Hamburg https://die-deutsche-buehne.de/taxonomy/term/608 de Huihui Cheng, Diana Syrse, Mischa Tangian: Die Nacht der Seeigel https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/das-ich-im-andern <span>Huihui Cheng, Diana Syrse, Mischa Tangian: Die Nacht der Seeigel</span> <span><span lang="" about="/user/164" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Sören Ingwersen</span></span> <span>Fr., 03.05.2019 - 14:47</span> <div><p>Kann es sein, dass die Evolutionsgeschichte umgeschrieben werden muss und der Mensch gar nicht vom Affen, sondern von einem Stachelhäuter abstammt? Dieses Gedankenspiel bildet die Grundlage für die Opernproduktion „Die Nacht der Seeigel“, mit der nicht Darwin widerlegt, sondern die Bindungs(un)fähigkeit des Menschen verhandelt werden soll.</p> <p>Drei Figuren bewegen sich durch das Gemeinschaftswerk, das sieben Stipendiaten der <em>Akademie Musiktheater heute</em> der Deutsche Bank Stiftung für die Aufführung in der <em>opera stabile</em> der Hamburgischen Staatsoper entwickelt haben. Ein großes blaues Tuch, das sich wie der Ausläufer eines Gletschers durch den Raum zieht, bildet die Fläche, auf der Sopranistin Na’ama Shulman als werdende Mutter ihrem noch ungeborenen Kind ein Schlaflied singt, beherrscht von der Angst, dass die Geburt eine endgültige Trennung von ihrem eigen Fleisch und Blut bedeutet. Ein von Angst Getriebener ist auch der Mann (Hiroshi Amako), fliehend von der Frau, die er geschwängert hat, und den damit verbundenen Konsequenzen. Ebenfalls in seiner eigenen Welt gefangen ist der Wissenschaftler (Gabriele Rossmanith), der nach einem mystischen Erlebnis glaubt, dass der Mensch in seiner Urform ein <a href="https://www.spektrum.de/lexikon/biologie/seeigel/60589" target="_blank">Seeigel</a> war und zu jener Spezies gehörte, die einerseits völlig autark lebt, andererseits in großen Ansammlungen zu einer Art Metaorganismus verschmilzt.</p> <p>Scheinbar beziehungslos wandeln diese drei Figuren durch den Raum, finden nur gelegentlich in der Schichtung ihrer Gesangsstimmen zueinander, während die sechs Musiker des Philharmonischen Staatsorchesters zusammen mit E-Gitarrist Christian Kiefer unter der Leitung von Ulrich Stöcker klingende Bruchstücke streuen, mit Schlagzeug, Kontrabass, Trompete und Posaune eine Brücke von der Neuen Musik bis zu Jazz und Musical schlagen, mit dezenten Effekten gespickt durch das elektronische Zuspiel. Zwölf kurze Abschnitte haben die Komponisten <a href="https://huihuicheng.com/" target="_blank">Huihui Cheng</a>, <a href="https://soundcloud.com/diana-syrse">Diana Syrse</a> und <a href="http://mischatangian.com/" target="_blank">Mischa Tangian</a> im Wechsel geschrieben, in denen die drei Sänger mit oft weit ausgesungenen Linien eine rundum überzeugende Leistung abliefern. Das gilt für die beiden Mitglieder der Internationalen Opernstudios Na’ama Shulman und Hiroshi Amako ebenso wie für die Ensembleveteranin Gabriele Rossmanith, die immer wieder auch auf dem Experimentierfeld der Studiobühne <em>opera stabile </em>zu erleben ist.<br /> Das einstündige Experiment an diesem Abend darf man als geglückt bezeichnen, wenngleich das Libretto von Luise Kautz, Martin Mutschler, Christina Pfrötschner und Evards Svilpe etwas verkopft daherkommt und in seiner Aussage vage bleibt. Wenn am Ende der Stoffteppich zu einem Ballon anschwillt, schließlich aufreißt und als Flutwelle eine riesige Ansammlung schwarzer Schaumstoffbälle freilegt, haben sich inmitten dieser Seeigel-Ansammlung auch die Figuren wiedererkannt – in einer zeitlich eigentlich unmöglichen Konstellation.</p> <p>Zwei der Librettisten – <a href="https://luisekautz.wordpress.com/" target="_blank">Luise Kautz</a> und <a href="https://www.theaterbremen.de/de_DE/haus/martin-mutschler.139191" target="_blank">Martin Mutschler</a> – haben diese musiktheatralische Re-flektion über Liebe, Einsamkeit und Verschmelzung in Szene gesetzt, während Diana Syrse und Evarts Svilpe aus den Teams der Komponisten und Librettisten oben auf der Galerie die kurzweilige Parabel als Seeigel mit Gesang und Perkussion unterstützten. Wenn sich im Stück das Ich im Andern wiederfindet, hat das wohl auch etwas mit dem Entstehungsprozess dieser Gemeinschaftsproduktion zu tun.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Die Nacht der Seeigel</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Das Ich im Andern</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Huihui Cheng, Diana Syrse, Mischa Tangian</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2019-05-02T12:00:00Z">02.05.2019</time> </div> </div> <div> <div>UA/DE/DSE</div> <div>UA</div> </div> <div> <div>Medialink</div> <div><a href="https://www.staatsoper-hamburg.de/de/spielplan/stueck.php?AuffNr=158535">Fotogalerie auf der Homepage der Hamburgischen Staatsoper</a></div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Luise Kautz, Martin Mutschler</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/608" hreflang="de">Hamburg</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1546" hreflang="de">Hamburgische Staatsoper</a></div> </div> <div> <div>Musikalische Leitung</div> <div>Ulrich Stöcker</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Musiktheater</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Fr., 03.05.2019 - 14:56</div> <div><span lang="" about="/user/10" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Andreas Falentin</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/Bild-gross/Die_Nacht_der_Seeigel_2_C-Joern_Kipping.jpg?itok=L2YLpSjj" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Die_Nacht_der_Seeigel_2_C-Joern_Kipping.jpg" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/Bild-gross/Die_Nacht_der_Seeigel_2_C-Joern_Kipping.jpg?itok=USCs_pAl" width="1800" height="1200" alt="Hiroshi Amako (l.) und Gabriele Rossmanith in der Uraufführung &quot;Die Nacht der Seeigel&quot;" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Jörn Kipping</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Hiroshi Amako (l.) und Gabriele Rossmanith in der Uraufführung &quot;Die Nacht der Seeigel&quot;</div> </div> </div> </div> </div> Fri, 03 May 2019 12:47:46 +0000 Sören Ingwersen 12008 at https://die-deutsche-buehne.de George Benjamin: Lessons in Love and Violence https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/vereiste-gefuehle <span>George Benjamin: Lessons in Love and Violence </span> <span><span lang="" about="/user/164" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Sören Ingwersen</span></span> <span>Mo., 08.04.2019 - 21:09</span> <div><p>Wo der König die Kleider und die musikalische Zerstreuung mehr liebt als sein Volk, ist es um das politische Gleichgewicht nie gut bestellt. Bei der Anprobe neuer Anzüge versuchen seine Frau Isabel und der königliche Berater Mortimer vergeblich, den Herrscher an seine staatspolitischen Pflichten zu erinnern. Mit Mortimers Verbannung endet die erste Szene – und beginnt sich die Spirale aus Verrat, Gewalt und Tod erbarmungslos zu drehen.</p> <p>Der englische Dramatiker Martin Crimp hat das Drama „Edward II“ des Shakespeare-Zeitgenossen Christopher Marlowe zu sieben schlaglichtartigen „Lessons in Love and Violence“ eingedampft. Sie bilden das Textgerüst für George Benjamins gleichnamige Oper, die in der Regie von Katie Mitchell vor einem Jahr im <a href="https://www.roh.org.uk" target="_blank">Royal Opera House</a> Covent Garden ihre Uraufführung feierte. In fast gleicher Besetzung wurde die Inszenierung nun in deutscher Erstaufführung an der <a href="https://www.staatsoper-hamburg.de" target="_blank">Hamburgischen Staatsoper</a> gezeigt. Bühnenbildnerin Vicki Mortimer gewährt Einblicke ins königliche Schlafzimmer, so blau wie das Blut des Paares, das das Bett schon lange nicht mehr miteinander teilt. Denn der König – dessen viriles Selbstvertrauen Evan Hughes kräftiger Bariton glänzend unterstreicht – hat einen Geliebten: Gaveston. Benjamin hat für die beiden Männer ein Liebesduett komponiert, in dem Gyula Orendt sich auch stimmlich als ebenbürtiger Partner erweist, während aus dem Orchestergraben archaisch anmutende Rhythmen von der politischen Explosivkraft dieser Beziehung künden. Überhaupt greift der 59-jährige Komponist, der derzeit „Composer in Residence“ bei den Berliner Philharmonikern ist, auf eine dichte, beklemmende und düstere Gemengelage von Klängen zurück, die zuweilen zwar ins Lyrische abgleiten, mit ihren gewaltvollen Ausbrüchen, der perkussiven Treibkraft und dem teils exotischen Kolorit aber vor allem für das aufgewühlte Innere der Figuren stehen. </p> <p>Wir hören und sehen wie Georgia Jarman als Königin Isabel dem aufgebrachten Volk ihren feurigen Sopran entgegenschleudert, wie sie mit Mortimers Hilfe Gaveston ermorden lässt und daraufhin von ihrem Mann verstoßen wird. Mitchell lässt die Figuren in modernen Kostümen auftreten und in einem unterkühlten Ambiente psychologisch glaubwürdig, gelegentlich auch in Zeitlupe agieren. Immer sind die beiden Königskinder – der in hoher Tenorlage beeindruckende Samuel Boden und die stumme Ocean Barrington-Cook – Beobachter des Geschehens, das stets im selben Raum stattfindet. Der wird nach jeder Szene bei geschlossenem Vorhang um 90 Grad gedreht, während die Philharmoniker unter Kent Naganos sensiblen Dirigat den Gefühlsaufruhr in bravourösen Zwischenspielen musikalisch fortschreiben: ein ständiger Wechsel der Perspektive auf die verheerenden Verstrickungen von Liebe und Macht, bei dem das riesige Aquarium, in dem anfangs noch bunte Fische schwimmen, zuerst vereist und zuletzt nur noch einen abgestorbenen Unterwasserfelsen beherbergt. Auch unter den Menschen zieht der Tod in diesem auskomponierten Polit-Thriller noch weite Kreise. Überschäumend lebendig ist dagegen der Schlussapplaus für dieses intensive, 90-minütige Kammerspiel. Stellvertretend für die Regisseurin verbeugt sich Dan Ayling, der die szenische Einstudierung besorgte.