Hessisches Staatsballett https://die-deutsche-buehne.de/taxonomy/term/1556 de Tim Plegge: #Mensch https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/reise-eine-koerperlose-zukunft <span>Tim Plegge: #Mensch</span> <span><span lang="" about="/user/180" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Vanessa Renner</span></span> <span>Sa., 15.06.2019 - 15:20</span> <div><p>Es beginnt ganz friedlich. Die Bühne ist leer, bis auf das Gerüst eines Holzwürfels. Darin eine einzige Tänzerin, rot gekleidet. Sie scheint verlassen in der Weite des großen, dunklen Raumes. Das Geräusch von Wellenrauschen setzt ein. Die Tänzerin streckt ihre Arme aus, beugt ihren Oberkörper zur Seite. Ihre Bewegungen sind rund, ausladend, weich. Dann betreten zwei weitere Tänzer die Bühne. Sie laufen ganz nah beieinander, Gesicht an Gesicht, jedoch ohne sich zu berühren. Sie wirken roboterhaft, wie fremdgesteuert. Immer mehr Tänzer folgen ihnen. Sie tragen Anzüge aus durchsichtigem Plastik, die wie eine Art futuristische Schutzkleidung wirken (Kostüm: Linnan Zhang). Die Kapuzen ins Gesicht gezogen, formieren sie sich am hinteren Ende der Bühne in Reihen. Wie eine Armee marschieren sie im Gleichschritt nach vorne in Richtung Publikum. Unaufhaltsam, bedrohlich – was kommt da auf uns zu?</p> <p>Die Frage nach der Zukunft (die da auf uns zukommt) haben sich die 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer von „#Mensch“, dem zweiten Partizipationsprojekt des Hessischen Staatsballetts, gestellt. Nach <a href="https://www.die-deutsche-buehne.de/kritiken/luftspruenge">„Odyssee_21“</a>, das den Blick zurück in die Vergangenheit auf das Thema der Herkunft richtete, geht die Reise nun in die Zukunft. Dabei treffen Jung und Alt aufeinander, die Altersspanne der Tanzbegeisterten aus dem Rhein-Main-Gebiet liegt zwischen 14 und 74 Jahren. Zwischen den Generationen mischen sich die Perspektiven – da sind die, die einen Großteil ihrer Zukunft vor sich haben, und die, die in die Zeit, die vor ihnen liegt, mit einem großen Erfahrungsschatz gehen werden. Knapp ein Jahr näherten sich die 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer unter der Leitung von <a href="https://www.staatstheater-darmstadt.de/kuenstler/tim-plegge.79/">Tim Plegge</a> und den beiden Tanzvermittlerinnen <a href="https://www.staatstheater-darmstadt.de/kuenstler/nira-priore-nouak.107/">Nira Priore Nouak</a> und Sibylle Magel der Zukunft an, entwickelten Entwürfe und Ideen, die sie dann in Bewegungen übersetzten. So kommt nun am Staatstheater Darmstadt eine Choreographie auf die Bühne, die nicht nur mit einem großen Einfallsreichtum überzeugt, sondern vor allem auch mit einer präzisen Umsetzung, bei der die vielen Details wunderbar aufeinander abgestimmt sind.</p> <p>Der Körper der Zukunft, wird er noch eine Rolle spielen in der virtuellen Welt? Nachdem zwei Tänzer komplizierte Codes aus Nullen und Einsen zum Publikum sprechen, fahren weitere Tänzer mit kleinen Lampen ihre Hautoberfläche ab. Fast so wie Scanner, die im Supermarkt die Codes von Produkten lesen. In der Dunkelheit richten sich die Scheinwerfer auf ihre Körper, mit denen sie nichts anzufangen wissen, die seltsam fremd erscheinen. Wie ein Rätsel, das es zu lösen gilt. Die Vergänglichkeit dieser Körper, das Verstreichen von Lebenszeit wird in einem mehrsprachigen Monolog thematisiert. Er versucht auf berührende Art und Weise, die verbleibende Zeit eines Menschen zu quantifizieren, irgendwie fassbar und damit begreifbar zu machen. Wie im Zeitraffer bewegen sich die Tänzer zu rhythmischer Musik. Erkennbar sind Alltagsbewegungen wie das Händewaschen oder Ankleiden. Dann sinkt der erste erschöpft zusammen, wird von einem Mittänzer wiederaufgerichtet. Das Spiel beginnt von Neuem, bis schließlich alle in sich zusammensinken.</p> <p>Es sind die stärksten Momente des Abends, in denen alle Tänzer auf der Bühne gemeinsam miteinander agieren. Die Wucht der Masse ist beeindruckend! Die einzelnen Teile der Choreographie stehen niemals ungeordnet nebeneinander, sondern stets geht eine Bewegung fließend in die nächste über, die einzelnen Gedankenfiguren entwachsen jeweils aus der vorherigen. Dabei gibt es durchaus humorvolle Anteile. Etwa wenn die Tänzer zu dem Udo Jürgens-Schlager <a href="https://www.youtube.com/watch?v=nL5sj38mdno">„Immer wieder geht die Sonne auf“</a> entgegen der Drehrichtung der Bühne um ihr Leben rennen. Ganz so, als könnten sie den Lauf der Zeit dadurch aufhalten.