Dessau https://die-deutsche-buehne.de/taxonomy/term/613 de Maria Dietze, John Cage: Labor der zukunftsorientierten Forschung zur Optimierung des Menschen, Europera 5 https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/optimierungsplaene-vs-saengerkrieg <span>Maria Dietze, John Cage: Labor der zukunftsorientierten Forschung zur Optimierung des Menschen, Europera 5</span> <span><span lang="" about="/user/177" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Ute Grundmann</span></span> <span>Fr., 30.11.2018 - 13:57</span> <div><p>Der Pianist blättert gewissenhaft die Noten um, obwohl seine Finger die Tasten gar nicht berühren. Die Sängerin kämpft gegen die Tenorstimme aus dem Grammophon, anfangs vergeblich. Und zwei Tiermasken spielen auch ihre Rollen in „Europera 5“ von John Cage. Absurditäten plus europäische Operntradition nahm der amerikanische Komponist mit seinem Werk aufs Korn, jetzt von Johannes Weigand auf der Bauhausbühne in Dessau inszeniert.</p> <p> „Staging the bauhaus“ ist der knapp zweistündige Abend überschrieben und nimmt mit „Standard“ das Jahresmotto der Stiftung Bauhaus Dessau auf. Es ist die achte Produktion dieser Reihe zum Jubiläum 2019 und sie beginnt mit einem Puppenspiel. Maria Dietze hat „Labor der zukunftsorientierten Forschung zur Optimierung des Menschen“ geschrieben und sie steht gemeinsam mit Tizian Steffen auch puppenspielend auf der Bühne, Regie führte Astrid Griesbach. </p> <p> Die Szenerie ist ein kühles Labor: Ein Getränkewagen voller Reagenzgläser und Retorten, an der Rückwand verändern Lichtketten ihre Farbe, wie ein Schaltplan. Maria Dietze bewegt die oberkörpergroße Puppe des Professor, der seine Optimierungspläne vorantreibt, den Assistenten gibt Tizian Steffen. Es beginnt harmlos, mit der Perfektionierung der Erhitzung eines Kochtopfes. Die gelingt, nur leider fehlt der Küche die Tür. Dann jedoch wagt der Professor sich an das perfekte genmanipulierte Designerbaby. Eine Puppenfrau bestellt ein hochbegabtes Kind, ein schon optimiertes Baby wird per Post storniert. Das ist hübsch anzusehen, auch ironisch, aber insgesamt zu naiv in Ton- und Machart, vor allem, wenn man die aktuellen Meldungen aus China bedenkt, wo ein Forscher bei durch künstliche Befruchtung entstandenen Zwillingen in deren Erbgut eingegriffen haben soll. Da bleibt das Optimierungs-Puppenspiel nur eine launige Satire.<br /> Ein ganz andres Kaliber gibt es nach der Pause. „200 Jahre lang haben uns die Europäer ihre Opern geschickt. Nun schicke ich sie alle zurück“, zitiert der Programmzettel John Cage. Johannes Weigand, Intendant des Anhaltischen Theaters Dessau, hat die reduzierteste Form seines Werks, „Europera 5“, in heimeliger Atmosphäre inszeniert. Ein Piano samt gemütlicher Stehlampe, ein schönes Grammophon, ebenfalls lampenbeschienen. Dazu noch ein plüschiger Monsterkopf und eine Tiermaske auf dem Boden (Ausstattung: Nancy Ungurean). Es bleibt lange still, Pianist Wolfgang Kluge, der Musikwissenschaftler Jürgen Schebera am Grammophon, Sänger Ulf Paulsen im schwarzweißkarierten Clownsanzug und Sängerin Annika Boos in roter Robe und weißem Pelzschleppenmantel rühren sich nicht. Dann besingt Paulsen ein kühnes, herrliches Kind (seine Stimme ist fast zu kraftvoll für den kleinen Raum), Schebera setzt zum ersten Mal die Grammophonnadel auf, eine Tenorstimme erklingt und übertönt zunächst den „leibhaftigen“ Sänger. Boos setzt die gehörnte Tiermaske auf, vom Klavier klingen harte, kantige Töne. So weit, so normal. Doch dann beginnen die Absurditäten: Sänger und Grammophon starten einen Sängerkrieg (wer kann lauter?), Kluge blättert zwar um, bleibt aber bei seinem Als-Ob-Klavierspiel, zwischendurch rauschen Marschklänge aus kleinen Lautsprechern. Schließlich streift Ulf Paulsen sich ernst- und heldenhaft den Monsterkopf über, steht minutenlang in Positur, dazu erklingt nun wieder reales Klavierspiel. Johannes Weigand ist eine, wie vorgeschrieben, exakt 60 Minuten lange, Inszenierung gelungen, die Cage stringent auf die Bühne bringt, Ironie und Irrwitz nutzt, aber nie unernst wird.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Labor der zukunftsorientierten Forschung zur Optimierung des Menschen, Europera 5</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Optimierungspläne vs. Sängerkrieg</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Maria Dietze, John Cage</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2018-11-29T12:00:00Z">29.11.2018</time> </div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Johannes Weigand, Astrid Griesbach</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/613" hreflang="de">Dessau</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1421" hreflang="de">Anhaltisches Theater Dessau</a></div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Crossover</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Fr., 30.11.2018 - 13:57</div> <div><span lang="" about="/user/177" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Ute Grundmann</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/anna_kolata.jpg?itok=FYqa2MNo" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Projekt: staging the bauhaus VIII" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/anna_kolata.jpg?itok=jRYeox8r" width="1800" height="1200" alt="Im zweiten Teil des Doppelabends inszeniert Johannes Weigand Cages &quot;Europera 5&quot; in, wie vorgeschrieben, exakt 60 Minuten." title="Im zweiten Teil des Doppelabends inszeniert Johannes Weigand Cages &quot;Europera 5&quot; in, wie vorgeschrieben, exakt 60 Minuten." typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Anna Kolata</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Im zweiten Teil des Doppelabends inszeniert Johannes Weigand Cages &quot;Europera 5&quot; in, wie vorgeschrieben, exakt 60 Minuten.</div> </div> </div> </div> </div> Fri, 30 Nov 2018 12:57:14 +0000 Ute Grundmann 10729 at https://die-deutsche-buehne.de Tomasz Kajdanski: Das Bildnis des Dorian Gray https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/nicht-schoenheit-sterben <span>Tomasz Kajdanski: Das Bildnis des Dorian Gray</span> <span><span lang="" about="/user/147" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Roland H. Dippel</span></span> <span>Sa., 24.03.2018 - 19:20</span> <div><p>Zum unsichtbaren Gefängnis wird der Alltag aus Luxus, Moden und Eleganz. Erst wenn der jäh vergreiste Lüstling Dorian Gray unter der Last des Alters einknickt, wird die Riesenbühne des Anhaltischen Theaters zum schwarzen Loch. In dieses entschwindet der sich vom dämonischen Verführer zum treusorgenden Vater wandelnde Lord Henry mit seiner kurz davor von Dorian umworbenen Tochter (Johanna Raynaud). Dorian fällt vom perfekt perfiden Leben ins Dunkel der Hölle oder der eigenen inneren Leere.</p> <p>Mit den acht Tänzern der Kompanie und einem Gast widmet sich Ballettdirektor Tomasz Kajdanski, der 2006 mit dem dieser neuen Choreographie gar nicht so fernstehenden Sujet „Tschaikowsky“ für den Deutschen Theaterpreis DER FAUST nominiert worden war, vor allem den plakativen Situationen in Oscar Wildes 1890 erschienenem Roman. Bei Kajdanski ist der faszinierende und enigmatische Dorian Gray ein properer Wüstling, der in seinen Männerbeziehungen zu satteren tänzerischen Linien findet als in den synkopischen und deshalb etwas verzerrten Frauenaffären. Oscar Wildes Dandy ist hier schwerer, verliert einiges von der gläsernen Nervosität, spöttelnden Leichtfertigkeit und Überspitzung im Roman.