Heidelberg https://die-deutsche-buehne.de/taxonomy/term/626 de Lukas Rehm, Lisa Charlotte Friederich, Jim Igor Kallenberg: Castor&&Pollux https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/mythos-im-klangkaefig <span>Lukas Rehm, Lisa Charlotte Friederich, Jim Igor Kallenberg: Castor&amp;&amp;Pollux</span> <span><span lang="" about="/user/10" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Andreas Falentin</span></span> <span>Mi., 03.04.2019 - 11:58</span> <div><p>Wer viel probiert, bietet viel Angriffsfläche. „Castor&amp;&amp;Pollux“ heißt das Projekt, mit dem der Dramaturg <a href="http://www.musik-journalismus.com/jim-igor-kallenberg/" target="_blank">Jim Igor Kallenberg</a>, die Regisseurin <a href="https://www.kultur.bayer.de/de/start-kuenstlerin-lisa-charlotte-friederich.aspx">Lisa Charlotte Friederich</a> und der Musik-, Klang- und Videodesigner <a href="http://www.lukasrehm.net/" target="_blank">Lukas Rehm</a> versuchen, wenn schon nicht das Musiktheater neu zu erfinden, ihm zumindest eine neue Spielart, ein neues Genre beizufügen. Das ist, bei viel Unausgegorenem auf allen Ebenen, in erster Linie anregend.</p> <p>Ein großes Pfund, mit dem die Produktion, eine Art Flaggschiff des <em>LAB</em>, des Experimentierlabors des <a href="https://www.heidelberger-fruehling.de/" target="_blank"><em>Heidelberger Frühling</em></a>, wuchern kann, ist die Wahl des Veranstaltungsortes und der Umgang mit diesem. Die Aula der Alten Universität Heidelberg, im 18. Jahrhundert erdacht wie die hier zugrunde liegende Oper von Jean Philippe Rameau, ist ein eindrucksvolles geschlossenes, fast sakral wirkendes innenarchitektonisches System, das den Zuschauer nachgerade in einen Nostalgiekokon einspinnt. Analog hierzu versuchen Lukas Rehm und seine Mitstreiter mithilfe der zur Zeit auch in ersten Kinos installierten, brandneuen <a href="https://4dsound.net/" target="_blank">4D-Soundtechnik</a> einen Klangkäfig zu bauen, der die musizierten wie synthetisierten Sounds des Abends in jeden Winkel des so definierten akustischen Raums transportieren kann. Bewegungen der Interpreten modifizieren und gestalten die Klänge, die Klangquellen scheinen zu wandern. Wenn man im Inneren des Käfigs sitzt. Was leider nicht alle tun können, vermutlich, weil der alte Raum nicht komplett klanglich zugerüstet werden konnte, ohne ihn architektonisch zu verändern. So bleiben die auf den Außenbänken sitzenden Teile des Publikums Zaungäste. Sie hören vieles verschwommen und haben Probleme, die gesprochenen Texte zu verstehen. Was allerdings teilweise auch für die Käfiginsassen gilt, etwa in einigen Orchesterpassagen. Da klingen die von Barbara Konrad an sich sehr subtil geleiteten <em>Rossetti Players</em> mal schwammig, mal klumpig, mal schrill. Was, abgesehen davon, dass die bekanntermaßen hochkomplex zu bedienende Naturtrompete keinen Sahnetag erwischt hatte, eindeutig an der Klangübertragung lag und nicht an der Qualität der musikalischen Interpretation. Ähnliche Beobachtungen beim achtköpfigen Sängerensemble: Es überzeugt uneingeschränkt im Zusammenklang, aber mehrere der wenigen Sologesänge ertrinken im neuartigen Klangraum.</p> <p>Auf der Theaterebene erwies sich die Alte Aula dann allerdings doch als der erwartete genius loci. Rehm, Friedrich und Kallenberg verwenden Rameaus Oper als klangliches Fundament und geistiges Sprungbrett für eine Vorlesung  über Zukunftsphantasien. Die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dioskuren" target="_blank">Dioskuren</a>-Zwillinge, der sterbliche Castor und der unsterbliche Pollux, die auch durch Tod getrennt nicht voneinander lassen können, werden als <em>ein</em> Mensch betrachtet. Durch Castors Tod löst sich das Bewusstsein vom Körper, so hier die Setzung, die zur fast rauschhaften, audiovisuellen Artikulation einer Gedankenmasse über die Zukunft führt.</p> <p>Was könnte das sein, <em>Singularität</em>? Werden wir demnächst alle unsterblich, indem wir unser Bewusstsein in irgendeine Cloud hochladen, bevor unsere Körper endgültig verwelkt sind? Wie könnte so ein Ort beschaffen sein? Und vor allem: Wer könnte ihn nutzen? Um diese Fragen zu stellen, Antworten anzureißen, Ängste zu artikulieren, fanatische bis arrogante Wissenschaft samt Fatalismus zu präsentieren, wabern sprechende Menschen über Bildschirme, eingeleitet und kontrastiert durch Naturphotographie, mehrfach unterbrochen durch eine diffuse, effektvoll bebilderte, aber kaum verständliche filmische Nebenhandlung, laut Programmheft eine „Metanarrativblackbox“.</p> <p>Vieles, was die Posthumanismus-Philosophin Janina Loh, der Soziologe Dirk Baecker, der Tierrechtler und Buchautor Fahim Amir, der verstorbene Physiker und Leiter des Heidelberger <em>Human Brain Project </em>Karlheinz Meyer und der Journalist und Ordenspriester Bruder Paulus Terwitte äußern, rauscht vorbei, einiges hakt sich fest und befruchtet durchaus die minimalistische Bühnenaktion. Auch diese bleibt schon einmal im Ungefähren, beeindruckt andererseits aber durch die Konzentration des Ensembles samt unprätentiösem Körperspiel. Sowie durch ein klares Bekenntnis zum Erzählen. Was sowohl für den Mythos an sich gilt, wie für seine Weiterschreibung ins Heute. Hierfür müssen die als Sänger ausgebildeten Darsteller sprechen. Was ganz erstaunlich gelingt, gerade im Vergleich mit handelsüblichen „Zauberflöten“-Repertoireaufführungen an deutschen Stadttheatern. Besonders die französische Mezzosopranistin Natalie Peréz und der finnische Bassbariton Jussi Juola, die auch musikalisch herausstechen, nehmen mit ihrem rein sprachlichen Vortrag gefangen.</p> <p>So ist „Castor&amp;&amp;Pollux“, trotz technischer Schwächen auf allen Ebenen und manchen Momenten geradezu schmerzlicher Naivität, ein, wie eingangs bereits konzediert, anregender Abend, veredelt mit Inseln von Klangmagie.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Castor&amp;&amp;Pollux</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Mythos im Klangkäfig</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Lukas Rehm, Lisa Charlotte Friederich, Jim Igor Kallenberg</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2019-04-02T12:00:00Z">02.04.2019</time> </div> </div> <div> <div>UA/DE/DSE</div> <div>UA</div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Lisa Charlotte Friederich</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/626" hreflang="de">Heidelberg</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/2063" hreflang="de">Heidelberger Frühling / Aula der Alten Universität Heidelberg</a></div> </div> <div> <div>Musikalische Leitung</div> <div>Barbara Konrad</div> </div> <div> <div>Autor der Vorlage</div> <div>Jean Philippe Rameau</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Crossover</div> </div> <div> <div>Vorlage</div> <div>Castor und Pollux</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Mi., 03.04.2019 - 12:24</div> <div><span lang="" about="/user/10" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Andreas Falentin</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/Bild-gross/Castor1_0.jpeg?itok=JaLBGMQ9" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Stimmungsbild von der Generalprobe: Die 4D-Versuchsanordnung für &quot;Castor&amp;&amp;Pollux&quot; in der Aula der Alten Universität Heidelberg" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/Bild-gross/Castor1_0.jpeg?itok=JavEF09s" width="1800" height="1200" alt="Stimmungsbild von der Generalprobe: Die 4D-Versuchsanordnung für &quot;Castor&amp;&amp;Pollux&quot; in der Aula der Alten Universität Heidelberg" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Heidelberger Frühling / studio visuell</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Stimmungsbild von der Generalprobe: Die 4D-Versuchsanordnung für &quot;Castor&amp;&amp;Pollux&quot; in der Aula der Alten Universität Heidelberg</div> </div> </div> </div> </div> Wed, 03 Apr 2019 09:58:20 +0000 Andreas Falentin 11949 at https://die-deutsche-buehne.de Ein Anime für Theater von Flo Staffelmayr: Miyu Unsahiro https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/die-unmoeglichkeit-der-freundlichkeit <span>Ein Anime für Theater von Flo Staffelmayr: Miyu Unsahiro</span> <span><span lang="" about="/user/109" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Manfred Jahnke</span></span> <span>So., 31.03.2019 - 22:49</span> <div><p>Auch Gegenwartsautoren bedienen sich noch am Mittel des Verfremdungseffektes. So, wie Brecht seine Geschichte von der Unmöglichkeit der Freundlichkeit in einem vom Kapital regierten System in <a href="https://www.mein-literaturkreis.de/blog/buch/bertolt-brecht-der-gute-mensch-von-sezuan/">„Der gute