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Lessons in Love and Violence </div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Vereiste Gefühle</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>George Benjamin</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2019-04-07T12:00:00Z">07.04.2019</time> </div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Katie Mitchell</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/608" hreflang="de">Hamburg</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1801" hreflang="de">Staatsoper Hamburg</a></div> </div> <div> <div>Musikalische Leitung</div> <div>Kent Nagano</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Musiktheater</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>So., 07.04.2019 - 21:19</div> <div><span lang="" about="/user/173" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Ulrike Kolter</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/Bild-gross/Lessons%20in%20Love%20and%20Violence%20Hamburg.jpg?itok=WUyvQGOc" width="100" height="65" alt="Thumbnail" title="Peter Hoare, Emilie Renard, Mitglieder des Darstellerensembles, Evan Hughes, Ocean Barrington-Cook" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/Bild-gross/Lessons%20in%20Love%20and%20Violence%20Hamburg.jpg?itok=ypI2vprl" width="1800" height="1200" alt="Peter Hoare, Emilie Renard, Mitglieder des Darstellerensembles, Evan Hughes, Ocean Barrington-Cook" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Forster</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Peter Hoare, Emilie Renard, Mitglieder des Darstellerensembles, Evan Hughes, Ocean Barrington-Cook</div> </div> </div> </div> </div> Mon, 08 Apr 2019 19:09:27 +0000 Sören Ingwersen 11964 at https://die-deutsche-buehne.de Katie Mitchell und Sibylle Meier nach Maggie Nelson: Bluets https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/im-farblabor <span>Katie Mitchell und Sibylle Meier nach Maggie Nelson: Bluets</span> <span><span lang="" about="/user/123" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Michael Laages</span></span> <span>Sa., 16.03.2019 - 12:57</span> <div><p>Das Experiment beginnt ganz banal. Wer hätte schon keine „Lieblingsfarbe“? Der Ich-Erzählerin in „Bluets“, dem im Original bereits vor zehn Jahren veröffentlichten, aber erst kürzlich auf Deutsch erschienen Buch der Amerikanerin <a href="https://www.hanser-literaturverlage.de/autor/maggie-nelson/">Maggie Nelson</a>, ist aber mehr passiert: Sie hat sich in eine Farbe „verliebt“. Ins Blau.</p> <p>Und die Farbpassion fällt womöglich auch darum so überaus heftig und obsessiv aus, weil sie gekoppelt ist an eine komplizierte Liebe – das „Ich“ der Autorin ist vor einiger Zeit verlassen worden, die Frau will den Mann zurückhaben; und an alles, was ihn betrifft, speziell an den Sex mit ihm, erinnert sie sich mindestens genau so intensiv wie an unterschiedlichste Erfahrungen, die sie mit der geliebten Farbe hatte – und quasi minutiös, Blau um Blau und Satz für Satz, begann sie sie zu sammeln im Angesicht des Verlusts; detailvernarrt wie eine Archivarin im Museum der blauen Dinge.</p> <p>„Satz für Satz“ ist beinahe wörtlich zu nehmen. Denn Maggie Nelson hat alles, all die Archivalien, Gedanken und Sehnsüchte, all die teilweise sehr rudimentären, aber schlaglichtartig wiedererkennbaren Handlungsstränge, ordnungsgemäß nummeriert in Mini-Kapiteln; für die Theaterfassung, die jetzt im Malersaal des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg zu sehen ist, haben Regisseurin <a href="https://www.schauspielhaus.de/de_DE/ensemble/katie_mitchell.80719">Katie Mitchell</a> und Dramaturgin Sybille Meier das Konvolut teilweise neu beziffert: in 129 Statements. Zwei Schauspielerinnen und zwei Schauspieler sitzen an Lesetischen – und erfinden Theater. Schon das sanfte „Ping“ elektronischer Glöckchen, die die Pausen zwischen den 129 Momenten markieren, ist Bauteil dieser Laboranordnung.</p> <p>Und die ist denn auch das eigentliche Ereignis dieses Abends im Theater. Katie Mitchell, bewährt im Umgang auch und gerade mit Texten, die zunächst überhaupt nicht nach „Theater“ aussehen, lässt die vier Figuren mit Nelsons Text (und unendlich viel Videomaterial mehr oder minder in Blau aus der Werkstatt von Marcel Didolff) einen unerhört detailreichen Spiel-, Blick- und Klangraum kreieren. Während Julia Wieninger (immer wieder Mitchells bevorzugte Protagonistin in Hamburg!) ganz bei den Ich-Texten bleibt, fügen sich Ute Hannig, Paul Herwig und Yorck Dippe in die Rollen, die in anderen Produktionen der englischen Regisseurin die technischen Gewerke übernehmen – das Ensemble positioniert die Videokameras und richtet sie ein für den richtigen Moment; Wasserbehälter und andere Laboreinrichtungen werden vorbereitet für den Augenblick, in denen sie zum Einsatz kommen, das heißt: auf der Videowand hinter der Spielebene zu sehen sind. Eine „technische Choreographie“ liegt den 100 Spielminuten zu Grunde, die auch die oben links und rechts im Malersaal sitzenden Kolleginnen und Kollegen von Licht- und Tonregie einbezieht, die die live erzeugten Bilder und Klänge mit den vorbereiteten aus den Konserven koordinieren. Dieser vielköpfige Apparat funktioniert enorm eindrucksvoll.</p> <p>Und wer speziell diese vier Ensemble-Mitglieder ein wenig kennt, der weiß auch um deren musikalisches Talent – Paul Herwig und Yorck Dippe sind profunde Musikanten, Herwig an Klavier und Gitarre, Dippe zusätzlich am Saxophon; und wie Ute Hannig und Julia Wieninger singen beide auch außergewöhnlich gut. So kann Mitchell auch auf die musikalischen „Blue“-Momente setzen: mit Songs von <a href="http://jonimitchell.com/">Joni Mitchell</a> oder <a href="https://billieholiday.com/">Billie Holiday</a>. Leider folgt die Regisseurin (wie die Autorin) nicht der spannenden Frage, warum eigentlich der „Blues“ so heißt, und wo die „blue notes“ im Jazz eigentlich herkommen.</p> <p>Bild, Musik, Klang, Text… aus allem entsteht tatsächlich eine Art Strom oder Sog. Die Details sind winzig – so wedelt Dippe mal mit dem Jackenaufschlag, um irgendetwas im Wind flattern zu lassen. Und viele Blau-Momente sind im Vorbeifahren entstanden – etwa die blauen Ringe am Fernsehturm in Hannover, von Bahnsteig 8 aus gefilmt. Alles, was an Maggie Nelsons blauen Episoden tendenziell nicht nach Theater aussieht und auch nicht in irgendeine Form von erzählender Dramaturgie passen will, gerät schnell in diesen Strudel – auch wenn Mitchells Methode relativ bald erkennbar und also durchschaubar zu werden beginnt. Macht nichts: Bis zum Schluss birgt sie genug Überraschungen optisch-akustisch-gedanklicher Art, dass das Ergebnis des blauen Laborversuchs offenbleibt. Erst einer der letzten „Sätze“ offenbart, dass die Liebende das ganze Museum in Blau auch hätte aufgeben können, wenn nur der Geliebte zurückgekommen wäre.</p> <p>Katie Mitchell erzählt in Hamburg eine verzweifelt-unerfüllte Liebesgeschichte – und dass sie so gar nicht danach aussieht, ist vermutlich das Wichtigste.