</p> <p>Sein Darsteller Vincent Tapia, der immer im schnellen Wechsel zwischen Pantomime und tänzerischen Steilvorgaben nach dem verwilderten Wesen des Protagonisten suchen muss, wird zum Klon: Vom Autor Wilde hat er das bordeauxrote Jackett geborgt, vom Bayernkönig Ludwig II. könnte die Frisur stammen. Steffen Gerbers Kostüme sind üppige Modelasten der viktorianischen Ära mit einem Schuss Belle Époque. Im wesentlich kürzeren zweiten Teil der 70-minütigen Ballettballade finden sich Ansätze zum Zeitsprung Richtung 20. Jahrhundert. Jens Hübners fast leere Bühne und Lieve Vanderschaeves Projektionen auf drei Wände geben sich naiv. Flächendeckende Eleganz erweist sich als weichschleifendes Gleitmittel.</p> <p>Das gilt auch für die Anhaltische Philharmonie, die mit großer Besetzung zur für die Uraufführung in Auftrag gegebenen Orchestration von Andres Reukauf anrückt. Kleinzelliges, Preziöses und Üppiges des nervösen und psychisch labilen Charismatikers Alexander Scriabin gibt es zu Dorians Lasterleben. Man hört immer wieder verdichtend gemeinte, aber hier eher angedickte Farben. Gegen Ende mehren sich vibrierende Bläsersoli zum kalt gefassten Niedergang Dorians, mit dem ersten Erscheinen seines Porträts kommt auch zum ersten Mal das Klavier zum Einsatz. Wie die Choreographie Tomasz Kajdanskis schöpft Elisa Gogou aus dem Vollen. Üppige Treibhausaromen und schweren, kaum atmenden Damast breitet sie über die Figuren des Balletts.</p> <p>Es ist aber kein Gemälde, auf dem am Ende der gealterte Dorian aussieht wie der greise Franz Liszt, sondern ein vom ihm verfallenden Künstler Basil geschossenes Foto, das anstelle der Titelfigur alt, böse und hässlich wird. Tastsächlich erscheint der schöne Dorian zwischen Basil und Lord Henry, der bei Kajdanski Dorians Skrupellosigkeit äußerst elegant herauskitzelt, von geringer Autonomie. Daisuke Sogawa, dem die Choreographie den Sturz in Leidenschaft und Selbstaufgabe vorenthält, vereint als Basil eine androgyn schillernde Physiognomie mit viril akzentuierter Bewegungssprache. Julio Miranda zeigt als Henry unter der Soutane sinnfällige Verwandtschaft mit Mephisto und dem Phantom der Oper. Im Pas de trois der drei Männertemperamente haben die Diskurse über das Recht der Schönheit Energie: Dorian am Scheideweg zwischen Tugend und Laster, zwischen Kunst und Leben. Hier wird epische Breite zu dramatisch motiviertem Tanz. Spannend auch die durch ihre Liebe zu Dorian Gray ihre mimische Kraft verlierende Schauspielerin Sybil Vane. Maria-Sara Richter und Fergus Andrew Adderley als deren ehrbewusster Bruder James setzen asymmetrische Bewegungsakzente gegen die gefällige Glätte der schönen Reichen.</p> <p>Schönheit als aggressives Blendwerk? Kajdanskis von hymnischem Enthusiasmus getragene Choreographie deutet wenig, malt stellenweise sehr kräftig und skizziert oft flüchtig. Die Verführung Lady Radleys (Anna-Maria Tasarz) und ihrer Tochter Celia (Nicola Brockmann) durch Dorian Gray verschwimmt. Andere Momente des Romans wirken entschärft: Die Wiederbegegnung des verführerisch junggebliebenen Dorian mit James ereignet sich auf nächtlicher Straße, nicht in der Sinnes­- und Selbsttäuschungen zum Wirbeln bringenden Opiumhöhle.</p> <p>In schönen Bildern wird voller Hingabe, auch mit Begeisterung getanzt. Flächendeckend will diese Adaption vom „Bildnis des Dorian Gray“ vor allem den porösen Schein. Die vier wichtigen Männerrollen erhalten immer wieder ausladende, ja virtuose Sequenzen, für die Scriabins nervöser Gestus von der großzügig aufgetragenen Farbpallette zum konturierenden Impulsmotor werden darf. An Momenten wie Sybil Vanes Tod reißen Reibungsflächen auf und man spürt endlich etwas von Oscar Wildes quecksilbriger Ambivalenz.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Das Bildnis des Dorian Gray</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Nicht in Schönheit sterben</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Tomasz Kajdanski</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2018-03-23T12:00:00Z">23.03.2018</time> </div> </div> <div> <div>UA/DE/DSE</div> <div>UA</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/613" hreflang="de">Dessau</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1421" hreflang="de">Anhaltisches Theater Dessau</a></div> </div> <div> <div>Musikalische Leitung</div> <div>Elisa Gogou</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Tanz</div> </div> <div> <div>Komponist</div> <div>AlexanderSkrjabin</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Sa., 24.03.2018 - 19:20</div> <div><span lang="" about="/user/147" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Roland H. Dippel</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/img_2703.jpg?itok=CJiTh0dz" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Tomasz Kajdanski: Das Bildnis des Dorian Gray" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/img_2703.jpg?itok=iBVOgHLY" width="1800" height="1200" alt="Die Uraufführung von Tomasz Kajdanskis &quot;Dorian Gray&quot; in Dessau" title="Die Uraufführung von Tomasz Kajdanskis &quot;Dorian Gray&quot; in Dessau" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Anhaltisches Theater Dessau</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Die Uraufführung von Tomasz Kajdanskis &quot;Dorian Gray&quot; in Dessau</div> </div> </div> </div> </div> Sat, 24 Mar 2018 18:20:27 +0000 Roland H. Dippel 10512 at https://die-deutsche-buehne.de Ernst Krenek/Kurt Weill: Der Diktator/Der Zar läßt sich photographieren https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/wer-liebt-stirbt-gluecklich <span>Ernst Krenek/Kurt Weill: Der Diktator/Der Zar läßt sich photographieren</span> <span><span lang="" about="/user/147" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Roland H. Dippel</span></span> <span>Mo., 29.02.2016 - 17:08</span> <div><p>Auch bei dieser zweiteiligen Premiere mit leider nur einer Folgevorstellung steht beim Kurt Weill Fest 2016 dessen Beziehung zum ebenso vielschichtig-versatilen Ernst Krenek (25. Todestag) im Fokus. Der 1938 in Anwesenheit von Hitler und Goebbels eröffnete Neubau des Anhaltinischen Theaters ist als Aufführungsort ideal für diese Kombination von Kreneks halbstündigen „Diktator“ (op. 49) aus den „Drei Einaktern“ und Weills eine Stunde satirisch auf Messers Schneide tänzelnder Opera buffa „Der Zar lässt sich fotografieren“. Die Parallelläufe zwischen Dessauer Regionalgeschichte und den Komponisten, die beide vor dem nur allzu realen „Großen Diktator“ nach Amerika flüchten mussten, werden bei diesem Festival mehr ästhetisch als politisch thematisiert. Das gilt auch für die Opernproduktion(en).</p> <p>Im Doppelpack haben „Diktator“ und „Zar“ äußere, thematische und musikalische Klammern: Gleiches Uraufführungsjahr 1928 (Krenek in Wiesbaden drei Monate vor Weill in Leipzig) und Sujets um missglückende Attentate. Bei Krenek tragödisch-dramatisch, bei Weill burlesk. Die Partituren mit Kolorit der Entstehungszeit ermöglichen durch Mehrfach-Besetzungen farceartige Wirkungsakzente.