Wiener Staatsoper https://die-deutsche-buehne.de/taxonomy/term/1995 de Johannes Maria Staud: Die Weiden https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/von-karpfen-und-menschen <span>Johannes Maria Staud: Die Weiden</span> <span><span lang="" about="/user/72" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Georg Rudiger</span></span> <span>So., 09.12.2018 - 01:43</span> <div><p>Die letzte Uraufführung an der Wiener Staatsoper liegt mit Aribert Reimanns Oper „Medea“ acht Jahre zurück. Mit „Die Weiden“ von Johannes Maria Staud und einem Libretto von Durs Grünbein hat nun das traditionsreiche Haus ein komplexes Werk gestemmt, das nicht nur mit einer riesigen Orchesterbesetzung, Live-Elektronik (SWR-Experimentalstudio), Bühnenmusik, Chor und einem großen Solistenensemble enorm gefordert wurde. Auch das Thema besitzt gerade in Österreich mit der Regierungsbeteiligung der rechtspopulistischen FPÖ enorme Brisanz. Staud und Grünbein, die schon die früheren Opern „Berenice“ (2004) und „Die Antilope“ (2014) gemeinsam schrieben, haben sich auf die Suche nach dem Rechtsruck in Europa begeben, haben sich Hetzreden angehört und sich überlegt, wie man die Entmenschlichung optisch und klanglich ins Bild fassen kann.</p> <p>Herausgekommen ist dabei eine Flussreise, die zum Horrortrip wird. Menschen verwandeln sich in Karpfen – und damit in kalte, großmäulige Lebewesen, die gerne im Trüben dümpeln. Patriotismus kippt in Ausgrenzung, Agitation in Gewalt. Und die Männer in Lederhose und die Frauen im Dirndl geben in der Wiener Staatsoper hinter ihren Karpfenköpfen nur noch unartikulierte Laute von sich. Trotz der allmählichen Zuspitzung der von Regisseurin Andrea Moses klar erzählten Geschichte, der sich Ingo Metzmacher am Pult des Wiener Staatsopernorchesters aufmerksam widmet, fehlt es dem Abend aber an Intensität und Verdichtung, vielleicht auch an Radikalität, so dass aus diesem hochaktuellen Thema zu wenig Funken schlagen. Aufwühlen, erschüttern, im Innersten berühren kann der Abend jedenfalls nicht. Das liegt auch an den tonalen Inseln und den damit verbundenen Stilbrüchen, die Johannes Maria Staud in einzelnen Szenen bewusst einsetzt, um eine bestimmte Atmosphäre zu schaffen. Der Weg zurück zur eigentlichen kühlen, blech- und schlagzeugdominierten Klangsprache Stauds wird zum Problem. Auch die vielen Sprechpassagen, allen voran die verzichtbare Fernsehreporterin (Sylvie Rohrer), verhindern die erhoffte Sogwirkung des Stoffes.</p> <p>Die Geschichte beginnt in einem New Yorker Apartment mit spektakulärem Blick auf die Skyline der Stadt. Die Tochter Lea, die Rachel Frenkel mit ihrem farbenreichen, aber immer beweglichen und leichten Mezzosopran zum emotionalen Zentrum der Oper macht, möchte mit ihrem neuen Lover eine Kanufahrt in dessen Heimat unternehmen. Deren jüdische Eltern (Monika Bohinec und Herbert Lippert) warnen in einer seltsam heiteren Jazznummer von den dort lebenden Karpfenmenschen, die bereits ihre Vorfahren vertrieben haben. Aber Lea und ihr grobschlächtiger Freund Peter (präsent: Tomasz Konieczny) paddeln dennoch die Donau hinauf, die im Libretto Dorma heißt. Die aus der Vogelperspektive gefilmten Videos von Arian Andiel zeigen die sich verändernden Flusslandschaften, die schräge Drehbühne von Jan Pappelbaum weist auf den drohenden Absturz hin. Stauds Musik verbindet mal beruhigende, mal flirrende Klangflächen mit eruptiven Attacken. Seine Gesangslinien sind kunstvoll und fordernd. Das SWR-Experimentalstudio (Klangregie: Michael Acker und Sven Kestel) entfaltet ein vielgestaltiges Geräuschpanorama und bearbeitet die live gespielten Orchesterklänge.