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Bluets</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Im Farblabor</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Katie Mitchell und Sibylle Meier nach Maggie Nelson</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2019-03-15T12:00:00Z">15.03.2019</time> </div> </div> <div> <div>UA/DE/DSE</div> <div>UA</div> </div> <div> <div>Medialink</div> <div><a href="https://schauspielhaus.de/de_DE/stuecke/lasst-blumen-sprechen-say-it-with-flowers.1176709">Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung</a></div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Katie Mitchell</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/608" hreflang="de">Hamburg</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1491" hreflang="de">Deutsches Schauspielhaus Hamburg</a></div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Schauspiel</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Sa., 16.03.2019 - 13:27</div> <div><span lang="" about="/user/24" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Antonia Ruhl</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/Bild-gross/17_Bluets_Cummiskey.jpg?itok=rT7V5yuv" width="100" height="41" alt="Thumbnail" title="Blau, soweit das Auge reicht. Julia Wieninger, Ute Hannig, Paul Herwig, Yorck Dippe in &quot;Bluets&quot;" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/Bild-gross/17_Bluets_Cummiskey.jpg?itok=O805BVN4" width="1800" height="1200" alt="Blau, soweit das Auge reicht. Julia Wieninger, Ute Hannig, Paul Herwig, Yorck Dippe in &quot;Bluets&quot;" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Stephen Cummiskey</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Blau, soweit das Auge reicht. Julia Wieninger, Ute Hannig, Paul Herwig, Yorck Dippe in &quot;Bluets&quot;</div> </div> </div> </div> </div> Sat, 16 Mar 2019 11:57:11 +0000 Michael Laages 11926 at https://die-deutsche-buehne.de Roos Ouwehand: Sophie https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/den-alltag-meistern <span>Roos Ouwehand: Sophie</span> <span><span lang="" about="/user/88" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Jens Fischer</span></span> <span>Fr., 15.03.2019 - 13:48</span> <div><p>Sie ist keine Heldin, die unsere Welt, einen Menschen, moralische Werte oder wenigstens die Umsatzerwartung ihres Arbeitgebers rettet. Nirgendwo sensationelle Aktionen oder erschütternde Schicksalsschläge. Die niederländische Schauspielerin Roos Ouwehand hat genau hingesehen und zugehört und dabei festgestellt, tragisch und besonders zugleich ist auch jedes noch so normal scheinende Leben. Mit ihrem Drama-Erstling „Sophie“ entwarf sie das Porträt einer Frau, die hauptberuflich den privaten Alltag zu meistern versucht, der kurze Momente von Glück und andauernde von Schuld bereithält. Regisseur Antoine Uitdehaag hat den Text in den Niederlanden uraufgeführt und verantwortet nun die deutschsprachige Erstaufführung am Ernst-Deutsch-Theater.</p> <p> „Sophie“ erzählt von ersten und zweiten Chancen, von Krisen und Neuaufbrüchen. Plötzlich sind die Kinder groß, ist die Ehe kaputt, die Eltern sterben und eine erste Rentenüberweisung trudelt ein. Oh, war da was? Das ganze Leben ergibt in „Sophie“ kein homogenes Stück. Es ist als Stationendrama formuliert. Aber eben ohne die großen theatralische Momente, sondern mit den kleinen diffusen Momenten davor oder danach, in denen die vielen großen Niederlagen und trotzig kleinen Gewinne sichtbar werden und Sophie wie das Publikum vor die Frage stellen: Wie funktioniert ein erfülltes Leben, wann wird es zu einem gescheiterten, wo verläuft die Grenze zwischen Erfolg oder Misserfolg?</p> <p> Zwölf scheinbar willkürlich ausgewählte Szenen reiht das Stück aneinander. Zusammen mit den weitaus größeren Leerstellen dazwischen entsteht ein Kontinuum von Brüchigkeiten, eine Art psychologisches Puzzlespiel der Biografie Sophies. Ouwehand deutet nur an, wie das zu rekonstruieren wäre, was man Identität nennen könnte. Was das Sophie-Ich – wenn es das denn gibt – vielleicht im Innersten zusammenhält. Aber ist Kontinuität nicht ein Konstrukt? So wie das Leben, das in Augenblicke zerfällt, die sich in erbarmungsloser Chronologie aneinanderreihen. Genau so jedenfalls inszeniert Uitdehaag und lässt das jeweilige Alter der Protagonistin einblenden. Handlungsort ist ausschließlich ihr Kinderzimmer, in das sie auch als Erwachsene zu Familienfeiern immer wieder zurückkehrt – und dort nach dem Tod der Eltern erneut einzieht. Einen kargen Kasten, offen für Fantasie, hat Tom Schenk bauen lassen, ein Bett (Ort der Geburt, des Rückzugs, der Zweisamkeit, des Todes) steht im Zentrum. Sonst nur noch eine Staffelei als Hinweis, was Sophie gern beruflich gemacht hätte, aber erst als Seniorin praktiziert: Malen. Zu erleben sind realistische Figuren, die in gut gebauten Dialogen miteinander interagieren. Es entstehen intime, emotionale, nie sentimentale Situationen.</p> <p> Zu Beginn wirkt es noch etwas albern, wenn die Darsteller Sechsjährige spielen müssen. Sprachlich sind sie dem behaupteten Alter aber bereits weit voraus und Sophie schon kenntlich als keck direktes, forsch selbstbestimmt sein wollendes Wesen. Teilt sie ihrem Sandkastenfreund Daniel doch mit, keine Kinder haben zu wollen: „Man ist ständig damit beschäftigt, sie zu füttern, sie anzuziehen und ihren Krempel aufzuräumen. Und was kriegt man dafür? Geschrei und Rotznasen. Und stinkende Windeln … Also, wenn wir später heiraten, kriegst du keine Kinder. Damit du es weißt.“ Daniel: „Nö, naja, okay, prima.“ Als orientierungshungrige 12-Jährige redet Sophie mit der Mutter über die Notwendigkeit von Veränderungen, Anlass ist der immer häufiger bei seiner Freundin weilende Vater, dem die rotzig pubertierende 17-Jährige dann die Leviten liest. Was sie mit 25 immer noch beschäftigt: „Es ist so unerträglich, nach all den Jahren ist da kein Schmerz, der nackt und bloß auf dem Tisch liegt. Ein Schmerz, über den wir Witze machen könnten, stattdessen steckt er immer noch wie ein Kloß hier im Hals.“ Jahre später heiratet Sophie dann Kees, wird aller Kinderklugheit zum Trotz doch Mutter, wenn auch panisch, und zur perfektionistischen Hausfrau-Hysterikerin, so dass ihr Gatte schnell wieder das Weite sucht. Auf der Beerdigung der Mutter verbandelt sie sich endlich mit Daniel, der sie bald als Alzheimer-Patient verlässt … da ist sie einem längst ans Herz gewachsen. Denn an ihr außergewöhnlich gewöhnliches Dasein kann wohl jeder Zuschauer irgendwo andocken.</p> <p> Uneingeschränkt beeindruckend ist es, Anika Mauer beim Altern auf offener Bühne zuzusehen. Dabei wechselt sie zwischen den Szenen nur das Kostüm und macht die Haare etwas wuscheliger oder strenger zurecht. Alles andere ist wandlungsfähiges Schauspielhandwerk vom Allerfeinsten. So empathisch wie resolut entwickelt Mauer ihre Sophie als eine burschikose, mutige, offenherzige Frau, die ständig ihre Gefühle vor der Bevormundung durch andere beschützen muss. Dabei ist sie meist am Rande des Aus- oder Zusammenbruchs. Leider halten ihre Spielpartner das Niveau nicht immer, sind allzu häufig Boulevardtheater-Klischeetypen. Obwohl Antoine Uitdehaag den Abend ansonsten betont sachlich arrangiert. Der Vorlage Sprachpräzision lässt er in Sprechpräzision übersetzen. Mit feinem Sinn für Untertöne, Fallstricke und Komik. Insgesamt eine Feier des menschlichen Lebens in seiner Fragilität, Wechselhaftigkeit und Alltäglichkeit.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Sophie</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Den Alltag meistern </div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Roos Ouwehand</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2019-03-14T12:00:00Z">14.03.2019</time> </div> </div> <div> <div>UA/DE/DSE</div> <div>DSE</div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Antoine Uitdehaag</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/608" hreflang="de">Hamburg</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1509" hreflang="de">Ernst Deutsch Theater</a></div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Schauspiel</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Fr., 15.03.2019 - 14:08</div> <div><span lang="" about="/user/10" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Andreas Falentin</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/Bild-gross/Sophie395.jpg?itok=pPIg4Zrq" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Dirk Ossig und Annika Mauer in der Titelrolle der Deutschsprachigen Erstaufführung von &quot;Sophie&quot; von Roos Ouwehand" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/Bild-gross/Sophie395.jpg?itok=1xDiUU4Z" width="1800" height="1200" alt="Dirk Ossig und Annika Mauer in der Titelrolle der Deutschsprachigen Erstaufführung von &quot;Sophie&quot; von Roos Ouwehand" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Oliver Fantitsch</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Dirk Ossig und Annika Mauer in der Titelrolle der Deutschsprachigen Erstaufführung von &quot;Sophie&quot; von Roos Ouwehand</div> </div> </div> </div> </div> Fri, 15 Mar 2019 12:48:57 +0000 Jens Fischer 11922 at https://die-deutsche-buehne.de Giuseppe Verdi: Nabucco https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/babylon-moskau-new-york <span>Giuseppe Verdi: Nabucco</span> <span><span lang="" about="/user/61" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Elisabeth Richter</span></span> <span>Mo., 11.03.2019 - 14:17</span> <div><p>Flüchtlinge. Kaum ein Thema ist heute weltweit so stark präsent. Dabei stehen vor allem die Auswirkungen der Migrationsbewegungen im Zentrum, der Separatismus vieler Staaten bis hin zum Bau von Mauern, der Umgang mit den geflüchteten Menschen, ihre Unterbringung, ihre Abschiebung und mehr. Doch wie sich die Menschen fühlen, die ihre vertraute, vom Krieg bedrohte oder zerstörte Heimat verlassen mussten, wird, wenn überhaupt, meist zuallerletzt gefragt. Der russische Regisseur Kirill Serebrennikov thematisiert genau dies nun in seiner Inszenierung von Giuseppe Verdis „Nabucco“ und hat hierfür auch Bühnenbild und Kostüme entworfen.