Gießen https://die-deutsche-buehne.de/taxonomy/term/622 de Richard van Schoor: Alp Arslan https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/narkotisierende-klanggesaenge <span>Richard van Schoor: Alp Arslan</span> <span><span lang="" about="/user/144" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Regine Müller</span></span> <span>So., 05.05.2019 - 19:50</span> <div><p>Vor sieben Jahren sorgte der ägyptische Künstler <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wael_Shawky">Wael Shawky</a> auf der documenta 13 mit seiner Filmtrilogie <a href="https://www.deutschlandfunkkultur.de/cabaret-crusades-wael-shawky-laesst-die-puppen-tanzen.1013.de.html?dram:article_id=305190">„Cabaret Crusades“</a> für Furore, in der er mit Marionetten die Geschichte der mittelalterlichen Kreuzzüge als Kabarett nachstellte. Shawky fragte nach der Auseinandersetzung mit dem Fremden und der Konstruktion von Geschichte und drehte die eurozentrische Perspektive auf die christlichen Kreuzzüge radikal um.</p> <p>Etwas Vergleichbares, verklammert mit aktuellen politischen Bezügen versucht nun die vom Stadttheater Gießen in Auftrag gegebene Oper „Alp Arslan“ des südafrikanischen Komponisten <a href="http://richardvanschoor.com/">Richard van Schoor</a> und des Librettisten von <a href="https://www.stadttheater-giessen.de/das-sind-wir/mitarbeiter/detail/willem-bruls.html">Willem Bruls</a>, einem niederländischen Dramaturgen, Autoren und Orient-Experten. Der titelgebende <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Alp_Arslan">Alp Arslan</a> ist eine historische Figur, er wurde im syrischen Aleppo des 12. Jahrhunderts zur Zeit der Kreuzzüge im jugendlichen Alter zum Sultan und erwies sich als äußerst labiler Herrscher, der seine paranoiden Ängste durch eine Despotie des Schreckens kompensierte. Die Oper thematisiert die Geschichte des Titelhelden – dessen Name so viel bedeutet wie „tapferer Löwe“ – sowie dessen zutiefst gestörte zwischenmenschliche Beziehungen zu den ihn umgebenden Frauen (Mutter und Großmutter) und die auch sexuell aufgeladene zu dem Eunuchen Loulou, der eigentlichen Hauptfigur. Doch damit nicht genug, denn das Werk verschränkt diese ohnehin schon schreckenssatte, bizarre Handlung mit dem heutigen Schicksal der gebeutelten syrischen Bürgerkriegsstadt Aleppo. Als „Requiem für Aleppo“ bezeichnen die Macher dann auch das Werk, das am Ende nach sehr langen 110 Minuten doch eher befremdet zurücklässt.</p> <p>Wenn der Vorhang, auf den zuvor die intakte Silhouette der Stadt Aleppo projiziert wurde, hochgeht, sieht man in einer angedeuteten Wüsten-Dünenlandschaft nur einen singenden Kopf: Loulou (der Countertenor Denis Lakey) wimmert, rezitativisch karg gesetzt: „Schrecklicher Schmerz!“ Zuvor hatte nervöses Streicherflimmern über Kontrafagott-Grundierung bereits eine hinreichend beunruhigende Stimmung suggeriert. Die Szene ist eine Rückblende: Loulou erinnert sich an seine Kastration im Teenie-Alter, als ihm seine Hoden mit glühendem Eisen verbrannt wurden und er – dem fast sicheren Tod geweiht – in der Wüste bis zum Kopf eingegraben wurde. Dann springt die Handlung zum Tod des Ridwan, des Sultans von Aleppo, der seine Herrschaft auf dem Totenbett an seinen nervösen Sohn übergibt. Diesen stattet der Komponist mit einer Tenorstimme aus (Daniel Arnaldos), die fortwährend riesige Intervallsprünge bewältigen muss und sich von der Herrschaft überfordert fühlt. Nun schlägt die Stunde von Loulou, der seine Kastration als Gezeichneter überlebte und ein schwer durchschaubares Spiel zwischen Machtpoker, erotischer Zuneigung und Vernichtungskrieg mit dem neuen Sultan beginnt. Das Ganze kann natürlich nicht gut gehen, im zweiten Akt kommt plötzlich ein orthodoxer Gottesdienst (unter der berühmten Rosette von Notre Dame) auf die Bühne, im dritten Akt eskaliert der Machtkampf zwischen Loulou und Alp Arslan, der im Mord des jungen Sultans endet, im Epilog schließt sich der Kreis, indem wieder nur der inzwischen selbst getötete Loulou erneut seinen „schrecklichen Schmerz“ als singender Kopf beweint.</p> <p>Der <a href="https://www.stadttheater-giessen.de/spielzeit/pressedetail/keine-angst-vor-grossen-gefuehlen-giessener-anzeiger.html">Komponist Richard van Schoor gab vorab zu Protokoll</a>, er habe eigentlich eine abstrakte, eher minimalistische, ort- und zeitlose Partitur im Sinn gehabt, sich dann aber durch die Zusammenarbeit mit dem Orient-Experten Willem Bruls davon überzeugen lassen, dass es ohne musikalisches Lokal-Kolorit nicht gehe. So besetzt van Schoor das Philharmonische Orchester Gießen, ergänzt aber den mit experimentellen, auch elektronisch verfremdenden Techniken vertrauten Cellisten Mathys Mayr, Evgeni Ganev an Tasteninstrumenten (auch präpariertes Klavier), sowie einen syrischen Sänger und vier mit traditionellen orientalischen Instrumenten ausgerüstete syrische Musiker, die ihre eigene Musik mitbringen. Diese wird aber nicht oder kaum integriert in die Partitur. Schoors Komposition bleibt über weite Strecken karg, die Gesangsstimmen bemühen abwechselnd rezitativischen Sprechgesang, psalmodierende Klagegesänge – die sowohl auf orientalische wie auch frühchristliche Traditionen verweisen – oder expressive Passagen gemäßigter Modernität. Das Orchester kommt überwiegend in den Vor-Zwischen- oder Nachspielen zu Wort, sonst bleibt der Gesamteindruck auf lähmende Weise stagnierend. Auch die mitunter recht massiven Chöre bleiben überwiegend in blockhaft gesetzten Psalmgesängen stecken, was die gewünscht archaische Stimmung erzeugt, die aber dennoch seltsam behauptet bleibt.</p> <p>Intendantin Cathérine Miville setzt das Ganze schnörkellos, aber auch recht konventionell in Szene. In der Gottesdienst-Szene wähnt man sich in einer verstaubten <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Boris_Godunow">„Boris Godunow“</a>-Inszenierung, im letzten Akt in einem Sandalen-Film der 1950er Jahre. Dabei bietet Marc Jungreithmeiers Drehscheiben-Bühne viele Möglichkeiten und es gibt optisch durchaus starke Momente. Auch die musikalische Ausführung des Abends ist famos, sowohl <a href="https://www.stadttheater-giessen.de/das-sind-wir/mitarbeiter/detail/jan-hoffmann.html">Jan Hoffman</a> im Graben mit dem erweiterten Ensemble, als auch das Sängerensemble (vor allem der Countenor!), die Chöre und die syrischen Musiker leisten Großes. Aber das ganze Projekt und sein hoch ambitionierter Anspruch schielen doch zu penetrant auf Betroffenheit und die wohlfeile Weisheit, dass sich in der Geschichte alles wiederholt und die Menschheit nicht lernfähig ist. Vielleicht ist der Abend auch einfach nur zu lang. </p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Alp Arslan</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Narkotisierende Klanggesänge</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Richard van Schoor</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2019-05-04T12:00:00Z">04.05.2019</time> </div> </div> <div> <div>UA/DE/DSE</div> <div>UA</div> </div> <div> <div>Medialink</div> <div><a href="https://www.stadttheater-giessen.de/spielzeit/musiktheater/stueckansicht/alp-arslan-ua.html">Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung</a></div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Cathérine Miville</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/622" hreflang="de">Gießen</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1845" hreflang="de">Stadttheater Gießen</a></div> </div> <div> <div>Musikalische Leitung</div> <div>Jan Hoffmann / Martin Spahr</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Musiktheater</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>So., 05.05.2019 - 20:16</div> <div><span lang="" about="/user/24" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Antonia Ruhl</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/Bild-gross/arslan-rkw-190429-2-1475.jpg?itok=5ShCeNR-" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Daniel Arnaldos und Denis Lakey" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/Bild-gross/arslan-rkw-190429-2-1475.jpg?itok=4mHnUtBe" width="1800" height="1200" alt="Daniel Arnaldos und Denis Lakey" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Rolf K. Wegst</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Daniel Arnaldos und Denis Lakey</div> </div> </div> </div> </div> Sun, 05 May 2019 17:50:58 +0000 Regine Müller 12016 at https://die-deutsche-buehne.de Emerich Kálmán: Ein Herbstmanöver https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/gelungene-wiederentdeckung <span>Emerich Kálmán: Ein Herbstmanöver</span> <span><span lang="" about="/user/186" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Wilhelm Roth</span></span> <span>Sa., 28.10.2017 - 15:10</span> <div><p>Das traditionelle Herbstmanöver war in Österreich/Ungarn noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehr ein gesellschaftliches als ein militärisches Ereignis. Und damit auch der perfekte Schauplatz für eine Liebesgeschichte, für den Versuch des Husaren-Leutnants von Lörenthy seine einstige Liebe, die Baronin Riza, wiederzugewinnen. Die Operette „Ein Herbstmanöver“, das Erstlingswerk des später so berühmten Emmerich Kálmán (1882 – 1953), wurde am 22. Februar 1908 in Budapest uraufgeführt, die stark veränderte deutsche Fassung am 22. Januar 1909 in Wien.