationen, Vorträgen, Filmen. Nachdem die Oper des Theaters Kiel mit der Uraufführung von Marco Tutinos <a href="https://www.theater-kiel.de/oper-kiel/repertoire/produktion/titel/falscher-verrat-urauffuehrung/">„Falscher Verrat“</a> das Thema kitschselig verweigert, die Historie als bunte Hintergrundfolie und die konkreten revolutionären Erregungsthemen nur als Aufputschmittel für eine klischeesatt amouröse Dreiecksgeschichte genutzt hatte, kann das Schauspiel die Bühnenehre retten.</p> <p>Anstatt die Uraufführung zu reanimieren, weitet Uhl das Stück zur „Reise durch das revolutionäre Kiel“. Die Besucher müssen sich am Einlass des Marine-Kasernengeländes, heute Museum und Geflüchtetenunterkunft, entscheiden, ob sie den Abend als Matrosen, Arbeiter oder Offiziere erleben wollen. Die Proletarier bekommen eine rote Lampe und werden ihre ganz eigenen Szenen erleben, ich nehme die blaue der militärischen Führungskaste. Ihre perfekt uniformierten und weiß behandschuhten Darsteller führen über die Adalbertstraße, benannt nach dem Marinekommandanten und Kaisersohn Adalbert von Preußen, und schwärmen im chronischen Brülltonfall anhand von Kriegsschiffquartettkarten von ihrer Flotte. Erklären ihren Auftrag im Sinne der imperialistischen Großmannssucht. Kein Wunder, dass sie im chorischen Gesang auch jubelnd die Kriegserklärung des Kaisers intonieren. „Es geht gegen England! Hurra!! Hurra!!! Hurra!!!!“ Tür auf zum einstigen Gefängnistrakt. In den engen Korridoren des leerstehend vor sich hinblätternden Gebäudes wird der Stumpfsinn des Wartens thematisiert. Da die deutsche Hochseeflotte der englischen deutlich unterlegen war, ließ der Kaiser sie gefechtsbereit, aber tatenlos auf Rede vor Wilhelmshaven liegen. Zu sehen sind in den Zimmerzellen nun begehbare Installationen und lebende Bilder. Trübsinnig spielt ein Admiral mit Spielzeugschiffen, eines ist in einer Badewanne untergegangen. Andernorts künden leere Sektflaschen von Gelagen, während ein Werbeplakat die neue Generation mörderischer Geschosse preist. Per Audiozuspielung ist zu hören, wie Matrosen über zu schlechtes und zu wenig Essen klagen, dazu werden die Speise- und Weinkartekarten der Offiziere verlesen. Ein prima Prolog ist dieses Raum-Klang-Erlebnis, aber leider ist es viel zu voll, viel zu wenig Zeit und viel zu kalt, um sich darauf einlassen können.</p> <p>Auf der Treppe zum Ausgang begegnen sich die Besuchergruppen. Matrosen beschimpfen die Offiziere, diese höhnen über die Matrosen. Ab und an konfrontiert Uhl die Beteiligten, ermöglicht aber leider keinen Rollentausch der Besucher. Einmal Offizier – den ganzen Abend über Offizier. Als solcher wird einem schließlich der Missmut gegenüber den anstehenden Waffenstillstandsverhandlungen erklärt. Lieber „ehrenvoll die letzten 2.000 Schuss gegen England abgeben und untergehen“, als Kriegsschuld und -niederlage akzeptieren, heißt es im Flüsterton. Ein Geheimbefehl wird verteilt. Dann die Nachricht vom Feuer aus den Kesseln. Auf nach Kiel, so die neue Losung. Mit einem Bus geht es zur ehemaligen Marine-Kommandantur, wo heute die Oberfinanzdirektion durchrenoviert. Beizuwohnen ist einer Debatte, wie den Revoluzzern zu begegnen sei. Zugeschaltet sind sie per Videoüberwachungs-Stream aus dem ehemaligen und immer noch genutzten Gewerkschaftshaus. Und weiter geht’s bei der Stadterlebnisrundfahrt. Mit Lichtblitzen der Taschenlampen wird in der Feldstraße, nahe der einstigen Arrestanstalt, gegen die Besuchergruppe der Proletarier „geschossen“.</p> <p>Schluss mit der Spielerei und hinein in eine Maschinenhalle der Marine. Der Klassengegensätze und Aufruhrstimmung zum Trotz dürfen alle Besucher gemeinsam Glühwein nippen, bevor sie einander gegenüber platziert werden. Dazwischen ein riesiger Verhandlungstisch (Ausstattung: Thomas Rump). Nun hebt das Stück von Habeck und Paluch an. „Wir sind hier in Deutschland, hier gibt es keine Revolution“, lautet die Ansage zum Untertanengeist. Es folgt die politische Auseinandersetzung als Beweis des Gegenteils. Ein Machtkampf. Der kerlige USPDler Fritz Kemp (Rudi Hindenburg), dem historischen Karl Artelt nachgebildet, gesellt sich zu seinesgleichen und bölkt seine Forderungen genauso wie die Offiziere ihre Befehle. Der aus Berlin abgesandte SPDler Gustav Noske (Zacharias Preen) platziert sich bei den Offizieren. Radikaler Heißsporn, der die alte Elite töten will, um neue sozialistische Verhältnisse schaffen zu können vs. kaltherziger Machtmensch, der die Unruhen anführen, disziplinieren, befrieden möchte und dabei die eigenen Interessen und die seiner Partei streng im Blick hat.</p> <p>Habeck hat Noske das eigene Problem der Politikerwerdung eingepflanzt. Ja, sagt Noske im Stück, Kemp habe Recht mit der Anklage gegen die unheilvolle Verknüpfung von Kapital und Krieg, den Fehlern der SPD und Marine. Aber das Volk sei eine „träge, dumme, gefährliche Masse“ – brechtisch hätte er auch „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“ anstimmen können. Da die Menschen hungerten, so Noske, könne man nicht Kapitalisten, Adel, Militärs erschießen und das Chaos befördern, sondern müsse es strukturieren, öffentliche Sicherheit wiederherstellen und im Schulterschluss ganz Deutschland sozialdemokratisieren. Die reine Lehre eines Idealismus führe in totalitäre Strukturen, der Kompromiss in die Demokratie. Während bei Habeck diese Position anfangs sehr positiv angelegt ist, macht Uhl von Beginn an deutlich, wohin Noskes Reise geht. Unsympathisch abweisend, arrogant bis autoritär lässt er ihn spielen – und spendiert die Quittung. Die mögliche Tragik der Kompromisse. Gerade hat Noske zwei Offiziere begnadigt und ihnen die Waffen zurückgegeben – da erschießen sie Kemp samt Freundin. Schließlich ist Noske in die Geschichtsbücher auch als „Bluthund“ eigegangen, der mit ultrarechten Freikorps den Spartakistenaufstand niedermetzeln ließ – und den roten Funken endgültig austrat. Später entfremdeten alte Machteliten und neue Rechte die Demokratieeuphorie zu nationalsozialistischem Jubel. War die Revolution nicht radikal genug?</p> <p>„Neunzehnachtzehn“ bietet unterhaltsamen theatralen Geschichtsunterricht. In dem Thesen beispielhaft vorgeführt, nicht die Geschehnisse kammerspielartig verdichtet werden. Die Schauspieler geben keine lebendig differenzierten Figuren, sondern sind im exemplarischen Disput ausgestellte Prototypen ihrer Positionen. Aber immerhin schimmert auch das Motto der Kieler 1918er-Feierei durch, also die Frage, was die Errungenschaften der Novemberrevolution heute noch bedeuten und wie sie gefährdet sind: „Kiel steht auf für Demokratie“. Denn „Neunzehnachtzehn“ ist gegen Kemp – ein unbeirrtes Plädoyer für Rechtsstaatlichkeit.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Neunzehnachtzehn</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Theatraler Geschichtsunterricht</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Robert Habeck, Andrea Paluch</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2018-12-01T12:00:00Z">01.12.2018</time> </div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Michael Uhl</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/643" hreflang="de">Kiel</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1920" hreflang="de">Theater Kiel</a></div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Crossover</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>So., 02.12.2018 - 13:18</div> <div><span lang="" about="/user/88" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Jens Fischer</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/neunzehnachtzehn_03.jpg?itok=-ASKBkrO" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Robert Habeck, Andrea Paluch: Neunzehnachtzehn" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/neunzehnachtzehn_03.jpg?itok=FyhCTNy8" width="1800" height="1200" alt="Vom Fenster aus schaut Prinz Heinrich zu: Im Hof des ehemaligen Gefängnistraktes einer Marine-Kaserne in Kiel wird die Hinrichtung der „Rädelsführer“ zweier meuternder Matrosen nachgespielt" title="Vom Fenster aus schaut Prinz Heinrich zu: Im Hof des ehemaligen Gefängnistraktes einer Marine-Kaserne in Kiel wird die Hinrichtung der „Rädelsführer“ zweier meuternder Matrosen nachgespielt" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Olaf