</p> <p>Ein Einheitsbühnenbild illustriert in Dessau die Parallelen der „Zeitopern“ zwischen den Weltkriegen: In eine von weißen Wänden und Gerüst umgebene Spielfläche setzt Nicole Bergmann eine protzig rote Ottomane. Das symbolisiert Machtmissbrauch und erotische Potenz. Jessica Rohm steckt die Damen in feine Roben, die Machthaber in helle Anzüge. Anstelle der Parallelen von heutigem Publikum und gespielter Zeit also der wohltemperierende Rückblick. Mit Stilmarotten à la „Grand Hotel“ für die Koloritfunken, hinter denen Weill doch perforierend die großen Themen seiner Gegenwart erkennbar machen wollte.</p> <p>In Kreneks Partitur hat das neben einigen harmonischen Anschrägungen noch immer den üppig dahinwälzenden Strom der allerspätesten Spätromantik. Das hält Daniel Carlberg mit der Anhaltischen Philharmonie im breiten, freskoartigen Sog, in dem die sexuelle Entäußerung der Attentäterin Maria am Herrenmenschentum des kriegstreibenden Diktators zerschellen wird. Sie will ihren versehrten Mann, einen Offizier, rächen, aber des Diktators dauer-jammerige Frau erschießt sie. Versehentlich, weil der Schuss ihrem Mann gilt. Am Ende tappt der allein nicht überlebensfähige Offizier im Dunkel des Nichtverstehens. Vorhang.</p> <p>Zugegebenermaßen ist es schwer, Kreneks Klangwelten szenisch auszubremsen. Diese zelebrieren in düsteren Farben Marias Selbstauflösung. Das ist nur etwas weniger üppig als bei Zemlinsky in „Eine florentinische Tragödie“, wenn Biancas Sexus sich am brutalen Machismo Simones entfacht: Über dem Diktator liegt die negative Aura des machtwütigen Nihilisten wie in Korngolds „Wunder der Heliane“. Das zeigt die Inszenierung auch als stilisierte Projektion des Obersalzbergs und wenn der Diktator mit dem Globus spielt wie Charlie Chaplin in „Der große Diktator“. Parallel zur vordergründigen Heultour der Diktator-Gattin treiben der Übermann und sein erotisches Opfer mit pathetischen Stummfilmgesten in ihre pyramidonale Vereinigung. Was da Lüge des Diktators ist als Verführungsstrategie und ab wann Begehren Marias Vergeltungswut absorbiert, bleibt ungewiss. Die Spielleitung verharrt positionslos zwischen Unschärfen und plausibler Figurenentwicklung.</p> <p>Doris Sophia Heinrichsen setzt im „Diktator“ den Solisten kaum Farben zu. Besonders bedauerlich ist das bei der nur welken Diktator-Gattin Charlotte: Stefanie Kunschke ist anzumerken, dass sie das Scheinaxiom „Blond gleich Bieder“ nur zu gerne widerlegen würde. Auch nach der Pause greift Heinrichsen kaum eines der witzigen Angebote Weills auf, die das vor „Dreigroschenoper“ und „Mahagonny“ entstandene Stück zum frivolen Pulverfass aufschäumen. Durch das Telefon mit Knacken, elektrische Türklingel und einen Tango vom Grammophon ist die dargestellte Überwältigung des Fotostudios Angèle durch Attentäter musikalisch vielschichtig. Der von Sebastian Kennerknecht nicht allzu präzis präparierte Chor raunt stilgerecht in Existentialisten-Schwarz.</p> <p>Die Balz des Zaren um die Terroristin und vermeintliche Fotografin mit Blut- und Spargel-Anzüglichkeiten im Textbuch Georg Kaisers wäre als Kabinettstück konkurrenzlos: Das sängerdarstellerische Potential von Iordanka Derilova (Maria/Falsche Angèle) und Ulf Paulsen (Diktator/Zar), die vor zwei Spielzeiten „Tosca“ als Kammerkrimi in eine schwer zu überbietende Klimax trieben, ist immens und bleibt hier doch etwas zurück hinter beider Möglichkeiten. Wunderbare Ansätze erhält es, wenn Ulf Paulsen sich vom Macht- zum Liebhaber mausert und Iordanka Derilova im „Zar“ eine erstklassige Ködertour mit abwechselnd echten und geheuchelten Panik-Attacken aufzieht. Beide hätten diese Porträtsession mit Flirtfaktor 100 auch ohne Pistolenschuss aus der Kamera zur Explosion bringen können.</p> <p>Musikalisch ist das alles zu korrekt, hat aus dem Orchester allzu selten Abstufungen zwischen heißen und kalten Schauern. Die echte Fotografin (Stefanie Kunschke) mutiert vom Chic unvermutet zur „desperate housewife“, weit unter der existentiellen Angst vor Mord und Skandal. Albrecht Kludszuweit (Offizier und Anführer der Attentäter) zeigt hochprofessionelle Routine, aus dem Ensemble ragen David Amels (Gehilfe der „echten“ Angèle) mit hintergründig-feinem Humor und Anne Weinkauf als passgenau präsenter Boy heraus.</p> <p>Heftig flächiger Applaus machte die fehlende Detailzeichnung vergessen. Trotz aller in der Premiere zwischen Slapstick und Katastrophe fehlenden Abstufungen: Dieser Abend sollte ins laufende Repertoire und auf Gastspiele. Auch weil – wie oft im gehobenen Boulevard – Bizarrerien erst durch Wiederholung doppelbödig und selbstverständlich werden.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Der Diktator/Der Zar läßt sich photographieren</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>„Wer liebt, stirbt glücklich.“</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Ernst Krenek/Kurt Weill</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2016-02-28T12:00:00Z">28.02.2016</time> </div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Doris Sophia Heinrichsen</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/613" hreflang="de">Dessau</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1421" hreflang="de">Anhaltisches Theater Dessau</a></div> </div> <div> <div>Musikalische Leitung</div> <div>Daniel Carlberg</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Musiktheater</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Mo., 29.02.2016 - 17:08</div> <div><span lang="" about="/user/147" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Roland H. Dippel</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/kk_mt_dessau_zar.jpg?itok=809voQhT" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Ernst Krenek/Kurt Weill: Der Diktator/Der Zar läßt sich photographieren" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/kk_mt_dessau_zar.jpg?itok=v6-5e55b" width="1800" height="1200" alt="Szene aus der Dessauer Premiere" title="Szene aus der Dessauer Premiere" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Claudia Heysel</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Szene aus der Dessauer Premiere</div> </div> </div> </div> </div> Mon, 29 Feb 2016 16:08:47 +0000 Roland H. Dippel 9944 at https://die-deutsche-buehne.de Richard Wagner: Das Rheingold https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/alles-auf-anfang <span>Richard Wagner: Das Rheingold</span> <span><span lang="" about="/user/89" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Joachim Lange</span></span> <span>Mo., 02.02.2015 - 16:47</span> <div><p>Tun wir mal so, als wüssten wir nicht, wo die Reise mit diesem „Rheingold“ in Dessau hingeht. Vergessen wir mal all das, was wir in der „Götterdämmerung“ erlebt haben und über „Siegfried“ und die „Walküre“ schon wissen, und nehmen den Vorabend der Tetralogie wirklich als Exposition. Stellen wir uns also für einen Moment ungefähr so blind für’s Kommende, wie Loge am Ende beim Einzug der Götter in Walhall. Dann würden wir darauf wetten, dass aus dem geschichteten und in sich verschobenen Riesenwürfel, den Wotan und seine Sippe mehr wie einen Götterspielplatz erklettern, denn als prangende Burg wirklich in Besitz nehmen, wohl noch in anderen Versionen wiederkehren wird.