</p> <p>Mit seinen populären Zigeunerweisen, Militärmärschen und Liebesduetten hat sich das Werk erstaunlich schnell durchgesetzt. Es kam noch 1909 in Hamburg, Stockholm, New York und London heraus, und bis 1914 in sechs europäischen Ländern sowie in Australien. Der Erste Weltkrieg stoppte den friedlichen Siegeszug der Husaren-Operette, nun war Patriotismus gefragt. Das „Herbstmanöver“ geriet in Vergessenheit und ist über hundert Jahre in Deutschland nicht mehr aufgeführt worden. Die Gießener Inszenierung  ist also ein Neustart. Allerdings hat Kálmán mit seinen späteren Welterfolgen „Die Czardasfürstin“ und „Gräfin Mariza“ selbst dazu beigetragen, dass sein Erstling vergessen wurde. </p> <p>Das Gießener Produktionsteam mit dem Regisseur Balázs Kovalik und dem Dramaturgen Matthias Kauffmann hat diesen Neustart konsequent genutzt, hat aus der Budapester und der Wiener Version eine eigene musikalisch-dramaturgische Fassung hergestellt, eine Gießener Fassung. In ihr werden über die Liebesgeschichte hinaus, die sich durch den ganzen Abend zieht, die gesellschaftlichen und menschlichen Spannungen der Zeit vor dem Krieg deutlich spürbar.</p> <p>Das wird schon im Schauplatz der Handlung sichtbar, dem Festsaal des Schlosses der Baronin Riza, der von schwarzen Außenwänden wie von Eisen eingeschlossen ist, und auch im Saal selbst dominieren schwarze Wandflächen (Bühne und Kostüme: Lukas Noll). Man hat den Eindruck, in einem Bunker zu sein, um sich vor den Gefahren von draußen zu schützen. Einen Blick ins Freie gibt es nie. Im Gegenteil: Mal schneit es von draußen herein, mal weht der Wind von den Bäumen abgefallene Herbstblätter in den Saal. Die oft sehr flotte ungarisch getönte Musik und lyrische Sehnsuchts-Arien hellen die Stimmung aber immer wieder auf.</p> <p>Der Grundton ist Melancholie und Trauer, aber auch Witz und Sarkasmus. Dass eine Katastrophe naht, der Erste Weltkrieg, ist deutlich zu spüren, natürlich auch, weil wir Zuschauer das wissen. Die Soldaten, die zum Manöver gekommen sind, tragen am Anfang weiße Galauniformen, später, als das Manöver läuft, erinnern sie an amerikanische GIs von heute. Immer wieder stürzen Soldaten herein, die Gewehre im Anschlag, verschwinden wieder, so schnell wie sie gekommen sind.</p> <p>Trotz aller Stimmungs- und Stilbrüche ist die Aufführung sehr unterhaltsam. Dazu trägt vor allem das Orchester mit seinem Chefdirigenten Michael Hofstetter bei, der ausdrucksvoll singende Gaststar Christiane Boesiger als Gräfin Riza, und nicht zuletzt die auf Komik angelegten Figuren, besonders die Diener, die gerne stänkern und motzen, und der zentrale Komiker, der damals für Operetten unumgänglich war, hier der Reserve-Kadett-Feldwebel Wallerstein, gespielt vom Gießener Publikumsliebling Tomi Wendt. Seine Witze dürfen auch unter der Gürtellinie liegen, das war Operetten-Tradition. Er läuft fast den ganzen Abend in seiner Unterhose herum, darüber eine Uniform-Jacke. Wo hat er seine Hose verloren? Bei einem Freund. Und dort ist auch sein Säbel geblieben.</p> <p>Die Wiederentdeckung von Kálmáns Erstlingwerk hat sich gelohnt, nicht zu letzt, weil das Theater Gießen es gewagt hat, klug und phantasievoll eigene Akzente zu setzen. </p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Ein Herbstmanöver</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Gelungene Wiederentdeckung</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Emerich Kálmán</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2017-10-28T12:00:00Z">28.10.2017</time> </div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Balázs Kovalik</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/622" hreflang="de">Gießen</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1845" hreflang="de">Stadttheater Gießen</a></div> </div> <div> <div>Musikalische Leitung</div> <div>Michael Hofstetter</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Musiktheater</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Sa., 28.10.2017 - 15:10</div> <div><span lang="" about="/user/186" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Wilhelm Roth</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/kk_mt_giessen_herbstmanoever.jpg?itok=9omINlrQ" width="100" height="56" alt="Thumbnail" title="Emerich Kálmán: Ein Herbstmanöver" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/kk_mt_giessen_herbstmanoever.jpg?itok=jJ3Uh23B" width="1800" height="1200" alt="Ensembleszene " title="Ensembleszene " typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Rolf K. Wegst</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Ensembleszene</div> </div> </div> </div> </div> Sat, 28 Oct 2017 13:10:58 +0000 Wilhelm Roth 10390 at https://die-deutsche-buehne.de Alfred Schnittke: Leben mit einem Idioten https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/kreislauf-im-nichts <span>Alfred Schnittke: Leben mit einem Idioten</span> <span><span lang="" about="/user/186" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Wilhelm Roth</span></span> <span>Fr., 12.05.2017 - 15:43</span> <div><p>Der russische Komponist Alfred Schnittke ist immer noch ein Geheimtipp. Das Stadttheater Gießen erweist sich nun mit der Aufführung seiner Oper „Leben mit einem Idioten“, 24 Jahre nach der ersten und bisher einzigen deutschen Inszenierung, wieder einmal als Schatzgräber. Schnittke ist 1934 in der wolgadeutschen Russischen Republik geboren, er starb 1998 in Hamburg – ein Emigrantenschicksal. Sein Vater, Journalist von Beruf, war ein aus Frankfurt am Main stammender Jude, seine Mutter eine Wolgadeutsche. Schnittke hat ein umfangreiches Werk hinterlassen, drei Opern, acht Sinfonien, viel Orchester- und Kammermusik. Gidon Kremer spielt ihn gerne. In der Sowjetunion wurde er kaum aufgeführt, er lebte von der Komposition von Filmmusik, die weniger der Zensur unterworfen war. Er schrieb die Musik zu gut 70 Filmen. In der Perestroika-Zeit konnte er schließlich in den Westen ziehen, von 1990 bis zu seinem Tod wohnte er in Hamburg. Trotz mehrerer Schlaganfälle entstanden dort viele seiner großen Werke, auch „Leben mit einem Idioten“.</p> <p>Die Oper wurde 1992 in Amsterdam uraufgeführt, dirigiert von Mstislaw Rostropowitsch. Die Kritiken berichten von einem sensationellen Erfolg. Die deutsche Erstaufführung war 1993 in Wuppertal. „Leben mit einem Idioten“ ist ein Horrortrip durch menschliche Leidenschaften und Phantasien aller Art, sie stehen auch für das mörderische Unterdrückungs-System der Sowjetunion. Der Idiot heißt nicht zufällig Wowa, wie Lenin mit seinem Spitznamen. Das Libretto stammt von Viktor Jerofejew, der genau wusste, worüber er schrieb. Für die effektvolle Musik holte sich Schnittke Anregungen, woher er sie kriegen konnte. Ganz unterschiedliche musikalische Stile knallen aufeinander. Im Fachjargon hat sich für diese musikalische Technik der Begriff Polystilistik durchgesetzt.</p> <p>Wenn sich der Vorhang in Gießen hebt, ein leicht verzerrter weißer Stern, der sich allmählich rötlich färbt, ist dahinter die Wohnung eines russischen Schriftstellers ohne Namen zu sehen. Er heißt einfach „Ich“, Gegenspieler ist Wowa, der Idiot. Zwischen beiden steht Ichs Frau. Ich ist wegen mangelnden Mitleids verurteilt worden (von wem, erfährt man nicht), einen Idioten bei sich aufzunehmen. Im Irrenhaus entscheidet er sich für Wowa, der nicht spricht, einen friedlichen Eindruck macht. Allmählich aber übernimmt er das Regiment in der Familie. Er frisst den Kühlschrank leer und scheißt die Wohnung voll (man kann es nicht dezenter sagen, aber es wird dezent nur darüber gesprochen). Er macht sich an die Frau heran, die ein Kind von ihm bekommt, das sie abtreibt. Wowa bringt sie deswegen um, spielt auf der Bühne mit ihrem Kopf, während sie nach wie vor lebendig herumläuft. Wowas nächstes Opfer seiner sexuellen Begierde ist der Mann, der allmählich alle Kontrolle über sich verliert. Nun kommt er ins Irrenhaus, ist der nächste Idiot.