Struck</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Vom Fenster aus schaut Prinz Heinrich zu: Im Hof des ehemaligen Gefängnistraktes einer Marine-Kaserne in Kiel wird die Hinrichtung der „Rädelsführer“ zweier meuternder Matrosen nachgespielt</div> </div> </div> </div> </div> Sun, 02 Dec 2018 12:18:44 +0000 Jens Fischer 10730 at https://die-deutsche-buehne.de Marco Tuttino: Falscher Verrat https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/revolution-mit-meersalz <span>Marco Tuttino: Falscher Verrat</span> <span><span lang="" about="/user/39" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Christian Strehk</span></span> <span>Mi., 07.11.2018 - 11:59</span> <div><p>Theater tun durchaus gut daran, die regionale Geschichtsidentität ihrer Stadt in Produktionen zu spiegeln. Das „Wir“-Gefühl zieht Zuschauer an. So wie in Lübeck jahrelang Erfolge damit gefeiert wurden, das Schaffen von Thomas Mann auf der Bühne sichtbar zu machen, setzt das Theater Kiel derzeit auf den Matrosenaufstand. Der hatte in der Fördestadt vor genau 100 Jahren den Kaiser zu Fall gebracht und den entscheidenden revolutionären Impuls zur Anbahnung der Weimarer Republik gegeben. Die Besatzungen der Großkampfschiffe wollten sich am Ende des Ersten Weltkriegs partout nicht zur „Ehrenrettung der Marine“ in völlig aussichtsloser Seeschlacht opfern lassen. </p> <p>Nach der doppelten Wiederauflage des zehn Jahre jungen Theaterstücks „Neunzehnachtzehn“ von Grünen-Chef Robert Habeck und Andrea Paluch durch das Schauspiel-Ensemble sowie plattdeutsch an der Niederdeutschen Bühne Kiel hat das Opernhaus jetzt auch seinen Erinnerungsbeitrag. Der Kompositionsauftrag ging, auf der durch Kontakte von Operndirektor Reinhard Linden zunehmend italienisch geprägten Bühne, etwas überraschend an den Mailänder „Neoromantiker“ Marco Tutino. Doch der gibt sich angesichts von norddeutschem November-Nebel und salzig-rußiger Seefahrer-und Kesselheizer-Thematik zumindest eine Spur knorriger als erwartet. Wie eine riesige Kolbendampfmaschine von der Howaldtswerft stampft seine Musik gegen den plötzlich hohen Wellengang der Geschichte an. In den hohen Registern des Orchesters schäumt und peitscht die Gischt, tief unten dröhnt und bebt der Stahlkoloss des Großkampfschiffes Helgoland. </p> <p>Der zum Ende der Saison scheidende Generalmusikdirektor Georg Fritzsch und die Philharmoniker gehen volle Kraft voraus, um das neue Operndrama zum wachsenden Kieler Stolz auf den epochemachenden Matrosenaufstand von 1918 emotionale Kraft zu verleihen. Mit riesigem Erfolg: In der Uraufführung von "Falscher Verrat"<em> </em>folgt einer Prise Buh der ganz große Bravo-Sturm.</p> <p>Der Norditaliener Tutino findet angesichts raubeiniger Matrosenschicksale und überreichlich vielen Hafen-Huren zu einer herben, nah an Pulsschlag und Nervengewitter entzündeten Marine-Musiksprache, die eigentlich nur in den etwas weinerlichen Arienabschnitten à la Puccini an Eindringlichkeit verliert. Allemal geraten die Protagonisten und der zupackende Chor (Einstudierung: Lam Tran Dinh) so ins Aussingen, dass an großem Opernformat kein Zweifel aufkommt. Da schwingen aber auch solidarisch Hanns Eisler, Paul Hindemith und die Russen des 20. Jahrhunderts mit, steckt (Selbst-)Ironie drin, poltern am Schluss die kaiserliche Siegerkranz- und proletarische Agitprop-Parolen heftig durcheinander: Völker hört die Signale – mal aus Kiel!</p> <p>Der Komponist konnte seine angstbesetzt düsteren Wogen ganz aus dem sehr geschickt gebastelten Libretto von Luca Rossi und Hamelns Theaterchef Wolfgang Haendeler entwickeln. In operntypisch gestelzter Künstlichkeit der deutschen Sprache schichten sich hier Verrätereien an vielen, an einzelnen und vor allem an den eigenen Idealen als Impulsgeber der Novemberrevolution.</p> <p>Der Regisseur Daniel Karasek folgt den Vorgaben penibel genau und hat mit seinem Team (Bühne: Lars Peter; Kostüme: Claudia Spielmann; Licht: George Tellos) dazu an Deck, in Kajüten und in Kieler Kemenaten stimmungsvoll Atmosphäre geschaffen. Nur in angedeuteten Schauplätzen und wie in einem herbstlich vernebelten Dokumentarfilm werden die handelnden Typen, meist mit projiziertem Seegang im Rücken, sehr plastisch charakterisiert.</p> <p>Der junge Heizer Gabriel Jensen, den Michael Müller-Kasztelan mit oft inbrünstig hochfliegendem Tenor als linken Revoluzzer und verletzten Liebenden rüstet, fordert seinen Vorgesetzten Arno von Stahl aufs Äußerste heraus: Tomohiro Takada zeigt mit kraftvoll strömendem Bariton anrührend, wie dem Kapitän „Seiner Majestät Schiff Helgoland“ aus dem Ruder läuft und er zwischen Zweifel und Treue zu humanistischen Idealen, zur Ehefrau, zu seiner Geliebten und zum Vaterland zerrieben wird. </p> <p>Trotz anrüchiger Profession als Prostituierte geht von Lola ein ehrlich liebesfähiges Leuchten aus, das zwar die beiden Männer verbrennt wie die Motten das Licht, aber ihre entsprechend verblendeten Entscheidungen glaubhaft werden lässt. Agnieszka Hauzer zündet dazu ihren jugendlich-dramatischen Sopran. Reichlich dicke kann man allerdings den symbolistisch überhöhten Schluss finden, wenn sie ihre Liebestoten an die Hand nimmt und als unsterbliche Helden in die (vorerst republikanische) Ruhmeshalle einer letztlich unaufhaltsam weiterlaufenden Historie führt …</p> <p>Neben Admiral Kropp (Jörg Sabrowski) wird noch dessen Tochter Elsa zur interessanten Figur: Tatia Jibladze singschauspielert in ihr das Paradox einer Stummfilm-Diva mit viel Fricka-Stimme und Sprachausdruck herbei, die den fatalen Standesdünkel in der elitären Marineleitung greifbar macht. So hat jetzt auch das Opernhaus am Kleinen Kiel eine wirkungsvoll konfektionierte Produktion mit heimatlichem Geschichtsbezug.</p> <p> </p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Falscher Verrat</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Revolution mit Meersalz</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Marco Tuttino</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2018-11-03T12:00:00Z">03.11.2018</time> </div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Daniel Karasek</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/643" hreflang="de">Kiel</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1920" hreflang="de">Theater Kiel</a></div> </div> <div> <div>Musikalische Leitung</div> <div>Georg Fritzsch</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Musiktheater</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Mi., 07.11.2018 - 11:59</div> <div><span lang="" about="/user/39" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Christian Strehk</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/mt_kiel_falscher_verrat.jpg?itok=Gde8TpAy" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Marco Tuttino: Falscher Verrat " typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/mt_kiel_falscher_verrat.jpg?itok=qm9ZG6vE" width="1800" height="1200" alt="Chor aus aufständischen Matrosen unter Führung des Heizers Gabriel (Michael Müller-Kasztelan) in Konfrontation mit den Kaisertreuen unter Flotillenkapitän Arno von Stahl (Tomohiro Takada)." title="Chor aus aufständischen Matrosen unter Führung des Heizers Gabriel (Michael Müller-Kasztelan) in Konfrontation mit den Kaisertreuen unter Flotillenkapitän Arno von Stahl (Tomohiro Takada)." typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Olaf Struck</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Chor aus aufständischen Matrosen unter Führung des Heizers Gabriel (Michael Müller-Kasztelan) in Konfrontation mit den Kaisertreuen unter Flotillenkapitän Arno von Stahl (Tomohiro Takada).</div> </div> </div> </div> </div> Wed, 07 Nov 2018 10:59:09 +0000 Christian Strehk 10708 at https://die-deutsche-buehne.de Sergej Rachmaninow: Francesca da Rimini / Aleko https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/toxische-leidenschaften <span>Sergej Rachmaninow: Francesca da Rimini / Aleko</span> <span><span lang="" about="/user/39" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Christian Strehk</span></span> <span>So., 29.04.2018 - 14:51</span> <div><p>Einakter haben’s schwer. Für einen vollgültigen Opernabend meist zu knapp bemessen, stellt sich die schwierige Frage nach stimmiger Kombination – der „Bajazzo“-Effekt. Im Kieler Opernhaus aber ist diesbezüglich ein Theater-Coup gelungen. Und das ausgerechnet mit zwei einaktigen Raritäten von einem Komponisten, den man als Pianisten und als Sinfoniker hoch schätzt, aber mit der Bühne kaum in Verbindung bringt: Sergej Rachmaninow.