</p> <p>Die mediale Aufmerksamkeit war und ist groß bei dieser Hamburger Neuproduktion, steht doch Serebrennikov seit August 2017 in Moskau unter Hausarrest. Bizarr: ein Regisseur in Gefangenschaft inszeniert ein Stück über ein Volk in Gefangenschaft. Man kann vermuten, dass dies einerseits die Sensibilität für sonst weniger betonte Aspekte in „Nabucco“ noch verstärkt. Doch andererseits täte man Serebrennikov damit Unrecht, ist er doch vor allem ein hochsensibler Künstler, der mit feinen Antennen Passion und Compassion für Menschen und gesellschaftlich-politische Zustände hat. Im November 2018 konnte man es bei seiner grandiosen Zürcher Inszenierung von Mozarts „Così fan tutte“ erleben. Wie in Zürich geschah die Hamburger Produktion in virtueller Regie. Serebrennikov konnte nicht persönlich bei den Proben sein. Sie wurden gefilmt, ihm virtuell übermittelt und seine Anmerkungen gelangten auf demselben Weg wieder zurück in die Probe. Das funktioniert offenbar bestens, ist aber als Status Quo vollkommen inakzeptabel.</p> <p>Va, pensiero, sull’ ali dorate: Zieht Gedanken auf goldenen Flügeln ... zu den Ufern des Jordans. Die Israeliten erinnern sich in der babylonischen Gefangenschaft mit dem berühmten Chor sehnsüchtig an ihre weit entfernte Heimat. Bei Kirill Serebrennikov laufen dazu Videos ab, auf denen man in traurige Gesichter von heutigen Flüchtlingen blickt, darunter viele Kinder. Der Staatsopernchor zieht sich bei diesem Gefangenenchor langsam in den Hintergrund zurück, und Flüchtlinge, die in Hamburg leben, treten allmählich nach vorn. Später singen diese Flüchtlinge als Projektchor „Nabucco“ den Gefangenenchor nach einmal - in einer Umbaupause zwischen zwei Bildern. Recht eindrücklich, dennoch: Es wirkte an dieser Stelle doch als ein bisschen zuviel. Denn schon zuvor hatte in jeder Umbaupause der Oud-Spieler Abed Harsony allein und/oder mit der Sängerin <a href="https://www.youtube.com/watch?v=Zd-yOPCMXx8">Hana Alkourbah</a> ergreifende Lieder aus Syrien gesungen, über die Heimat im Herzen. Dazu wurden jedes Mal erschütternde Kriegsfotos des mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten russischen Journalisten <a href="https://www.facebook.com/sergey.ponomarev.photo/">Sergey Ponomarev</a> gezeigt. Ein Kontrast, der zu Verdis Musik eine Spannung erzeugte, der aber eben eine Spur überzogen wurde. Aus dem Publikum waren Äußerungen zu vernehmen wie „Nicht schon wieder!“ oder „...wir sehen selbst die Tagesschau“.</p> <p>Kirill Serebrennikovs „Nabucco“ spielt im Sitzungssaal des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen. Da stehen sich die Integrationsbefürworter um ihren Führer Zaccaria und die assyrischen Nationalisten unter Nabucco gegenüber. Am Rednerpult singen sie ihre flammenden „Arien-Statements“. Doch auch innerhalb der Gruppierungen herrscht Uneinigkeit, weil Nabuccos Tochter Fenena zu den Gegnern übergelaufen ist, und sich dort mit Ismaele zusammengetan hat, was diesem wiederum von der Zaccaria-Fraktion übelgenommen wird. Er verliert seinen Sitz im Sicherheitsrat.</p> <p>Die biblische Geschichte funktioniert in diesem heutigen Kontext erstaunlich gut. Handlungsorte sind auch Büros um den Sitzungssaal. Auf Bildschirmen und Schriftbändern flackern ständig Nachrichten und Erklärungen zu Serebrennikovs Sicht der Nabucco-Handlung. Diese Informationsflut lässt sich kaum erfassen. Nicht immer ist klar, welche der widerstreitenden Parteien agiert. Hier war das Geschehen besonders in den vielen Chorpassagen zu statisch.</p> <p>Dafür sind vor allem Nabucco und seine Stieftochter Abigaille psychologisch eindrücklich profiliert. Der größenwahnsinnige Nabucco erklärt sich zum Gott und wird vom Blitz getroffen. Serebrennikov deutet dies als Schlaganfall, der durch die Abwendung seiner leiblichen Tochter Fenena ausgelöst wird. Dass er später wie durch ein Wunder aus einem Krankenhausbett aufsteht und sich zur Fremden-freundlichen Politik bekennt, ist dann weniger plausibel. Aber sein plötzlicher Sinneswandel ist auch in Verdis Original rätselhaft. Abigaille muss erfahren, dass sie das Kind eines Sklaven ist. Ihre Verletzungen sublimiert sie bei Serebrennikov mit Machtehrgeiz und erotischen Obsessionen.</p> <p>Die Flüchtlinge, die in dieser Produktion mitwirken, sind von Anfang an präsent. Sie nehmen etwa stumme Rollen als Putzpersonal ein. Beim Schlussbild treten sie in alter orientalischer Tracht auf. Wir verstehen, diese großen Kulturen, die weit älter sind als unsere eigene, darf man nicht aus dem Bewusstsein verlieren. Dennoch bleibt ein mulmiges Gefühl, denn die realen Flüchtlinge werden hier doch fast zu Ausstellungsobjekten.</p> <p>Musikalisch überzeugten vor allem der von Eberhard Friedrich exzellent vorbereitete Chor und das von Paolo Carignani zu einem wunderbar ausgewogenen Klang geformte Philharmonische Staatsorchester. Carignani setzte den Drive von Verdis Musik spannend um, ohne ins Reißerische abzudriften. Sängerisch setzte sich Dimitri Platanias als Nabucco mit seinem rund geführten, warm timbrierten Bariton deutlich an die Spitze  des Ensembles, gefolgt von dem Tenor Dovlet Nurgeldiev als Ismaele und der Mezzosopranistin Géraldine Chauvet. Oksana Dyka spielte die Obsession der Abigaille sehr eindrücklich, die Schärfe und Härte ihrer Stimme vor allem in den Höhen verstärkten dieses Bild, trafen aber vermutlich nicht das Stimmideal jedes Zuhörers. Auch mit dem zwar voluminösen, düsteren Bass von Alexander Vinogradov als Zaccaria, der aber arg forcierte und oft ins Kehlige tendierte, wird nicht jeder glücklich geworden sein.</p> <p>Trotz der wenigen Unmutsäußerungen bei den Zwischenspielen mit der syrischen Musik und den Kriegsfotos, zeigte sich das Publikum beim Schlussapplaus für das Regieteam - das T-Shirts mit der Aufschrift „Free Kirill“ für den noch immer unter Hausarrest stehenden Serebrennikov trug - einhellig enthusiastisch.</p> <p> </p> <p> </p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Nabucco</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Babylon - Moskau - New York</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Giuseppe Verdi</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2019-03-10T12:00:00Z">10.03.2019</time> </div> </div> <div> <div>Medialink</div> <div><a href="https://www.staatsoper-hamburg.de/de/spielplan/stueck.php?AuffNr=151227">Forogalerie auf der Homepage der Hamburgischen Staatsoper</a></div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Kirill Serebrennikov</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/608" hreflang="de">Hamburg</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1546" hreflang="de">Hamburgische Staatsoper</a></div> </div> <div> <div>Musikalische Leitung</div> <div>Paolo Carignani</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Musiktheater</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Mo., 11.03.2019 - 14:26</div> <div><span lang="" about="/user/10" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Andreas Falentin</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/Bild-gross/Nabucco.OHP_.jpg?itok=Q92nks2c" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Nabucco (Dimitri Platanias) als fremdenfeindlicher Politiker bei den Vereinten Nationen." typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/Bild-gross/Nabucco.OHP_.jpg?itok=xns0ym_O" width="1800" height="1200" alt="Nabucco (Dimitri Platanias) als fremdenfeindlicher Politiker bei den Vereinten Nationen." typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Brinkhoff/Mögenburg /Hamburgische Staatsoper</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Nabucco (Dimitri Platanias) als fremdenfeindlicher Politiker bei den Vereinten Nationen.</div> </div> </div> </div> </div> Mon, 11 Mar 2019 13:17:47 +0000 Elisabeth Richter 11919 at https://die-deutsche-buehne.de Johann Nepomuk Nestroy: Häuptling Abendwind https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/erst-kommt-das-fressen-dann-die-poesie <span>Johann Nepomuk Nestroy: Häuptling Abendwind</span> <span><span lang="" about="/user/10" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Andreas Falentin</span></span> <span>Sa., 16.02.2019 - 14:37</span> <div><p>Es geht zur Sache. Und zwar auf allen möglichen und unmöglichen Ebenen. Bei Christoph Marthaler hat die Geschichte um den Südsee-Häuptling Abendwind, seinen Kollegen Biberhahn und ihren gemeinsamen Kannibalismus so gar nichts niedlich Skurriles mehr. Marthaler benutzt Stoff und Text als Untersuchungsgegenstand für Tiefenbohrungen und als Sprungbrett. Und das Ergebnis ist diesmal keine traumschön-verlorene, so einleuchtende wie organische Marthaler-Phantasie, sondern echtes, unverfälschtes, geradezu klassisches – Regietheater.