</p> <p>Aber so folgerichtig wie hier erzählt, ist die Handlung nicht, es gibt Sprünge hin und her und eine witzige Nebenfigur. Als Ich, ein großer Verehrer von Marcel Proust, erleben muss, wie Wowa seine wertvolle Bibliothek in Fetzen reißt, darunter den geliebten Proust, taucht der Dichter selbst auf, ein elegant gekleideter etwas dicklicher Herr, der aber Wowa in seiner Zerstörungswut auch nicht stoppen kann. Die drei Hauptpersonen, glänzend dargestellt von Gabriel Urrutia (Ich), Annika Gerhards (Frau) und Bernd Könnes (Wowa) werden szenisch und musikalisch vom Chor begleitet. Georg Rootering (Regie) und Lukas Noll (Bühne und Kostüme) hatten den treffenden Einfall, alle Chormitglieder, Männer und Frauen, einen Rollator benutzen zu lassen, ein dezent komischer Hinweis, wie altersschwach diese Welt ist, in der diese groteske Geschichte spielt. Zudem haben die Chorsänger auf ihrem Gefährt ein Pult mit den Noten, eine wichtige Hilfe für die schwierige Musik.</p> <p>Der noch junge Dirigent Martin Spahr führt souverän durch die sprunghafte polystilistische Partitur. Einige Motive tauchen aber deutlich, manchmal nur für wenige Takte, aus dem Musikstrom auf, ein Tango, der gut ins Ohr geht, die Internationale oder das russische Volkslied „Auf dem Felde stand ein Birke“ (das erkennt man aber als Nichtrusse nur dank des Programmhefts).</p> <p>Eine finstere Geschichte, die Schnittke und sein Librettist Jerofejew erzählen (gespielt wird eine deutsche Übersetzung von Jörg Morgener und Beate Rausch). Musik, Text und Regie aber geben der Erzählung manchmal einen schwarzen Humor, reizen sogar zum Lachen. Trotzdem, die Grundbotschaft ist tiefer Pessimismus. Der misshandelte Ich wird als Idiot nun zum neuen Unterdrücker. Das wird zwar nicht ausdrücklich gezeigt, liegt aber in der Konsequenz der Geschichte. Der Kreislauf im Nichts lässt sich kaum unterbrechen. Vielleicht ist das der Grund, warum dieses Werk so selten aufgeführt wird.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Leben mit einem Idioten</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Kreislauf im Nichts</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Alfred Schnittke</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2017-05-13T12:00:00Z">13.05.2017</time> </div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Georg Rootering</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/622" hreflang="de">Gießen</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1845" hreflang="de">Stadttheater Gießen</a></div> </div> <div> <div>Musikalische Leitung</div> <div>Martin Spahr</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Musiktheater</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Fr., 12.05.2017 - 15:43</div> <div><span lang="" about="/user/186" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Wilhelm Roth</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/kk_mt_giessen_idioten.jpeg?itok=E-pTOwOb" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Alfred Schnittke: Leben mit einem Idioten " typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/kk_mt_giessen_idioten.jpeg?itok=sJIHi-Nh" width="1800" height="1200" alt="Szene mit Annika Gerhards, Bernd Könnes, Gabriel Urrutia und dem Chor" title="Szene mit Annika Gerhards, Bernd Könnes, Gabriel Urrutia und dem Chor" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Rolf K. Wegst</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Szene mit Annika Gerhards, Bernd Könnes, Gabriel Urrutia und dem Chor</div> </div> </div> </div> </div> Fri, 12 May 2017 13:43:07 +0000 Wilhelm Roth 10279 at https://die-deutsche-buehne.de Andrea und Giovanni Gabrieli/Michael Praetorius/Heinrich Schütz/Richard van Schoor/Sergej Maingardt: Kronos & Kairos https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/ewigkeit-und-augenblick <span>Andrea und Giovanni Gabrieli/Michael Praetorius/Heinrich Schütz/Richard van Schoor/Sergej Maingardt: Kronos &amp; Kairos</span> <span><span lang="" about="/user/57" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Ekaterina Kel</span></span> <span>Fr., 13.05.2016 - 15:19</span> <div><p>Vor dem eigentlichen Anfang geht es bereits los: Wir werden alle zusammen ins Foyer des Hauses im ersten Stock gebeten. „Freie Platzwahl“ steht auf der Karte. Im Großen Haus? Im Foyer durchquere ich mehrere Parfümwolken und lehne mich an eine Wand. Motetten, mehrstimmige Psalmvertonungen aus dem 16. und 17. Jahrhundert von Andrea und Giovanni Gabrieli, Michael Praetorius und Heinrich Schütz erwarten mich. Intendantin Cathérine Miville erscheint und schickt uns ins Erdgeschoss, zu den kleinen Türen am Ende des Ganges, die sonst für uns Zuschauer verschlossen bleiben. Vorbei an nett lächelndem Einlasspersonal, an Kabeln und schwarzen Wänden, zur Hinterbühne.</p> <p>Dort stehen Stühle für uns bereit und immer, wenn sich jemand setzt, ertönt ein kurzes „Ah!“, denn man sieht das, wovon man normalerweise selbst Teil ist: den Saal mit roten Samtsitzen und vergoldetem Balkon. Er ist leer und fern. Wir sind heute auf der anderen Seite des Geschehens. Links und rechts, vor und über uns in den kleinen Einlassungen an der Wand stehen Sänger und Sängerinnen mit Notenpulten. Man weiß gar nicht, wohin der Kopf sich drehen soll.</p> <p>Dann erscheint der Generalmusikdirektor des Hauses, Michael Hofstetter, auf der Bühne. Er gibt ein Handzeichen und alles setzt sich in Bewegung. Elektronische Klänge aus den Lautsprechern. Dunkelheit. Ein paar neckische Cembalo-Töne und dann bewegt sich die Bühne, nein, wir bewegen uns. Wir sind die Bühne, eine Drehbühne, um genau zu sein, die sich in Bewegung setzt.</p> <p>Überhaupt ist an diesem Abend alles im Fluss: Die Sänger und Sängerinnen wechseln nach jeder Motette ihre Plätze, gehen Seitentreppen herunter und wieder hoch, die Stimmfächer ordnen sich immer wieder neu. Sogar ein Spinett wird auf einem runden Podest von der Decke gelassen und schwebt über uns – inklusive der fragil aussehenden Spielerin. Die frühbarocken Motetten, eigens für die Inszenierung von Richard van Schoor organisch aneinander komponiert, erleben in diesem Setting ein unheimlich gelungenes, aber wirklich unerwartetes Revival. Ihre Klänge kommen von allen Seiten, Michael Hofstetter guckt nach oben und unten, seine etwas angehobenen Augenbrauen verraten höchste Aufmerksamkeit, in diesem undefinierten Raum hält er alles zusammen: die Stimmen und die Cembali, Lauten, Harfen und Blockflöten. Die elektronischen „Stör“-Geräusche von Sergej Maingardt legen sich darüber. Hofstetter bündelt alle Klänge in seinen Handflächen, die er sanft im bedächtig-barocken Takt wiegt.</p> <p>Das Regiekollektiv <em>Auftrag : Lorey</em> lässt in Kooperation mit der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt einen intimen Raum entstehen, in dem etablierte Wahrnehmungsmuster für Alte Musik in Dialog mit dem Jetzt treten. Hier, unter dem Schnürboden, wo Stahl und schwarze Wände regieren, schreit alles nach Moderne, nach zeitgenössischer Musik, nach Experiment. Zu hören bekommen wir delikaten Barock und Anrufungen von Jesu auf Latein. Und das Tolle ist – es funktioniert hervorragend. Alles lässt sich auf die Begegnung mit dem jeweils anderen ein. Das zieht sich bis in Katharina Sendfelds Kostümgestaltung: Strenge Metallketten und Irokesen treffen auf mysteriöse Überspitzungen von Reifröcken und Federumhängen in schneeweißem Material.</p> <p>Die Inszenierung nimmt den Motetten das Sakrale, das sie sonst so unberührbar und zuweilen steif erscheinen lässt, ohne sie ganz dem Profanen zu überlassen. Das Duo Auftrag : Lorey gibt dem Erhabenen der frühbarocken Klänge seine persönliche Note. Genauso wird die Bühne nicht einfach umgedreht, sondern der Raum neu erfunden. Björn Auftrag und Stefanie Lorey besetzen ihn mit eigenen Konnotationen und laden die Zuschauer und Zuschauerinnen ein, an diesem Ereignisraum teilzuhaben.</p> <p>Das Spiel mit der Dirigentenrolle fügt sich erstaunlich gut ins hin- und herpendelnde Universum von "Kronos und Kairos", des beständigen Zeitflusses und des plötzlich auftauchenden günstigen Augenblicks. Auch Hofstetter taucht an verschiedenen Stellen im Raum auf, bis er beinahe ganz außerhalb unserer Sichtweise ist und schließlich vollkommen durch eine allgegenwärtige Abwesenheit brilliert. Übergroß erscheint er als Videoübertragung auf der Vorderwand, zu diesem omnipräsenten Gotteswesen schauen die Sänger und Sängerinnen auf, sich nur noch an ihren Gesangsbüchern haltend. Hier treffen sich Ewigkeit und Augenblick: Hofstetter ist sein eigenes Phantom geworden. Seine Gestalt reibt sich an der Realität der Hinterbühne auf, kann aber niemals ganz den Platz räumen. So wird der Dirigent zum letzten eigentlichen Akteur des Abends, als er die knarzige Tür zur Vorderbühne aufzieht und dahinter verschwindet. Mit tosendem Applaus gibt das Gießener Premierenpublikum zu verstehen: Dieser Abend ist etwas ganz Außergewöhnliches.