</p> <p>Diese klaren, betont geometrischen Formen, die ein Eigenleben entfalten, sich mit Bedeutung aufladen lassen und deutlich von der Bauhaus-Ästhetik inspiriert sind, bilden tatsächlich bühnenästhetisch ein Leitmotiv dieses Rings. Die  Abstraktion der Formen und das Spiel damit verweisen allerdings deutlich auf den inhaltlichen Anspruch eines Rings der „klassischen Moderne“. Dabei geht es um die Bilder, die sich der menschliche Verstand, vor allem aber die Kunst, von der Wirklichkeit machen, um diese zu verstehen, zu manipulieren oder zu verändern.</p> <p> Was im „Rheingold“ mit einem schlichten zweidimensionalen Abbild der menschlichen, respektive göttlichen Gestalten (auf den halbrunden Projektionswänden im Hintergrund) beginnt, erweitert sich hier zu einem Bilder-Reigen von nicht weniger als dem gesamten kulturellen Erbe der Welt. Alberich singt ja tatsächlich vom Welterbe. Und sein monströser Fluch, nach dem Ringraub durch Wotan, wird dann von einem wahren Bilder-Shitstorm des Schreckens begleitet, für den das vorige Jahrhundert die Vorlagen geliefert hat. Da für diesen Wotan in der scheinbaren Höhe und für seinen Erzfeind Alberich in der scheinbaren Tiefe die Macht die Deutungsmacht der (Ab-)Bilder ist, so liegt es auf der Hand, dass das Nibelungengold hier aus lauter Filmrollen besteht. André Bücker verbindet diesen quasi philosophischen Wegweiser auf das Gesamtprojekt mit einer leichtfüßigen Personenregie. Was durch die historisch stilisierten, ganz in Weiß gehaltenen Kostüme von Suse Tobisch seinen eigenen Witz erhält. Es macht über weite Strecken einfach Spaß, den eitlen Göttern zuzusehen.</p> <p>Weil Ulf Paulsen ein komödiantisch stimmstarker Wotan, Rita Kapfhammer eine erstklassige Fricka, Angelina Ruzzafante eine wunderbare Freia und Anja Schlosser eine attraktive sissiähnliche Erde ist, ist es auch eine pure Freude, zuzuhören. Dass nicht nur der Götterclan, sondern auch Alberich (Stefan Adam) und Mime(Ivan Tursic) oder Fasolt (Stephan Klemm) und Fafner (Dirk Aleschus) und natürlich der wendige Loge (Albrecht Kludszuweit) und die Rheintöchter ihre stimmlichen Möglichkeiten voll einbringen können, haben sie auch dem GMD Antony Hermus zu verdanken. Der ist am Pult der Anhaltischen Philharmonie in Hochform, liefert den leichten Konversationston ebenso mühelos wie den großen Bogen, den dieser höchst gelungene Auftakt des Großprojektes braucht, um die Schubkraft fürs Ganze zu entfalten. Im Mai und im Juni wird man das bei zwei Aufführungs-Zyklen in der „richtigen“ Reihenfolge der einzelnen Teile noch einmal überprüfen können.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Das Rheingold</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Alles auf Anfang!</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Richard Wagner</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2015-01-30T12:00:00Z">30.01.2015</time> </div> </div> <div> <div>Medialink</div> <div><a href="http://www.anhaltisches-theater.de/das_rheingold">Fotos auf der Homepage des Anhaltischen Theaters</a></div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>André Bücker</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/613" hreflang="de">Dessau</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1421" hreflang="de">Anhaltisches Theater Dessau</a></div> </div> <div> <div>Musikalische Leitung</div> <div>Antony Hermus</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Musiktheater</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Mo., 02.02.2015 - 16:47</div> <div><span lang="" about="/user/89" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Joachim Lange</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/rheingold_c_heysel_1062_1.jpg?itok=cruM0ae2" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Richard Wagner: Das Rheingold" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/rheingold_c_heysel_1062_1.jpg?itok=iAq1Uv0z" width="1800" height="1200" alt="&quot;Rheingold&quot; im Bauhaus-Stil" title="&quot;Rheingold&quot; im Bauhaus-Stil" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Claudia Heysel</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>&quot;Rheingold&quot; im Bauhaus-Stil. Erdas Auftritt in der 4. Szene mit Ulf Paulsen (Wotan), Javid Samadov (Donner) und Anja Schlosser (Erda)</div> </div> </div> </div> </div> Mon, 02 Feb 2015 15:47:17 +0000 Joachim Lange 9652 at https://die-deutsche-buehne.de Tomasz Kajdanski nach Nikolai Gogol: Der Revisor – Eine Stadt steht Kopf https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/mit-tempo-100-durch-den-abgrund <span>Tomasz Kajdanski nach Nikolai Gogol: Der Revisor – Eine Stadt steht Kopf</span> <span><span lang="" about="/user/181" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Vesna Mlakar</span></span> <span>Di., 22.04.2014 - 10:35</span> <div><p>Etwas ist faul an Sachsen-Anhalts (Spar-)Kulturpolitik. Was, das kann man in den Zeitungen nachlesen. Die Bewohner aus Gogols weltvergessener Provinzstadt dagegen vergnügen sich in einem Sumpf aus Veruntreuung, Schieberei und Amoral. Die Kellnerinnen lassen ihre Kurven kreisen, die beiden Gutsbesitzer (Thomas Ambrosini/Sokol Bida) protzen mit großen Sprüngen, bevor sie sich auf die Frauen stürzen. Schon vor den Toren der Stadt streifen, getrieben von korrupten Machenschaften, dunkle Gestalten mit Hut und Koffer durch den nebeligen Birkenwald. Plakative Vergleiche allerdings will Choreograf Tomasz Kajdanski in seinem neuen Tanztheaterstück nicht ziehen. Lieber nutzt er die gesellschaftssatirische Verwechslungskomödie aus dem Jahr 1836 dazu, in einem unglaublichen Spieltempo die erstaunliche Typenvielfalt und Qualität seines kleinen Ensembles herauszustellen. Angesichts der drohenden Auslöschung der Sparte ein wahrlich vergnügliches Wunder!</p> <p>Darauf angesprochen, verrät Kajdanskis Blick aufgewühlte Verständnislosigkeit. Die Stadt liebt ihr Theater, doch dem Land ist das wurscht. Herausgeputzt geben sich die sechs neu eröffneten Seniorenheime – wozu noch Kultur? Die letzten fünf Jahre hat er Dessau-Roßlau als Ballettchef neun gänzlich unterschiedliche Uraufführungen beschert und sein (derzeit noch) 12-köpfiges Ensemble ist dabei von Stück zu Stück sichtlich mitgewachsen. Sogar Schüler merken, dass es etwas anderes ist, diesen Interpreten live zuzusehen, statt ewig vor der Glotze zu hocken. Full house war denn auch die Bilanz für Kajdanskis „Cinderella“.</p> <p>Damit konnte die Premiere seiner schmissigen Adaption von Nikolai Gogols „Der Revisor“ am 19. April 2014 – ausgerechnet Karsamstag! – im Anhaltischen Theater leider nicht punkten. Dafür mit einer Riege Männer, von denen Kajdanski zum Ende der Spielzeit gleich drei ans Leipziger Ballett verliert: Dessau als Sprungbrett für junge Talente – Glück für Mario Schröder und die Jungs Jonathan Augerau (pseudo-korrekt-nervöser Kreisrichter), Joshua Swain (schmierig-unterwürfiger Chefarzt) und Enea Bakiu (überdreht-quirliger Postmeister). Für den erfahrenen Ballettchef entspricht dieser Erfolg einem Desaster, denn keine der Stellen darf nachbesetzt werden. So startet Kajdanski mit nur mehr acht Tänzern in die neue Saison!