</p> <p>Der Meister weiß natürlich, was er hier angerichtet hat. Und damit wir Zuschauer das auch von Anfang an wissen, schickt er mehrfach eine elegante junge Frau mit Stehpult und Mikro auf die Bühne. Die Schauspielerinn Josefine Israel spricht von Theatermitteln und Konzeptionen, führt in die Geschichte ein, der sie en Passant absurde Wendungen und noch absurderes Personal beifügt und führt uns souverän aufs Glatteis. Öffnet uns aber auch die Hirne. Denn schon nach zehn Minuten beginnen wir, nach dem Zentrum des Abends, nach seiner Substanz zu suchen. Geht es um den alten Abendwind, dem <a href="https://www.schauspielhaus.de/de_DE/ensemble/josef-ostendorf.80815">Josef Ostendorf</a> eine gefährliche Gemütlichkeit irgendwo zwischen Kohl und Trump mitgibt? Ob die hart am Schwachsinn entlang balanciert oder bereits in jenem versunken ist, müssen und dürfen wir selbst entscheiden. Oder will Marthaler vielleicht doch, zumindest <em>auch</em>, einfach die Story erzählen? Wie sich die beiden alten Zausel gegenseitig die Frauen weggegessen haben und dann glauben, auch Biberhahns Sohn gemeinsam verspeist zu haben, bis der quicklebendig aus dem Bärenfell springt und Abendwinds Tochter heiraten darf? Oder geht es wie so oft bei Marthaler, zumindest <em>auch</em>, eigentlich nur um Musik? Wie üblich kommen Bach, Mozart und Wagner vor, die Tastenvirtuosen Clemens Sienknecht und Bendix Dethleffsen tragen mehrere kleine Scharmützel zwischen E- und U-Musik aus und es gibt einige der immer wieder schönen leisen Gesangsensembles, die fast ein Markenzeichen des Schweizer Theatermagiers geworden sind.</p> <p>Aber im eigentlichen Zentrum steht – diesmal – anderes. Duri Bischoff hat einen hochherrschaftlichen Saal gebaut, mit Marmorsäulen und Ähnlichem. Wenn die Vorhänge dahinter zur Seite fahren, sehen wir direkt in die Schlachterwerkstatt hinein. Darum geht es. Oberflächlichkeit, schöne Larve, Leere. Eine statische, sich, Clemens Sienknecht deutet das in einer Szene zum Erschrecken im Wortsinn an, selbst verzehrende Gesellschaft. Ein Kochen im eigenen Saft, das sich vor allem Fremdem abschließt. Und das ist nicht komisch. Deshalb sprechen Josef Ostendorf und der wunderbar genaue <a href="https://www.schauspielhaus.de/de_DE/ensemble/samuel_weiss.80817">Samuel Weiss</a> als Biberhahn auch nichts auf Pointe. Und genau deshalb wird trotzdem gelacht. Nicht wegen der schlechten, falschen Zähne, die alle Beteiligten tragen. Die verstärken nur die Symbolik: Unter den Blinden bleibt der Blinde blind. In dieser Geißelung der nationalistischen Provinzialität, die momentweise fast als Schrift an der Wand, als Menetekel zu uns spricht, ist Christoph Marthaler ganz nah bei Jacques Offenbach. Auch wenn dessen Musik, abgesehen vom von Sasha Rau als Häuptlingstochter Atala charmant vorgetragenen „Püppchen“-Couplet, nur andeutungsweise in Klangpartikelform vorkommt.</p> <p>Noch näher ist der Abend bei Nestroy. Besonders seine Methode der Überformung, durch einerseits Beschießen mit der Mundart und andererseits Modernisierung einer alten Vorlage durch Einfügen von Gags und Extempores aller Art, ist geradezu ein Prinzip der Aufführung. Das beginnt mit dem Koch Ho-Gu, bei Offenbach noch ein rein funktionaler, als Figur uninteressanter Comprimario. Marthaler und Marc Bodnar erfinden einen frustrierten Comédie-Francaise-Schauspieler, der hinreißend blöd schauen kann, einen lustigen Messertanz aufführt, nur Französisch spricht und ein hinreißendes Duett mit Josef Ostendorf singt: „Abends, wenn wir schlachten geh’n…“, natürlich nach Humperdinck. Ueli Jaeggi als in Paris aufgewachsener Häuptlingssohn und Starfriseur stellt nicht nur geradezu grantig aus, dass er eigentlich viel zu alt ist für seine Rolle, sondern exekutiert auch einen Heino-Song, „die schöne Atala“ (vormals Barbara), von Anfang bis Ende, geradezu als Hymne auf patriarchalisches Spießertum. Und schiebt eine Art Wirtschafts-Machiavelli für die Friseur-Innung hinterher. Und Clemens Sienknecht als Unterhaltungschef Hubert Casio wird eingeführt als einer, der ein Archiv von Nachrichten und Pressemeldungen im Hirn hat, das jederzeit aus ihm herausspritzen könne. Als es dann soweit ist, gerät er schnell ins Stocken, offenbar weil er Hunger hat. Denn als er sich Fetzen aus der Hand beißt, geht es gleich besser. </p> <p>Das ist natürlich unappetitlich. Davor scheut sich Marthaler hier keineswegs, auch nicht, wenn Samuel Weiss weiche Wurst in sich hineinstopfen darf und muss, die für uns alle als Menschenfleisch deklariert ist. Da fühlt man sich unwillkürlich an Marco Ferreris Film „Das große Fressen“ von 1973 erinnert, der, nebenbei bemerkt, eine ganz ähnliche Stoßrichtung hatte. Die Marthaler wiederum befeuert, indem er bewusst politische Unkorrektheiten begeht. So werden bei der Aufzählung der Kannibalen-Speisen nicht nur Körperteile von Menschen aus der Dritten Welt verhackstückt, sondern auch „Dobrindt-Beuschel“ oder ein „Söder-Stör“, wogegen alles links von Herrn Lindner ungeschoren, besser unverspeist bleibt. Das ganze kippt dann in ein ungeheuer timing-sicheres Talkshow-Nachspiel, wo anhand eines albernen Anlass zwingend Machtmechanismen offengelegt werden.</p> <p>Christoph Marthaler zeigt uns ein schreckliches, erschreckendes unentdecktes Land Groß-Lulu. Über das wir trotzdem immer wieder Lachsalven ausgießen. Und das dem, in dem wir leben, unangenehm ähnlich ist. Wie gesagt: Es geht zur Sache.  <br />  </p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Häuptling Abendwind</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Erst kommt das Fressen, dann die Poesie</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Johann Nepomuk Nestroy</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2019-02-15T12:00:00Z">15.02.2019</time> </div> </div> <div> <div>Medialink</div> <div><a href="https://www.schauspielhaus.de/de_DE/stuecke/haeuptling-abendwind.1211158">Fotogalerie auf der Homepage des Deutschen Schauspielhauses</a></div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Christoph Marthaler</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/608" hreflang="de">Hamburg</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1490" hreflang="de">Deutsches Schauspielhaus</a></div> </div> <div> <div>Musikalische Leitung</div> <div>Bendix Dethleffsen, Clemens Sienknecht</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Schauspiel</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Sa., 16.02.2019 - 14:51</div> <div><span lang="" about="/user/10" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Andreas Falentin</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/Bild-gross/15_Abendwind_Horn.jpg?itok=LQ48WklU" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="&quot;Die schwarze A-a-ta-la!&quot;, Ueli Jaeggi (hinten) singt Heino, die Häuptlinge (Samuel Weiss (l.), Josef Ostendorf) schlafen, die Gemeinte (Sasha Rau) tanzt, der Koch (Marc Bodnar) steht rum" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/Bild-gross/15_Abendwind_Horn.jpg?itok=uFUStNAK" width="1800" height="1200" alt="&quot;Die schwarze A-a-ta-la!&quot;, Ueli Jaeggi (hinten) singt Heino, die Häuptlinge (Samuel Weiss (l.), Josef Ostendorf) schlafen, die Gemeinte (Sasha Rau) tanzt, der Koch (Marc Bodnar) steht rum" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Matthias Horn</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>&quot;Die schwarze A-a-ta-la!&quot;, Ueli Jaeggi (hinten) singt Heino, die Häuptlinge (Samuel Weiss (l.), Josef Ostendorf) schlafen, die Gemeinte (Sasha Rau) tanzt, der Koch (Marc Bodnar) steht rum</div> </div> </div> </div> </div> Sat, 16 Feb 2019 13:37:19 +0000 Andreas Falentin 11887 at https://die-deutsche-buehne.de John Neumeier: Orphée et Eurydice https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/wiedervereinigung-im-taenzerhimmel <span>John Neumeier: Orphée et Eurydice</span> <span><span lang="" about="/user/9" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Andreas Berger</span></span> <span>Mo., 04.02.2019 - 13:02</span> <div><p>Am Ende ist es wieder ein Ballett geworden. Mit Hilfe des Hamburg-Balletts und Glucks tanzreicher französischer Fassung seiner Reformoper „Orpheus und Eurydike“ hat John Neumeier in Hamburg eine dramaturgisch schlüssige Interpretation im Stil seiner Ballette über Nijinsky oder Andersen herausgebracht. Uraufführung war bereits 2017 an der Lyric Opera Chicago. Biografie und Werk, Realität und Visionen vermischen sich, und Orpheus’ Verlusterfahrung wird zum Nährboden neuer Kreativität. Am Ende wird es auch bei ihm, den Neumeier als Choreographen vorstellt, ein Ballett, darstellend ein glücklich im Elysium vereintes Tänzerpaar.