</p> <p>Man verlässt die Vorstellung ein paar Zentimeter größer. Fast so, als hätte man selbst an der Stelle des allmächtigen Dirigenten gestanden. </p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Kronos &amp; Kairos</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Ewigkeit und Augenblick</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Andrea und Giovanni Gabrieli/Michael Praetorius/Heinrich Schütz/Richard van Schoor/Sergej Maingardt</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2016-05-14T12:00:00Z">14.05.2016</time> </div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Auftrag : Lorey</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/622" hreflang="de">Gießen</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1845" hreflang="de">Stadttheater Gießen</a></div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Musiktheater</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Fr., 13.05.2016 - 15:19</div> <div><span lang="" about="/user/57" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Ekaterina Kel</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/kk_mt_kronos.jpg?itok=Ijx9TYlH" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Kronos &amp; Kairos" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/kk_mt_kronos.jpg?itok=oDuuHg1b" width="1800" height="1200" alt="Szene aus &quot;Kronos &amp; Kairos&quot; in Gießen" title="Szene aus &quot;Kronos &amp; Kairos&quot; in Gießen" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Rolf K. Weist</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Szene aus &quot;Kronos &amp; Kairos&quot; in Gießen</div> </div> </div> </div> </div> Fri, 13 May 2016 13:19:34 +0000 Ekaterina Kel 10007 at https://die-deutsche-buehne.de Tarek Assam: Gravitas https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/schwerkraefte <span>Tarek Assam: Gravitas</span> <span><span lang="" about="/user/34" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Bettina Weber</span></span> <span>Fr., 13.05.2016 - 00:07</span> <div><p>Wie von einer unsichtbaren Macht werden die Arme der Tänzer gleichzeitig zur Seite gezogen. Körper neigen sich in Zeitlupe und fallen blitzartig. In seinem neuen Tanztheaterstück „Gravitas“ im <em>taT</em>, der Studiobühne des Stadttheaters, setzt sich der Gießener Chefchoreograph Tarek Assam mit der Gravitation auseinander. Dabei veranschaulicht er vor allem das Grundprinzip der physikalischen Grundkraft: Sie löst Bewegungen aus, Bewegungen von Massen: Teilchen, Gegenständen, Körpern. Der gut 60-minütige Abend besteht aus einer Reihe von kurzen, ineinander übergehenden Szenen, die der Gravation in all ihren möglichen Wirkungen choreographisch nachzuspüren versuchen. Geschickt verbinden Assam und seine Tänzer dafür anspruchsvolle Bewegungsfolgen. Manche der abwechselnd rasanten, dann überraschend starren Bewegungsvariationen, in denen sich die Tänzer stützen, halten und fallen lassen, wirken wie eine ganz unmittelbare Versinnbildung von Ursache und Wirkung. Die Körper der Tänzer treten nicht nur in Verbindung mit dem Boden und dem Rest ihres Bühnenumfelds – zwei schräg gestellte, halb durchsichtige Wände, umrahmt von senkrechten Neonröhren – sie verbinden sich stützend, tragend und haltend miteinander oder drehen sich wie Planeten aneinander vorbei. So rückt zugleich die menschliche Anziehungskraft in den Blick – unsichtbar, unabschirmbar, unbegrenzt wie die Gravitation. Nahezu permanent werden die beiden Wände mit Videos (Installation: Lieve Vanderschaeve) bespielt, die Text, Bilder oder graphische Muster zeigen, dazu schafft das abwechslungsreiche Lichtkonzept immer wieder neue Szenerien durch hektisches Flackern oder Farbvariationen vom Neon- bis zum Schwarzlicht, was den ganzen Bühnenraum instabil wirken lassen soll. Nicht immer gelingt der Versuch der optischen Täuschung, zumal den technischen Effekten in der kleinen Studiobühne Grenzen gesetzt sind, doch trotzdem erfährt der Abend auf diese Weise eine dauerhafte Grundspannung.</p> <p>Oft sind die choreographischen Bewegungsfolgen, zu denen sphärisch-elektronische Sounds eingespielt werden, kunstvoll und virtuos, dann plötzlich sprechen die Tänzer ganz konkret und nüchtern über die physikalischen Gesetze, die hinter der allgegenwärtigen Präsenz der Massenanziehungskraft stecken. Dabei reden sie auch mal (nicht verständlich für alle) in ihren verschiedenen Muttersprachen miteinander – wer braucht schon Formeln, wenn sinnlich erfahrbar ist, wie ein physikalisches Gesetz wirkt? Auch die Banalität der allgegenwärtigen Schwerkraft nimmt der Abend in den Blick, zum Beispiel, wenn Romain Arreghini einen Apfel in die Höhe wirft, wieder auffängt und ruft: „C’est la gravité!“. So werden spielerisch Kontraste geschaffen.</p> <p>Hinter dem Begriff Gravitation verbergen sich auch Theorien und Ideen: Was würde geschehen, wenn das Prinzip aufgehoben wäre? Durch das dreidimensional anmutende Raumkonzept vollzieht Tarek Assam immer wieder auch eine Art Versuchsanordnung, in der Kräfte außer Kraft gesetzt sind, Zeit und Raum gedehnt wirken sollen. Dass da auch mal zwei Tänzerinnen scheinbar schwerelos kopfüber im Fluggeschirr hängen, wirkt zwar fast schon plump, weil vorhersehbar. Doch überwiegend gestaltet Tarek Assam seine Choreographie in überzeugender Art und Weise ganz abstrakt. Nahezu bezaubernd ist es, wenn sich die Tänzer in grellbunten Oberteilen mit langen Fäden, die sie über ihre übrige schwarz-weiße Kleidung (Bühne und Kostüme: Michele Lorenzini) gezogen haben, langsam krümmen, strecken, verengen und sich wie physikalische Teilchen durch den Raum bewegen. Nicht jede der kurzen Szenen ist derart zwingend, doch das Raumkonzept und die thematische Grundidee werden dramaturgisch stringend und technisch sowie tänzerisch nahezu einwandfrei umgesetzt – einhelliger Applaus.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Gravitas</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Schwerkräfte</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Tarek Assam</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2016-05-12T12:00:00Z">12.05.2016</time> </div> </div> <div> <div>UA/DE/DSE</div> <div>UA</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/622" hreflang="de">Gießen</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1845" hreflang="de">Stadttheater Gießen</a></div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Tanz</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Fr., 13.05.2016 - 00:07</div> <div><span lang="" about="/user/34" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Bettina Weber</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/gravitashp2__36_von_91_.jpg?itok=c0Hksedq" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Tarek Assam: Gravitas" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/gravitashp2__36_von_91_.jpg?itok=HugtVgB4" width="1800" height="1200" alt="&quot;Gravitas&quot; (UA) am Stadttheater Gießen" title="&quot;Gravitas&quot; (UA) am Stadttheater Gießen" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Katrina Friese</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>&quot;Gravitas&quot; (UA) am Stadttheater Gießen. Caitlin-Rae Crook, Mamiko Sakurai, Romain Arreghini, Magdalena Stoyanova, Agnieszka Jachym, Sven Krautwurst (v. l.)</div> </div> </div> </div> </div> Thu, 12 May 2016 22:07:12 +0000 Bettina Weber 10003 at https://die-deutsche-buehne.de François-Adrien Boieldieu: Die weiße Dame https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/wie-im-maerchen <span>François-Adrien Boieldieu: Die weiße Dame</span> <span><span lang="" about="/user/57" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Ekaterina Kel</span></span> <span>So., 07.02.2016 - 14:48</span> <div><p><span>Wer sagt eigentlich, dass man nicht auf die Einfachheit setzten darf? Am Gießener Stadttheater hat der Regisseur Dominik Wilgenbus ganz optimistisch seine Karten auf Eindeutigkeit und Naivität gesetzt – und haushoch gewonnen. Seine Inszenierung der Opéra comique „La dame blanche“ von Fran</span><span>ç</span><span>ois-Adrien Boieldieu offenbarte das künstlerische Wesen der erst kürzlich wiederentdeckten Oper: gutgläubig, naiv, simpel, aber auch verheißungsvoll und voller Optimismus. Und da wippten schon die ersten Köpfe im Publikum, obwohl die Oper alles andere als ein bekannter Kassenschlager ist. 1825 in Paris uraufgeführt, erfreute sie sich in Europa des 19. Jahrhunderts großer Beliebtheit, bevor sie während der Weltkriege gnadenlos in Vergessenheit geriet. Wilgenbus selbst fertigte eine neue Übersetzung an, die den Sprachwitz auf den Punkt bringt.