</p> <p>Auf der Schickimicki-Hochzeit des Jugendfreundes Edgar (mit hellem Tenor: Thomas Ebenstein), der die attraktive, extrovertierte Kitty (stark: Andrea Carroll) heiratet, erklingt flacher Musicalpop – und ein weißgewandeter (Kostüme: Kathrin Plath) Komponist, glaubwürdig dargestellt von Udo Samel, der noch häufiger auftauchen wird, schwadroniert von der Reinhaltung der deutschen Kultur. Leas Unbeschwertheit weicht nach und nach Angst. Sie ist Gast beim beklemmenden Dinner von Peters Eltern, wo neben Mehlspeisen auch Gewehre und Karpfen serviert werden, die zuerst die schrillen Schwestern Fritzi und Franzi (brillant in höchsten Höhen: Katrina Galka, Jeni Houser) auf den Kopf setzen. Beim Volksfest werden aus den zünftigen Dorfbewohnern endgültig dumm glotzende Karpfen, die dem Demagogen (Wolfgang Bankl) zunicken und oder mit den Bierkrügen auf den Tisch hauen. Am Ende bringt ein Hochwasser die Katastrophe. Peters Stimme ist elektronisch so verfremdet, dass er selbst zum Karpfen mutiert und blubbert. Lea trifft auf ihre Vorfahren (Chor der Wiener Staatsoper: Thomas Lang). „Hört die Gemeinheit nie auf? Die Hetze, das Hassen?“, fragen sie. Lea wird aber ganz ruhig und singt: „Ich kam wie das Wasser, und so werde ich gehen.“ Ein fast schon verklärter Schluss, der Rätsel aufgibt.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Die Weiden</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Von Karpfen und Menschen</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Johannes Maria Staud</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2018-12-08T12:00:00Z">08.12.2018</time> </div> </div> <div> <div>UA/DE/DSE</div> <div>UA</div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Andrea Moses</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/618" hreflang="de">Wien</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1995" hreflang="de">Wiener Staatsoper</a></div> </div> <div> <div>Musikalische Leitung</div> <div>Ingo Metzmacher</div> </div> <div> <div>Autor der Vorlage</div> <div>Durs Grünbein (Libretto)</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Musiktheater</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>So., 09.12.2018 - 01:43</div> <div><span lang="" about="/user/72" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Georg Rudiger</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/19_die_weiden_114534_konieczny.jpg?itok=G3QXqyTM" width="100" height="71" alt="Thumbnail" title="Johannes Maria Staud: Die Weiden" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/19_die_weiden_114534_konieczny.jpg?itok=jtuoyEQp" width="1800" height="1200" alt="Peter (Tomasz Konieczny) ergibt sich den Karpfen" title="Peter (Tomasz Konieczny) ergibt sich den Karpfen" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Wiener Staatsoper / Michael Pöhn</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Peter (Tomasz Konieczny) ergibt sich den Karpfen</div> </div> </div> </div> </div> Sun, 09 Dec 2018 00:43:47 +0000 Georg Rudiger 11778 at https://die-deutsche-buehne.de Gottfried von Einem: Dantons Tod https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/die-stunde-der-demagogen <span>Gottfried von Einem: Dantons Tod</span> <span><span lang="" about="/user/89" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Joachim Lange</span></span> <span>Mi., 28.03.2018 - 11:45</span> <div><p>Spätestens seit dem