Mensch von Sezuan“</a> nach China verlegte, so lässt nun <a href="http://staffelmayr.net/">Flo Staffelmayr</a> die Handlung in seinem Stück „Miyu Unsaharo“, das von leistungsorientierten jungen Menschen erzählt, in Japan spielen. Genauer in einem Manga, oder noch präziser in einer Art Anime, das, wie das Programmheft definiert, die „Zeichentrickumsetzung eines Mangas“ ist. In der Tat ist die Ästhetik der Uraufführung am <a href="https://www.theaterheidelberg.de/sparten/junges-theater/">Jungen Theater Heidelberg</a> vom Visuellen geprägt. Sowohl in den Kostümen als auch im Bühnenraum (Ausstattung: Sebastian Ellrich) dominiert der Gegensatz von Schwarz und Weiß. Ein rundes Podest, umgeben von zwei verschiebbaren Wänden, alles in Weiß, markiert die Hauptspielfläche, hinten und versetzt an den Seiten begrenzen schwarze Wände den Spielraum. In der Mitte hinten ist analog zum Podest ein großer Kreis ausgeschnitten, darin die Grafik eines, nein keines Kirschzweiges, sondern Bergahorns. Auch in den Kostümen spiegelt sich die wechselseitige Durchdringung von Abstraktion und realen Zitaten. In strengen schwarz-weißen Kombinationen gehalten kopieren diese keine Kimonos, sondern sind nach westlichen Schnitten genäht. Die dezente Gesichtsschminke mit ihren Strichen erinnert an die des <a href="https://www.japanwelt.de/blog/noh-theater-japan/">Nō-Spiels</a>. Die Inszenierung von Nora Bussenius betont damit noch die Künstlichkeit des Spiels: Ist uns die Geschichte der Miyu zu nahe?</p> <p>Miyu wird von ihrer Mutter darauf getrimmt, in der Schule immer die Beste sein zu müssen. Dummerweise hat sich die Mutter mit der Lehrerin Frau Shikane (!) zusammengetan. Das Mädchen wird zudem von einem Bruder, der gar nichts von der Schule hält und lieber Baseball spielt, unterdrückt und erpresst. Meistens ist sie mit ihrer Freundin Shao Tsu zusammen. Als nun aber die Willkür der Lehrerin, der Druck der Mutter und auch noch die Konkurrenz in Liebessachen zunimmt, versucht sich Miyu zu wehren, um ein Stück weit eine eigene Identität zu finden. Dabei gerät sie an ein Computerspiel, bei dem sie bravourös alle Level durcheilt, bis der „große Meister“ ihr ganz persönliche Aufgaben gibt: Sie soll alles Böse aus der Welt eliminieren, dabei zunächst die Menschen, die ihr Böses wollen, eine Lektion erteilen. Und in der Tat gewinnt Miyu an Superkräften, wenn sie den roten Umhang anzieht zum Zeichen, dass sie in der Computerwelt agiert. Sie schlägt ihren Bruder nieder, ihre Lehrerin, ihren Freund, bis ihre Freundin Shao einschreitet und ihr klarmacht, dass Gewalt nicht mit Gewalt bekämpft werden kann. Und dann wird es pädagogisch, Shao trägt ein T-Shirt, da steht dann ein Spruch darauf, dass die Welt gewaltfrei werden und dass man bei sich selbst anfangen muss. Aber natürlich wollen Staffelmayr und Bussenius der pädagogischen Falle entkommen, da gibt es einen totalen Überschlag, die Mama ist reuig und Miyu darf nun wenigstens in die Eisdiele gehen.</p> <p>Wenn zu Beginn die ästhetische Form das Spiel regiert, werden doch im Verlauf der Inszenierung von Nora Bussenius die Schauspielerinnen und Schauspieler immer freier, auch wenn sie auf stereotype Verhaltensweisen festgelegt sind. Lea Wittig als Miyu beispielsweise ist am Anfang das brave angepasste Wesen, die keine eigene Identität hat und nur macht, was ihr andere sagen. Auch im Computerspiel. Das spielt sie groß aus, den Bruch hingegen, das Erkennen der eigenen Bedürfnisse, dafür gibt der Text ihr nur wenig Hilfe. Umso eindringlicher gelingt es Wittig, hier eine Freiheit jenseits von bloßer Nörgelei zu behaupten. Die eingangs aufgebaute Distanz schmilzt immer mehr zu einer Nähe. Das gilt auch für alle anderen Spielerinnen und Spieler. Johanna Dähler legt die Shao Tsu als verständnisinnige Freundin an, zumal sie die Freiheit, die ihr Vater ihr einräumt, nutzen kann. Und Simon Labhart spielt Leikyu, in den sowohl Miyu als auch Shao verknallt sind, als überheblichen, aber auch neugierig staunenden Lover aus. Die Reihe der bösen Dämonen führt Julia Lindhorst-Apfelthaler als Mutter an, streng, selbst getrieben, ein Putzteufel, ständig einen Staubsauger bei sich habend. Dann ist da Marco Sykora als Bruder, überlegen, alles zu seinem Vorteil nutzend, fies-hinterhältig. Massoud Baygan schließlich macht aus der Lehrerin Frau Shikane eine komödiantische Glanznummer. Doch trotz aller Ironie und trotz aller fernöstlichen Zitate in der Ästhetik bleibt leider ein etwas fader pädagogischer Nachgeschmack!</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Miyu Unsahiro</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Die Unmöglichkeit der Freundlichkeit</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Ein Anime für Theater von Flo Staffelmayr</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2019-03-30T12:00:00Z">30.03.2019</time> </div> </div> <div> <div>UA/DE/DSE</div> <div>UA</div> </div> <div> <div>Medialink</div> <div><a href="https://www.theaterheidelberg.de/produktion/miyu-unsahiro/">Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung</a></div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Nora Bussenius</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/626" hreflang="de">Heidelberg</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1905" hreflang="de">Theater Heidelberg</a></div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Schauspiel</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>So., 31.03.2019 - 23:19</div> <div><span lang="" about="/user/24" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Antonia Ruhl</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/Bild-gross/Miyu_HP1_P_0567_SB.jpg?itok=uiTgLioF" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Damit die Geschichte uns nicht zu nah ist: Die Künstlichkeit in &quot;Miyu Unsahiro&quot; erinnert an das japanische Nō-Theater." typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/Bild-gross/Miyu_HP1_P_0567_SB.jpg?itok=sssZPIP2" width="1800" height="1200" alt="Damit die Geschichte uns nicht zu nah ist: Die Künstlichkeit in &quot;Miyu Unsahiro&quot; erinnert an das japanische Nō-Theater." typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Sebastian Bühler</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Damit die Geschichte uns nicht zu nah ist: Die Künstlichkeit in &quot;Miyu Unsahiro&quot; erinnert an das japanische Nō-Theater.</div> </div> </div> </div> </div> Sun, 31 Mar 2019 20:49:42 +0000 Manfred Jahnke 11946 at https://die-deutsche-buehne.de Peter Ruzicka: Benjamin https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/eine-gedankentragoedie <span>Peter Ruzicka: Benjamin</span> <span><span lang="" about="/user/49" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Detlef Brandenburg</span></span> <span>So., 10.02.2019 - 15:41</span> <div><p><span><span>Schon bei der <a href="https://www.die-deutsche-buehne.de/kritiken/das-phaenomen-walter-benjamin">Uraufführung</a> von Peter Ruzickas Oper „Benjamin“ an der Staatsoper Hamburg im Juni vergangenen Jahres hatte sich die Regisseurin mittels einer großen Bühnenmetapher von Heike Scheele souverän über die Stationen-Dramaturgie der Musik und die szenischen Angebote des Librettos hinweggesetzt. Wobei das Erstaunlichste war, dass sowohl die Librettistin wie auch die Uraufführungs-Regisseurin Yona Kim heißt. Jetzt hat die Heidelberger Oper die Zweitproduktion herausgebracht, was allein schon hochverdienstvoll ist. Und wieder ignorieren der Regisseur Ingo Kerkhof und seine Bühnenbildnerin </span></span><a href="https://www.theaterheidelberg.de/personen/anne-neuser/">Anne Neuser</a><span><span> weitestgehend  die narrativen Spuren und Schauplätze, die im Text angelegt sind: den Arc de Triomphe in Paris, den Wald bei Portbou, das Inhaftierungslager in Vernuche, den Hafen von Marseille… Nur dass an die Stelle des verfallenen großbürgerlichen Palais, das als eine Art Durchgangsstation genutzt wird, als Warteraum oder als Lager, nun in Heidelberg ein karg eingerichteter, letztlich zeit- und ortloser Gedankenraum tritt</span></span></p> <p><span><span>Dieser graue Kasten mit den Stühlen an den Wänden: Er könnte ein Seminarraum sein, vielleicht auch die Probebühne einer Akademie, wo die Studenten sich, szenisch experimentierend, mit dem Philosophen Walter Benjamin auseinandersetzen. In einem Prolog improvisiert der Chor, der in Alltagszivil auf die Bühne wimmelt, erst mal Benjaminsche Textversatzstücke, verdichtet sie zu einem Stimmengewirr und spannt damit die Gedanken auf, die in diesem Denkraum szenisch verhandelt werden. Dann wird einer als Benjamin ausstaffiert und hängt sich den Benjamin-Bart vors Gesicht; und eine Tafel, die