</p> <p><a href="http://www.valentinacarrasco.com/">Valentina Carrasco</a>, Regisseurin aus dem Zirkel der katalanischen Performance-Gruppe La Fura dels Baus, und Kiels Stellvertretender Generalmusikdirektor Daniel Carlberg kombinieren das studentische Frühwerk „Aleko“ (uraufgeführt 1893 in Moskau) und die spürbar reifere „Francesca da Rimini“ (UA 1906 ebenfalls am Bolschoi) nicht nur, sie verschränken sie sehr geschickt.</p> <p>Dantes höllisches Inferno hatte Rachmaninow als Prolog und Epilog für das doppelt tödliche Eifersuchtsdrama um die spröde<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Francesca_da_Rimini"> Francesca </a>gewählt: Hier verbüßen die ehebrüchige Schöne, ihr mordender Gatte Lanciotto und ausgerechnet sein Bruder Paolo als erstochener Nebenbuhler ihre Schuld – „Menschen, die den Verstand der Liebesleidenschaft unterwarfen“.</p> <p>In der Hölle werden Dante (Fred Hoffmann) und „Der Schatten von Vergil“ (Matteo Maria Ferretti) personifiziert mit dem Vocalisen-Geheul der verdammten Seelen konfrontiert; Seelen, die das größtmögliche Leid erleiden, da sie sich „im Unglück an vergangenes Glück“ erinnern. Hier komponiert Rachmaninow ganz nah am Abgrund des spätromantisch Möglichen, verschiebt verminderte Akkorde ins tonale Nirgendwo, jongliert gekonnt mit fahlen Orchesterfarben, verweigert in langen Steigerungswellen das Zeit- und Taktgefühl. Daniel Carlberg sucht und findet mit den Philharmonikern die Extreme zwischen kargem Knirschen und brennender Intensität – gern mutig an der Schmerzgrenze des Spielbaren.</p> <p>Die Inszenierung Carrascos agiert mit sehr professionell überblendeten Video-Sequenzen, die eine naturromantisch frei schwebende Möwe zu Rachmaninows quälend langsam heranraunendem Prolog fliegen lässt, die dann aber <span>–</span> fies weitet sich der Fokus – die Zivilisationshölle von sehr heutigen Müllbergen durchstöbert.</p> <p>Das Bühnenbild von Andrea Miglio und die Kostüme von Barbara del Piano werden die beklemmende Müll-Metapher immer wieder aufgreifen. Im Abfall waten die gesichtslosen Lemuren der Unterwelt, aus zumindest schick zum Leuchten gebrachten PET-Flaschenwänden wird später der Palast in Rimini erbaut sein und aus Plastiksäcken schälen sich nach dem Prolog auch die an den stinkenden Rand der Zivilisation verbannten „Zigeuner“, bei denen Aleko seine Frau Semfira und Zuflucht gefunden hat.</p> <p>Weil die affektmörderische Dreieckshandlung im Kern und in der Stimmfach- und Figurenkonstellation vollkommen identisch ist, die Zigeuner bewegend würdig urteilen und in der maximal präzisen und musikalisch feinfühligen Personenregie bewegt werden, ist das „Aleko“-Implantat gleich nach dem „Francesca“-Prolog ein echter Gewinn. Es spielt keine Rolle, dass die Musik um Grade konventioneller tönt und letztlich nicht wesentlich über die „Eugen Onegin“-Tradition hinausweist.</p> <p>Carrasco zeichnet die Tat Alekos/Lanciottos spannungsvoll als Endlosschleife, als stets drohenden toxischen Abfall der Liebesleidenschaft, zu jeder Zeit wahrscheinlich. In Pantomimen eines genau getimten Bewegungschors werden auch die Tanzmusik-Sequenzen in „Aleko“ als erotisch aufgeladene, aber ins Gewalttätige kippende Anziehungs- und Abstoßungsreaktionen zwischen den Geschlechtern auschoreographiert.</p> <p>Carlberg kann auf einen bestens von Lam Tran Dinh einstudierten Opern- und Extrachor zählen, der die Höllenlaute in den Rahmenteilen genauso stimmig von sich gibt wie die russisch-orthodox orgelnden Farben in „Aleko“.</p> <p>Die Titelpartien sind mit Jörg Sabrowski und Mercedes Acuri sehr gut besetzt. Der deutsche Bassbariton lässt das originalsprachliche Espressivo immer wieder ins expressionistisch Aggressive lappen. Die argentinische Sopranistin dosiert das blendende Auflodern der lyrischen Stimme von der Ehepflicht-Sparflamme zum Liebeswahn sehr genau. Der koreanische Tenor Yoonki Baek bietet dafür als „junger Zigeuner“ und Paolo eine frisch verlockende Projektionsfläche und Timo Riihonen erinnert mit opulenter finnischer Bassgewalt als Semfiras Vater zudem an die zugrundeliegende osteuropäische Stimmtradition.</p> <p>Das gesamte Team erntet für die restlos gelungene Einakter-Fusion großen Premierenjubel.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Francesca da Rimini / Aleko</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Toxische Leidenschaften</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Sergej Rachmaninow</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2018-04-28T12:00:00Z">28.04.2018</time> </div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Valentina Carrasco</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/643" hreflang="de">Kiel</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1920" hreflang="de">Theater Kiel</a></div> </div> <div> <div>Musikalische Leitung</div> <div>Daniel Carlberg</div> </div> <div> <div>Autor der Vorlage</div> <div>Dante Alighieri (Francesca da Rimini)</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Musiktheater</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>So., 29.04.2018 - 14:51</div> <div><span lang="" about="/user/39" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Christian Strehk</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/francesca_2.jpg?itok=v61XxKW4" width="100" height="62" alt="Thumbnail" title="Sergej Rachmaninow: Francesca da Rimini / Aleko" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/francesca_2.jpg?itok=pkIXv9LX" width="1800" height="1200" alt="Kalt ist die Welt" title="Kalt ist die Welt" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Olaf Struck</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Kalt ist die Welt. Mercedes Acuri und Yoonki Baek in Rachmaninows &quot;Francesca da Rimini&quot;</div> </div> </div> </div> </div> Sun, 29 Apr 2018 12:51:19 +0000 Christian Strehk 10543 at https://die-deutsche-buehne.de Feridun Zaimoglu, Günter Senkel: Luther https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/vom-fragen-zum-eifern <span>Feridun Zaimoglu, Günter Senkel: Luther</span> <span><span lang="" about="/user/148" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Ruth Bender</span></span> <span>So., 08.10.2017 - 14:44</span> <div><p>„Und wenn ich mich irre? Wenn ich es bin, der ein Kalb sieht, wo doch nur ein Kind in der Wiege liegt?“ Es sind wuchtige Worte, die der Mann im schwarzen Talar in den Raum spricht, ganz ruhig, wie einer, der schon weiß, wie das ist, mit den inneren Dämonen umzugehen. Im Clinch mit sich selbst, so zeigt das Autorenduo Feridun Zaimoglu und Günter Senkel Luther in seinem neuen, gleichnamigen Stück. Annette Pullen hat am Kieler Schauspiel, welches das Stück gemeinsam mit dem Landeskirchenamt beauftragt hat, die Uraufführung inszeniert.</p> <p>Zwischen den himmelhohen Wänden, die Bühnenbildnerin Iris Kraft aus rußgeschwärzten Holzpanelen gebaut hat, lässt die Regisseurin den großen Reformator um Klarheit und Wahrheit ringen. Ein bedrückend monumentales Verließ, in dem sie Luther mit den historischen Weggefährten Philipp Melanchthon und Lucas Cranach, der Ehefrau Katharina von Bora und drei fiktiven jugendlichen Sinnsuchern konfrontiert. Aufgehängt haben Zaimoglu und Senkel ihr Drama an dem historisch belegten Hexenprozess in Wittenberg, dem der damalige Bürgermeister Lucas Cranach im Dürrejahr 1540 willig stattgab. Im Stück treffen sie nun aufeinander, die hohen Herren von Stadt und Glauben, und die niederen Stände um die angebliche Hexe Prista Frühbottin und den Scharfrichter Magnus Fischer.