</p> <p>Nach dem kurzen Vorspiel gehen seine „Revisor“-Darsteller – musikalisch mit einer Collage aus Film- und Ballettmusiken (u.a. „Gogol-Suite“ bzw. „Skizzen“) von Alfred Schnittke und Einschüben von Gundolf Nandico aufs Beste untermalt – gleich in medias res. Juan Pablo Lastras-Sanchez, eine der zentralen Persönlichkeiten der Kompanie seit 2009, verkörpert rasant die Rolle des Bürgermeisters, an dessen Seite Frau (rothaarig-schrill: Anna-Maria Tasarz) und Tochter (verwöhnt-naiv: Charline Debons) wie zwei ungleiche Schmuckstücke glänzen. Als der vermeintliche Revisor in ihrem Haus Herberge bezieht, werfen beide sich dem eleganten Betrüger an den Hals. Eine choreografische Paradesequenz für das Trio, mit allerlei Anspielungen u.a. auf das klassische Formenvokabular. Die groteske Wohnzimmercharade endet in der Verlobung des liebesblinden Töchterchens mit dem Fremden. Dieser (distinguiert-verdorben: Joe Monaghan at his best) aber bekennt sich trotz aller ihm von den Hauptprotagonisten in ausgefeilten Soli zugesteckter Geldscheine nur dem Publikum. </p> <p>Für die passende szenische Atmosphäre zeichnet wieder Ausstatter Dorin Gal verantwortlich. Um ganze Häuserfronten, ein Vergnügungslokal oder die gut-bürgerliche Stube zu suggerieren, genügen ihm wenige Stühle, ein rotes Sofa, ein Lüster und mobile transparente Wände. Iwan Chlestakow lässt er erst mal in einem umgedrehten Tisch nächtigen. Da spielt Joe Monaghan noch den angstgejagten Pleitegeier, der seine Zeche nicht zahlen kann. Mit dem zugesteckten Reichtum sucht er bald das Weite. Und auch Kajdanski macht nach 75 Minuten kurzen Prozess mit der korrumpierten Gemeinde. Ein Lichtflackern später steht da – zweifelsohne ein Symbol! – ein kleiner Mann (Kajdanskis Sohn Piotr) an einen riesigen Stift gelehnt. Ein Bild zum Politikererweichen… Kämen sie denn mal, um live den Unterschied zwischen Kunst und Hopserei zu erkennen.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Der Revisor – Eine Stadt steht Kopf</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Mit Tempo 100 durch den Abgrund</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Tomasz Kajdanski nach Nikolai Gogol</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2014-04-19T12:00:00Z">19.04.2014</time> </div> </div> <div> <div>UA/DE/DSE</div> <div>UA</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/613" hreflang="de">Dessau</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1421" hreflang="de">Anhaltisches Theater Dessau</a></div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Tanz</div> </div> <div> <div>Komponist</div> <div>Alfred Schnittke/Gundolf Nandico/Billy May</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Di., 22.04.2014 - 10:35</div> <div><span lang="" about="/user/181" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Vesna Mlakar</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/kk_tanz_dessau_revisor.jpg?itok=FE7kEd-3" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Tomasz Kajdanski: Der Revisor – Eine Stadt steht Kopf" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/kk_tanz_dessau_revisor.jpg?itok=JRrsYJaZ" width="1800" height="1200" alt="Juan Pablo Lastras-Sanchez und Ensemble" title="Juan Pablo Lastras-Sanchez und Ensemble" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Claudia Heysel</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Juan Pablo Lastras-Sanchez und Ensemble</div> </div> </div> </div> </div> Tue, 22 Apr 2014 08:35:58 +0000 Vesna Mlakar 9404 at https://die-deutsche-buehne.de John Gay, Johann Christoph Pepusch: The Beggar’s Opera/Polly https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/auf-dem-theater-kriegspfad-im-lande-der-bullerhasen <span>John Gay, Johann Christoph Pepusch: The Beggar’s Opera/Polly</span> <span><span lang="" about="/user/89" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Joachim Lange</span></span> <span>Mo., 24.02.2014 - 10:39</span> <div><p>„The Beggar’s Opera“ von John Gay und Johann Christoph Pepusch aus dem Jahre 1728 passt allein schon deshalb ins Programm des Kurt-Weill-Festes, weil sie genau 200 Jahre später für Kurt Weill und Bertolt Brecht die Vorlage für ihre „Dreigroschenoper“ lieferte. Womit die beiden einen noch größeren Erfolg hatten als ihre Vorgänger. Dass Gay dem Londoner Lokalmatador in Sachen Oper Georg Friedrich Händel damit gewaltig vors Schienbein trat, liegt so lange zurück, dass man es heute großzügig ignorieren und sich voll auf die aktuelle Sprengkraft dieser kleinen Opernrevolte von anno dazumal konzentrieren kann.</p> <p>Da das Motto des 22. Festivals zu Ehren des 1900 in Dessau geborenen Komponisten „Aufbruch. Weill &amp; die Medien“ lautet, kann man (aus zwei dafür reservierten Logen) sogar live twittern. Sollte jemand von der schwarz-roten Magdeburger Landesregierung im Saale gewesen sein, dann hätte der alle Hände voll zu tun. Hätte diese Regierung nämlich Humor, dann könnten ihre Emissäre, wenn schon nicht über ihre Entscheidungen, so wenigstens über eine Honorierung der von höchster Stelle beigesteuerten Zitate zum flott aufgemöbelten Text nachdenken. Sie hat aber keinen. Und in Dessau und auch sonst im Kulturland Sachsen-Anhalt ist, wenn überhaupt, nur noch Galgenhumor angesagt. Eine Bettler-Oper passt in diesen Tage viel besser nach Dessau, als man sich das je hätte träumen lassen. </p> <p>Heutzutage müssen sich Schauspieler nicht nur die beliebte (aber nicht ganz ernst gemeinte) Frage gefallen lassen, was sie eigentlich am Vormittag machen, sondern auch die todernst Gemeinte, wozu sie überhaupt nötig sind. Wie man aus der zweihundert Jahre alten Vorlage über den Bettlerkönig Peachum und sein Gewerbe, die Tochter Polly (Jenny Langner) und ihren Macheath (Mario Klischies), dessen Auslieferung an die Justiz zwecks Gelderwerb und seine Errettung durch den reitenden Boten des Königs einen Welterfolg mit moralischen Erkenntnisnährwert machen kann, das haben Brecht und Weill exemplarisch vorgeführt.</p> <p>Wie man daraus ein höchst aktuelles heute-show-Theater machen kann, das ist jetzt in Dessau zu erleben. Irgendwo zwischen barockem Ausgrabungscharme und Musical-und-Song-Schmiss (mit passgenauen musikalischen „Anreicherungen“ von Christoph Reuter und Cristin Claas), aktueller Überlebenskampf-Satire und überdrehtem Bühnenblödsinn gibt’s also die aufgemöbelte Balladenoper „durch die ehrbare Schauspieltruppe des Anhaltischen Theaters zu Dessau“. Und nach der Pause die ausgebuddelte, (seinerzeit durch Verbot geadelte) Fortsetzung „Polly“ als Ausflug des Stück-Personals in die Neue Welt. Zugegeben, im zweiten Teil hat der Comedy-Theaterkriegspfad auf dem der zu Morano mutierte Macheath und die Inkognito-Polly in Männerklamotten wandeln, mit den Rothäuten kämpfen, um am Ende die Happyend-Pfeife zu rauchen, ein paar Präriepappfelsen zu viel zu umgehen. Lässt man sich aber drauf ein, dann springt der Funke über und die Balance zwischen ernstem Leben und heiterer Kunst geht in Ordnung.