einer der Choristen neben ihm hält, nennt seinen Vornamen. Mit solchen Tafeln werden auch die anderen Hauptfiguren avisiert, denen die Kostümbildnerin <a href="https://www.theaterheidelberg.de/personen/inge-medert/">Inge Medert</a> sparsam historisierende schwarze Roben hat schneidern lassen: Hannah Arendt, die Freundin; Asja Lacis, die marxistisch bewegte Geliebte; Dora Kellner, seine Frau; Gershom Scholem, der Freund; Bertold Brecht, der Dichter des epischen Theaters. </span></span></p> <p><span><span>Der hat offenbar auch bei den szenischen Improvisationen auf dieser „Probebühne“ Pate gestanden. Denn die per Namensschild eingeführten Figuren, die Textprojektionen, die immer wieder auftauchen, der anti-illusionistische Gestus dieses Wort- und Gedankentheaters: All das erinnert an Brechts V-Effekte und sein episches Theater. Mit diesem kargen Setting spannt Kerkhof die Benjaminsche Gedankenwelt auf, ohne sie zu illustrieren oder durch allzu viel Handlung zu beunruhigen. Das ist gewagt, weil das Fehlen sinnlicher Momente den Abend spröde macht; aber es passt eben doch sehr gut zu diesem seltsamen Menschen und Denker, zum Fragmentarischen seines Philosophierens, zur Zerrissenheit seiner Gedankenwelt, die in der Bilder-Phantasmagorie den historischen Sinn sucht und im Disparaten das Aufblitzen einer Wahrheit. Und doch macht Kerkhof auch die Tragödie des Menschen Benjamin spürbar, weil die Personenführung so präzise ausformuliert ist. Man ahnt, dass dieser Grübler, Schöngeist und Flaneur nie angekommen, immer irgendwo gestrandet ist: sowohl in seinem disparaten Philosophieren als auch auf seinem ziellosen Lebensweg. Das ist stark.</span></span></p> <p><span><span>Stark auch, weil Elias Grandy diese Musik wunderbar dirigiert. Er macht die Vielschichtigkeit spürbar, wo sie vielschichtig ist; die Erschütterung, wo sie sich verdichtet wie in jener <em>Fünften Station</em>, in der Ruzicka die „Jerusalem“-Chor-Episode aus seiner „Celan“-Oper zitiert und damit das Schicksal Benjamins in den Kontext des Antisemitismus bis hin zum Holocaust einordnet. Und wo am Schluss Henri Duparcs Baudelaire-Vertonung „<a href="https://www.youtube.com/watch?v=7CewOMaS2TQ">L'invitation au voyage“</a> ziemlich unverblümt romantisch sich verströmen darf, da findet Grandy mit dem vorzüglichen Orchester einen unsentimental zarten Ton, und Kerkhof baut ein schönes Tableau vivant dazu. Das alles klingt im Vergleich zu Hamburg geradezu kammermusikalisch fein und sehr transparent, was der Musik erstaunlich gut bekommt.</span></span></p> <p><span><span>Und dann die Sänger: <span><a href="https://www.theaterheidelberg.de/personen/miljenko-turk/">Miljenko Turk</a> braucht den Vergleich mit Dietrich Henschel in Hamburg nicht zu scheuen, sein Bariton entfaltet sich konturiert, kraftvoll, dunkel und in markanter Artikulation. <a href="https://www.theaterheidelberg.de/personen/yasmin-oezkan/">Yasmin Özkan</a> ist eine völlig andere Asja Lacis als Lini Gong in Hamburg: lyrischer, weicher, aber mit wunderschöner, glockenklar und flexibel strömender Stimme. Und <a href="https://www.theaterheidelberg.de/personen/shahar-lavi/">Shahar Lavi</a> ist eine dunkelglühende, auf interessante Weise mildherbe Hannah Arendt. Auch <a href="https://www.theaterheidelberg.de/personen/denise-seyhan/">Denise Seyhan</a> als Dora, <a href="https://www.theaterheidelberg.de/personen/james-homann/">James Homann</a> als Gershom Scholem und <a href="https://www.theaterheidelberg.de/personen/ks-winfrid-mikus/">Winfrid Mikus</a> als Bertolt Brecht singen ihre Partien jederzeit rollendeckend. Und der von <a href="https://www.theaterheidelberg.de/personen/ines-kaun/">Ines Kaun</a> einstudierte Chor, dem Kerkhof, was das Spielen angeht, an einigen Stellen auch pragmatisch entgegenkommt, macht seine schwierige Sache wirklich beeindruckend gut. Die Oper Heidelberg hat damit die Repertoiretauglichkeit dieser Oper unter Beweis gestellt, und ihre eigene beachtliche musikalische Kompetenz gleich mit. Das Publikum, so wurde aus der Premiere berichtet, war begeistert.</span></span></span></p> <p><span><span><em><span>Termine: 17. Februar, 7/12./22./24. März, 8. April</span></em></span></span><br /><span><span><em><span>Wir danken dem Theater und Orchester Heidelberg für die Erlaubnis zum Besuch der Generalprobe, nach dem diese Rezension entstand.</span></em></span></span></p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Benjamin</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Eine Gedankentragödie</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Peter Ruzicka</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2019-02-09T12:00:00Z">09.02.2019</time> </div> </div> <div> <div>Medialink</div> <div><a href="https://www.theaterheidelberg.de/produktion/benjamin/">Fotos, Videos und weitere Informationen auf der Homepage des Theaters und Orche…</a></div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Ingo Kerkhof</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/626" hreflang="de">Heidelberg</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1958" hreflang="de">Theater und Orchester Heidelberg</a></div> </div> <div> <div>Musikalische Leitung</div> <div>Elias Grandy</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Musiktheater</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>So., 10.02.2019 - 16:06</div> <div><span lang="" about="/user/49" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Detlef Brandenburg</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/Bild-gross/Benjamin_OHP_P_7151_SB.jpg?itok=jyYpoBdT" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Benjamin als Akrobat zwischen jüdischem Mystizismus und kommunistischem Materialismus: James Homann als Gershom Scholem, Miljenko Turk in der Titelpartie und Winfrid Mikus als Bertolt B." typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/Bild-gross/Benjamin_OHP_P_7151_SB.jpg?itok=0XFUfPIV" width="1800" height="1200" alt="Benjamin als Akrobat zwischen jüdischem Mystizismus und kommunistischem Materialismus: James Homann als Gershom Scholem, Miljenko Turk in der Titelpartie und Winfrid Mikus als Bertolt B." typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Sebastian Bühler</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Benjamin als Akrobat zwischen jüdischem Mystizismus und kommunistischem Materialismus: James Homann als Gershom Scholem, Miljenko Turk in der Titelpartie und Winfrid Mikus als Bertolt B.</div> </div> </div> </div> </div> Sun, 10 Feb 2019 14:41:14 +0000 Detlef Brandenburg 11872 at https://die-deutsche-buehne.de Iván Pérez: Impression https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/die-digitale-generation <span>Iván Pérez: Impression</span> <span><span lang="" about="/user/173" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Ulrike Kolter</span></span> <span>Mi., 12.12.2018 - 14:42</span> <div><p>Was zeichnet sie aus, die Generation der „Millennials“ oder auch „Generation Y“ – also jene, die zwischen 1980 und 2000 geboren wurden? Jene, für die in den letzten 20 bis 30 Jahren die exorbitant schnelle technische Entwicklung den Lebensalltag prägte? Diese Frage stellt sich Iván Pérez (Jahrgang 1983) in „Impression“ – der ersten großen Tanz-Uraufführung an seiner neuen Wirkungsstätte Heidelberg, wo der Choreograph seit dieser Spielzeit künstlerischer Leiter des <em>Dance Theatre Heidelberg</em> ist. Bereits Anfang der Spielzeit ließ seine elf-köpfige, neu formierte Truppe bei der ortsspezifischen Performance <a title="„The Inhabitants“" href="../Kritiken/Tanz/Perez/The+Inhabitants/Erstkontakt" target="_blank">„The Inhabitants“</a> im Heidelberger Industriepark ahnen, welch ausdrucksstarke Persönlichkeiten hier versammelt sind. Nun konnten sie auf großer Bühne unter Begleitung des <em>Philharmonischen Orchesters Heidelberg</em> zeigen, wie beachtlich die (auch körperlich) sehr unterschiedlichen Tänzertypen nach wenigen Monaten schon als Ensemble harmonieren.</p> <p>„Impression“ ist ein Auftragswerk an den katalanischen Komponisten Ferran Cruixent, der hier in enger Zusammenarbeit mit Pérez seine Kompositionsstruktur einem Credo der Millennials unterwirft: Die Reihenfolge der 12 Sätze ist flexibel dem Choreographen überlassen, gemeinschaftliches Kreieren also statt eines starren, hoheitlichen Kunstanspruchs. Der Orchesterklang unter dem Dirigat von Dietger Holm schwappt einem pompös entgegen, kraftvoll mal mit Pauken und den immer wiederkehrenden, dunklen Ostinatos der Posaunen, sacht und sanft dann wieder mit Harfenklang und filigranen Streicherarpeggios. Dieser mannigfache Rausch zwischen „Star Wars“ und Strawinsky bietet Pérez eine energetische Klangkulisse für sein Choreographie.