</p> <p>Es ist ein Amalgam aus Gerüchten und Geschichten, aus Voyeurismus und Wahrheitssuche, das die Autoren in dem akribisch recherchierten Stück anzetteln, mit einer rohen archaischen Kunstsprache, die schon Zaimoglus im Frühjahr erschienenen Luther-Roman „Evangelio“ kennzeichnet und den Zuschauer wie im Rausch mitnimmt. Annette Pullen lässt die Inszenierung zwischen Disput und Leben schwingen, stellt strenge Stilisierung gegen lebhaftes Volkstheater. Und Zacharias Preen zeigt die Titelfigur als Prediger, Teufelsaustreiber, Lehrer, Beschwörer - flirrend zwischen Selbstzweifel und dem festen Willen, sich eben diesen auszutreiben. Auch um den Preis der Lüge: „Ich sehe Hexen, wo nur dunkle Schwaden Luft und Leere schwärzen …“</p> <p>Luther ist hier weniger die historische Ausnahmegestalt  als einer von etlichen, die im ausgehenden Mittelalter mit Gott, Kirche und der Unübersichtlichkeit der Welt hadern. Daneben erscheint Ehefrau Käthe, die ehemalige Nonne Katharina von Bora, als die wahre Hetzerin und Lucas Cranach, der Künstler mit Polit-Ambitionen, als gewissenloser Pragmatiker. Wie die Inszenierung dabei die Ähnlichkeit zu den Originalen betont, wirkt dazu so karikaturistisch wie emblematisch, macht die Figuren zu Maskenträgern, unter denen sich heute ganz andere verbergen könnten.</p> <p>Für Drive sorgen die Szenen um die angebliche Hexe Prista Frühbottin (Yvonne Rupprecht) und den Scharfrichter Magnus Fischer (Marko Gebbert) sowie die jugendlichen Sturmdränger. Olga von Luckwalds unbefangen energische Elsbeth sorgt für eine sehenswerte Junge-Liebe-Szene. An Jasper Diedrichsens Melanchthon-Jünger Christoph lässt sich ablesen, wie aus dem Fragen Eifern wird, und an Martin Borkerts Thomas das wachsende Unbehagen.</p> <p>Und weil die Sprache so brutal benennt, was ist, braucht es kaum eine Bebilderung der Gräuel, die Cranach ja tatsächlich in Holz schnitzen ließ. Es reicht, wie Yvonne Rupprechts Prista als blutig geschundenes Bündel Mensch herumliegt und die Würdenträger in ihren Talaren dem Horror wie im Kino als kauend-fiebernde Voyeure zusehen.</p> <p>Auch wenn die Gegenüberstellung manchmal etwas schematisch gerät, fast so, wie die Figuren es den Autoren vormachen - „Luther“ funktioniert im Jubiläumsjahr der Reformation als Historiendrama, das die großen Fragen geschickt zwischen Krimi und Liebesgeschichte einwebt. Zum vielsagenden Spiegel für die Fundamentalismen der Gegenwart und gewaltbereite Fanatiker wird das Stück dabei  ganz von selbst.</p> <p><em>Weitere Vorstellungen am 10., 18., 25., 27. Oktober, 1., 3. und 14. November.</em></p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Luther</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Vom Fragen zum Eifern</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Feridun Zaimoglu, Günter Senkel</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2017-10-07T12:00:00Z">07.10.2017</time> </div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Annette Pullen</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/643" hreflang="de">Kiel</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1920" hreflang="de">Theater Kiel</a></div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Schauspiel</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>So., 08.10.2017 - 14:44</div> <div><span lang="" about="/user/148" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Ruth Bender</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/luther_1.jpg?itok=pQMx0Y-t" width="100" height="71" alt="Thumbnail" title="Feridun Zaimoglu, Günter Senkel: Luther" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/luther_1.jpg?itok=o0WkmKcR" width="1800" height="1200" alt="Im monumentalen Verlies:" title="Im monumentalen Verlies:" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Olaf Struck</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Im monumentalen Verlies:. Luther (Zacharias Preen), Katharina von Bora (Jennifer Böhm), Lucas Cranach (Immanuel Humm)</div> </div> </div> </div> </div> Sun, 08 Oct 2017 12:44:26 +0000 Ruth Bender 10366 at https://die-deutsche-buehne.de Gioachino Rossini: Die Reise nach Reims https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/mitskizzierte-lust-am-unsinn <span>Gioachino Rossini: Die Reise nach Reims</span> <span><span lang="" about="/user/39" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Christian Strehk</span></span> <span>So., 29.01.2017 - 18:08</span> <div><p>Man kennt das ja inzwischen zur Genüge. Regisseure kommen sich wer weiß wie Up-to-date vor, wenn sie ihre Bühnenfiguren mit der Handkamera herumfummeln lassen oder über irgendwelche Screens böse Aktualitäten hinzublenden. Da brät wahrlich nicht immer etwas wirklich Gutes dabei heraus. Inzwischen ist technisch aber viel möglich. Und der Kult um die Berliner „Zauberflöte“ in Barrie Koskys bewegter Komischer Oper, wo die Animationsästhetik der Gruppe „1927“ eine Mischaura von Bühnenaktion, Stummfilm und Comic-Strip mit hohem Unterhaltungswert geschaffen hat, kommt nicht von ungefähr. Auch an der Staatsoper Hamburg spielte zuletzt Mozarts Notenhandschrift schon während der Ouvertüre comicmäßig verrückt.</p> <p>Und in Italien hat sich mit dem Freundesgespann Pier Francesco Maestrini (Regie) und Joshua Held (Cartoon und Konzeption) ein Team formiert, das 2010 für eine Tournee durch Brasilien Rossinis „Barbier“ als Zeichentrick-Film animierte, aus dem die Figuren dann als leibhaftige Sänger heraus und hineintreten. Letzteres hatte Kiels Operndirektor Reinhard Linden bei der Wiederauflage in Italien begeistert und dazu gebracht, die Technik des Agierens vor einem bühnenbreiten Zeichentrick-Prospekt in Kooperation der Theater in Kiel und Lübeck nach Schleswig-Holstein zu locken.</p> <p>Fliegende Pferde, phallische Flora und Fauna, wirre Weltbilder, Liebeshändel und Lobhudelei, Brexit und Banales: Hier geht wirklich alles durcheinander, wie es gerade kommt. Zum ungeteilten Vergnügen des Premierenpublikums an der Oper Kiel wird nun Gioacchino Rossinis mit Abstand durchgeknallteste komische Oper, "Il viaggio a Reims<em>"</em>, in ein Feuerwerk herrlich sinnlosen Amüsements verwandelt – klamaukige Rohrkrepierer inklusive. Dazu entfacht Daniel Carlberg mit den Kieler Philharmonikern ein prasselndes Rossini-Feuer, wie man es derart frech und rasant wahrlich nicht alle Belcanto-Tage geboten bekommt.</p> <p>Das gesamte, extrem virtuos geforderte Ensemble treibt somit auf eigenständige Weise den Trend zur Verquickung von Zeichentrick-Projektionen und kantatenhaft handlungsfreier Bühnenaktion voran, wobei sich – anders als im „Barbier“ – nur das befrackte Hotelpersonal als animiertes Eins-zu-Eins-Zitat auf der Leinwand wiederfindet. Was die im Badehotel zur „Goldenen Lilie“ auf dem Weg zur Krönung des vorletzten französischen Königs gestrandeten Multikulti-Europäer auch an Befindlichkeiten, Liebeshecheleien oder Verschrobenheiten von sich geben – es wird vom handgezeichneten und computeranimierten XXL-Cartoon im Hintergrund kommentiert, unernst überhöht und wo irgend möglich ad absurdum geführt. Regie und Ausstatter (Alfredo Troisi) verwandeln die Figuren in grelle Narrenkäfig-Karikaturen und drapieren das Hotelpersonal (Choreinstudierung: Lam Tran Dinh) sowie lauter schräge Vögel wie den Satyr, Zeus oder den mäßig treffsicheren Amor in rein virtuelle oder auch mal reale Zusatzmitspieler.</p> <p>Rossinis vokale Zumutungen werden am brillantesten von der argentinischen Sopranistin Mercedes Arcuri als modeverrückte französische Gräfin von Folleville hingezirkelt. Aber auch Tatia Jibladze hat als hier schwerst nymphomane polnische „Edelfrau“ Melibea in den Extremausschlägen ihrer „Contralto“-Partie ganz starke Passagen. Belcanto-Verzierungen als ausnotierte Lustschreie – auch mal schön ...!</p> <p>Agnieszka Hauzer (als jodelnde Hotelbesitzerin Madame Cortese) und Timo Riihonen (als italienischer Antiquitätenjäger Don Profondo) kennt man aus dramatischeren Stimmgefilden, ist aber ausgesprochen positiv überrascht von ihrer spürbaren Freude an Koloraturwitz. Die militaristischen Testosteron-Bomber verkörpern ein spanischer Admiral und ein russischer General: Tomohiro Takada erhält seinem Don Alvaro die Bariton-Würde des Machos, während Anton Rositskiy die irren tenoralen Höhenflüge des geilen Grafen von Libenskof wie Gazprom-Fackeln abbrennt. Lori Guilbeau fehlt es in der Überspannung der Premiere noch etwas an Lockerheit, um die kontrastierenden melancholischen Hymnen der Römerin Corinna ganz frei und sauber ausschwingen zu lassen. Aber sie hat ja auch viel damit zu tun, sich der unerhörten Anmache durch den französischen Lüstling Belfiore zu erwehren. Den rüstet der portugiesische Tenor João Terleira mit unbekümmertem Leichtmatrosen-Tonfall.