</span></p> <p><span>Jan Hoffmanns behutsamer Umgang mit dem simplen Opernpop gibt der Musik Raum, in ihrer Dynamik aufzugehen. Entgegen der Naivität der Harmonien vertraut der stellvertretende Generalmusikdirektor auf die romantische Note darin, die, zugegeben, trotzdem sehr klein ausfällt. Hoffmann dirigiert angenehm unprätentiös, lässt den Tönen ihren Raum und den Streichern ihre Sanftmut, trägt nicht zu dick auf – und das ist für die Komposition sehr wichtig, die sonst Gefahr läuft, als platter Pop verkannt zu werden. Während der Ouvertüre bleibt der Vorhang geschlossen, so kann sich die Musik gelassen in den Köpfen der Zuschauer absetzen. Und das gelingt ihr auf Anhieb. Zu schnell für einen ernsthaften Anspruch auf Raffinesse. Aber schnell genug, um zu verstehen zu geben: Ich bin immer noch ein Hit! </span></p> <p><span>Diese Oper verlangt nach Volksnähe – und die muss erst hergestellt werden. Da helfen die schottischen Röcke, übergroßen Schleifen und karierten Bommelmützen der Dorfbewohner – in Lukas Nolls Kostümbild findet sich genug, um einen Faschingswagen auszustatten. Chor und Extrachor des Stadttheaters füllen die Bühne mit Choreographien aus dem Musicalrepertoire; Crossdressing darf in der Vaudevilleszenerie ebenfalls nicht fehlen. Die ohnehin kleine Bühne hat Noll auf einen leicht angehobenen grünen Hügel reduziert, auf dem sich die Handlung fast ausschließlich abspielt. Im Kleinen steckt jedoch genau der richtige Ansatz für die „Weiße Dame“. Die Szenen und die Figuren werden schön beieinander gehalten und die stellenweise eindimensionale Musik muss sich nicht in einem großen Raum behaupten, den sie nicht füllen kann und auch nicht soll: Dieses Stück braucht keine großen unnahbaren Bilder – es verlangt nach unmittelbarer Nähe. </span></p> <p><span>Konsequent bis ins letzte Detail wird das ach-so-gruselige Schloss also zum drolligen Puppenhaus mit rustikalem Charme, das als Attrappe auf die Bühne gerollt werden kann. Es ist dies das Schloss, um das sich der Streit entfacht zwischen dem gierigen Kapitalisten Gaveston (Tomi Wendt), der schamlos zu lügen vermag, um an Grafentitel und Macht zu kommen. Wendt gibt einen herrlichen überzogenen Bösewicht mit dünnem Oberlippenbärtchen.</span></p> <p><span>Doch da kommt ihm schon der Held in die Quere: Ganz ahnungslos stolpert er nur so in die Szenen hinein, im Grunde nur darauf aus, seine unglückliche Liebe zu einer Unbekannten in Alkohol und unbedeutenden Flirts zu ertränken. Der Held ist ein echter Waschlappen: Mit dreckigem Saum, besitzlos und völlig verpeilt bleibt der Unteroffizier durchweg zögerlich und etwas dümmlich. Genauso muss er aber sein und sorgt für eine gehörige Portion Slapstick. Clemens Kerschbaumer brilliert zum Ende hin mit überzeichnet emotionalen Soli und erntet tosenden Applaus für die Gutherzigkeit und Tollpatschigkeit seiner Figur.</span></p> <p><span>Doch es sind vor allem Boieldieus Duette und Ensemblestücke, die mit genießerischen, einfallsreichen Verläufen und tonalen und rhythmischen Überraschungen überzeugen. Der Chor geht eine fantastische Symbiose mit den Solisten ein und die Musik bewegt sich regelrecht in Wellen auf der kleinen Bühne – mal verteilt sie sich breitflächig auf alle Choristen, mal taucht sie aus der brausenden Menge pointiert im Solo wieder auf. Die Inszenierung greift diese schon in der Musik angelegten Bewegungen gekonnt auf und stellt klare Bilder her: trotz der schwierigen Aufgabe, das Gewusel von Röcken und Mützen zu sortieren, bildet die Bühne einen klar abgesteckten Raum, in dem es unerwartet viel Spaß macht, dem strukturierten Durcheinander zuzuschauen. </span></p> <p><span>Und die Weiße Dame? Feierlich wird sie mit intrigantem Sopran von der Pächterin Jenny (Katharina Göres) angekündigt. Doch der „gute Geist“ der Weißen Dame, von einer etwas plumpen Harfe begleitet, zeigt sich erst im zweiten Akt. Im wahren Leben ist sie Anna, das unmündige Hausmädchen. Die Sopranistin Naroa Intxausti verleiht ihr jedoch trotz klobigem Schulmädchen-Outfit mit einer klaren, überraschend hellen Stimme eine charmante Bühnenpräsenz. Erst durch die Verkleidung in Weiß kann Anna ihr kluges Köpfchen zeigen, erst mit einer Maske kann sie offen sprechen und Pläne zur Rückeroberung des Schlosses schmieden – und sie kann Befehle erteilen. Den ahnungslosen Soldaten wickelt sie ohne weiteres um ihren weißen Schleier. So kann sie durch ihn sprechen und das Schloss vor der Nase ihres bösen Vormundes Gaveston zurückersteigern. Zu guter Letzt siegt die alte Ordnung des Adels, denn der naive Held erkennt den schottischen Nationalgesang, entpuppt sich als verschollener Sohn der verstorbenen Gräfin des Schlosses und somit als rechtmäßiger Besitzer. </span></p> <p><span>Es ist wie im Märchen: Die Figuren sind altbekannte Karikaturen. Und innerhalb dieses Unterhaltungsuniversums im musikalisch ambitionierten Protomusical können sie ihre psychologische Tiefe ausschöpfen. Schauer und Grusel wird zu wallenden Vorhängen, Anmut und Grazie zu satter Eindeutigkeit. Das Überzeichnen nutzt sich hier allerdings nicht ab, verleiht dem Stück vielmehr Leichtigkeit und Komik. Wilgenbus’ Inszenierung lässt sich voller Gutgläubigkeit auf dieses Universum ein, begrüßt die Farce, scheut nicht zurück vor der Plattitüde, thematisiert konsequent ihre eigene Gemachtheit und bleibt sich selbst dadurch treu. So legt die Inszenierung überraschenderweise die Stärke der Oper frei, die gerade in der boulevardesken Ironie liegt. Wenn man sich denn darauf einlässt, ist das alles ein großer Spaß <span>–</span> davon zeugt auch der lang anhaltende, treue Applaus der Gießener.</span></p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Die weiße Dame</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Wie im Märchen</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>François-Adrien Boieldieu</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2016-02-06T12:00:00Z">06.02.2016</time> </div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Dominik Wilgenbus</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/622" hreflang="de">Gießen</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1845" hreflang="de">Stadttheater Gießen</a></div> </div> <div> <div>Musikalische Leitung</div> <div>Jan Hoffmann</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Musiktheater</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>So., 07.02.2016 - 14:48</div> <div><span lang="" about="/user/57" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Ekaterina Kel</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/dame-rkw-160203-1-0908.jpg?itok=Kps8XBBL" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="François-Adrien Boieldieu: Die weiße Dame" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/dame-rkw-160203-1-0908.jpg?itok=Wlm2hFDN" width="1800" height="1200" alt="dame-rkw-160203-1-0908.jpg" title="dame-rkw-160203-1-0908.jpg" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Rolf K. Wegst</div> </div> </div> </div> </div> Sun, 07 Feb 2016 13:48:19 +0000 Ekaterina Kel 9921 at https://die-deutsche-buehne.de Ralph Benatzky: Im weißen Rößl https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/galoppierende-gags <span>Ralph Benatzky: Im weißen Rößl</span> <span><span lang="" about="/user/186" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Wilhelm Roth</span></span> <span>Di., 03.11.2015 - 13:13</span> <div><p>Das Stadttheater Gießen hat wieder einmal eine Rarität im Spielplan, die Operette „Im weißen Rößl“ von Ralph Benatzky, uraufgeführt 1930. – Eine Rarität?? Ja! Denn Gießen verwendet die Originalpartitur, die erst vor einigen Jahren in Zagreb gefunden wurde, und nicht eine der vielen Bearbeitungen. Es gibt ja längst auch eine „historische Aufführungspraxis“ für die Operette. Das leichte Musiktheater der Weimarer Republik war, zumindest in Berlin, viel frecher und moderner als die Operette der bundesdeutschen fünfziger Jahre. Zu den Pionieren der Operetten-Wiederbelebung heute gehört Florian Ziemen, stellvetretender GMD in Gießen. Er hat schon an mehreren Bühnen, auch an der Komischen Oper in Berlin, Operetten in ihrer originalen Gestalt zu neuem Leben verholfen. Sein temperamentvolles Dirigat der „Rößl“-Partitur, die stark von Jazzelementen durchsetzt ist, hat der Gießener Aufführung ihren Drive gegeben.