</p> <p>Zunächst mal: Wie so oft im Tanz braucht es den intellektuellen Überbau nicht zwingend, zumal Perez nie plakativ bildhaft wird. Zahlreiche Solo- und Ensembleszenen (alle barfuß) sind so assoziationsreich und ausdrucksstark umgesetzt, dass Themen von sozialer Isolation, Verbundenheit, humoristisch-tänzelndem Sich-Ausprobieren oder das Spielen mit Geschlechterstereotypen in der Paarbildung auch autark und fern eines digitalen Panoptikums funktionieren. Vieles oszilliert zwischen der Suche nach Nähe und schlichter Gemeinschaft einerseits und der Verzweiflung am eigenen Selbst in all seinen Facetten andererseits. Hier noch sitzt eine Achterkette von Tänzerinnen und Tänzern am Boden, reicht sich amüsiert die Hände in immer wieder neuen Verschränkungen (Pina Bausch lässt grüßen), wälzt sich bald schon das Ensemble in kraftvollen, elastischen Drehungen über den Boden, jeder für sich allein.</p> <p>Trotzdem findet der junge, international bereits erfolgreich etablierte Spanier auch bestechende Bilder, um Assoziationen zur Technik-Generation im artifiziellen Bühnenbild vom Londoner Kollektiv <em>United Visual Artists</em> in Szene zu setzen, das aus drei herabhängenden, Tablet-ähnlichen und seitlich beleuchteten Quadern besteht, die drehbar eingesetzt werden, um Räume zu begrenzen oder blitzschnell aufzulösen. Später dienen diese Hänger als Projektionsfläche für die grünen Punkte von Laserpointern, mit welchen alle Tänzer ausgestattet sind und – liegend, zuckend, drehend, laufend – damit diverse Gruppendynamiken durchexerzieren. Wer (welcher Punkt) rennt hier wem hinterher, ist Anführer oder abgehängt?</p> <p>In einer der stärksten Szenen des Abends gehen alle Company-Mitglieder nebeneinander auf einem Catwalk die Bühne ab, jeder auf seiner Linie vor und zurück, jeder mit ganz individuellen Bewegungsrepetitionen. Eine junge Frau, die mittig läuft und verzweifelt dem Publikum immer wieder die Hand entgegenstreckt, vor und zurück, schüchtern, sich windet, neu losläuft, und doch innerlich wieder zusammenfällt, ihr Flehen lässt einen nicht mehr los. Vielleicht ist die Generation der „Millennials“ genauso hilflos, wie es alle zuvor schon waren.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Impression</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Die digitale Generation</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Iván Pérez</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2018-12-07T12:00:00Z">07.12.2018</time> </div> </div> <div> <div>UA/DE/DSE</div> <div>UA</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/626" hreflang="de">Heidelberg</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1905" hreflang="de">Theater Heidelberg</a></div> </div> <div> <div>Musikalische Leitung</div> <div>Dietger Holm</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Tanz</div> </div> <div> <div>Komponist</div> <div>Ferran Cruixent</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Mi., 12.12.2018 - 14:42</div> <div><span lang="" about="/user/173" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Ulrike Kolter</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/kk_tanz_hd_impression.jpg?itok=WYsf9MRd" width="100" height="56" alt="Thumbnail" title="Iván Pérez: Impression" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/kk_tanz_hd_impression.jpg?itok=MM4nnI3Z" width="1800" height="1200" alt="Die Tänzerinnen und Tänzer des neu formierten &quot;Dance Theatre Heidelberg&quot;" title="Die Tänzerinnen und Tänzer des neu formierten &quot;Dance Theatre Heidelberg&quot;" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Alwin Poiana</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Die Tänzerinnen und Tänzer des neu formierten &quot;Dance Theatre Heidelberg&quot;</div> </div> </div> </div> </div> Wed, 12 Dec 2018 13:42:02 +0000 Ulrike Kolter 11783 at https://die-deutsche-buehne.de Iván Pérez: The Inhabitants https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/intimer-erstkontakt <span>Iván Pérez: The Inhabitants</span> <span><span lang="" about="/user/173" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Ulrike Kolter</span></span> <span>Fr., 14.09.2018 - 12:43</span> <div><p>Ziemlich nah ist der Erstkontakt mit dem Publikum, auf den sich die Tänzerinnen und Tänzer des frisch formierten <em><a title="Dance Theatre Heidelberg" href="http://www.theaterheidelberg.de/sparten/tanz/vorschau-201819/" target="_blank">Dance Theatre Heidelberg</a> </em>(DTH) in ihrer ersten Produktion hier eingelassen haben. Mit „The Inhabitants“ gibt Heidelbergs neuer Tanzchef, der Spanier <a title="Iván Pérez" href="http://www.theaterheidelberg.de/personen/ivan-perez/" target="_blank">Iván Pérez</a>, seinen gelungenen Einstand – und das ziemlich puristisch im Vergleich zu den üppigen Ausstattungs-Gesamtkunstwerken seiner Vorgängerin Nanine Linning. </p> <p>Die nun in Heidelberg an das Gelände eines Technologieparks angepasste Performance war schon 2016 für ein Festival in Italien entstanden, seither hat Pérez das Stück an diversen Spielstätten Europas gezeigt. Es geht ihm um die spezifische Verlebendigung eines Ortes, an dem eine Gruppe von fast animalischen Wesen haust – und in den das Publikum mit Kopfhörern und penetranter Neugier quasi eindringt, geleitet durch das natürliche Wegenetz des Parks und durch minimale Zeigegesten des Theaterpersonals. Wer dringt hier eigentlich in wessen Kultur ein?</p> <p>Zwischen Plattenbauten, auf Wiesen, Treppen, Parkbänken und in einer Hängeweide klettern, tanzen, kriechen sie mal amöbenhaft im Gruppenknäuel, mal als scheue Einzelgänger umher, im Abstand von teils wenigen Zentimetern zum Publikum. Ohrlöcher kann man zählen, grellblaue Kontaktlinsen sehen, wird selbst skeptisch gemustert – und muss in jeder Szene neu entscheiden, wie nah man hier eigentlich ran will. Das hat eine erstaunlich sensible Gruppendynamik zur Folge, man achtet aufeinander, auf den freien Blick des Rollstuhlfahrers neben einem und ist doch isoliert durch den Klangteppich, der einem über Kopfhörer ins Ohr dröhnt (Musik: Rutger Zuydervelt). </p> <p>Klar: tänzerisch passiert da noch nicht allzu viel außer Klettermanövern, wenigen Ensembleszenen und einem nass-romantischen Duett unterm Gartenschlauch mit ein paar kräftigen Hebungen und Drehungen. Aber „The Inhabitants“ (die Einwohner) ist von Pérez wohl mehr als Publikumsbegegnung gedacht, ein Ankommen und gegenseitiges Beschnuppern, bei dem einem nichtsdestotrotz schon einige charismatische Tänzer-Persönlichkeiten in dieser jungen Truppe auffallen. Die will man bald auch auf der Bühne sehen! Anfang Dezember bring Iván Pérez mit „Impression“ die erste Neukreation für Heidelberg heraus. International hat sich der 35-Jährige, der zuletzt für das Ballett der Pariser Oper choreographiert hat, seit seiner Tänzer-Laufbahn beim <em>Nederlands Dans Theater </em>(NDT) schon einen beachtlichen Ruf erarbeitet. Sicher wird es ihm gelingen, Heidelbergs in den letzten Jahren wieder entflammte Tanzbegeisterung aufzunehmen.  </p> <p>Nach einer Stunde kreuzt der Publikumsstrom nochmal die Ampel zurück zum <a title="Octapharma-Gebäude" href="https://www.octapharma.de/de/ueber-uns/herstellung/standorte/heidelberg-deutschland.html" target="_blank">Octapharma-Gebäude</a>, folgt den Tänzerinnen und Tänzern, die hinter Glasscheiben letzte Kontaktmanöver starten und sich dann verkriechen.