</p> <p>Zumal in diesem Fall der Regisseur André Bücker vom so furchtlosen wie fantasiereichen Intendanten eines Hauses am Abgrund beflügelt wird und seine Schauspielertruppe fantastisch mitzieht. Komödiantisches Tempo kommt zum virtuosen Wechsel zwischen adaptierten barocken Musiknummern, ausgestelltem Volks- und Moritatentheater und dem Aus-der-Rolle-ins-Leben-fallen. Wobei niemand die Wut der Verzweiflung, wie sie eben herrscht, wenn die Magdeburger Turmuhr Zwölfe schlägt, unterdrückt. Das wirkt alles ziemlich authentisch. Auch der Wechsel zwischen der runtergekommenen Plattenkulisse und dem Wildwestcharme, den Jan Siegert als Bühne beisteuert und die den Fundus ausschöpfenden Kostüme von Suse Tobisch ihren Teil beitragen. Wenn die Balletttruppe von Tomasz Kajdanski dann mit zynischer Freundlichkeit von der Bühne und aus dem Theater komplementiert und jeder aus der internationalen Truppe ein Goodbye in seiner Muttersprache hinterhergeschickt bekommt, dann bleibt jedem<br /> im Saal das Lachen im Halse stecken. </p> <p>Alles fängt links und rechts neben dem Laufsteg über dem Orchestergraben, wo sich unter Leitung eines Daniel Carlberg im roten Glitzer-Jackett Mitglieder der Anhaltischen Philharmonie und der Band „L’Arc Six“ versammelt haben, ziemlich nobel barock klingend an. Dann tritt Gerald Fiedler als Peachum vor den Vorhang. Und fällt im Handumdrehen aus der Rolle des Bettlerkönigs in die des Schauspielers und Zeitgenossen, der es satt hat, zu betteln. Als er die verbale Kavallerie Richtung Magdeburg losschickt, dauert es nicht lange, bis einer vom Rang aus dazwischen geht. Mit jener ökonomisch getarnten Obrigkeitsattitüde, die mittlerweile der herrschende kulturpolitische Kammerton im Lande ist. Hopman heißt Sebastian Müller-Stahl im Stück übers Stück. Seine Texte kennt man aus diversen ministeriellen Mündern oder Beraterfedern. Der Name ein Euphemismus. Der Mann gefangen in den engen Grenzen buchalterischer Denkkurzschlüsse. Der angespitzen Autorenfeder von Andreas Hillger (und Bücker) merkt man an, dass sie im Auge des Orkans arbeiten, wissen, wovon sie reden (lassen). Für sich genommen ist dieser Text so eine Art Essay zur Lage in einem Land, in dem kulturpolitische Ignoranz und Phantasielosigkeit großkoalitionär in Stein gemeißelt sind. Doch es kippt nicht in die Betroffenheitsrethorik, denn es funktioniert auch als flotte Vorlage für handgemachtes Theater.</p> <p>Es geht schon sehr deutlich zu, wenn Peachum, Polly, Macheath und all die anderen gegen den zusammengefassten Quark des Mr. Hopmann, respektive die Dessauer Schauspieler gegen das Magdeburger Kulturinfarkt-Kauderwelsch vom Leder ziehen. Aber wann und wo, wenn nicht jetzt und hier in Dessau sollten sie das tun? Verboten wird ja gottlob nix. Nur halt nicht mehr mitfinanziert. Wie singt der Schlusschor? Alles nur Theater! Vorhang zu und die Fragen offen! Der Beifall des Publikums hat in Dessau seit einiger Zeit immer etwas von einer Solidaritätsbekundung….</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>The Beggar’s Opera/Polly</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Auf dem Theater-Kriegspfad im Lande der Bullerhasen</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>John Gay, Johann Christoph Pepusch</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2014-02-22T12:00:00Z">22.02.2014</time> </div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>André Bücker</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/613" hreflang="de">Dessau</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1421" hreflang="de">Anhaltisches Theater Dessau</a></div> </div> <div> <div>Musikalische Leitung</div> <div>Daniel Carlberg</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Musiktheater</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Mo., 24.02.2014 - 10:39</div> <div><span lang="" about="/user/89" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Joachim Lange</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/kk_mt_dessau_beggars_opera.jpg?itok=_qnsql2P" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="John Gay, Johann Christoph Pepusch: The Beggar’s Opera/Polly" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/kk_mt_dessau_beggars_opera.jpg?itok=GKt_PxbZ" width="1800" height="1200" alt="The Beggar&#039;s Opera/Polly" title="The Beggar&#039;s Opera/Polly" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Claudia Heysel</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>The Beggar&#039;s Opera/Polly</div> </div> </div> </div> </div> Mon, 24 Feb 2014 09:39:10 +0000 Joachim Lange 9359 at https://die-deutsche-buehne.de Jules Massenet: Esclarmonde https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/haupt-und-staatsaktion <span>Jules Massenet: Esclarmonde</span> <span><span lang="" about="/user/177" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Ute Grundmann</span></span> <span>Mi., 29.05.2013 - 09:44</span> <div><p>Der Kaiser von Byzanz steht auf einem hohen, goldenen Sockel und verkündet dem Volk, das sich in die Nischen des Saales drückt, seinen Abschied von der Macht. Die soll seine Tochter Esclarmonde übernehmen, die, ganz in Weiß und verschleiert wie eine Braut, aus der Versenkung auf die Höhe des Sockels gefahren wird. Wie eine gravitätische Haupt- und Staatsaktion beginnt so im Anhaltischen Theater Jules Massenets Oper „Esclarmonde“, und diesen Gestus des Majestätischen und des tragisch Umflorten können Werk und Inszenierung in den folgenden drei Stunden nie ganz ablegen.</p> <p>Vor 124 Jahren wurde die Oper in vier Akten, einem Prolog und einem Epilog in Paris uraufgeführt. Und erst jetzt kam sie zum ersten Mal auf eine deutsche Bühne, in Dessau. Ausgegraben hat man das Werk auch mit Blick aufs Wagner-Jahr: Es ist ein Märchen (wie „Die Feen“) und hier ist es der Mann, der die angebetete Kaiser-Tochter nicht befragen, nicht einmal ihr Gesicht sehen darf. Eingebettet ist diese Geschichte von Liebessehnsucht und Verzicht in eine verwickelte, verzweigte Geschichte von Krieg und viel bangendem Volk, von einem siegreichen Ritter – eben jener Roland, den Esclamonde nicht lieben soll – der die als Siegestrophäe angebotene Königstochter ausschlägt, weil er ja heimlich gebunden ist. Dann gibt es da noch den Bischof, der für das Volk betet, Roland aber der Hexerei beschuldigt, nachdem er ihn in seinem Liebesschmerz belauscht hat.</p> <p>Regisseur Roman Hovenbitzer bringt das alles ziemlich ungebrochen auf die Bühne, mit viel Aufwand an Darstellern, Chören und Kostümen (Ausstattung: Tilo Steffens). Der zweite Akt schrammt dabei szenisch wie musikalisch ziemlich knapp am Kitsch vorbei: Es ist die heimliche, Traum- oder nur geträumte Hochzeit der Liebenden auf einer verzauberten Insel. Da schweben weißgekleidete Frauen über die Bühne, befreien den auf einem Schiff gefesselten Roland, schwingen Palmwedel zum „Göttlichen Moment“ der Hochzeit, von der Roland per Brief weg in den Krieg gerufen wird. Musikalisch ist das elegisch bis süßlich, viel Emotion in weitschwingenden Tönen. Großer Kontrast dann mit dem dritten Akt, mit aufgewühlten, kriegerischen Klängen und viel bewaffnetem Volk auf zwei Etagen und Auftritt des Bischofs mit einem Kindlein-Chor.