</p> <p>Wie dann alle ausnahmsweise an einem Strang ziehen, um die „God-shave-the-queen“-Briten mit ihrem Whiskey-depressiven Lord Sydney (mächtig, aber auch mal etwas matt: Bass Matteo Maria Ferretti) im europäischen Boot zu halten, das macht wirklich Laune. Auch der deutsche Major von Trombonok, den Jörg Sabrowski schön aufgeblasen zwischen Einstein, Wagner-Karikatur und Merkel-Raute changieren lässt, trägt dazu bei. Dass es zwischendrin auch mal Leerstellen und Blödelei gibt – geschenkt! Der Spaß überwiegt.</p> <p>Daniel Carlberg unterfüttert den kross knatternden Orchestersound, in Kiel unüberhörbar in „historisch informierter“ Aufführungspraxis und Sitzordnung, durch die herrlich knorrigen Bässe des neuen „alten“ Hammerflügels. Freude bereiten auch die rauschhaft konzertanten Soli in Flöte (Ursula Freimuth) und Harfe (Birgit Kaar). Das vollständig verrückte Rossini-Experiment ist jedenfalls geglückt – zumindest als reine Unterhaltung. Aber das war bei der Berliner „Zauberflöte“ ja auch nicht anders ...</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Die Reise nach Reims</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Mitskizzierte Lust am Unsinn</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Gioachino Rossini</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2017-01-28T12:00:00Z">28.01.2017</time> </div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Pier Francesco Maestrini</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/643" hreflang="de">Kiel</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1920" hreflang="de">Theater Kiel</a></div> </div> <div> <div>Musikalische Leitung</div> <div>Daniel Carlberg</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Musiktheater</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>So., 29.01.2017 - 18:08</div> <div><span lang="" about="/user/39" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Christian Strehk</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/kk_mt_kiel_reims.jpg?itok=vgUCfAy_" width="100" height="71" alt="Thumbnail" title="Gioachino Rossini: Die Reise nach Reims" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/kk_mt_kiel_reims.jpg?itok=hbyAm4yg" width="1800" height="1200" alt="Don Alvaro (Tomohiro Takada), Don Profondo (Timo Riihonen), Baron von Trombonok (Ks. Jörg Dabrowski), Madame Cortese (Agnieszka Hauser), Marquise Melibea (Tania Jibladze) und Graf von Libenskof (Anton Rositskiy)" title="Don Alvaro (Tomohiro Takada), Don Profondo (Timo Riihonen), Baron von Trombonok (Ks. Jörg Dabrowski), Madame Cortese (Agnieszka Hauser), Marquise Melibea (Tania Jibladze) und Graf von Libenskof (Anton Rositskiy)" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Olaf Struck</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Don Alvaro (Tomohiro Takada), Don Profondo (Timo Riihonen), Baron von Trombonok (Ks. Jörg Dabrowski), Madame Cortese (Agnieszka Hauser), Marquise Melibea (Tania Jibladze) und Graf von Libenskof (Anton Rositskiy)</div> </div> </div> </div> </div> Sun, 29 Jan 2017 17:08:21 +0000 Christian Strehk 10189 at https://die-deutsche-buehne.de Feridun Zaimoglu/Günter Senkel/Shlomo Moskovitz: Die zehn Gebote https://die-deutsche-buehne.de/kritik/feridun-zaimogluguenter-senkelshlomo-moskovitz-die-zehn-gebote <span>Feridun Zaimoglu/Günter Senkel/Shlomo Moskovitz: Die zehn Gebote</span> <span><span lang="" about="/user/148" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Ruth Bender</span></span> <span>Do., 14.04.2016 - 12:24</span> <div><p><span>Apokalyptisches Szenario oder alltägliches Ringen: Die beiden Stücke, in denen sich das Autorenduo Feridun Zaimoglu und Günther Senkel und der israelische Dramatiker Shlomo Moshkowitz im Auftrag des Kieler Schauspiels mit den zehn Geboten des Alten Testaments auseinandersetzen, behandeln das biblische Gesetzeswerk ganz unterschiedlich. Jetzt wurden sie an einem gemeinsamen Abend in Kiel zu großem Beifall uraufgeführt und zeigen mindestens, wie stark sie im Zusammenleben wurzeln. <br /></span></p> <p><span>Für beide Inszenierungen hat Bühnenbildner Lars Peter ein gemeinsames Spielfeld gebaut, eine leicht schräge Ebene, im ersten Teil mit Asche bestreut und hinten von zur Wand gereihten Panelen begrenzt, im zweiten offen und leergefegt. Und so unterschiedlich wie die Texte sind auch die Regie-Handschriften von Annette Pullen (Zaimoglu/Senkel) und Dedi Baron (Moshkowitz), die sich darauf präsentieren.<br /></span><span> <br />Der erste Teil des Abends gehört den Kielern, und Annette Pullen, die 2003 mit "Halb so wild" das erste Stück von Zaimoglu / Senkel in Kiel uraufführte, baut ihnen einen strengen, kaltdüsteren Bilderbogen. Die Schauspieler marschieren auf durch bewegliche Panele, die als Stelen wie Standarten taugen: die Soldaten mit ihren unterschiedlichen Dienstgraden, die Frau, die Tante, der Sohn. Menschliche Zerrbilder, die mit kühler Akribie die Szenen der Verrohung abarbeiten. Isabel Baumgart als Nazi-Schranze so wendig wie als tugendhafte Rotarmistin. Zacharias Preen ein Bild von einem Sadisten-Hauptmann, Christian Kämpfer der Obergefreite mit einem Rest von Erbarmen. Rudi Hindenburg und Felix Zimmer so traumatisierte wie hirnlose Soldaten.</span></p> <p><span>Namen tragen hier nur die Russen. Georgi, der kriegerische Geistliche, oder Wassilij, sein Sohn. Und dass hier manche in Doppelrollen auf beiden Seiten der Front auftauchen, ist nur folgerichtig: Yvonne Rupprecht als besoffene Tante daheim im Reich wie als Mutter, die die verhungernde Tochter Zenja (Magdalena Neuhaus) verzweifelt am Leben hält. Und Kammerschauspielerin Almuth Schmidt ist mal die Leiche, deren Essensrationen den Hungernden Aufschub gewähren, mal der kriegszerstörte Opa. <span> </span></span></p> <p><span>Dürr sind die Sätze, karg und archaisch die Worte, in denen das Kieler Autorenduo ausgehend von der Belagerung Leningrads durch die Deutschen menschliche Zerrbilder entwirft, in denen sich die fortschreitende Brutalisierung eindrucksvoll spiegelt. Ort- und zeitentrückte Episoden, die die Regisseurin aber deutlich auf den konkreten historischen Anlass hin nachschärft. So klar, dass am Ende kaum Fragen bleiben.</span></p> <p><span>Sinnlicher, komischer und privater geht es nach der Pause rund um Adam zu, den Offizier, der im Libanonkrieg die Belagerung Beiruts verweigert – im Privatleben aber mit der Familie, Kameraden und verflossenen Geliebten hadert. Von der Tochter, die den Militärdienst verweigert, bis zum Vater mit dem Holocaust-Trauma hat hier fast jeder seine Leiche im Keller. Da stellt Moshkowitz seinem Helden – Marco Gebbert spielt ihn zwischen großem Jungen und Berserker - eine gewitzte Eselin (herrlich vorwurfsvoll präsent: Jessica Ohl) zur Seite, was schon mal für einen witzig ironischen Schlagabtausch in Sachen Moral, Holocaust und Nahostkonflikt sorgt. Und die Frage aufwirft, ob das überhaupt vergleichbar sei.</span></p> <p><span>Auch danach wird wortreich disputiert, Moshkowitz befragt und diskutiert den Text. Und er dekliniert anhand der Gebote und Familienmitglieder die Versatzstücke israelischer Identität durch – was die Geschichte leider ziemlich vom Grundthema und dem schön farcehaften Beginn entfehnt. Dedi Baron, gern gesehener Regie-Gast in Kiel, fängt das in ihrer mal handfest, mal poetisch flirrenden Inszenierung nur zum Teil wieder ein. Wenn der Kinderchor der Heiligengeist-Gemeinde die Gebote intoniert – als Chor, Mantra oder Mentetekel. Oder wenn sich auf dem Boden ein blutrotes Orientteppichpuzzle ausbreitet, weil die Kriege im kollektiven Gedächtnis längst ununterscheidbar geworden sind.