</p> <p> </p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>The Inhabitants</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Intimer Erstkontakt</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Iván Pérez</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2018-09-14T12:00:00Z">14.09.2018</time> </div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/626" hreflang="de">Heidelberg</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1905" hreflang="de">Theater Heidelberg</a></div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Tanz</div> </div> <div> <div>Komponist</div> <div>Rutger Zuydervelt</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Fr., 14.09.2018 - 12:43</div> <div><span lang="" about="/user/173" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Ulrike Kolter</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/kk_tanz_hd_inhabitants2.jpg?itok=2_GfUd0t" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Iván Pérez: The Inhabitants" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/kk_tanz_hd_inhabitants2.jpg?itok=ywl701jb" width="1800" height="1200" alt="Veronika Akopova im Gelände des Heidelberger Technologieparks" title="Veronika Akopova im Gelände des Heidelberger Technologieparks" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Sebastian Bühler</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Veronika Akopova im Gelände des Heidelberger Technologieparks</div> </div> </div> </div> </div> Fri, 14 Sep 2018 10:43:23 +0000 Ulrike Kolter 10642 at https://die-deutsche-buehne.de Maryam Zaree: Kluge Gefühle https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/mutter-tochter-vaterland <span>Maryam Zaree: Kluge Gefühle</span> <span><span lang="" about="/user/50" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Detlev Baur</span></span> <span>Sa., 21.04.2018 - 09:45</span> <div><p>Maryam Zaree ist Exil-Iranerin der zweiten Generation; sie wurde in Teheran geboren und wuchs dann in Deutschland auf. Mit ihrem Stück „Kluge Gefühle“ gewann sie im letzten Jahr den Autorenwettbewerb des Heidelberger Stückemarktes; traditionsgemäß eröffnet nun die Uraufführungsinszenierung des Theaters Heidelberg den Stückemarkt. Auch Tara, die Hauptfigur des kammerspielartigen Textes ist eine junge deutsche Frau mit Migrationshintergrund. Zu Beginn bewegt sie sich noch ganz in den Sphären eines Befindlichkeits- oder Nicht-Beziehungs-Dramas; per Chat verliebt sie sich unglücklich. Sophie Melbinger beginnt das Spiel mit Turnübungen auf der Bühne voll türkis gesprenkelter Quader und Bauelemente (Bühne: Jeremias Böttcher). Hier wirkt die Inszenierung von Isabel Osthues noch etwas hyperaktiv, doch im Folgenden konzentriert sich das Geschehen auf die von innerer Verwirrung geprägte Situation Taras. Die fragil-flexiblen Bauklötze stehen für ihr und ihrer Mutter Heim, das Zuhause der besten Freundin Rabia oder die Praxis des Analytikers, aber auch - zumindest andeutungsweise - für die Mauern des Gefängnisses im Iran, in dem Tara geboren wurde. „Kluge Gefühle“ ist in erster Linie ein Tochter-Mutter- Drama, das sich jedoch nicht auf die bekannten Generationenprobleme beschränkt. Über den Tod der Vater und den Gefängnisaufenthalt der Mutter herrscht zwischen den beiden Frauen ein intensives Schweigen. Bis Tara durch den Hinweis des freundlichen persischen Taxifahrers, der ihr die verlorene Handtasche vorbeibringt, den Internet-Stream ihrer Mutter bei einem symbolischen Volkstribunal in Den Haag sieht. Ihre Geburt und Folter sind also eng miteinander verbunden.</p> <p>Die Heidelberger Inszenierung schafft die Erweiterung des Selbstfindungsdramas zum weltpolitischen Familiendrama durch eine kluge Konzentration auf die Figuren: im Zentrum steht (sitzt oder krabbelt) Tara, die von Sophie Melbinger ernsthaft und mit großer Präsenz gespielt wird; ihr Leiden an ihrer Geschichte überwindet sie erst am Ende: Für das finale Speeddating greift sie einen Stuhl aus dem Publikum und verliert ihre verkrampfte Fokussierung auf sich selbst. Auch die anderen Akteure des – ausnahmslos mitteleuropäisch geprägten – Ensembles zeigen überzeugende Figuren und sind dabei ruhige Mitspieler in Taras Drama. Das kleine, gut geschriebene, ästhetisch nicht sonderlich innovative Stück hat wie so viele neue Stücke vermutlich keine ganz große Zukunft vor sich. In einer so sorgfältigen und runden Inszenierung (auf der Bühne voll eckiger Bauteile) wie sie Isabel Osthues und ihrem Team gelingt, schaffen „Kluge Gefühle“ aber durchaus die Grundlage für sehenswertes, anregendes Theater.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Kluge Gefühle</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Mutter, Tochter, Vaterland</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Maryam Zaree</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2018-04-20T12:00:00Z">20.04.2018</time> </div> </div> <div> <div>UA/DE/DSE</div> <div>UA</div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Isabel Osthues</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/626" hreflang="de">Heidelberg</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1905" hreflang="de">Theater Heidelberg</a></div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Schauspiel</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Sa., 21.04.2018 - 09:45</div> <div><span lang="" about="/user/50" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Detlev Baur</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/kluge_gefuehle_p_0142_sb.jpg?itok=weyy6-ng" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Maryam Zaree: Kluge Gefühle" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/kluge_gefuehle_p_0142_sb.jpg?itok=OgSc4fvS" width="1800" height="1200" alt="Tara (Sophia Melbinger) und Mutter (Beatris Doderer) in der Uraufführung von &quot;Kluge Gefühle&quot;" title="Tara (Sophia Melbinger) und Mutter (Beatris Doderer) in der Uraufführung von &quot;Kluge Gefühle&quot;" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Sebastian Bühler</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Tara (Sophia Melbinger) und Mutter (Beatris Doderer) in der Uraufführung von &quot;Kluge Gefühle&quot;</div> </div> </div> </div> </div> Sat, 21 Apr 2018 07:45:22 +0000 Detlev Baur 10533 at https://die-deutsche-buehne.de Charles Gounod/Elfriede Jelinek: Faust https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/der-sekundaer-faust <span>Charles Gounod/Elfriede Jelinek: Faust</span> <span><span lang="" about="/user/49" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Detlef Brandenburg</span></span> <span>Sa., 17.03.2018 - 13:34</span> <div><p>Dem Besucher, der die jüngste „Faust“-Premiere am Theater und Orchester Heidelberg verlässt, kann nach diesem furiosen Abend ganz schön der Kopf schwirren. Was war das denn nun eigentlich, was man da erlebt hat? Welchen Reim soll man sich darauf machen? Und wie es nennen? Aber dieses Schwirren ist vielleicht schon einer der grundlegend positiven Aspekte eines Abends, der die klaren Zuordnungen mit gezielter Präzision verweigert, der Konventionen unterläuft und damit die Aufmerksamkeit immer neu herausfordert – und der keinen Stein auf dem anderen lässt und am Ende doch eine eindrucksvolle musikdramatische Architektur gebaut hat. <a href="http://www.theaterheidelberg.de/personen/martin-g-berger/">Martin G. Berger</a> ist der inszenierende Architekt, Elias Grandy der dirigierende Bauzeichner dieses Abends. <a href="http://www.theaterheidelberg.de/personen/sarah-katharina-karl/" target="_blank">Sarah-Katharina Karl</a> setzt dazu die Bühnenmaschinerie des unlängst renovierten Hauses mit Showeffekt-sicherer Opulenz in Bewegung; und Sabine Hartzsch sowie Dennis Ennen haben die mit den allerunterschiedlichsten historischen, medialen und sozialen Assoziationen spielenden Kostüme erdacht. Das Ganze ist obendrein auch noch unverschämt unterhaltsam. Ziemlich unverschämt sowieso. Und vor allem ist es – zumindest bis zur Pause – unverschämt gut.</p> <p>Aber <em>was </em>ist das denn nun eigentlich? Klar ist: Es wird die Musik von Gounods „Faust“ gespielt. Diese Oper hat ja die bildungsbürgerlichen Hobby-Germanisten in Scharen auf die Palme gebracht – ihr Vorwurf: Gounod und seine beiden Librettisten Michel Carré und Jules Barbier hätten Goethes Weltendrama auf eine kitschige Love-and-Crime-Story im gotischen Gruselambiente verkürzt. Die Musik entzückt dennoch die Melomanen, weil sie so süffig ist und sozusagen aus dem Stand heraus die Seele zu bewegen vermag. Klar ist aber auch: Die Dramaturgie dieses Abends in Heidelberg geht auf eine extrem wirkungsvolle Ko-Autorin zurück, und die schreibt fürs Schauspiel und heißt Elfriede Jelinek. Schon hier also kommen die Grenzen der Sparten ins Tanzen. Jelinek brachte 2012 ihren <a href="http://www.rowohlt-theaterverlag.de/stueck/FaustIn_and_out.2955080.html" target="_blank">„FaustIn and out“</a> heraus, den sie ein „Sekundärdrama“ nennt, denn der Text kann nicht für sich allein stehen, sondern soll zusammen mit und parallel zu Goethes „Urfaust“ gespielt werden: eine typische Jelinek-Wortkaskaden-Polyphonie, die sich an dem schauerlichen Fall des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Josef_Fritzl" target="_blank">Josef Fritzl</a> entzündet, der seine Tochter seit dem 11. Lebensjahr vielfach vergewaltigte, sie schließlich 24 Jahre lang in einer Kellerwohnung unter seinem Haus im österreichischen Amstetten gefangen hielt und sieben Kinder mit ihr zeugte. Für Jelineks Text Anlass zu wilden Anklagen, saloppen Erlebnisschilderungen aus der Perspektive der Tochter und bizarren Assoziationen, die die Gewaltförmigkeit des im „Urfaust“ beschworenen bürgerlichen Mann-Frau-Verhältnisses zur Kenntlichkeit entstellen und die geschlossene Dramaturgie des „Primärdramas“ aufsprengen.