</p> <p>Die Vorgeschichte, die Glucks Oper nicht erzählt, zeigt Neumeier zur Ouvertüre. Orpheus probt mit der Compagnie, seine Frau und Erste Tänzerin kommt zu spät, Es gibt Streit, sie ohrfeigt ihn und geht. Läuft vors Auto, das auf der Bühne sichtbar wird, rollt darunter hervor, Martinshorn. Bei Orpheus klingelt das Handy. Mit Glucks Klagegesängen verwischen sich dann die Realitäten. Man sieht die Tänzer der Compagnie, die Blumen an die Unfallstelle bringen; und Orpheus in einem kleinen Zimmer wie im Sanatorium, der seinen Schmerz aus dem Fenster in die Natur ruft. In Fieberträumen erscheint ihm seine Frau im Hochzeitskleid, jetzt getanzt von Anna Laudere, später wird sie zu der verschleierten Frau aus Böcklins Gemälde „Die Toteninsel“, das über der Tür hängt und das er wohl gerade als Ballett einrichten wollte. Er selbst erkennt sich in seinem Ersten Tänzer wieder, für den er die Hauptrolle kreiert. Edvin Revazov gibt ihm männliche Frische, er ist der rettende Held, kein Trauernder. Dmitry Korchak, der den Choreographen Orpheus spielt und singt, ist gleichfalls kein sentimental Klagender, sondern protestiert mit kraftvollem, zunächst in der Höhe beengtem Tenor gegen das Schicksal.</p> <p>Die Höllenfahrt, die seligen Geister – es könnten Träume, könnten Orpheus’ Ballettkreationen sein, die er im Kopfe trägt. Die drei Zerberusse sehen in ihren Schuppenkostümen jedenfalls ziemlich nach Fantasy aus, wenn sie mit wilden Drehsprüngen die Unterwelt aufmischen. Während die elysischen Geister langsam schreiten und heben, eint sich das Solistenpaar zu weicher Harmonie, die auch über den Boden führt. So meint der Choreograph Orpheus schon, seine Eurydike (jetzt wieder die Sängerin) in die Wirklichkeit zu holen. Andriana Chuchman bringt einen schön, runden Sopran ein. Das Duett allerdings besteht wieder aus Vorwürfen und Misstrauen, ihre Beziehung war sicher nie konfliktfrei (siehe Ouvertüre), und schon kippt Eurydike rücklings in die Arme der bereits das Zimmer umlauernden schwarzen Lemuren. Orpheus will sich mit ihrem Schal erdrosseln, aber der androgyne Amor, sein Assistent, rettet ihn. Marie-Sophie Pollak vermag mit ihrem silberhellen, dabei leuchtstarken Sopran wahrhaft zu begeistern.</p> <p>Amor lenkt Orpheus auf die Kreation als Trauerarbeit. „Die Liebe schmerzt, schenkt aber auch Freuden“, singt er, und schon sehen wir Orpheus wieder als Choreographen bei den Proben mit der Compagnie vor dem „Toteninsel“-Prospekt. Seine beiden Solisten tragen das Weiß aus der Elysium-Szene, hier im Kunstwerk sind Orpheus und Eurydike also wieder vereint. Das hat Neumeier gut ausgedacht.</p> <p>Gluck lässt allerdings noch einige Freudentänze teils volkstümlicher Manier folgen, die Neumeier als sein eigener Ausstatter in unglücklichen grünen und lila Kostümen ausführen lässt. Ob das nun der ironische Blick des Choreographen auf das konventionelle Happy End von Königs Gnaden ist, wird nicht klar. Die aus dem Liegen in Drehsprünge führenden Bewegungen hätte man sich lieber im zeitlosen Weiß der Weihnachtsoratoriums-Apotheose gewünscht. Alessandro de Marchi am Pult des Philharmonischen Staatsorchesters lässt die Partitur hier und bei den Zerberussen sprudeln, fügt sich ansonsten aber zweckdienlich in den ruhigen Duktus der Reformoper.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Orphée et Eurydice</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Wiedervereinigung im Tänzerhimmel</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>John Neumeier</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2019-02-03T12:00:00Z">03.02.2019</time> </div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>John Neumeier</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/608" hreflang="de">Hamburg</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1544" hreflang="de">Hamburg Ballett John Neumeier</a></div> </div> <div> <div>Musikalische Leitung</div> <div>Alessandro De Marchi</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Tanz</div> </div> <div> <div>Komponist</div> <div>Christoph Willibald Gluck</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Mo., 04.02.2019 - 13:21</div> <div><span lang="" about="/user/49" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Detlef Brandenburg</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/Bild-gross/Orphee_Pressefoto_8_-_Kiran_West.jpg?itok=xx4PMXj_" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Schöne Bilder aus der Unterwelt: Andriana Chuchman (Euridice) und Dmitry Korchak (Orphée) in der Choreographie und iszenierung von John Neumeier " typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/Bild-gross/Orphee_Pressefoto_8_-_Kiran_West.jpg?itok=RDjR2Ux-" width="1800" height="1200" alt="Schöne Bilder aus der Unterwelt: Andriana Chuchman (Euridice) und Dmitry Korchak (Orphée) in der Choreographie und iszenierung von John Neumeier" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Kiran West</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Schöne Bilder aus der Unterwelt: Andriana Chuchman (Euridice) und Dmitry Korchak (Orphée) in der Choreographie und iszenierung von John Neumeier</div> </div> </div> </div> </div> Mon, 04 Feb 2019 12:02:05 +0000 Andreas Berger 11865 at https://die-deutsche-buehne.de Edward Albee: Wer hat Angst vor Virginia Woolf? https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/vor-allem-die-liebesgeschichte <span>Edward Albee: Wer hat Angst vor Virginia Woolf?</span> <span><span lang="" about="/user/88" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Jens Fischer</span></span> <span>Mo., 21.01.2019 - 13:03</span> <div><p>Die bis zu den Brandmauern aufgerissene Bühne bietet reichlich Platz für die Leere, um die sich die Lebenslügen und das Erfolgsstreben der Kombattanten drehen. Der gottlose Himmel schweigt zwar  wieder einmal, in Planetenanmutung am Bühnenhimmel hängende Lampions illuminieren aber apart farbwechselnd die irdische, scheinbar ausweglose Ehehölle. Ausgestellt auf einem Podest in der Bühnenmitte wird sie. Theater auf dem Theater. Einheit von Ort und Zeit. Und ein fettes Zeichen, das Bühnenbildner Thomas Dreißigacker phallisch die Raumhöhe durchmessen lässt: ein Baumstamm. Verweis auf das Objekt, an dem laut eingewobener Erzählungen der Vater/Schwiegervater und imaginäre Sohn des Protagonistenpaares ihren Odem aushauchen? Oder kahler Hinweis auf die ausbleibende Erlösung wie in „Warten auf Godot“? Schließlich wird ein Stück des amerikanischen Beckett geben: Edward Albees Kammerspiel „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“, Vorbild aller dramatischen Beziehungsschlachten. Das auch nach fast 60 Jahren kaum gealtert scheint und geradezu zeitlos aktuell auch in heutigen Vorstadtvillen funktioniert, wie Karin Beier mit ihrer Inszenierung am Deutschen Schauspielehaus beweist. Indem sie die Tragödie der bürgerlich-heiligen Lebensbund-Vorstellungen vernachlässigt – zugunsten der Liebesgeschichte.</p> <p>Devid Striesow gibt den Geschichtsdozenten George als anfangs müden Zyniker, bald durchtriebenen Spielmacher. Maria Schrader ist Gattin Martha, eine virile Macht-Furie. Von einem Empfang kommen sie heim auf ihre Bühne. Mehr als nur angetrunken. Kippen gleich nochmal nach. Verkriechen sich auch gar nicht erst in Lauerstellungen, sondern feuern gleich ungeschützt los. „Ich finde dich zum Kotzen“, sagt sie. Und er tanzt ihr provozierend vor, sechs Jahre jünger als sie zu sein. Bald feuert sie Formulierungen wie „Wichser“ und „leck mich“ ab. Er spuckt sie verächtlich an. Schon im Programmheft findet das unvorbereitete Publikum „Warnhinwiese“: Es käme zur „Verwendung teilweise expliziter, nicht gendergerechter Sprache“ und „regelmäßig zur Darstellung häuslicher Gewalt“, auch würden „lebensgefährliche Mengen alkoholischer Getränke“ konsumiert. „Wir danken für Ihr Verständnis und versichern Ihnen, dass dafür unter keinen Umständen Nackte zu sehen sein werden.“ Also keine nackten Körper, nur entblößte Seelen.</p> <p>Diese Peep-Show funktioniert nicht ohne Publikum. Geladen hat Martha den Jungakademiker Nick (Matti Krause) samt Gattin (Josefine Israel). Die wird bei Albee noch mit einem Hauch Liebreiz Honey genannt, in Hamburg ist sie einfach die „Süße“, „Doofie“ und so weiter, ein Klischee weiblicher Mäuschenhaftigkeit. Brandy kippt und kotzt sie. Tapert auch somnambul herum und räsoniert über Kinderwunsch und Abtreibung. Ihr Gatte bekommt etwas mehr Raum, bleibt aber auch ein Klischee – des gefühlskalten Karrieristen. Mit tänzerischem Erotismus geht er auf die Avancen der Hausherrin ein und erquickt sie sexuell. Schließlich ist Martha die Tochter seines Arbeitgebers, nämlich Rektor des Colleges. Zu spät bemerkt Nick, nur Statist in der Performance seiner reizbaren Gastgeber zu sein, die ihre Ehe als Farce darbieten. Der eben aufgeführte Akt hieß: „Fick die Hausfrau“. Weitere folgen.