durchschlagenden Erfolg der Salzburger Uraufführung von „Dantons Tod“ 1947 ist Gottfried von Einem eine Größe in der österreichischen und internationalen Opernwelt. Wenngleich seine Werke heute so gut wie nicht mehr auf den Spielplänen zu finden sind. Der Wiederkehr seines 100. Geburtstages ist es zu verdanken, dass die Wiener Staatsoper jetzt – parallel zu seiner späten Oper <a href="../Kritiken/Musiktheater/Gottfried+von+Einem/Der+Besuch+der+alten+Dame/Das+falsche+Wirtschaftswunderland">„Der Besuch der alten Dame“ im Theater an der Wien</a> – diesen Durchbruchserfolg auf die Bühne zurückgeholt hat. <br />Mit einer Inszenierung, in der der Intendant des Münchner Gärtnerplatztheaters <a href="https://www.gaertnerplatztheater.de/de/personen/josef-e-koepplinger.html">Josef Ernst Köpplinger</a> (Regie), Rainer Sinell (Bühne) und Alfred Mayerhofer (Kostüme) dieses Lehrstück über den Blutzoll der großen Revolution der Franzosen in ihrer Zeit belassen. Sie vertrauen auf die Wirkung des Exemplarischen und auf die Musik. Die Bühne ist ein riesiger Bretterschuppen, der zum Schauplatz für alle sieben vorgesehenen Schauplätze wird. Mit einer umgekippten Kutsche der Aristokraten und allem möglichen Gerümpel darin. Mit genügend Platz zum revolutionären (oder konterrevolutionären) Schwadronieren, Anklagen, Verteidigen und Scheitern.</p> <p>Als von Einem mit gerade mal 25 Jahren mit dem Danton-Stoff in Berührung kam, gab es Bergs Komposition zu Georg Büchners „Wozzeck“ schon. Doch der Blacher-Schüler mit den Bayreutherfahrungen bis zum Kriegsende folgt mit Vehemenz seinem eigenen Stern. Mit den den Salzburger Festspielen hatte er nach dem Krieg den ganz großen Auftritt. Sogar gegen den Widerstand von Karajan.</p> <p><a href="https://www.wiener-staatsoper.at/ensemble-gaeste/detail/artist/847-koch-wolfgang/">Wolfgang Koch</a>s Danton ist mit seinen großformatigen Verteidigungs- und Anklage-Reden das darstellerische und dank seines wohltönenden Charismas auch das vokale Zentrum. Koch geht nicht nur bis an seine Grenzen, ihm gelingt vor allem auch die Mischung aus aufbegehrender Wut und resignierendem Fatalismus, die seinen Revolutionär so nachvollziehbar menscheln lässt. Dicht bei ihm als seine engsten Vertrauten sind der hier unpassenderweise mit „mein Junge“ angeredete Camille Desmoulins (bis an seine Grenze und manchmal darüber: Herbert Lippert) und Hérault de Séchelles (Jörg Schneider). <a href="https://www.wiener-staatsoper.at/ensemble-gaeste/detail/artist/267-bezsmertna-olga/">Olga Bezsmertna</a> setzt mit ihrer glockenklar intensiven Lucile vor allem am Ende, wenn sie nach dem Blutbad dem Wahnsinn verfallen ist und sich mit ihrem Ruf „Es lebe der König“ um Kopf und Kragen bringt, einen eindrucksvollen Schlusspunkt.</p> <p>Betritt der Blutmessias Robespierre (markant: <a href="https://www.wiener-staatsoper.at/ensemble-gaeste/detail/artist/317-ebenstein-thomas/">Thomas Ebenstein</a>) die Szene, dann umweht ihn der eisige Hauch des Revolutionsfundamentalisten. Während der Fanatiker Saint Just (Ayk Martirossian), der Ankläger (Clemens Unterreiner) und der feiste Henker Simon (Wolfgang Bankl) die blutige Drecksarbeit machen, um ihre Konkurrenten auszuschalten. Auf ihren jeweiligen Posten sind sie alle manipulierende Demagogen reinsten Wassers. Sie liefern die gefälschten Beweise, gegen die auch Dantons Wortgewalt keine Chance hat. Der nahezu dauerpräsente Chor (Leitung: Martin Schebesta) nimmt seine Hauptrolle als personifizierter, wankelmütiger Opportunist mit