</p> <p>So ein Verfahren der Intertextualität auf die Oper zu übertragen und den Jelinek-Text dazu noch mit weiteren Sekundär- (oder Tertiär-)Texten anzureichern – Schopenhauers pseudowissenschaftlich frauenfeindliche Sottisen, Auszüge aus Prozessakten, Schillers Ballade „Die Kindsmörderin“ –, das ist allerdings hochriskant. Denn damit wird die geschlossen Musikdramaturgie radikal aufgebrochen. Um das zu bewerkstelligen, hat Berger dem „Faust“-Sängerensemble zwei Schauspieler hinzugesellt, die im Programmheft schlicht „Er“ und „Sie“ genannt werden. Teils doubeln sie die vokalen Protagonisten, teils werden sie ihnen aber auch zu Spielpartnern und mischen sich mit ihren gesprochenen Sekundärtexten in die Handlung ein – und in die Musik.</p> <p>Und das ist der eigentliche Coup dieses Abends. Berger und und der Heidelberger GMD Grandy belassen es auf der musikalischen Ebene keineswegs dabei, Gounods Urfassung wiederherzustellen und die neuen Sprechtexte – quasi entsprechend dem ursprünglichen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Op%C3%A9ra-comique_(Werkgattung)" target="_blank">Opéra-comique-</a>Modell – in die Pausen zwischen den geschlossenen Nummern zu platzieren. Nein – sie unterbrechen auch die Nummern immer wieder, bauen sie um, verschieben sie an andere Orte im Ablauf, Text wird über die Musik gesprochen. Marguerites „Juwelen-Arie“ unterbricht den Faust-Monolog, dessen zweiter Teil samt Teufelspakt wird später nachgeliefert. Das Lied vom Goldenen Kalb kommt erst nach der Pause. Valentins Bühnenleben war noch nie so kurz wie hier. Alle Hits sind da, aber selten dort, wo man sie erwartet. So stiften Berger und Grandy immer wieder verblüffende, überrumpelnde, erheiternde Bezüge zu den Texten und schaffen damit letztlich aus dem Material von Gounod, Jelinek, Schopenhauer, Schiller und anderen ein neues Musiktheater-Werk. Eigentlich war diese Premiere eine Uraufführung. Und das so geschaffene Werk ist stark – vor allem vor der Pause, wo die Assoziationen und sinnstiftenden Kurzschlüsse wunderbar anarchisch irrlichtern. Der zweite Teil zeigt eine Art weiblicher Solidarisierung und Emanzipation – da lassen dann die Frauen die Männer tanzen, „Er“ mutiert zur verbiesterten Drag-Queen, die im rotglitzernden Pailletten-Kleid erleiden muss, was er zuvor anderen (Frauen) angetan hat, und die Ladies zeigen ihm, was ’ne weibliche Harke ist. Aber das wirkt etwas brav und narrativ, sehr plausibel und Travestie-kabarettistisch zwar, aber viel schwächer als das Vorhergehende.</p> <p>Die Videos von David Martinek schaffen an diesem Abend immer wieder Kurzschlüsse in die mediale Gegenwart, zu den Bachelor-Shows und dem Infotainment der Privatsender. Siébel könnte als Heidi-Klum-Parodie durchgehen, auf einem Fernseher erscheinen Szenen aus dem berühmten Gründgens-„Faust“. Und wie die Heidelberger Musiker und Schauspieler das umsetzen, ist schlicht grandios. <a href="http://www.theaterheidelberg.de/personen/magdalena-neuhaus/" target="_blank">Magdalena Neuhaus</a> in der Sprechrolle der „Sie“ katapultiert ihre Wortkaskaden mit einer wunderbar kecken, überbordenden Naivität ins Geschehen, so dass die Textscheffelei nie dröge wird. <a href="http://www.theaterheidelberg.de/personen/raphael-rubino/" target="_blank">Raphael Rubino</a> macht als „Er“ vor allem den Josef Fritzl und strahlt eine untergründig brutale, biedere Dorfpastoren-Liebenswürdigkeit aus. Und die Sänger stellen sich der ungewöhnlichen Herausforderung des Singens in einer völlig dekonstruierten Musikstruktur mit Bravour. Gut sind sie alle. <a href="http://www.theaterheidelberg.de/personen/hye-sung-na/" target="_blank">Hye-Sung Na</a> singt die Marguerite mit quecksilbriger Brillanz, ihr lyrischer Koloratursopran verfügt trotz eines schlanken und klar fokussierten Klangs über beachtliche Reserven, die die junge Sängerin gekonnt ausspielt. <a href="http://www.theaterheidelberg.de/personen/martin-piskorski/" target="_blank">Martin Piskorski</a> entgleist zwar sein hohes C, aber er singt einen sehr idiomatischen Faust mit weichem, trotzdem gut konturiertem und klarem Tenor. James Homann ist ein markig-finsterer, beizeiten kraftvoll auftrumpfender Méphistophélès, Oleksandr Prytolyuk singt den Valentin mit dunkel-markantem Bariton, Shahar Lavi gibt den Siébel mit jugendfrisch strahlendem Mezzo.</p> <p>Einen ganz entscheidenden Anteil am Gelingen dieses Abends aber hat Elias Grandy – nicht nur, weil er die Dekonstruktion der Partitur mit großer Kompetenz mitgetragen und umgesetzt hat, sondern auch, weil er trotz der so geschaffenen ungewohnten und damit heiklen Umstände die Musik mit Einfühlsamkeit, Stilsicherheit und Differenzierung interpretiert und ihr damit immer wieder zu ihrem Recht verhilft. In Grandys Umsetzung mit dem hochkultiviert spielten Philharmonischen Orchester Heidelberg und dem von Ines Kaun vorzüglich einstudierten Chor setzen Gounods melodischer Schmelz und seine sinnlichen Farbigkeit einen entscheidenden Kontrapunkt zu Jelineks spottsüchtiger Wut: Sie halten eine Sehnsucht nach Heilung und Erlösung wach, die auch dann das Herz rührt, wenn der Verstand an diesem Abend dem finalen „Gerettet“ nicht mehr trauen mag. Das Publikum war begeistert von den musikalischen Protagonisten, die Buhs für das Regieteam hielten sich angesichts der gegebenen Umstände in erstaunlich engen Grenzen. Die Heidelberger Opernfans wissen inzwischen, wie Musiktheater auf der Höhe der Zeit geht – und sind bereit, mitzugehen.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Faust</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Der Sekundär-„Faust“</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Charles Gounod/Elfriede Jelinek</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2018-03-16T12:00:00Z">16.03.2018</time> </div> </div> <div> <div>Medialink</div> <div><a href="http://www.theaterheidelberg.de/?events=faust-24-03-2018-1930">Fotos und weitere Informationen auf der Homepage des Theaters und Orchesters He…</a></div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Martin G. Berger</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/626" hreflang="de">Heidelberg</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1958" hreflang="de">Theater und Orchester Heidelberg</a></div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Crossover</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Sa., 17.03.2018 - 13:34</div> <div><span lang="" about="/user/49" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Detlef Brandenburg</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/faust_oper_gp_p_8011_sb.jpg?itok=O4afHgyX" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Charles Gounod/Elfriede Jelinek: Faust" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/faust_oper_gp_p_8011_sb.jpg?itok=QcxisXMw" width="1800" height="1200" alt="faust_oper_gp_p_8011_sb.jpg" title="faust_oper_gp_p_8011_sb.jpg" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Sebastian Bühler</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Biest sucht Bachelorette: Szene aus Martin G. Bergers „Faust“-Inszenierung mit Magdalena Neuhaus (Sie), Martin Piskorski (Faust) und dem Chor des Theaters Heidelberg.</div> </div> </div> </div> </div> Sat, 17 Mar 2018 12:34:07 +0000 Detlef Brandenburg 10500 at https://die-deutsche-buehne.de : Tanzbiennale Heidelberg: Best of Ländle https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/vielfalt-neu-begreifen <span>: Tanzbiennale Heidelberg: Best of Ländle</span> <span><span lang="" about="/user/173" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Ulrike Kolter</span></span> <span>Mo., 05.03.2018 - 11:56</span> <div><p>„Best of Ländle“ klingt der charmante Subtitel zur Abschlussgala der <a title="Heidelbeger Tanzbiennale" href="http://www.theaterheidelberg.de/festival/tanzbiennale-heidelberg/" target="_blank">Heidelberger Tanzbiennale</a>. Man erwartet nicht zu viel von diesem Potpourri baden-württembergischer Tanzproduktionen – und muss sich schnell eines Besseren belehren lassen! Ein kurzweiliger Abend, ein tolles Format – und das abgenudelte Wort „Vielfalt“ kriegt wieder eine fundamentale Bedeutung. Was hat der Tanz im Südwesten nicht alles zu bieten von Performance bis Spitzentanz! Auch jenseits der durch Nanine Linning wiederbelebten Tanzeuphorie der Heidelberger (die Biennale ging mit satten 96 Prozent Auslastung zu Ende).