</span></p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Die zehn Gebote</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Feridun Zaimoglu/Günter Senkel/Shlomo Moskovitz</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2016-04-15T12:00:00Z">15.04.2016</time> </div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Annette Pullen/Dedi Baron</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/643" hreflang="de">Kiel</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1920" hreflang="de">Theater Kiel</a></div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Schauspiel</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Do., 14.04.2016 - 12:24</div> <div><span lang="" about="/user/148" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Ruth Bender</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/kk_schau_kiel_gebote.jpg?itok=DI0j-7hc" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Feridun Zaimoglu/Günter Senkel/Shlomo Moskovitz: Die zehn Gebote" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/kk_schau_kiel_gebote.jpg?itok=I3M-SZg1" width="1800" height="1200" alt="Sveta (Yvonne Ruprecht) und Zenja (Magdalena Neuhaus)" title="Sveta (Yvonne Ruprecht) und Zenja (Magdalena Neuhaus)" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Olaf Struck</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Sveta (Yvonne Ruprecht) und Zenja (Magdalena Neuhaus)</div> </div> </div> </div> </div> Thu, 14 Apr 2016 10:24:22 +0000 Ruth Bender 9984 at https://die-deutsche-buehne.de Toshio Hosokawa: Matsukaze https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/exotik-im-schattenreich <span>Toshio Hosokawa: Matsukaze</span> <span><span lang="" about="/user/49" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Detlef Brandenburg</span></span> <span>So., 03.05.2015 - 01:17</span> <div><p>Die Uraufführung von Toshio Hosokawas Oper „Matsukaze“ 2011 an der Opéra La Monnaie in Brüssel war ein ziemlicher Hype. Der allerdings verdankte sich weniger der nervenfeinen Musik des 1955 in Hiroshima geborenen, sowohl durch die Traditionen seiner Heimat wie durch die westeuropäische Avantgarde geprägten Komponisten als vielmehr der szenischen Umsetzung durch die Berliner Star-Choreographin Sasha Waltz. Das war enorm faszinierend. Aber viele der Rätsel, die durch das von der Librettistin Hannah Dübgen bearbeitete No-Theater des Meisters Zeami aus dem frühen 15 Jahrhundert ins Spiel kommen, blieben dabei offen – was für eine neue Inszenierung ja eine attraktive Herausforderung sein könnte. Und man muss anerkennen, dass der Regisseur Matthias von Stegmann gemeinsam mit seinem Ausstatter Walter Schütze an der Oper Kiel durchaus nach eigenen Wegen durchs exotische Dickicht sucht. Aber so richtig ans Ziel kommt auch er nicht. Am Ende war der Vorhang zu, viele Fragen aber blieben offen.</p> <p>Kann es anders sein bei diesem Rätselspiel? „Matsukaze“ erzählt trotz des auf eine Hauptperson zielenden Titels von der unglücklichen Liebe zweier Schwestern, der Salzwäscherinnen Matsukaze und Murasame, zu dem Adeligen Yukihira. Als dieser in die Hauptstadt abreist, hinterlässt er das Versprechen, zurückzukehren, wenn er die Sehnsucht rufen hört. Doch eine Krankheit rafft ihn dahin, und die beiden Schwestern werden zu Sklavinnen dieser Sehnsucht. Ihre Liebe hält sie fest in einem Zwischenreich zwischen Leben und Tod, unfähig, in die Welt der Schatten einzugehen. Jahrhunderte später trifft ein Mönch auf seiner Wanderschaft auf ihr Grab unter einer Kiefer am Strand von Suma. Im Schlaf erscheinen ihm die beiden Schwestern in ihrem Salzhaus, durch sein Gebet erlöst er sie. Sie tanzen einen ekstatischen Tanz und werden im Tod endlich eins mit dem Geliebten. Der Mönch aber erwacht am nächsten Morgen in einer bezaubernd gelösten Naturstimmung: Die Geister der Toten sind fort, aber „letzte Regentropfen auf den Nadeln der Kiefer glänzen im Morgenlicht, vergehen im Sonnenschein bis Wind allein weht in den Kiefern …“</p> <p>Hosokawas Musik fängt solche Naturstimmungen in spinnwebenzarten Klängen ein. Die Töne selbst scheinen Naturereignisse, eins webt sich aus dem anderen, die Flöte singt ihre Melismen, Streicher flirren, japanische Windglocken klingeln. Der Chor wird als Teil des Orchesters geführt, haucht Laute, singt Echos der Worte der Solisten. Und selbst diese teils sehr virtuosen, aber durchweg lyrisch geführten Solstimmen bieten keine Opern-„Nummern“, sondern mäandern ganz organisch, bis sich der Zwiegesang der Schwestern zu einer dramatischen Klimax steigert. Sehr seltsam das.</p> <p>In Kiel spielt die erste Szene vor einem gewaltigen, dunkelsilbern schimmernden Tor, vor dem der Mönch einem Fischer begegnet, der ihm die Geschichte der Schwestern erzählt. Wenn die Pforten sich öffnen, tut sich deren Zwischenreich auf: eine käfigartige, variable Gitterarchitektur mit einer weiß leuchtenden Salzpyramide inmitten, auf die gelegentlich von oben das Salz rieselt wie der Sand in einem Stundenglas, im Lichtdesign von Martin Witzel verführerisch schimmernd. Nicht ganz so verführerisch ist das laute Klappern einiger Verwandlungen, das Hosokawas Musik wenig vorteilhaft bereichert. Walter Schützes Kostüme spielen erkennbar auf die opulenten Gewänder des No-Theaters an, ohne diese allerdings historisch zu zitieren. Und auch Matthias von Stegmanns Personenführung folgt dem Prinzip einer strengen Slow-Motion-Stilisierung, bezieht ihr Mienen- und Gestenrepertoire aber ebenfalls nicht aus dem No-Spiel, sondern aus realistisch überzeichneten Ausdruckgesten – was im Endeffekt an die exaltierten Gesten des expressionistischen Stummfilms erinnert.</p> <p>Dabei setzt von Stegmann durchaus eigene Akzente. Die beiden Schwestern werden nicht im eigentlichen Sinne erlöst, sie erwürgen sich gegenseitig und gehen dann in der Masse der Schatten auf, die den ganzen Abend sehr effektvoll die Bühne bevölkern. Der dunkle Strom der Schatten verschlingt am Ende sogar den Mönch, so als hätten ihn die schönen Schwestern, den Undinen der europäischen Romantik gleich, ins Reich des Todes gelockt. Wohin diese Umdeutung führen soll, hat sich mir allerdings nicht erschlossen. Auch in Kiel bleibt es beim schönen Rätselspiel, attraktiv exotisch anzusehen zwar, aber sehr selbstgenügsam ein seiner dekorativen Hermetik.</p> <p>Kiels Erster Kapellmeister Leo Siberski leitet das vorzüglich agierende Philharmonische Orchester zu facettenreichem Spiel an, mit schönen Linien, Akzenten oder Klangflächen der Flöte, des Schlagwerks, der Streicher. Bei der Premiere trug Siberski die Farben allerdings vor allem zu Beginn ziemlich dick auf und übertünchte dadurch viel von Hosokawas subtiler Intensität. Lesia Mackowycz singt die Matsukaze wunderbar schlank und klar fokussiert und kommt damit Hosokawas Stilistik sehr viel näher. Jihee Kim gibt ihrer Murasame helles, sinnlich schönes Timbre, ist allerdings manchmal etwas ausladend im Klang. Timo Riihonen ist ein etwas forciert orgelnder Mönch, Christoph Woo ein klar konturierter Fischer. Der Opernchor singt seinen Part ausgezeichnet, die Statisterie in schwarzem Samurai-Outfit lässt vor den Augen der Zuschauer ein einprägsames Totenreich erstehen. Am Ende begeisterter Applaus für alle Beteiligten.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Matsukaze</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Exotik im Schattenreich</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Toshio Hosokawa</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2015-05-02T12:00:00Z">02.05.2015</time> </div> </div> <div> <div>Medialink</div> <div><a href="http://www.theater-kiel.de/oper-kiel/repertoire/produktion/titel/matsukaze/">Audioeinführung auf der Homepage der Oper Kiel</a></div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Matthias von Stegmann</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/643" hreflang="de">Kiel</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1679" hreflang="de">Oper Kiel</a></div> </div> <div> <div>Musikalische Leitung</div> <div>Leo Siberski</div> </div> <div> <div>Autor der Vorlage</div> <div>Zeami</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Musiktheater</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>So., 03.05.2015 - 01:17</div> <div><span lang="" about="/user/49" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Detlef Brandenburg</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/matsukaze9.jpg?itok=T7emJE9J" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Toshio Hosokawa: Matsukaze" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/matsukaze9.jpg?itok=FpKzDDmX" width="1800" height="1200" alt="matsukaze9.jpg" title="matsukaze9.jpg" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>In der Liebe zum selben Mann vereint, in ihrer Sehnsucht gefangen: Lesia Mackowycz (Matsukaze) und Jihee Kim (Murasame)</div> </div> </div> </div> </div> Sat, 02 May 2015 23:17:47 +0000 Detlef Brandenburg 9724 at https://die-deutsche-buehne.de Cristóbal Halffter: Schachnovelle https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/literatur-plus-utopie <span>Cristóbal Halffter: Schachnovelle</span> <span><span lang="" about="/user/39" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Christian Strehk</span></span> <span>Mo., 27.05.2013 - 15:27</span> <div><p>Kiel. Die Literaturoper lebt. Im Kieler Opernhaus hat der spanische Grandseigneur der Tonkunst, Cristóbal Halffter, nach der Deutschen Erstaufführung seines „Don Quijote“ und der Uraufführung von „Lazaro“ nun als Auftragswerk Stefan Zweigs berühmte „Schachnovelle“ als brennend emphatischen 100-Minuten-Einakter herausgebracht. Der kühne, aber insgesamt gelungene Versuch, aus der stimmungsdichten Erzählung ein bühnenwirksames Libretto zu formen, stammt von Wolfgang Haendeler. Der einstige Kieler, inzwischen am neuen Opernhaus in Linz tätige Chefdramaturg hat die Rückblenden der Vorlage gemieden und einen kontinuierlichen Handlungsstrang entworfen.