</p> <p>Dieser Gottesmann wird kurz darauf Roland an einer Folterwand die Beichte und damit sein Geheimnis abnehmen. In solchen Szenen des Verzweifelns, der Sehnsucht nach der scheinbar unerreichbaren Geliebten ist Sung-Kyu Park als Roland noch am überzeugendsten. Angelina Ruzzafante als Esclarmonde dagegen bietet alle Facetten ihrer Rolle – Herrscherin, Zauberin, Verliebte, Verzweifelte, Verzichtende – wunderbar, sie brilliert in einem guten Ensemble. Und erst ganz am Ende, in der gleichen Staats-Szene des Prologs, erlaubt sich der Regisseur eine winzige Brechung: Da erklimmt Roland die Stufen des Thron-Sockels, erreicht aber Esclarmondes ausgestreckte Hand nicht.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Esclarmonde</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Haupt- und Staatsaktion</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Jules Massenet</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2013-05-26T12:00:00Z">26.05.2013</time> </div> </div> <div> <div>UA/DE/DSE</div> <div>DE</div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Roman Hovenbitzer</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/613" hreflang="de">Dessau</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1421" hreflang="de">Anhaltisches Theater Dessau</a></div> </div> <div> <div>Musikalische Leitung</div> <div>Daniel Carlberg</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Musiktheater</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Mi., 29.05.2013 - 09:44</div> <div><span lang="" about="/user/177" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Ute Grundmann</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/kk_mt_dessau_esclarmonde.jpg?itok=sblMI15c" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Jules Massenet: Esclarmonde" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/kk_mt_dessau_esclarmonde.jpg?itok=eIGiJd-p" width="1800" height="1200" alt="Jules Massenets &quot;Esclarmonde&quot; am Anhaltischen Theater Dessau" title="Jules Massenets &quot;Esclarmonde&quot; am Anhaltischen Theater Dessau" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Claudia Heysel</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Jules Massenets &quot;Esclarmonde&quot; am Anhaltischen Theater Dessau. Angelina Ruzzafante (Esclarmonde), Sung-Kyu Park (Roland), Damen und Herren der Statisterie</div> </div> </div> </div> </div> Wed, 29 May 2013 07:44:06 +0000 Ute Grundmann 9110 at https://die-deutsche-buehne.de Tine Rahel Völcker: Der fliegende Mensch https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/jahrhundertmensch <span>Tine Rahel Völcker: Der fliegende Mensch</span> <span><span lang="" about="/user/123" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Michael Laages</span></span> <span>Mo., 25.02.2013 - 14:29</span> <div><p>Noch heißen Heizungen „Junkers“; noch kreist gelegentlich über Berlin die letzte „Tante Ju“, das Junkers-Flugzeug Ju 52. Hugo Junkers, geboren 1859 im rheinischen Rheydt und nach der Ausbildung in Aachen zunächst einer der weltweit geschätztesten Erfinder in der Thermo-Technik, betrieb im anhaltischen Dessau Europas größtes Flugzeugwerk. Das Liniennetz seiner Maschinen reichte 1925 von Genf bis Oslo, von London bis Budapest. Auch davon erzählt jetzt in Dessau die Dramatikerin Tine Rahel Völcker auf der Bauhaus-Bühne – unter dem Titel „Der fliegende Mensch“.</p> <p>Als das Bauhaus, 1924 aus Weimar vertrieben, in Dessau ankam, war Junkers schon da – und stand im Zenith als unabhängiger Flugzeugbauer, weil er riskante Geschäfte mit der Reichswehr betrieb. Dabei hasste der Industrielle und Forscher den Krieg – warum ein Flugzeug bauen, damit es kurz darauf verbrennt? Hohn der Technik! Als die Reichswehr nichts mehr wissen wollte von den Deals, war Junkers pleite. Bosch übernahm die Thermo-Produktion, die Flug-Linien fusionierten mit dem Aero Lloyd zur „Luft Hansa“. Der Forscher Junkers rettete das Werk in Dessau – und suchte die Nähe zum Bauhaus. Der Künstler Friedrich Höhlsen, im Werk angestellt, entwarf ihm das Signet für die Firma: den mit gespreizten Flügel-Armen fliegenden Menschen. </p> <p>Derweil kriselte es in der Familie des 12fachen Vaters – Tochter Hertha, politisch sehr links, wanderte aus nach Amerika; der Zweitgeborene Klaus, das „schwarze Schaf“, wollte zeitweilig Tänzer werden – und wurde von den Nazis 1933 als Vaters Nachfolger für die Leitung kriegsvorbereitender Massenproduktion instrumentalisiert. In dieser starken Mischung aus Wirtschafts-, Kultur- und Familien-Geschichte verschränkt die Autorin klug die Ergebnisse der Junkers-Recherche. Regisseurin Andrea Moses, aus Stuttgart an die alte Dessauer Wirkungsstätte zurück gekehrt, kreiert dafür mit Bühnenbildner Karoly Risz eine Art Dauer-Werkstatt – aus Transportkisten wird Material und Personal für’s Spiel hervorgezaubert. Puppenspiel gibt’s auch, und viel Video – sehr lange bleibt das sehr packend.</p> <p>Dann aber wird Junkers 1933 enteignet und kaltgestellt, zwei Jahre später ist er tot – und das Stück stirbt mit. Hinten dran klebt lokale Recherche-Routine: Wie die Dessauer Synagoge brannte; wie Goebbels das große Theater neu eröffnete; wie in der örtlichen Zuckerfabrik „Zyklon B“ für’s KZ produziert wurde. Mit diesem Dessau-Material rennt Moses nun nur noch offene Türen ein. Dieser Junkers aber, der an Industrie frei von Politik und im Einklang mit der Kunst glaubte, etwa im Bauhaus – der bleibt ein Jahrhundertmensch und zu entdecken.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Der fliegende Mensch</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Jahrhundertmensch</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Tine Rahel Völcker</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2013-02-23T12:00:00Z">23.02.2013</time> </div> </div> <div> <div>UA/DE/DSE</div> <div>UA</div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Andrea Moses</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/613" hreflang="de">Dessau</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1421" hreflang="de">Anhaltisches Theater Dessau</a></div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Schauspiel</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Mo., 25.02.2013 - 14:29</div> <div><span lang="" about="/user/123" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Michael Laages</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/kk_s_des_fliegend.jpg?itok=DYhtutFM" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Tine Rahel Völcker: Der fliegende Mensch" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/kk_s_des_fliegend.jpg?itok=mV-gIQZj" width="1800" height="1200" alt="Patrick Rupar und Gerald Fiedler in &quot;Der fliegende Mensch&quot; am Anhaltischen Theater in Dessau." title="Patrick Rupar und Gerald Fiedler in &quot;Der fliegende Mensch&quot; am Anhaltischen Theater in Dessau." typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Patrick Rupar und Gerald Fiedler in &quot;Der fliegende Mensch&quot; am Anhaltischen Theater in Dessau.