</p> <p>Nach neun Tagen mit internationalen und regionalen Gastspielen endete die mittlerweile dritte Ausgabe der Tanzbiennale – veranstaltet in Kooperation des Heidelberger <a title="UnterwegsTheaters" href="http://www.art-ort.net/ahablog/unterwegstheater/" target="_blank"><em>UnterwegsTheaters</em></a> und des Theaters Heidelberg. Bekannt ist ja, dass Baden-Württemberg mit den Staatsballetten in Stuttgart und Karlsruhe gleich über zwei herausragende klassische Compagnien verfügt, dazu die vier Ensembles kommunaler Theater (Mannheim, Heidelberg, Ulm, Pforzheim) und jede Menge professionelle freie Truppen zu bieten hat. Die unterschiedlichen choreographischen Handschriften dann versammelt an einem Abend zu erleben, war auch Verdienst der Kuratorin und Tanzförderin Bea Kießlinger. Man startete also in der Spielstätte des <em>UnterwegsTheaters</em> (der etwas abseits gelegenen <a title="HebelHalle" href="http://www.art-ort.net/ahablog/" target="_blank">HebelHalle</a>) und fuhr dann zur zweiten Hälfte des Programms mit Bussen zum <a title="Heidelberger Theater" href="http://www.theaterheidelberg.de" target="_blank">Heidelberger Theater</a> – wodurch ein Großteil des Publikums die HebelHalle als Lokation überhaupt erstmals kennengelernt haben dürfte – und betonte damit letztlich die Begegnung der Kooperationspartner auf Augenhöhe.</p> <p>Auch dramaturgisch glückte die Gratwanderung, aus kompletten Ballettabenden wie Stephan Thoss‘ „La chambre noire“ (<a title="Nationaltheater Mannheim Tanz" href="http://www.nationaltheater-mannheim.de/de/tanz/stuecke.php" target="_blank">Nationaltheater Mannheim Tanz</a>) oder dem „Mozart-Requiem“ von Guido Markowitz (<a title="Ballett Theater Pforzheim" href="https://www.theater-pforzheim.de/spielplan/ballett.html" target="_blank">Ballett Theater Pforzheim</a>) nur 10-minütige Ausschnitte zu präsentieren. Hilfreich war, dass alle Truppen Videotrailer mitgebracht hatten, in denen man einen kurzen Eindruck von Handschrift und Intention der jeweiligen Compagnie bekam. So sah man in „Zeitgeist“ des <a title="La_Trottier Dance Collective" href="https://eintanzhaus.de/das-haus/la-trottier-dance-coll/" target="_blank"><em>La_Trottier Dance Collective </em></a>ein Paar, das den Abschiedsschmerz eines geliebten Menschen im endlosen Umfallen von <em>ihr</em> durchexerzierte, während <em>er</em> sie in ihren Ohnmachtsmomenten immer wieder auffing, ihr immer aufs Neue den Kopf stützte kurz vorm Aufprall auf den Boden – übrigens die Eröffnungsproduktion des neu eröffneten <a title="EinTanzHauses" href="https://eintanzhaus.de/startseite/" target="_blank"><em>EinTanzHauses</em></a> in Mannheim, wo Éric Trottier und seine Truppe seit letztem Jahr mit einer permanenten Residenz arbeitet.</p> <p>Von Marco Goecke war das humoristische, inzwischen legendäre Fünfminuten-Solo „Mopey“ zu erleben, und das <a title="UnterwegsTheaters" href="http://www.art-ort.net/ahablog/unterwegstheater/" target="_blank"><em>UnterwegsTheaters</em></a><em> </em>aus Heidelberg zeigte mit „Verlaufen“ von Jai Gonzales das tänzerisch wie energetisch beeindruckendste Stück des Abends: ein geschmeidiges Miteinander von drei Tänzern und einer Tänzerin, die mit wechselndem Ineinandergreifen, Rennen, Taumeln und Hebungen in Jeans und Shirts jeder bei sich selbst war und doch alle als homogene Gruppe agierten, unmerklich Arme immer wieder ineinandergriffen und sich lösten, alles als eine große Suche nach dem richtigen Weg.</p> <p>Das freie Tanztheater <a title="backsteinhaus production" href="http://www.backsteinhausproduktion.de" target="_blank"><em>backsteinhaus production</em></a> aus Stuttgart ließ seine Performer in „Wolfgang“ ganz animalisch als heulende Wölfe im Vierfüßlergang kriechen, heulen und wie Flummis umherspringen und vom <a title="Stuttgarter Ballett" href="https://www.stuttgarter-ballett.de" target="_blank">Stuttgarter Ballett</a> gab es ein herausragendes Pas de Deux auf Spitze („Bite“ von Katarzyna Kozielska, getanzt von Startänzer Jason Reilly und Solistin Anna Osadcenko). Das große Finale gehörte natürlich Tanzchefin Nanine Linning, die Ausschnitte aus ihrer aktuellen Choreographie „Dusk“ präsentierte, eine für ihre Verhältnisse sehr puristische Arbeit mit Tänzern nur in hautfarbener Unterwäsche, mit viel Nebel und ganz sinnlich-kontemplativen Momenten. Großer Jubel für den gebührenden Abschluss eines rundum gelungenen Festivals. </p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Tanzbiennale Heidelberg: Best of Ländle</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Vielfalt neu begreifen</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2018-03-03T12:00:00Z">03.03.2018</time> </div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/626" hreflang="de">Heidelberg</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1907" hreflang="de">Theater Heidelberg / UnterwegsTheater</a></div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Tanz</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Mo., 05.03.2018 - 11:56</div> <div><span lang="" about="/user/173" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Ulrike Kolter</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/kk_tanz_heidelberg_biennale.jpg?itok=dnSBAUk-" width="100" height="65" alt="Thumbnail" title="Tanzbiennale Heidelberg: Best of Ländle" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/kk_tanz_heidelberg_biennale.jpg?itok=-aHVxBXV" width="1800" height="1200" alt="Jamal Callender und Lorenzo Angelini in einem Ausschnitt aus Stephan Thoss&#039; Choreographie &quot;La Chambre Noire&quot; von Nationaltheater Mannheim Tanz " title="Jamal Callender und Lorenzo Angelini in einem Ausschnitt aus Stephan Thoss&#039; Choreographie &quot;La Chambre Noire&quot; von Nationaltheater Mannheim Tanz " typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Hans-Jörg Michel</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Jamal Callender und Lorenzo Angelini in einem Ausschnitt aus Stephan Thoss&#039; Choreographie &quot;La Chambre Noire&quot; von Nationaltheater Mannheim Tanz</div> </div> </div> </div> </div> Mon, 05 Mar 2018 10:56:05 +0000 Ulrike Kolter 10491 at https://die-deutsche-buehne.de Thomas Arzt: Die Anschläge von nächster Woche https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/die-angst-gebiert-ungeheuer <span>Thomas Arzt: Die Anschläge von nächster Woche</span> <span><span lang="" about="/user/183" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Volker Oesterreich</span></span> <span>Fr., 09.02.2018 - 15:26</span> <div><p>Das Gefühl der Angst frisst sich in unsere Seelen: „Was fliegt uns heute um die Ohren?“, fragen wir uns wie eine der Figuren aus Thomas Arzts Auftragsarbeit „Die Anschläge von nächster Woche“. Karnevalsbesucher fürchten, dass sich ein Attentäter unters feiernde Volk mischen könnte. Auf dem U-Bahnhof schlägt womöglich ein Amokläufer mit dem Hackebeilchen um sich. Und beim Open-Air-Konzert könnten tödliche Keime aus einer über unseren Köpfen surrenden Drohne rieseln.</p> <p>Wie man‘s auch dreht und wendet: Die Angst gebiert Ungeheuer. Unter rein statistischen Erwägungen mag das Gefährdungspotential zwar gering sein, aber ein Restrisiko bleibt. Außerdem gilt: Ratio und Angst sind zwei ungleiche Mächte. Im Zweifelsfall siegen die Emotionen über den Verstand und veranlassen uns dazu, hasenfüßig in die Irrationalität zu flüchten. Womöglich sogar zu faschistoiden Gruppierungen, die nach der Sündenbock-Methode allzu einfache Lösungen offerieren und gleichzeitig unsere Freiheitswerte zur Disposition stellen.</p> <p>Genau aus diesem Dilemma hat Thomas Arzt sein Fünfpersonenstück fürs Heidelberger Theater gestrickt. Seine Szenensplitter wirken ähnlich diffus wie die in uns schwelende Angst vor dem Terror. Der 1983 geborene österreichische Dramatiker entführt die Zuschauer in die Welt tingelnder Entertainer, die mit ganz realen Attentaten konfrontiert werden. Einer von ihnen, der Beleuchter Armin, wurde nämlich immer in der Nähe gesichtet: bei der Pariser Konzert-Location „Bataclan“, auf dem Berliner Weihnachtsmarkt oder auf der Uferpromenade in Nizza.</p> <p>Ort des Bühnengeschehens ist eine Silvesternacht in einem x-beliebigen Club, den der Ausstatter Nikolaus Frinke mit wenigen Kaffeehaus-Tischen, einem kleinen Laufsteg in der Mitte und einem Vorhang versehen hat. Von dort aus wird zurückgeblickt auf diverse Tournee-Auftritte des ominösen Showman Tartini (Dominik Lindhorst-Apfelthaler) und seiner Entourage, zu der neben dem  Beleuchter Armin (Martin Wißner) noch dessen Geliebte Eva (Maria Magdalena Wardzinska) und der dubiose Michailov (Frieder Witte) gehören. Fünfter im Bunde ist der von Hendrik Richter gespielte Ermittler Göttinger, der in seinem Trenchcoat-Outfit aussieht wie aus einem B-Picture entsprungen. Göttinger quetscht im Auftrag des Bundesamtes für Verfassungsschutz den teils verunsicherten, teils nervös-aggressiven Armin aus. Gut möglich, dass in dessen Aktentasche eine Zeitbombe tickt.