</p> <p>Immer wieder neu fordern George und Martha einander wie Boxer heraus, machen sich locker und schlagen zu. Verhöhnen, bloßstellen, verachten, beleidigen, demütigen – Worte funktionieren wie rechte Haken. Schwer atmend gehen die Duellanten zwischen den Hass-Runden zum Durschnaufen an den Barservierwagen. Wüst und routiniert läuft das ab und wird zunehmend noch wie ein Improtheaterabend vitalisiert, indem Einwürfe und Ausführungen der zwei staunenden Zuschauer in den scharfzüngig rüden Umgang einbezogen werden: „Gib’s den Gästen“ heißt dieser Akt. Auch die letzten Reste von Anstand und Etikette, gesellschaftlichen Spielregeln und Tabus müssen vernichtet werden. Es ist eine diabolische Freude, dass sich Striesow und Schrader so hemmungslos in die Rollen stürzen, wie George „gut“  steigert: „besser, am besten, bestialisch“. Aber neben der virtuos ausgelebten Lust an forcierter Theatralität der ins Absurde getriebenen Attacken setzen sie auch auf differenzierende Untertöne. In kurzen wahrhaftigen Momenten schimmert Einverständnis durch über die Abgründe des Zorns und der Verzweiflung. Über einen Schmerz als Kraftwerk des Exzesses. Weswegen der Abend weniger zum Schenkelklopfen animiert, vielfach eher beklemmend wirkt.</p> <p>Wenn Martha final von ihrem erträumten als realem Kind schwärmt, unterbricht George den Fabulierfluss mit seiner Erzählung vom plötzlichen Tod des Jungen. Nick versteht sofort. „Sie können keine Kinder kriegen“, wirft er Martha mitleidig zu. Der aggressive Schlagabtausch, so macht Beier überdeutlich, war nur liebevoll hilflos von George mitgestaltetes Arrangement, um einen Umgang mit Marthas traumatisierten Mutterwunsch zu finden. Beider Theaterspiel vor Gästen ist aber nun Mittel zum Zweck der Ent-Täuschung geworden. Geradezu Marthas Psychotherapie, um zukünftig  ohne (Kinder-)Illusion leben zu können. Vor Angst zitternd steht sie da. Georg nimmt sie zärtlich in den Arm. Beide wirken befreit. Nicht voneinander, sondern füreinander. Ein Triumph fürs Ensemble – und die präzise Regie.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Wer hat Angst vor Virginia Woolf?</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Vor allem die Liebesgeschichte</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Edward Albee</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2019-01-18T12:00:00Z">18.01.2019</time> </div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Karin Beier</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/608" hreflang="de">Hamburg</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1490" hreflang="de">Deutsches Schauspielhaus</a></div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Schauspiel</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Mo., 21.01.2019 - 13:11</div> <div><span lang="" about="/user/10" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Andreas Falentin</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/Bild-gross/16_VirginiaWoolf_Declair.jpg?itok=WtO2NZ23" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Maria Schrader (Martha) und Devid Striesow (George) in Karin Beiers Albee-Inszenierung " typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/Bild-gross/16_VirginiaWoolf_Declair.jpg?itok=xb-r13dF" width="1800" height="1200" alt="Maria Schrader (Martha) und Devid Striesow (George) in Karin Beiers Albee-Inszenierung " typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Arno Declair / Deutsches Schauspielhaus Hamburg</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Maria Schrader (Martha) und Devid Striesow (George) in Karin Beiers Albee-Inszenierung </div> </div> </div> </div> </div> Mon, 21 Jan 2019 12:03:08 +0000 Jens Fischer 11834 at https://die-deutsche-buehne.de Simon Stephens: Maria https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/miniaturen-eines-trueben-alltags <span>Simon Stephens: Maria</span> <span><span lang="" about="/user/123" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Michael Laages</span></span> <span>So., 20.01.2019 - 12:38</span> <div><p>Mit gutem Grund gab Autor Simon Stephens seiner Heldin den Namen Maria – wie in einer Art verspäteter Weihnachtsgeschichte wird Maria demnächst gebären; weil sie aber keinen Joseph hat, der sie begleiten und die Schmerzen mit ihr teilen könnte, wenigstens ein ganz kleines bisschen, rennt sie hin und her durch die große Stadt und sucht nach Begleitung. Aber niemand hat Zeit für sie: nicht der Papa, keine Kollegin, keine Freundin, nicht mal die geliebte Oma… Letztlich wird dann eben doch nur der Arzt dabei sein. Die Rolle der Krippe übernimmt auf der Bühne ein ausgewachsener Lastwagen, Ochs und Esel sind die Trucker, die die Amazon-Pakete durch die Welt kutschieren. Evi Bauers Bühne verschafft Marias Passionsgeschichte mit grandiosem Effekt das soziale und gesellschaftliche Fundament. Und gleich zu Beginn wechselt der Arzt einen Reifen während der Behandlung. Das ist Marias Welt: der seelenlose, mörderische Turbo-Kapitalismus der Gegenwart. Alles ist Ware und jederzeit zu haben – nur menschliche Nähe nicht mehr.</p> <p>Ein Lastwagen hat übrigens Marias Mutter totgefahren; dieser Baustein in der Stephens-Fabel mag die Initialzündung für das starke Bild in Sebastian Nüblings Inszenierung gegeben haben. Und Brummi wird zur Wunderkiste; weil er ununterbrochen rotiert auf der Drehbühne, können auf der jeweils publikumsabgewandten Seite hinter den Planen des Gefährts gebrauchte Requisiten weggeräumt und neue hinzugefügt werden. Auf der Laderampe wie im Führerhäuschen gibt’s zudem auch Raum für Intimes. So erhält das Mosaik aus Szenen ein wirklich hohes Tempo, und Maria bleibt immer unterwegs – im Fitnesscenter, wo die Hochschwangere zunächst noch einen regulären Billigst-Job als Reinigungskraft hat, oder im Supermarkt am anderen Ende der Stadt, wo Papa an einer von acht Kassen arbeitet und sein vorgesetzter Sklaventreiber die Sekunden von Papas Rauchpause wie im Countdown runterzählt. Den verschwundenen eigenen Bruder sucht Maria auch, und sie findet ihn später, als das Kind schon da ist – das Wiedersehen bringt aber auch keine echte Beruhigung ins haltlose Leben. Einem jungen Seemann, der dem späteren Bruder sehr ähnlich sieht, würde das Mädchen vielleicht ganz gerne folgen; aber auch das hat keine Zukunft. Und Oma stirbt am Schluss – am Tag darauf wird Maria 19.</p> <p>All das mag stark nach der Geschichte einer neuen verlorenen Generation am Rand der Gesellschaft klingen. Die Theatersprache von Simon Stephens jedoch ist ganz anders. Als „Meister der Gegenwartserkundung“ charakterisiert ihn die Dramaturgin Julia Lochte im Programmheft; und in der Tat blinken und blitzen Philosophie und Visionen, Träume und Alpträume immer nur für Augenblicke auf im Strom der Wörter. Maria redet quasi ohne Punkt und Komma, ist auch sprachlich immer in Bewegung – und als das Kind da und der Fitnessjob beendet ist, kreiert sie eine Art medialen Nachbarschaftsservice: quatscht per Videoverbindung im Internet und gegen Minutenhonorar mit jedem und jeder. Um Telefonsex geht’s hier nicht, nur um jene Nähe, die abhandenkommt, je weiter die grenzenlos globalisierte Welt gerade wird. Mit einer durchaus bedrohlichen Monstermaske redet sie da mit weinenden Frauen ganz weit weg und mit einem Alten in Australien, Ex-Polizist und voller Sehnsucht nach ein bisschen sanfter Zärtlichkeit, etwa beim Haarewaschen.</p> <p>Auch diese Miniaturen auf Videobildschirmen machen Eindruck; aber spätestens ab hier, also bevor der Bruder wiederkehrt und Oma stirbt, verliert das Stück als Ganzes deutlich an Zusammenhalt. Es hat ja außer Marias ewiger Suche ohnehin keinen starken dramatischen Kern und bleibt an der trüben Oberfläche der Welt, wie sie ist. Sebastian Nüblings Inszenierung fokussiert bis dahin geschickt und schnell die kostbaren Miniaturen vor dem kreisenden Truck; und im Finale bricht die fast schon tote Oma noch aus zur Ehrenrunde als „sterbender Schwan“, die die Macht des Geschichtenerzählens beschwört. Überhaupt: diese Oma! Barbara Nüsse, die Thalia-Doyenne, ist ein echtes Ereignis neben der unbändigen Lisa Hagmeister in der Titelpartie sowie Thomas Niehaus, Tim Porath, Sylvana Seddig und Jirka Zett in ungezählten weiteren Rollen. An Abenden wie diesen erweist sich auch die Kraft des Theaters: Einer Welt, der die Menschlichkeit verloren geht, stellt es echtes Leben gegenüber.