</p> <p>Die perfekte Machart der Operette und die einfallsreiche Inszenierung von Thomas Goritzki verbinden sich zu einem höchst unterhaltsamen Theaterabend. Erstaunlich die szenisch-musikalische Geschlossenheit des Stücks, das ja nicht die Handschrift nur eines Autors/Komponisten trägt, auch wenn Ralph Benatzky genannt wird. Am Herstellungsprozess waren mehrere Personen beteiligt, drei am Libretto, vier Komponisten steuerten Texte und Lieder bei. Hauptverantwortlich war neben Benatzky auch Erik Charell, Intendant des Großen Schauspielhauses in Berlin, Auftraggeber des Werks und Regisseur der Uraufführung am 8. November 1930. Die vielen Köche verdarben in diesem Fall aber nicht den Brei, einige von ihnen stritten allerdings später um die Tantiemen.</p> <p>Die Geschichte spielt an einem touristischen Sehnsuchtsort, Sankt Wolfgang im Salzkammergut. Die meisten Urlauber kommen aus Berlin, der immer grantige Geschäftsmann Giesecke und der elegante Rechtsanwalt Siedler. Eine auffallende Erscheinung ist der Fabrikantensohn Sigismund (Pascal Thomas), dem der bekannteste Hit gewidmet ist („Was kann der Sigismund dafür, daß er so schön ist“). Ihm gefallen auch Männer, aber er landet schließlich doch im Hafen der Ehe. Bei den Einheimischen dominieren die Rößl-Wirtin Josepha (Judith Peres) und ihr Zahlkellner Leopold (Tomi Wendt), die lange brauchen, bis sie nach Missverständnissen und Streit endlich erkennen und bekennen, dass sie einander lieben. Das dritte Paar, das sich zum glücklichen Finale findet, ist die Tochter von Gieseke, die den Rechtsanwalt Siedler nimmt, einen Prozessgegner ihres Vaters, der deshalb zunächst gar nicht entzückt ist. Die Frauen sind emanzipiert oder sie werden es, der wohl bisexuelle Sigismund wird ein wenig karikiert, er nimmt sich selber auf die Schippe, aber nicht diffamniert. Solche Handlungselemente führten wohl dazu, dass die Operette, jedenfalls in dieser Form, im „Dritten Reich“ nicht gespielt wurde. Zudem waren mehrere der Autoren und Komponisten Juden.</p> <p>Diese drei Liebesgeschichten allein sind nicht abendfüllend, sie sind letztlich vorhersehbar. Es ist die Machart, die das Publikum begeistert. Die Aufführung ist ein einziger Wirbel, alles ist in Bewegung, es wird getanzt, alles dreht sich, auch das Bühnenbild (Heiko Mönnich) mit einem an kubistische Architektur erinnernden Hotel "Zum Weißen Rößl". Es gibt Sprachwitze, auch Kalauer, und schöne surreale Gags, wenn bei einem Duett im Stall Kuhfladen vom Himmel fallen. Wenn doch einmal Sentimentalität droht, beim Auftritt des alten österreichischen Kaisers Franz Joseph, ist die rettende Ironie nicht fern. Und immer wieder Slapstick: beim Besteigen eines Berges, der nur aus einer großen Leiter besteht, oder beim Liebesgeturtel zwischen Sigismund und seiner schüchterne Zukünftigen im Familienbad, vor und in einer Umkleidekabine, die schließlich in der Erde verschwindet. So könnte man fortfahren, aber viele Szenen sind so raffiniert gebaut, dass sie durch eine umständliche Beschreibungnur ihren Witz verlören. </p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Im weißen Rößl</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Galoppierende Gags</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Ralph Benatzky</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2015-10-31T12:00:00Z">31.10.2015</time> </div> </div> <div> <div>Medialink</div> <div><a href="http://www.stadttheater-giessen.de/spielzeit/musiktheater/stueckansicht.html?cHash=22057c7031d2928c8914d01828a41a36&amp;tx_theatre_plays%5Bplay%5D=142&amp;tx_theatre_plays%5Bevent%5D=545&amp;tx_theatre_plays%5Baction%5D=show&amp;tx_theatre_plays%5Bcontroller%5D=Play">Fotogalerie auf der Homepage des Theaters Gießen</a></div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Thomas Goritzki</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/622" hreflang="de">Gießen</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1845" hreflang="de">Stadttheater Gießen</a></div> </div> <div> <div>Musikalische Leitung</div> <div>Florian Ziemen</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Musiktheater</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Di., 03.11.2015 - 13:13</div> <div><span lang="" about="/user/186" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Wilhelm Roth</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/ro__ssl2_c_rolfkwegst.jpg?itok=ZFH1oSef" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Ralph Benatzky: Im weißen Rößl" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/ro__ssl2_c_rolfkwegst.jpg?itok=cnBK4x_R" width="1800" height="1200" alt="ro__ssl2_c_rolfkwegst.jpg" title="ro__ssl2_c_rolfkwegst.jpg" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Rolf K. Wegst</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Leider nur ein Drahtesel statt eines stattlichen Rosses: Ricardo Frenzel Baudisch und Judith Peres in einer Szene der Gießener &quot;Im Weißen Rößl&quot;-Inszenierung.</div> </div> </div> </div> </div> Tue, 03 Nov 2015 12:13:58 +0000 Wilhelm Roth 9854 at https://die-deutsche-buehne.de Ernst Krenek: Kehraus um St. Stephan https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/faszinierendes-zeitdokument <span>Ernst Krenek: Kehraus um St. Stephan</span> <span><span lang="" about="/user/186" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Wilhelm Roth</span></span> <span>Mo., 18.05.2015 - 12:44</span> <div><p><span>Wer ist Ernst Krenek? Zu dem österreichischen Komponisten, geboren 1900 in Wien, fällt auch einem Musikfreund wohl nur ein Titel ein, „Jonny spielt auf“, Kreneks Jazzoper von 1927, sein größter Erfolg, immer noch gelegentlich auf den Spielplänen. „Kehraus um St. Stephan“, die komische Oper von 1930, die jetzt in Gießen Premiere hatte, ist dagegen fast unbekannt geblieben. Krenek zeigt in ihr die politischen Konflikte in Österreich nach dem Ersten Weltkrieg. Die ehemaligen Offiziere kommen über den Verlust der Monarchie nicht hinweg, sie versuchen sich als Industrielle, bekämpfen sich gegenseitig und fürchten eine streikbereite Arbeiterschaft. „Bolschewik“ ist das gängigste Schimpfwort. Armut, Hunger und Prostitution bestimmen das Leben. Träger der Handlung sind die Männer, die Frauen sind Opfer oder Beute.</span></p> <p><span>Krenek schrieb auch das Libretto, ihm ging es um die politische Botschaft, die er in Text und Musik mit Witz und Schärfe formulierte. Gibt es einen Ausweg aus der Krise? 1930 wollte das niemand sehen und niemand aufführen. Die Uraufführung in Leipzig wurde abgesagt, „man hielt das Thema der Oper für zu brisant“, erzählte Krenek. Erst 1990 kam das Werk an der Wiener Staatsoper zur Uraufführung, der 90jährige Komponist konnte noch dabei sein. Zum großen Erfolg wurde 2008 die Inszenierung bei den Bregenzer Festspielen. Die Gießener Produktion ist die erste in Deutschland, wieder eine Entdeckung, wie schon so oft in Gießen. Kreneks Witwe war anwesend und nahm stellvertretend für ihren Mann den starken Beifall entgegen. </span></p> <p><span>Krenek nannte „Kehraus um St. Stephan“ nicht eine Oper oder Operette, sondern eine Satire mit Musik. Sein Leben lang ein experimentierfreudiger Komponist, hat Krenek die Musik zu „Kehraus“ weitgehend tonal gehalten, hat aber Zwölftonpassagen sowie Schlager- und Jazz-Zitate in die Partitur gemischt. Für die Nazis war Krenek ein „Kulturbolschewist“. 1933 wurden seine Werke in Deutschland als „entartet“ verboten. Er emigrierte in die USA, hielt aber nach 1945 wieder Kontakt zu Österreich. Er hat mehrere Opern geschrieben und viele sinfonische Werke und Kammermusik, sein Werkverzeichnis umfasst 242 Nummern. Glenn Gould, der Klavierstücke von ihm spielte, verehrte ihn und schrieb „A Festschrift for 'Ernst Who???'