</div> </div> </div> </div> </div> Mon, 25 Feb 2013 13:29:49 +0000 Michael Laages 9038 at https://die-deutsche-buehne.de Modest Mussorgski: Chowanschtschi https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/russisches-grossformat <span>Modest Mussorgski: Chowanschtschi</span> <span><span lang="" about="/user/89" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Joachim Lange</span></span> <span>Di., 17.05.2011 - 15:33</span> <div><p>Mussorgskis Volksdrama „Chowanschtschina“ ist vor allem eine gewaltige Chor- und Männeroper. Ob nun in der Orchestrierung von Rimski-Korsakow oder (wie in Dessau verwendet) von Schostakowitsch samt des Finales von Stravinsky. GMD Antony Hermus hat für dieses russische Großformat den Sinn fürs Detail und die Kraft zum großen Überblick, um damit zu überzeugen. Auf den übergroßen Chor bringt man es durch die Kooperation mit dem Weimarer Nationaltheater. Chefregisseurin Andrea Moses stürzt sich bei ihrer Abschiedsinszenierung in dieser Position entschlossen auf die szenischen Details und die Charakterisierung der Figuren und erzählt das Historienpanorama als Ganzes in seiner Relevanz für die Gegenwart.<br /> Christian Wiehles offene Bühnenästhetik schöpft aus dem Vorrat russisch-sowjetischer und postsowjetischer Bilder. Da ist die Basilius-Kathedrale mit Coca-Cola Reklame zugepflastert. Da kommt das Palais des Fürsten Golizyn (Angus Wood) als Sitzgarnitur mit Schreibtisch hoch oben auf einem riesigen russischen Bären daher. Da wird die Strelitzen-Vorstadt zu einem modernen Hochhausblock aus dem sich die Umrisse der Kathedrale wie im Schnittbogen abheben. Da kommt der Intrigant im Dienste des Zaren Peter, Schaklowity (Ulf Paulsen) erst auf einer Gangway und unter der Büste des Sowjethelden Gagarin daher und landet dann sogar als Fallschirmspringer im Prachtbett von Iwan Chowanski (Alexey Anatonov), um ihn zu erdrosseln. Und da agiert Pavel Shumlevich als der vom Fürsten zum Mönch gewordene Dossifej mit großer Geste und Format an der Spitze eines imponierenden Ensembles. </p> <p>Wenn sich am Ende die altgläubigen Fanatiker im Angesicht der anrückenden Truppen des Zaren selbst verbrennen, dann wird der tödliche Dampf, dem sie hier zum Opfer fallen, nicht zur Klippe einer gefährlichen Metaphorik, sondern demonstriert mit dem futuristisch stilisierten Riesenkreuz in der Mitte einen beängstigenden Triumph des Irrationalen. Richtig froh macht diese Pointe nicht. Wohl aber das Niveau auf dem in Dessau Musiktheater gemacht wird.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Chowanschtschi</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Russisches Großformat</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Modest Mussorgski</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2011-05-07T12:00:00Z">07.05.2011</time> </div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Andrea Moses</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/613" hreflang="de">Dessau</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1421" hreflang="de">Anhaltisches Theater Dessau</a></div> </div> <div> <div>Musikalische Leitung</div> <div>Antony Hermus</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Musiktheater</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Di., 17.05.2011 - 15:33</div> <div><span lang="" about="/user/89" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Joachim Lange</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/kk_mt_dessau_chowan.jpg?itok=85AjAqJK" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Modest Mussorgski: Chowanschtschina" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/kk_mt_dessau_chowan.jpg?itok=Z3xCU3z-" width="1800" height="1200" alt="Anna Peshes, Angus Wood, Alexey Antonov und Pavel Shmulevich in Mussorgskis „Chowanscht-schina“ am Theater Dessau." title="Anna Peshes, Angus Wood, Alexey Antonov und Pavel Shmulevich in Mussorgskis „Chowanscht-schina“ am Theater Dessau." typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Claudia Heysel</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Anna Peshes, Angus Wood, Alexey Antonov und Pavel Shmulevich in Mussorgskis „Chowanscht-schina“ am Theater Dessau.</div> </div> </div> </div> </div> Tue, 17 May 2011 13:33:48 +0000 Joachim Lange 8515 at https://die-deutsche-buehne.de Aleksandar Nikolajewitsch Ostrowski: Tolles Geld https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/ziemlich-laut <span>Aleksandar Nikolajewitsch Ostrowski: Tolles Geld</span> <span><span lang="" about="/user/177" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Ute Grundmann</span></span> <span>Mo., 18.04.2011 - 19:34</span> <div><p>Lydia setzt die Kopfhörer auf, wenn von Geld oder gar dessen Fehlen die Rede ist. Sie will Spaß und Luxus, Auto und Pferde – womit das bezahlt wird, ist Sache der Mutter und des (abwesenden) Vaters. Dass das nicht lange gut gehen kann, ist Kern der Komödie „Tolles Geld“ von Aleksandar Nikolajewitsch Ostrowski. Das 1870 entstandene Stück hat Wolfgang M. Bauer im Anhaltischen Theater Dessau inszeniert – mit mächtigem Zug ins Hier und Heute.</p> <p>Und so sind Jean und Gerd, eigentlich junge, arme Adlige, halb Dealer, halb Anlageberater, die mit Cent-Münzen Boule spielen. Der ihnen zum Rivalen um die Gunst Lydias wird, der Unternehmer Vasilkow (Gerald Fiedler) aus der Provinz, stammt hier aus Dessau. Ein Constantin Clohschar redet über Geldverdienen auf der Straße und Bruttolöhne in Magdeburg. Und wenn Lydia (Katja Sieder) endlich den Antrag des ungeliebten Provinzlers angenommen hat, tanzt sie im Rotlicht wie Lena Meyer-Landrut. Es passt einiges nicht zusammen in dieser Inszenierung, die auf der Übersetzung von Ulrike Zemme basiert. Man hantiert mit Handy und Laptop, die Frischvermählten aber siezen sich wie im alten Russland. Mutter Nadia (Christel Ortmann) bezieht ihre Weisheiten aus „Brigitte woman“, hält aber reiche Männer für die einzige (Über-)Lebenschancen für Frauen. Vasilkow schließlich tippt die horrenden Rechnungen in seinen Computer, greift aber zum Duell-Gewehr.</p> <p>Das alles kommt ziemlich laut und auftrumpfend daher, selten ist Ruhe für feiner Gezeichnetes. Etwa die Szene, in der Nadia dem „Clohschar“ Münzen aus seinem Bettelbecher klaut, um am Telefon ihre Tochter an Vasilkow zu verhökern. Oder die Figur des Kutschmow (Karl Thiele), alter Freund der Familie, den Lydia „Papi“ nennt und dem sie für Geld die Lolita machen will. Er zahlt großzügig und hat das Geld doch nur mühsam zusammengeborgt. Da verkauft sich eine für Geld, da muss einer die Liebe kaufen – doch für solche Feinheiten hat die zweieinhalbstündige Inszenierung leider keine Zeit.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Tolles Geld</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Ziemlich laut</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Aleksandar Nikolajewitsch Ostrowski</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2011-01-21T12:00:00Z">21.01.2011</time> </div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Wolfgang M. Bauer</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/613" hreflang="de">Dessau</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1421" hreflang="de">Anhaltisches Theater Dessau</a></div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Schauspiel</div> </div> Mon, 18 Apr 2011 17:34:13 +0000 Ute Grundmann 8488 at https://die-deutsche-buehne.de