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Maria</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Miniaturen eines trüben Alltags</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Simon Stephens</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2019-01-19T12:00:00Z">19.01.2019</time> </div> </div> <div> <div>UA/DE/DSE</div> <div>UA</div> </div> <div> <div>Medialink</div> <div><a href="https://www.thalia-theater.de/stueck/maria-2018">Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung</a></div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Sebastian Nübling</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/608" hreflang="de">Hamburg</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1865" hreflang="de">Thalia Theater</a></div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Schauspiel</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>So., 20.01.2019 - 13:13</div> <div><span lang="" about="/user/24" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Antonia Ruhl</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/Bild-gross/8e975822f7d1e7.jpg?itok=9ZmwZwKs" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Unbehaust: Maria (Lisa Hagmeister) sucht Zuflucht in einem Lastwagen (Bühne: Evi Bauer)" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/Bild-gross/8e975822f7d1e7.jpg?itok=ce8anwkf" width="1800" height="1200" alt="Unbehaust: Maria (Lisa Hagmeister) sucht Zuflucht in einem Lastwagen (Bühne: Evi Bauer)" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Krafft Angerer</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Unbehaust: Maria (Lisa Hagmeister) sucht Zuflucht in einem Lastwagen (Bühne: Evi Bauer)</div> </div> </div> </div> </div> Sun, 20 Jan 2019 11:38:41 +0000 Michael Laages 11831 at https://die-deutsche-buehne.de David Bowie, Enda Walsh: Lazarus https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/nebeneinander-der-extreme <span>David Bowie, Enda Walsh: Lazarus</span> <span><span lang="" about="/user/123" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Michael Laages</span></span> <span>So., 18.11.2018 - 14:05</span> <div><p>Bunter, wilder, schriller: Falk Richter drückt auf alle verfügbaren Tuben für die Hamburger Begegnung mit jenem Musical, das vor drei Jahren in New York zur vorletzten Großtat wurde für den Pop-Solitär David Bowie; darauf folgte noch die CD <a href="https://www.youtube.com/watch?v=kszLwBaC4Sw" target="_blank">„Blackstar“</a>, dann starb er. Voll von Höhenflug und Absturz war sein Leben gewesen, und in diesem Zwischenreich, diesem Nebeneinander der Extreme war auch Leidensmann „Lazarus“ zu Hause – der Ire Enda Walsh schrieb für Bowie ziemlich endzeitlich die Geschichte aus Nicholas Roegs Film „The Man Who Fell to Earth“ weiter, der seinerseits den Science-Fiction-Roman von Walter Tevis adaptiert hatte. Anfang dieses Jahres <a href="../Kritiken/Schauspiel/David+Bowie-Enda+Walsh/Lazarus/K%C3%BChle+Perfektion">zeigte das Düsseldorfer Schauspielhaus die deutschsprachige Erstaufführung des Musicals</a>, Matthias Hartmann inszenierte und ließ die Fabel abendfüllend in einer Art Raumschiffkapsel spielen, die final tatsächlich gen Bühnenhimmel abhob; Milos Lolic folgte am Wiener Volkstheater, <a href="../Kritiken/Mehr/David+Bowie-Enda+Walsh+Lazarus/Existentielle+Muedigkeit">Tom Ryser am Theater Bremen</a> – anders als Hartmann suchten diese beiden möglichst viel Distanz zur viel zu nahe liegenden Ikonenbildnerei.</p> <p>Dabei mussten alle Interpreten bisher feststellen, wie sehr die Story schwächelt – „Lazarus“ ist ja wirklich bestenfalls eine Songrevue mit eher dünnem Text und extrem schmalen Handlungsinseln. Das weiß natürlich auch Falk Richter – hat sich wohl gerade darum aber für Vorwärtsverteidigung und höchstes Drehmoment entschieden. Insofern ähnelt der Abend auffällig Richters weithin gerühmter Version von Elfriede Jelineks Litanei „Am Königsweg“ – auch die hatte Richters Team mit Unmengen an Videoschnipsel-Kunst aufgemöbelt; hier sind mit Chris Kondek, Marcel Didolff und Alexander Grasseck (unter Mitarbeit von Ruth Stofer) gleich drei Spezialisten am Werk. Und wie für Jelinek darf sich Kostümbildner Andy Besuch auch diesmal wieder wirklich austoben auf Katrin Hoffmanns Bühne, einem kleinen Bergmassiv mit gereckter Nase oben und mit Bäumen drum herum, für die Hartmut Litzinger hinreißende Lichtstimmungen kreiert – so wird der Abend in jeder Hinsicht zum Überfall auf alle Sinne. Und all die Effekte könnten noch an Energie gewinnen, wenn keine Pause den Strom unterbräche.</p> <p>Richters wichtigste Entscheidung aber ist durchaus dramaturgisch – er möchte an den Punkt gelangen, wo uns das wirre Durcheinander der Fabeln und Figuren als Achter- oder Geisterbahn erscheinen mag, deren Auf und Ab und Hin und Her sich im Grunde nur im Kopf des Helden Thomas Newton ereignet. Darum sitzt Alexander Scheer zu Beginn und auch später immer wieder im Sessel auf einem blitzartigen Steg mitten im Publikum; er ist oft nur der Beobachter, schaut Mummenschanz und Wimmelbildern zu und lässt die Träume und Alpträume nur bedingt an sich heran. So zeigt Richter, wie sehr die Figur schon „aus dem Spiel“ ist. Und selbst die Songs (sortiert aus Bowies Werken, von ganz alt bis ganz neu zur Zeit der Uraufführung) werden nur gelegentlich vom Bowie-Wiedergänger Scheer gesungen – auch alle anderen sind überaus gut bei Stimme: Yorck Dippe als alter Kumpel (der auch Saxophon spielt und gleich sterben muss), Tilman Strauß als beelzebübisch hinkender Höllenhund Valentine, Jonas Hien später als hohler Schönling Ben; grandios geradezu singt Gala Othero Winter als untotes Mädchen, das dem verzweifelten Todessucher Newton noch einmal etwas Hoffnung auf Rückkehr in ferne Galaxien gibt, und geradezu sensationell klingt Julia Wieninger als Assistentin, die dem düsteren „Dark Star“ Newton verfällt und den eher jammerlappigen Gatten (Thomas Mehlhorn) dafür beinahe ziehen lässt. Sachiko Hara, Johanna Lemke, Chris Scherer und Nina Wollny vervollständigen Richters toughe Musical-Truppe; speziell die „Teenage Girls“ (in Düsseldorf bloß Puppenklischees) bekommen hier richtig viel zu tun, im ständigen Wechsel der Kostüme.</p> <p>Scheer lässt sich derweil lange treiben – stürmt dann aber plötzlich und wie in Explosionen rauf und runter, hin und her; als müsse er sich die Rolle auf der Bühne immer er-improvisieren. Das Programm weist erstaunlicherweise niemanden aus, der oder die für die Choreographie verantwortlich wäre; die aber hat’s auch in sich. Wie (natürlich!) die Musik – im Ensemble von Alain Croubalian findet sich auch die eigenwillige Bernadette la Hengst. Auch sie übrigens trägt Rot als Frisur – wie ziemlich viele im Ensemble: noch so ein Bowie-Effekt. Alexander Scheer zitiert viele Haltungen der Ikone herbei und mischt sie mit eigenen. Einmal trägt er sogar Gundermanns Kino-Brille…</p> <p>Dieser akustische Blick in Bowies Kopf hinein ist enorm opulent, rasant und schräg, überbordend an Phantasie und mit jeder Faser, in aller aufgeplusterten Handwerklichkeit Theater pur. Wer mag, kann das „Broadway“ nennen – auch dort neigen ja die Geschichten dazu, letztlich am allerwenigsten zu interessieren. Demgegenüber jedenfalls haben sich Falk Richter und dieses starke Ensemble selbstbewusst behauptet.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Lazarus</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Nebeneinander der Extreme</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>David Bowie, Enda Walsh</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2018-11-17T12:00:00Z">17.11.2018</time> </div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Falk Richter</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/608" hreflang="de">Hamburg</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1491" hreflang="de">Deutsches Schauspielhaus Hamburg</a></div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Crossover</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>So., 18.11.2018 - 14:05</div> <div><span lang="" about="/user/123" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Michael Laages</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/6_lazarus_declair.jpg?itok=ObWbWO-6" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="David Bowie, Enda Walsh: Lazarus" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/6_lazarus_declair.jpg?itok=1lyUxmpO" width="1800" height="1200" alt="&quot;Lazarus&quot; in Hamburg: Johanna Lemke, Chris Scherer, Nina Wollny, Gala Othero Winter (Mädchen, später Marley), Alexander Scheer (Newton)" title="&quot;Lazarus&quot; in Hamburg: Johanna Lemke, Chris Scherer, Nina Wollny, Gala Othero Winter (Mädchen, später Marley), Alexander Scheer (Newton)" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Arno Declair</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>&quot;Lazarus&quot; in Hamburg: Johanna Lemke, Chris Scherer, Nina Wollny, Gala Othero Winter (Mädchen, später Marley), Alexander Scheer (Newton)</div> </div> </div> </div> </div> Sun, 18 Nov 2018 13:05:27 +0000 Michael Laages 10718 at https://die-deutsche-buehne.de