“. Krenek starb 1991 in Palm Springs. </span></p> <p><span>„Kehraus um St. Stephan“ fasziniert vor allem als Zeitdokument. Krenek will als Künstler und politischer Mensch Stellung nehmen zu den Katastrophen jener Jahre. Er will warnen. Die Personen sind holzschnittartig angelegt, sie sagen meist sehr direkt, was sie meinen, was sie wollen, sie können in der Musik aggressiv ihre Position behaupten, aber auch einmal einer Frau gegenüber lyrisch schmeicheln. Zweimal geben sie jede Zurückhaltung auf. Beim Heurigen fällt jeder mit Beschimpfungen über jeden her, und der in Wien lebende Berliner Spekulant Kabulke faselt von einem Krieg gegen die Polen und die Franzosen, in Russland will er Schluss machen mit dem Bolschewismus. Bei der zweiten Zusammenballung von Energie und Aggression kurz vor Ende der Geschichte schießt sich der Industrielle Koppreiter, gerade durch eine Intrige bankrott gegangen, in den Kopf. </span></p> <p><span>Schon in der allerersten Szene gab es einen Selbstmord: Der ehemalige Rittmeister Brandstetter hat sich aufgehängt, wird aber durch Zufall gerettet und geht nun als vermeintlich Toter durch das Stück, einer, der nicht mehr dazugehört, der von außen zuschaut, Ungerechtigkeiten fast gelassen hinnimmt, der aber auch hilft, wenn es nötig ist. Er ist die Gegenfigur des Stückes und der Initiator des unerwarteten Finales. Der Chor, vorher vor allem die Arbeiter verkörpernd, beantwortet Kreneks Frage: Gibt es einen Ausweg aus der Krise? Der Chor sieht ihn im Schlussgesang in der Hinwendung des Menschen zu seinem Nächsten, in der Natur, die immer wieder neu beginnt, in der Zuwendung zu Gott. Diese Utopie wird gefühlvoll, doch ohne Sentimentalität vorgetragen. </span></p> <p><span>Für die Regie wurde Hans Hollmann verpflichtet, ein exzellenter Kenner Österreichs, berühmt ist seine große Inszenierung der „Letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus in Basel. Er hat „Kehraus“ ruhig, mit leichter Hand auf die Bühne gebracht. Er verzichtet auf knallige Effekte, vertraut den Darstellern, die hier ebenso als Schauspieler wie als Sänger gefordert sind und beides glänzend meistern. Das Bühnenbild stammt von Lukas Noll, dem Ausstattungsleiter in Gießen. Schon der Vorhang gibt die Richtung der Oper und der Inszenierung vor: Im Hintergrund Wien mit dem Stephansdom, im Vordergrund ein großer verkrüppelter Baum, Zeichen der Selbstzerstörung. </span></p> <p><span>Die meisten der elf größeren Rollen waren mit vorzüglich ausgewählten Gästen besetzt. Aus dem eigenen Ensemble hatte vor allem Naroa Intxausti eine attraktive Rolle, die sie mit Spielfreude und Witz ausfüllte. Sie ist die Geliebte von zwei konkurrierenden Industriellen, macht Karriere als Besitzerin eines Modesalons und als Miss Vienna. Die Musik hat den Schwung der zwanziger Jahre, bei der Charakterisierung der Personen setzt sie kräftige, oft ironische Akzente. Florian Ziemen führt als Dirigent das Orchester und die Sänger souverän durch den Abend.</span></p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Kehraus um St. Stephan</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Faszinierendes Zeitdokument</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Ernst Krenek</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2015-05-16T12:00:00Z">16.05.2015</time> </div> </div> <div> <div>UA/DE/DSE</div> <div>DE</div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Hans Hollmann</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/622" hreflang="de">Gießen</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1845" hreflang="de">Stadttheater Gießen</a></div> </div> <div> <div>Musikalische Leitung</div> <div>Florian Ziemen</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Musiktheater</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Mo., 18.05.2015 - 12:44</div> <div><span lang="" about="/user/186" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Wilhelm Roth</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/oben_stabler__daum__schwaningter__unten_intxausti__biegel__moewes__chamandy.jpeg?itok=4DN6Xl_E" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Ernst Krenek: Kehraus um St. Stephan" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/oben_stabler__daum__schwaningter__unten_intxausti__biegel__moewes__chamandy.jpeg?itok=KVC8ppCH" width="1800" height="1200" alt="&quot;Kehraus um St. Stephan&quot; am Stadttheater Gießen" title="&quot;Kehraus um St. Stephan&quot; am Stadttheater Gießen" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Rolf K. Wegst</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>&quot;Kehraus um St. Stephan&quot; am Stadttheater Gießen</div> </div> </div> </div> </div> Mon, 18 May 2015 10:44:33 +0000 Wilhelm Roth 9738 at https://die-deutsche-buehne.de Gaetano Donizetti: Linda di Chamounix https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/im-labyrinth-der-leidenschaften <span>Gaetano Donizetti: Linda di Chamounix</span> <span><span lang="" about="/user/186" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Wilhelm Roth</span></span> <span>Mo., 02.02.2015 - 10:04</span> <div><p>Reduziert man die Geschichte, die Donizettis Oper „Linda di Chamounix“ erzählt, auf ihren Kern, so findet man geradezu die Mustervorlage für eine romantische Belcanto-Oper. Linda, eine junge Frau aus dem Dorf Chamounix in Savoyen, steht zwischen zwei Männern. Ein Marchese stellt ihr nach, deswegen flieht sie nach Paris. Sie liebt Carlo, hält ihn für einen Maler, weiß nicht, dass er auch aus dem Adel stammt, ein Verwandter des Marchese ist. Nach dem Willen seiner Mutter soll er eine andere Frau heiraten. Linda verfällt darauf hin dem Wahnsinn. Aber es gibt ein Happy End. Carlo entscheidet sich zuletzt doch für sie. So ungefähr wird „Linda“ in Nachschlagewerken kurz charakterisiert.</p> <p>Die Oper selbst aber, die Donizetti zusammen mit dem Librettisten Gaetano Rossi schrieb, ist sehr viel reicher an Personen und Motiven. Schon in einer Kritik nach der gefeierten Uraufführung 1842, im Theater am Kärntnertor in Wien, wurde vor allem die Verbindung von „fröhlichem Lachen“ und „Tränen der Wehmut“ gelobt. Dennoch gehört dieses Spätwerk Donizettis nicht zu seinen großen Hits, obwohl Toscanini es besonders schätzte. Wenn ein Theater aber einen hochdramatischen Koloratur-Sopran aufbieten kann, ist der Erfolg fast schon garantiert. Darum hat auch Edita Gruberova diese Rolle immer wieder gesungen. </p> <p>Die Premiere am Stadttheater Gießen, die erste in Deutschland seit über 100 Jahren, sollte nun wohl endgültig den Rang von „Linda“ bestätigen. Das liegt einerseits am Regieteam. Für Hans Walter Richter, Regieassistent an der Oper Frankfurt, war es nach einigen kleinen die erste große Inszenierung. Der Bühnenbildner Bernhard Niechotz schuf verblüffende Raumlösungen. Die musikalische Seite der Aufführung war bei Florian Ziemen in sicheren Händen. Souverän führte er das Orchester, das Ensemble und den großen Chor einschließlich Kinderchor, durch die Partitur. Das sehr homogen besetzte Ensemble sang vorzüglich, die Sopranistin Naroa Intxausti in der Titelrolle war nicht der einsame Star, sondern die Prima inter Pares.  </p> <p>Beim neuen Blick auf „Linda“ verblüfft zunächst die soziale Thematik. Im Winter, wenn es im Dorf Chamounix keine Arbeit gibt, gehen Kinder und Jugendliche aus Savoyen nach Paris, um dort etwas Geld zu verdienen. Zu ihnen gehört auf der Flucht vor dem zudringlichen Marchese auch Linda. Der Marchese tritt in einer Operettenuniform auf, ein grinsender, böser Clown, der die in Armut geratenen Eltern Lindas mit einer Geldzuwendung erpressen will, um die Tochter zu bekommen. Doch auch Lindas angebeteter Carlo ist nicht frei von solchen Herrschaftsallüren. Wenn er für Linda in Paris eine schicke Wohnung besorgt, kauft er letztlich auch sie. Lindas Vater jedenfalls versteht es so, und verstößt die, wie er meint, sittenlos gewordene Tochter. Als Linda schließlich erfährt, dass Carlo eine andere Frau heiraten soll, bricht sie zusammen. Auch die Kirche, verkörpert durch den Präfekten von Chamounix, hilft ihr nicht, will zwar Trost spenden, und gehört doch auf die Seite der Herrschenden. Über der Bühne hängt während der ganzen Aufführung ein sehr schickes, weiß leuchtendes Kreuz. </p> <p>Lindas Wahnsinn ist also mehr als eine Reaktion auf den Liebesverlust, er ist auch eine Folge der Demütigungen von allen Seiten, sie sieht keinen Ausweg mehr. Nur ihr Jugendfreund Pierotto, eine Hosenrolle, steht immer zu ihr. Sofia Pavone singt und spielt diesen Part ganz anrührend, aber nicht sentimental, und wird am Ende vom Publikum ähnlich gefeiert wie Linda. Wenn sich zum Schluss alle Protagonisten wieder in Chamounix treffen, das Happy End in die Wege geleitet wird, sogar der Marchese ohne Uniform zum Menschen wird, mag sich die unbeschwerte Hochzeitsfröhlichkeit dennoch nicht einstellen. Kann Linda all den Menschen jetzt vertrauen, die sie verletzt und betrogen haben?