</p> <p>Ein Plot, der nach einem geradlinigen Krimi klingt, aber so einfach macht es sich Thomas Arzt nicht. Weder wird am Ende der Täter geschnappt, noch reicht uns Arzt ein Heilmittel gegen die Angst. Stattdessen gerät auch der sinistre Tartini unter Terrorverdacht, und man fragt sich, ob nicht vielleicht sogar die brave Eva zum Sündenfall fähig sein könnte. Führt das Sexbömbchen etwa Explosiveres im Schilde als den lasziven Strip, mit dem sie ihren müden Loverboy aus der Reserve locken will? Den Angstphantasien werden keine Grenzen gesetzt.</p> <p>Tartinis Maskenspiel, eine kleine schwarze Messe sowie verbale Verdunklungsmomente zeigen, dass einen die blümeranten Gefühle leicht in irrationale Sphären katapultieren können. Brit Bartkowiak unterstreicht diese Gefahr in ihrer Inszenierung mehr als deutlich. Sie schlittert souverän auf dem Glatteis der Andeutungen, die ihr der Text liefert. Gemeinsam mit dem Dramatiker und dem Ensemble betont sie außerdem, dass die Angst vor dem Terror, vor explodierenden Mieten oder vor dem Sozialabbau den Rechtspopulisten in die Hände spielt – sprich jenen Leuten, die mit lautstarkem Alarmismus nach „Ordnung! Ruhe! Heimat!“ verlangen. Flugblätter mit genau diesen Schlagworten flattern dem Publikum kurz vor Schluss um die Ohren. Ein Stück zur rechten Zeit im doppelten Wortsinne. </p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Die Anschläge von nächster Woche</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Die Angst gebiert Ungeheuer</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Thomas Arzt</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2018-02-09T12:00:00Z">09.02.2018</time> </div> </div> <div> <div>UA/DE/DSE</div> <div>UA</div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Brit Bartkowiak</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/626" hreflang="de">Heidelberg</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1905" hreflang="de">Theater Heidelberg</a></div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Schauspiel</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Fr., 09.02.2018 - 15:26</div> <div><span lang="" about="/user/183" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Volker Oesterreich</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/kk_schau_heidelberg_anschlagenaechstewoche.jpg?itok=PrUrkSZQ" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Thomas Arzt: Die Anschläge von nächster Woche" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/kk_schau_heidelberg_anschlagenaechstewoche.jpg?itok=q7o7XBxs" width="1800" height="1200" alt="Maria Magdalena Wardzinska (Eva) und Martin Wißner (Armin)" title="Maria Magdalena Wardzinska (Eva) und Martin Wißner (Armin)" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Sebastian Bühler</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Maria Magdalena Wardzinska (Eva) und Martin Wißner (Armin)</div> </div> </div> </div> </div> Fri, 09 Feb 2018 14:26:24 +0000 Volker Oesterreich 10468 at https://die-deutsche-buehne.de Nanine Linning: Dusk https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/daemmernde-schoenheit <span>Nanine Linning: Dusk</span> <span><span lang="" about="/user/34" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Bettina Weber</span></span> <span>Sa., 11.11.2017 - 23:34</span> <div><p>Nanine Linning liebt das Interdisziplinäre. So funktionieren ihre Choreographien in der Regel als Gesamtkunstwerke von Tanz, Musik, Licht- und Kostümdesign. Am Theater Heidelberg zeigte die Tanzchefin nun ihre letzte Neukreation, bevor sie im Sommer 2018 das Haus verlässt – nach dann sechs Jahren und einigen großen Erfolgen am Neckar. Auch „Dusk“, so der Titel, ist wieder so eine Arbeit, in der bewusst die verschiedenen künstlerischen Ebenen zu einem Konzept-Tanzabend vernetzt werden. Und, wie ebenfalls in so manch vorheriger Arbeit, wendet sich Nanine Linning einem existenziellen Thema zu: In diesem Fall der Vergänglichkeit und dem Übergang zwischen Leben und Tod, für das Linning metaphorisch das Motiv der Dämmerung herangezogen hat. Das nimmt in allen drei Teilen des Abends besonders anschaulich im Lichtdesign von Ingo Jooß Gestalt an, welches die Tänzer immer wieder zwischen horizontalen Licht- und Schattenebenen hin- und herwechseln oder sie kaum merklich hinter einer Gaze im Nebel auf- und wieder abtauchen lässt.</p> <p>Die Grundzutaten für einen gelungenen Tanzabend sind also da: Nanine Linnings geschwungen-extaktischer, raumgreifender choreographischer Stil, berührende Musik von John Adams, Arvo Pärt und Gustav Mahler – die das philharmonische Orchester Heidelberg unter der musikalischen Leitung von Elias Grandy, von wenigen überdramatischen Spitzen abgesehen, hervorragend umsetzt –, dazu besagtes Lichtkonzept und vor allem die markanten Kostüme der Designerin Irina Shaposhnikova. Im ersten und zweiten Teil tragen die Tänzer aufwendige, mit metallisch glänzenden Kunststoff-Plättchen besetzte Kleider. Mit jedem der drei Teile werden die Kostüme weniger ausladend und reduzierter, zuletzt tragen die Tänzer nur noch hautfarbene Bodies. Das allmähliche Verschwinden von Lebensenergie und -kraft durchzieht auch alle drei Teile der Choreographie: Während zunächst die Bewegungs- und Schrittfolgen rasant sind, kehrt zunehmend Langsamkeit ein, und wo das Ensemble zuerst in der Gruppe tanzt, trennen sich nach und nach kleinere bis kleinste Formationen ab, die außerdem zusehends von gegenseitigem Körperkontakt gekennzeichnet sind, von einem permanent sich abwechselnden Festhalten und Loslassen. Gerade das organisch wirkende Zusammenspiel der Tänzer – in Linnings Arbeiten eine kontinuierliche Stärke – schafft hierbei so manchen eindrucksvollen Moment.</p> <p>Das gekonnte Ineinandergreifen der verschiedenen künstlerischen Ebenen ist somit ebenso wenig strittig wie das schlüssig umgesetzte dramaturgische Konzept. Und obwohl hier alle Beteiligten ihr Handwerk beherrschen, von der Choreographin bis hin zum tadellos agierenden Ensemble, so entwickelt der einstündige Abend doch nicht die gleiche suggestive Kraft wie andere Arbeiten von Nanine Linning. „Zero“ oder „Endless“ beispielsweise vermochten es, den Betrachter pausenlos in den Bann zu ziehen – nicht zuletzt, weil jene Arbeiten mehr Überraschungen bereithielten, mehr Ecken und Kanten aufwiesen. „Dusk“ wirkt dagegen vergleichsweise glatt: Alles Bewegungen fließen hier so harmonisch ineinander, dass die choreographische Dramatik kaum schmerzliche Momente erreicht, obwohl das Thema diese erwarten lässt – und die ausgewählte Musik sie durchaus liefert. Stattdessen erfüllen Schönheit und Sinnlichkeit den Abend, und man entdeckt in Nanine Linnings Tanzsprache kaum etwas, das man bei ihr noch nie gesehen hat.</p> <p>Vielleicht rührt daher diese gewisse Enttäuschung: Der Abend funktioniert nach einem bewährten Rezept und verlässt sich auf die Wirkung dessen. Zugegeben: Das ist eine Beanstandung auf hohem Niveau, denn zweifellos hat Nanine Linning insgesamt in den letzten Jahren in Heidelberg Großartiges geleistet (und hat damit wohl die Messlatte der Erwartungen an jedes neue Werk hoch gehängt). Wohl nicht zuletzt für diese Gesamtleistung wurden Linning und ihr Ensemble noch einmal frenetisch vom Heidelberger Publikum gefeiert.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Dusk</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Dämmernde Schönheit</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Nanine Linning</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2017-11-11T12:00:00Z">11.11.2017</time> </div> </div> <div> <div>UA/DE/DSE</div> <div>UA</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/626" hreflang="de">Heidelberg</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1958" hreflang="de">Theater und Orchester Heidelberg</a></div> </div> <div> <div>Musikalische Leitung</div> <div>Elias Grandy</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Tanz</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Sa., 11.11.2017 - 23:34</div> <div><span lang="" about="/user/34" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Bettina Weber</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/dusk-1532.jpg?itok=UwrAtByY" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Nanine Linning: Dusk" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/dusk-1532.jpg?itok=gVOruY_P" width="1800" height="1200" alt="dusk-1532.jpg" title="dusk-1532.jpg" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Kalle Kuikkaniemi</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Ensembleszene aus Nanine Linnings &quot;Dusk&quot; mit den flirrenden Kostümen Irina Shaposhnikovas</div> </div> </div> </div> </div> Sat, 11 Nov 2017 22:34:52 +0000 Bettina Weber 10404 at https://die-deutsche-buehne.de