</p> <p>Die erste Szene über die Kindheit des später unnahbar hochmütigen Schachweltmeisters Czentovic (imposant: Tomohiro Takada) scheint in der pausenlosen, in der Mitte von einem aggressiven „in tempora belli“-Orchesterzwischenspiel geteilten Oper noch entbehrlich. Da wo sich in Alban-Berg-Manier die Stützen der Gesellschaft (wie der herrlich hysterische Tenor Fred Hoffmann als „Koller“) Profit durch das Wunderkind erhoffen, vergewissert sich die Literaturoper noch sehr konventionell ihrer literarischen Vorlage, ohne dass sich daraus zwingende Konsequenzen für das Folgende ergeben. Doch mit der Verhaftung der viel wichtigeren Figur des Rechtsanwalts Dr. Berger durch die seit 1938 auch in Wien aktive Staatspolizei zieht die Halffter-Haendeler-Transformation der Novelle in ihren Bann. Ein schräger, aber eindringlicher Kunstgriff gelingt mit der Besetzung des Gestapo-Offiziers durch einen Countertenor: Michael Hofmeister lässt ihn enervierend als Verschnitt zwischen Goebbels und Christoph Waltz’ Tarantino-Oberst Landa krähen.</p> <p>Auf Drängen des Komponisten, der in Deutschland und seiner Heimat Spanien den Ungeist faschistischer Regime erlebt hat, hat Haendeler der Oper eine Art „lieto fine“ angestrickt, das in seiner utopischen Gestimmtheit über Zweigs offenes Ende weit hinausweist: Das große Nichts ist hier überwunden, das geistlos Böse scheint besiegt. Dr. Berger steht nach der finsteren Zeit des Nationalsozialismus wieder in seinem einstigen Zimmer-Kerker des zur gefürchteten Gestapo-Zentrale missbrauchten Hotel Metropol in Wien – und hält ein Buch in der Hand: eben die berühmte Schachnovelle, flammende Schrift des Widerstandes durch die Kraft menschlichen Denkens. Der Gutmensch Dr. Berger, den Jörg Sabrowski großartig mit viel Wotan-Sonorität, Wahnsinnspotential und Wortgewalt singt und lebendig macht, will nun „eine Welt aufbauen, wo Geist und Würde nicht mehr schutzlos sind“.</p> <p>All das könnte kitschig entgleisen, wäre da nicht Halffters immer noch von jugendlich wilder Energie durchglühte, den Ersthörer nicht selten aggressiv überfordernde Musik. Unter der Leitung von Generalmusikdirektor Georg Fritzsch lassen sich die groß besetzten Kieler Philharmoniker bravourös darauf ein, ihre individuelle Stimme, die immer wieder in Chromatik und Glissandi wegzurutschen und im Zeitkontinuum verloren zu gehen droht, im großen Tonströmen zu bündeln. In dieses Brausen der klassischen Moderne integriert der mit allen Wassern der Tradition gewaschene Halffter auch mal Inzidenzmusik wie die Straußsche „Annen-Polka“, um Gäste auf dem Passagierdampfer zu unterhalten. Anders als Alexander Schulin in den vorangegangen Opern Don Quijote und Lazarus tritt Regisseur Daniel Karasek nicht an, Halffters Klangsturm eigene Bilderwelten und Interpretationsideen entgegen zu stemmen. Seine Inszenierung präsentiert die Handlung in Setzkasten-Tableaus, um sie möglichst (über)deutlich zu machen. So wird das Zuschlagen der Tür zur Freiheit sogar mit der Comic-Klanglupe über Lautsprecher vergrößert.</p> <p>Das hat ästhetisch etwas von sauber gearbeiteten Infotainment-Dokumentardramen à la Vilsmaier. Hier wie dort wird man auf dem 30er-Jahre-Schick (Kostüme: Claudia Spielmann) keinen Fleck aus Blut und Tränen finden. Dazu trägt auch das hoch- und weiträumige Bühnenbild von Norbert Ziermann bei, das mit seinen bedrohlich leer gähnenden Bücherregalen und in verblendend leuchtendem Kreuzfahrt-Weiß bis auf zwei, drei störende Verwandlungsschnitte gut funktioniert. Trotzdem ist es spürbar schwer, im notwendigen Voran der Bühnenadaption die mehrmonatige Isolationshaft Bergers atmosphärisch zu fassen und das bei Zweig so quälend intensiv beschriebene Stehlen des ersehnten Buches angemessen zu erzählen. Auch die Komposition wirkt hier allzu atemlos knapp. Die stärkste Intensität entwickelt dennoch die anschließende Vierte Szene. Zum einsamen Klagen der Solo-Bratsche, zum suggestiven Hineinsteigern Sabrowskis in den schizophrenen Schach-Wahn und zum herbeihalluzinierten Stimmengebraus der Schachfiguren (Choreinstudierung: Barbara Kler) kann Karasek zudem auf die unwiderstehliche Wirkungsmacht der aufwändigen Videoprojektionen von Konrad Kästner zählen. Da gehen dann Bild und Ton suggestiv Hand in Hand. Das gelingt bei der zweiten „Schachvergiftung“ auf der Schiffspassage – mit hinzugedichteter Krankenschwester (Heike Wittlieb) und dem spielsüchtig fiebernden McConnor (stark: Tenor Michael Müller) – nicht gleichwertig. Wie aber Cristóbal Halffter schließlich die Musikfarbe ins Aufgeklärte wechselt, als Dr. Berger plötzlich hellsichtig sein Sendungsbewusstsein erlangt, verfehlt seine Wirkung nicht. Im Beisein von Kollegengrößen wie Peter Ruzicka oder Aribert Reimann wird der glücklich strahlende 83-Jährige dafür nachhaltig gefeiert.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Schachnovelle</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Literatur plus Utopie</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Cristóbal Halffter</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2013-05-18T12:00:00Z">18.05.2013</time> </div> </div> <div> <div>UA/DE/DSE</div> <div>UA</div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Daniel Karasek</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/643" hreflang="de">Kiel</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1920" hreflang="de">Theater Kiel</a></div> </div> <div> <div>Musikalische Leitung</div> <div>Georg Fritzsch</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Musiktheater</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Mo., 27.05.2013 - 15:27</div> <div><span lang="" about="/user/39" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Christian Strehk</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/kk_mt_kiel_schachnovelle.jpg?itok=xQA-KJ56" width="100" height="65" alt="Thumbnail" title="Cristóbal Halffter: Schachnovelle" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/kk_mt_kiel_schachnovelle.jpg?itok=7t9HtyUL" width="1800" height="1200" alt="&quot;Schachnovelle&quot; am Theater Kiel" title="&quot;Schachnovelle&quot; am Theater Kiel" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>struck-foto</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>&quot;Schachnovelle&quot; am Theater Kiel. Jörg Sabrowski (Dr. Leo Berger)</div> </div> </div> </div> </div> Mon, 27 May 2013 13:27:17 +0000 Christian Strehk 9107 at https://die-deutsche-buehne.de Yaroslav Ivanenko: Requiem https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/tanz-im-ungefaehren <span>Yaroslav Ivanenko: Requiem</span> <span><span lang="" about="/user/148" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Ruth Bender</span></span> <span>Di., 18.12.2012 - 15:16</span> <div><p>Es war eine Herausforderung: Giuseppe Verdis gewaltiges „Requiem“, das von Zeitgenossen des Komponisten nicht umsonst den Titel „Oper im liturgischen Gewand“ erhielt, als Ballett auf die Bühne zu bringen. Kiels Ballettchef Yaroslav Ivanenko, der Schleswig-Holsteins Landeshauptstadt in seiner ersten Spielzeit einen zuckersüßen „Nussknacker“ und eine neoklassische Adaption von Tschechows „Drei Schwestern“ bescherte, hat es gewagt und nähert sich der eindringlichen Musik, ohne sich bildmäßig vorzudrängeln. Die Tänzer hat Kostümbildnerin Elisabeth Richter in stille Farben gewandet. Norbert Ziermann arbeitet im schlichten, klar gegliederten Bühnenbild mit Andeutungen christlich-kirchlicher Symbolik, teilt die Bühne zum Triptychon, lässt Leuchtbalken vom Bühnenhimmel schweben und formiert sie zu Kreuzfiguren.