</p> <p>Die Atmosphäre der Inszenierung wird stark von der Bühne bestimmt. Ein großer, asymmetrischer Kasten, der sich weit nach hinten erstreckt, Halle, Kirche, Wohnung, ganz 19. Jahrhundert mit Hirschgeweihen und schon Fotografien an der Wand. Im Paris-Akt ist der hintere Teil der Bühne durch einen großen roten Vorhang abgedeckt. Lichtwechsel und Musik verändern den Raum immer wieder. Er ist auch ein Labyrinth. Erste Irritation, wenn Linda im ersten Akt, wo sie noch sehr jung wirkt, plötzlich durch einen Schrank verschwindet, so wie Kinder sich in einer Wohnung überall verstecken. Türen, Fenster, Schubladen, Schränke – eine Zauberwelt. Und die ganze Geschichte gewinnt Züge eines surrealen Traums. Was hat Linda wirklich erlebt? Ein inszenatorisches Detail, das ganz nebenbei mitgespielt wird, gibt Rätsel auf. In Paris krümmt sich Linda ein paar Mal, drückt auf ihren Bauch. Ist sie schwanger? Bei ihrer Rückkehr nach Savoyen im letzten Akt hat sie rote Flecken auf ihrem Kleid. Und ihre Mutter trägt ein weißes Bündel, auf dem auch rote Farbe zu sehen ist. Hatte sie eine Fehlgeburt? Oder, noch seltsamer: Hatte sie einen Alptraum von einer Schwangerschaft, von einer Fehlgeburt? </p> <p>All diese divergierenden Elemente werden von der Musik zusammengehalten. Donizetti ist ein Wirkungskomponist par excellence. Lyrisches Verweilen ist, jedenfalls in „Linda“, eher die Ausnahme. Die Musik treibt die Aktion voran. Es gibt selten Arien, statt dessen Duette, Ensembleszenen, Chorszenen. Die Oper lebt von der Auseinandersetzung, dem Kampf zwischen den Personen. Die Musik ist handfester als die von Verdi, was ihr fehlt, kommt vom Spiel der Sängerdarsteller. Darum ist es so wichtig, dass „Linda di Chamounix“ nicht als Sängerfest veranstaltet wird, sondern als Schauspiel der Leidenschaften. Das ist in Gießen gelungen.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Linda di Chamounix</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Im Labyrinth der Leidenschaften</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Gaetano Donizetti</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2015-01-31T12:00:00Z">31.01.2015</time> </div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Hans Walter Richter</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/622" hreflang="de">Gießen</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1845" hreflang="de">Stadttheater Gießen</a></div> </div> <div> <div>Musikalische Leitung</div> <div>Florian Ziemen</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Musiktheater</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Mo., 02.02.2015 - 10:04</div> <div><span lang="" about="/user/186" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Wilhelm Roth</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/linda__giessen2.jpg?itok=vl7k4JqZ" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Gaetano Donizetti: Linda di Chamounix" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/linda__giessen2.jpg?itok=4BgOwCLv" width="1800" height="1200" alt="Ensembleszene aus &quot;Linda di Chamounix&quot; in Gießen" title="Ensembleszene aus &quot;Linda di Chamounix&quot; in Gießen" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Rolf K. Wegst</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Ensembleszene aus &quot;Linda di Chamounix&quot; in Gießen. Im weißen Kleid Naroa Intxausti in der Titelrolle</div> </div> </div> </div> </div> Mon, 02 Feb 2015 09:04:20 +0000 Wilhelm Roth 9649 at https://die-deutsche-buehne.de Richard van Schoor/Wolfgang Amadeus Mozart: Requiem https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/meditation-ueber-den-tod <span>Richard van Schoor/Wolfgang Amadeus Mozart: Requiem</span> <span><span lang="" about="/user/22" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Annette Poppenhäger</span></span> <span>Mo., 23.06.2014 - 11:13</span> <div><p>Um Mozarts Requiem ranken viele Geschichten, Gerüchte und Mythen. Auch wenn inzwischen ziemlich klar ist, was von wem stammt und wieviel Mozart wirklich drinsteckt. Der Stoff ist einfach zu gut: Ein geheimnisvoller Auftraggeber bestellt ein Requiem für seine jüngst verstorbene Gattin beim 35-jährigen Komponisten. Der ist in den letzten drei Monaten seines Lebens zwar hochproduktiv, die "Zauberflöte" und "La Clemenza di Tito" und anderes mehr werden vollendet, bevor er jedoch das Requiem fertigstellen kann, stirbt er. Bis zum letzten Atemzug, noch auf dem Sterbebett, so heißt es, hat er daran komponiert. Witwe Constanze möchte den Auftrag, d.h. die zweite Hälfte des Lohns, nicht verlieren und lässt andere (Mozart-Vertraute, Schüler) am Requiem weiterarbeiten.</p> <p>Das klingt für uns nach Hollywood ("Amadeus" von Milos Forman z. Bsp.) und ist bereits von Mozart-Zeitgenossen emotional aufgeladen worden. Jetzt ist das Requiem in einer szenischen Aufführung am Gießener Stadttheater zu sehen. Dabei steht das fragmentarische Werk im Spannungsverhältnis zur Neukomposition des südafrikanischen Komponisten Richard van Schoor. "Kenge", so der Titel, bezeichnet im Zen-Buddhismus eine Antwort, die auf ein Zen-Rätsel gegeben wird. Der Untertitel "Hitotsu No Kotae" bedeutet so viel wie "...aber nicht die Antwort". </p> <p>Der Fragmentcharakter ist Ausgangspunkt für das Musiktheaterprojekt von Regisseur Christof Nel und Martina Jochem, das zuvor bei den Kunstfestspielen Herrenhausen zu sehen war. Es ist eine multimediale musikalisch-szenische Meditation über den Tod, über Verzweiflung wie über Verheißung, heißt es in der Mitteilung des Theaters. Schon beim Reinkommen flackern Filme und Schriften über Bühnenrückwand und Decke des Zuschauerraums. Musik vom Band, womöglich Requiemversionen, erklingen, dazu entferntes Grollen und Donnern. Es mögen Kriegsszenen sein, die da in schwarzweiß ablaufen, Comiczeichnungen, Filmausschnitte. Ein Tänzer (Valentí Rocamora i Torà) und eine Schauspielerin (Anna Franziska Srna) ergänzen das Ensemble aus fulminantem Tölzer Knabenchor und den vier beeindruckenden Solisten. Das Besondere hier: auch Sopran und Alt sind mit dem Counter Valer Sabadus und Filippo Mineccia männlich besetzt.</p> <p>Ein variables Gerüst, ein großes, leicht gekipptes Bett und ein Auto bestimmen den Raum. Dazwischen eine Leiter, Notenständer, Podeste für den Chor, ein kleines Geviert mit Sand. Die Solisten fallen, stehen wieder auf. Der Tänzer läuft, fällt, steht auf, liegt auf dem Bett - offensichtlich eine Mozartassoziation. Die Schauspielerin schreit, läuft zum Bett (eine Constanze-Verkörperung?), ist schwanger, schleppt einen Koffer, hat Textpassagen, die irgendwann als Ausschnitte aus Christa Wolfs "Kassandra" zu identifizieren sind. Alle konkreten Hinweise, wie etwa die antiken Namen und direkten Anreden, sind allerdings gestrichen. Damit wird zwar Überzeitliches, Allgemeines anvisiert, doch das Ergebnis landet im Ungefähren, oft Allzumenschlichen. Das macht die Vorgänge kleiner, pittoresker, manchmal unverständlich oder eben auch banal. Ja, "Lebbe geht weider", wusste schon Fußballtrainer Stepanovic.</p> <p>Musikalisch ist der Abend unter Michael Hofstetter ein Genuss, die Verzahnung von Alt und Neu geglückt. Rhythmisches Atmen stellt drängende Atmosphäre her, Musik entsteht auch mit Cellophantüten, die dann als Maske vorm Gesicht zum Grusel beitragen. Mozart und van Schoor passen gut zusammen. Inszenatorisch bleibt die Antwort vorerst - offen.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Requiem</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Meditation über den Tod</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Richard van Schoor/Wolfgang Amadeus Mozart</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2014-06-20T12:00:00Z">20.06.2014</time> </div> </div> <div> <div>UA/DE/DSE</div> <div>UA</div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Christof Nel/Martina Jochem</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/622" hreflang="de">Gießen</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1845" hreflang="de">Stadttheater Gießen</a></div> </div> <div> <div>Musikalische Leitung</div> <div>Michael Hofstetter</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Musiktheater</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Mo., 23.06.2014 - 11:13</div> <div><span lang="" about="/user/22" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Annette Poppenhäger</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/kk_mt_gie_requiem.jpg?itok=eLX9rblO" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Richard van Schoor/Wolfgang Amadeus Mozart: Requiem" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/kk_mt_gie_requiem.jpg?itok=ZpX_RYCV" width="1800" height="1200" alt="Szene aus dem Musiktheaterprojekt von Regisseur Christof Nel und Martina Jochem, das zuvor bei den Kunstfestspielen Herrenhausen zu sehen war." title="Szene aus dem Musiktheaterprojekt von Regisseur Christof Nel und Martina Jochem, das zuvor bei den Kunstfestspielen Herrenhausen zu sehen war." typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Rolf K. Wegst</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Szene aus dem Musiktheaterprojekt von Regisseur Christof Nel und Martina Jochem, das zuvor bei den Kunstfestspielen Herrenhausen zu sehen war.</div> </div> </div> </div> </div> Mon, 23 Jun 2014 09:13:04 +0000 Annette Poppenhäger 9471 at https://die-deutsche-buehne.de