Inbrunst wahr. Auch die Momente eingefügter, stilisierter, wie ferngelenkt wirkender Bewegungen fügen sich ein. Wobei gerade dann, wenn der Chor mit von der Partie ist, die Übertitelungsanlage in der Staatsoper zu ihrem Recht kommt. Besonders bei der Eröffnung, die in eine aufgeregt-gefährliche Stimmung einführt, mit den demonstrativ geschwenkten Fahnen, einfallendem Licht und ausgelassen miteinander beschäftigten Revolutionären und -innen. Den Rahmen für das Tribunal muss man sich da eher dazu denken. An die (nicht sichtbare) Guillotine erinnert höchstens die abgeschrägte Verdunklung hinter der seitlichen Bretterwand, die immer mal herniederfährt. Wenn Lucile schließlich ihr Lied vom Schnitter Tod singt und den König hochleben lässt, dann ist dieses Ende der Geschichte nicht mehr ganz von dieser Welt.</p> <p>Die auf moderne Musik spezialisierte finnische Dirigentin <a href="http://susannamalkki.com/">Susanna Mälkki </a>bringt am Pult des Orchesters der Wiener Staatsoper die nervöse Aufgeregtheit der  Revolutionäre, von Einems musikalische Anspielungen, die pointierten Zuspitzungen, aber auch die betörend suggestiven Zwischenspiele ausgewogen zur Geltung. Das Ganze ist ein packendes Lehrstück über die Tragik der Geschichte und die Manipulierbarkeit der Massen. Dieser „Danton“ ist nicht tot, sondern höchst lebendig. Das fatalistische Sichfügen in einen Strudel der Zeit mag dabei das eigentlich erschreckende Menetekel sein. Inklusive des Zynismus der Henker, die am Ende auf dem Heimweg blutverschmiert „Wenn ich nach Hause geh’, scheint der Mond so schön“ vor sich hin trällern.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Dantons Tod</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Die Stunde der Demagogen</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Gottfried von Einem</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2018-03-24T12:00:00Z">24.03.2018</time> </div> </div> <div> <div>Medialink</div> <div><a href="https://www.wiener-staatsoper.at/spielplan-tickets/detail/event/965045094-dantons-tod/">Informationen und Fotos auf der Homepage der Wiener Staatsoper</a></div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Josef Ernst Köppliger</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/618" hreflang="de">Wien</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1995" hreflang="de">Wiener Staatsoper</a></div> </div> <div> <div>Musikalische Leitung</div> <div>Susanne Mälkki</div> </div> <div> <div>Autor der Vorlage</div> <div>Georg Büchner</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Musiktheater</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Mi., 28.03.2018 - 11:45</div> <div><span lang="" about="/user/89" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Joachim Lange</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/24-dantons_tod_108552.jpg?itok=6ZApRlSk" width="100" height="71" alt="Thumbnail" title="Gottfried von Einem: Dantons Tod" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/24-dantons_tod_108552.jpg?itok=2bIGx_ah" width="1800" height="1200" alt="24-dantons_tod_108552.jpg" title="24-dantons_tod_108552.jpg" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Wiener Staatsoper GmbH / Michael Pöhn</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Großes politisches Spektakel: Szene aus Gottfried von Einems Büchner-Oper „Dantons Tod“ an der Wiener Staatsoper.</div> </div> </div> </div> </div> Wed, 28 Mar 2018 09:45:47 +0000 Joachim Lange 10518 at https://die-deutsche-buehne.de