</p> <p>Am Anfang ist Michelangelos Pièta. Ein lebloser Körper (Nikolaos Doede) hingegossen auf Marias (Agniezska Hauser) Schoß, während die Einleitung zu Verdis „Requiem“ von flirrender Tonlosigkeit anschwillt ins melodische „Kyrie eleison“. Allmählich wird dazu der Chor sichtbar, hinter dem Paar zur Wand gestaffelt auf drei Ebenen wie die Apostel und Evangeliare auf dem Altaraufsatz. Ein schlichtes starkes Bild, das der Musik standhält, ohne ihr Konkurrenz zu machen.</p> <p>Zum zornigen „Dies irae“ öffnet sich die Wand, schafft Raum für die Tänzer. Die umwimmeln und umflattern einander. Sie fallen und stehen auf, verclustern und verklumpen zu bizarren Skulpturen oder lösen sich in schwebenden Linien. Schmerz lässt sich da herauslesen, stille Trauer, Vergeblichkeit. Die Leidensgeschichte Jesu kommt einem in dem Sinn, wenn Ivanenko immer wieder Kreuzigungsfiguren variiert. Und auch an menschliche Höllen mag man denken sowie an Dante, den der Choreograf im Programmheft als nur eine seiner Inspirationsquellen nennt.</p> <p>Ivanenko legt nichts fest, verlässt sich ganz aufs Assoziative der Bewegung. Das ist die Stärke und die Schwäche des Abends, an dem die Bilder oft im Ungefähren der Stimmung hängenbleiben und der Tanz selten auf Augenhöhe mit Verdis Musik agiert. Es gibt wunderbar filigrane Pas de Deux-Passagen, in denen die Solisten Victoria Lane Green und Nikolaos Doede mit stillem Ausdruck glänzen und einen Hauch von Verdis Totenklage atmen. Aber es gibt auch die Standards der Gruppenformation, die sich einfach auf die Musik drauflegen: Da gestalten die Männer das hymnische „Sanctus“ als sportlich fröhliche Leistungsschau, feiert das Lux Aeterna die Frauen als weiß gewandete Unschuld. Dabei hat der Choreograf den Blick auch für die andere Seite der Form. Dann sieht man den Bewegungsfluss brechen, einen Arm erschlaffen oder eine Figur ins Taumeln geraten, bevor sie sich wieder fängt.</p> <p>Ein echter Dialog zwischen Musik und Tanz entsteht so nicht. Bei allem Einsatz von Ivanenkos junger hochmotivierter Compagnie, der es gleichwohl noch etwas an Reife und Ausdruck fehlt, bleibt die Musik der Star. Nicht umsonst stehen die Sängersolisten Agnieszka Hauser, Marina Fideli, Yoonki Baek und Petros Magoulas auch ganz konkret im Vordergrund, während der stimmstarke Opernchor die Folie für den Tanz liefert. Und darüber strahlen Kiels Philharmoniker, die Verdis „Messa da Requiem“ unter Generalmusikdirektor Georg Fritzsch im vollen Bewusstsein der Gegensätze von schwebender Schwerelosigkeit bis zu den massiven Ausbrüchen ausformen. Ein lohnendes Experiment bleibt der Ballettabend trotzdem. Auch wenn an dessen Ende vielleicht die Erkenntnis steht, dass der Tanz hier eher Begleiterscheinung bleiben muss.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Requiem</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Tanz im Ungefähren</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Yaroslav Ivanenko</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2012-12-15T12:00:00Z">15.12.2012</time> </div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/643" hreflang="de">Kiel</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1920" hreflang="de">Theater Kiel</a></div> </div> <div> <div>Musikalische Leitung</div> <div>Georg Fritzsch</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Tanz</div> </div> <div> <div>Komponist</div> <div>Giuseppe Verdi</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Di., 18.12.2012 - 15:16</div> <div><span lang="" about="/user/148" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Ruth Bender</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/kk_tanz_kiel_requiem.jpg?itok=mh54XQrp" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Giuseppe Verdi: Requiem" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/kk_tanz_kiel_requiem.jpg?itok=miwSl6ZS" width="1800" height="1200" alt="Das Kieler Ballett-Ensembe vertanzt Verdis &quot;Requiem&quot;" title="Das Kieler Ballett-Ensembe vertanzt Verdis &quot;Requiem&quot;" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Olaf Struck</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Das Kieler Ballett-Ensembe vertanzt Verdis &quot;Requiem&quot;</div> </div> </div> </div> </div> Tue, 18 Dec 2012 14:16:05 +0000 Ruth Bender 8986 at https://die-deutsche-buehne.de Mario Schröder: Das Nibelungenlied https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/zwischen-uebermut-und-rache <span>Mario Schröder: Das Nibelungenlied</span> <span><span lang="" about="/user/174" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Ulrike Lehmann</span></span> <span>Mo., 18.04.2011 - 20:36</span> <div><p>Der Name Siegfried steht für die Vollendung von körperlicher Stärke, für jugendlichen Mut und Heldentum, so ist es in der zweiten Aventüre des „Nibelungenliedes“ ausführlich überliefert. Diesen übermenschlichen Recken als Bühnenfigur zu formen, kann schief gehen – zumal im Tanz, wo physische Kraft eher filigran als kompakt daherkommt. Mario Schröder hat seinen Siegfried endlos kraftvoll geformt, in sprühender Beweglichkeit und gebündelter Energie: sein Siegfried ist ein 14-köpfiges Ensemble – und das funktioniert in mehrerlei Hinsicht prächtig! Homogen gekleidet in weiße T-Shirts mit neckischen Kampf-Symbolen (ein kleiner Gewichtheber, Blitze, ein Schwert) verkörpert die Kieler Compagnie einen naiven Helden, der sich noch austoben muss, seine Stärke kaum lenken kann. Da wirbelt und sprudelt jeder für sich, Gliedmaßen fliegen, die euphorische Truppe endet schon mal kollektiv in einer Bauchlandung. Diese multiple Darstellung charakterisiert nicht nur den Helden selbst, sondern auch sein heroisiertes Ansehen: Die selige Verliebtheit Kriemhilds etwa, die allen Grund hat, diese Übermacht anzuhimmeln.</p> <p>Der scheidende Kieler Chefchoreograf und designierte Leiter des Leipziger Balletts, Mario Schröder, hat nicht weniger geschaffen, als die wesentlichen Stränge des 39-Aventüren-Epos nachvollziehbar in knappe zwei Stunden Tanz zu packen. Wagner brauchte für seine Dramen-Tetralogie gute 16. Nina Sonnenberg führt als empathische Erzählerin in die wichtigsten Episoden ein, bleibt dabei lakonisch und lässt der Tanzsprache wohldosiert Raum. Absolut stimmig unterstützen Musikauswahl und Lichtkomposition die Geschichte, symbolschwer baumelt der Speer über allem.</p> <p>Mit der Brasilianerin Isis Calil de Albuquerque entwickelt sich Kriemhild von der kindlichen Schwärmerin zur zerstörten Witwe, deren Rachezwang in einem unglaublich-düsteren Solo nach der Pause Bild wird. Eine Bewegungsabfolge: der Griff zwischen die Schulterblätter (die Wunde, zuvor schon von der Siegfried-Kompanie eindrucksvoll kollektiv befühlt), doppelt-kreuzende Arme zur Waffe, ein verschrockenes Schütteln, und immer schneller rotiert ihr Kampf zwischen Verletzung, Schmerz und Rachedurst. Vergleichbar starker Moment ist die Wandlung Gunthers (Oliver Preiß), der vom geprügelten Gatten mit Siegfrieds Hilfe zum Sieger über die verprügelte Brünhilde (elektrisierend grazil: Urania Lobo Garcia) wird. Kampf- und Breakdance-Elemente vereinend, erhebt sich Gunther, leichtfüßig in wiederhergestellter Ehre und führt Brünhilde als gefügige Marionette davon.</p> <p>Das Nibelungenlied endet im Gemetzel des Rachefeldzugs, weil auch Etzel Kriemhild nicht besänftigen kann. Mario Schröders plötzliche, verstörende Kriegsmetapher aus Tänzern in Camouflage-Outfits und rhythmisierten Busch-Zitaten zu Afghanistan endet erschreckend triftig: „Wer sich einmal für den Krieg entscheidet, kann keinen Frieden mehr finden.“</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Das Nibelungenlied</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Zwischen Übermut und Rache</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Mario Schröder</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2010-03-27T12:00:00Z">27.03.2010</time> </div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/643" hreflang="de">Kiel</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1920" hreflang="de">Theater Kiel</a></div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Tanz</div> </div> Mon, 18 Apr 2011 18:36:34 +0000 Ulrike Lehmann 8496 at https://die-deutsche-buehne.de