</p> <p>Ernste und kritische Töne werden in einer Art Textcollage angeschlagen, in der die Tänzer ihre Zukunftsentwürfe präsentieren. Da ist von Geräten, die die Atemluft filtern, von Ersatzorganen aus 3D-Druckern die Rede. Von autofreien Innenstädten, aber auch davon, dass sich gar nichts ändert. Da finden vor allem die verschiedenen Perspektiven und Sichtweisen auf das, was vor uns liegt, ihre Berechtigung, von der unerreichbaren bis zur vollkommenen Gleichberechtigung der Geschlechter. Und wenn die Tänzer am Ende ihre durchsichtigen Anzüge abstreifen, so als würden sie sich häuten, und diese bergeweise den Bühnenboden bedecken, drängt sich die bohrende Frage auf, ob es das ist, was die Menschheit hinterlassen wird: jede Menge Plastik. Spätestens dann wird deutlich, wie weit die Zukunft in der Gegenwart angekommen zu sein scheint. Wie körperlos diese Zukunft auch sein mag – der Darmstädter Tanzabend feiert den Körper als starkes und unverwechselbares Ausdrucksmittel.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>#Mensch</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Reise in eine körperlose Zukunft</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Tim Plegge</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2019-06-14T12:00:00Z">14.06.2019</time> </div> </div> <div> <div>Medialink</div> <div><a href="https://www.hessisches-staatsballett.de/portfolio/mensch/">Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung</a></div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/645" hreflang="de">Darmstadt</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1556" hreflang="de">Hessisches Staatsballett</a></div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Tanz</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Sa., 15.06.2019 - 15:46</div> <div><span lang="" about="/user/24" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Antonia Ruhl</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/Bild-gross/%23Mensch_260219-270219_%20%28101%20von%20185%29.jpg?itok=PwaoFk5C" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Say yes! Probensituation des #Mensch-Ensembles" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/Bild-gross/%23Mensch_260219-270219_%20%28101%20von%20185%29.jpg?itok=hdL0kTDg" width="1800" height="1200" alt="Say yes! Probensituation des #Mensch-Ensembles" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Benjamin Weber</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Say yes! Probensituation des #Mensch-Ensembles</div> </div> </div> </div> </div> Sat, 15 Jun 2019 13:20:41 +0000 Vanessa Renner 12059 at https://die-deutsche-buehne.de Tim Plegge / Richard Siegal / Alexander Ekman: Aufwind https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/frische-brise <span>Tim Plegge / Richard Siegal / Alexander Ekman: Aufwind</span> <span><span lang="" about="/user/117" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Melanie Suchy</span></span> <span>Mo., 20.10.2014 - 10:42</span> <div><p>Mit besonderer Spannung war der erste Auftritt des Hessischen Staatsballetts an diesem Wochenende erwartet worden. Denn dieses Ensemble unter diesem Namen mit diesem begrifflichen Anspruch gab es vorher nicht. Mit viel Verhandlung und Geschick war nun aufgrund der seit 1974 bestehenden Verträge, die eine ständige Kooperation der Staatstheater ohnehin vorsehen, aus zwei auch ästhetisch getrennten Ensembles eines gemacht worden. Es ist mit 28 Tänzerinnen und Tänzern kaum größer als dasjenige, das vorher in Wiesbaden residiert und bis zum Sommer 2014 sieben Jahre lang erfolgreich von Stephan Thoss geleitet wurde. Aber es stellt sich mit mehr Aktivitäten auf, neben Kreationen des frisch gebackenen Ballettdirektors Tim Plegge gibt es nämlich auch Gastchoreographenengagements, Gastspieleinladungen und Residenzangebote, kuratiert vom Direktorenkollegen Bruno Heynderickx. Dritter Kollege im Leitungsherrenteam ist Johannes Grube, Betriebsdirektor, der als Kenner beider Häuser zum Pendelexperten wird. Ob das Pendel nachhaltig ausschlägt in Richtung Glück, Erfolg und Anerkennung? Dieser Dreier-Abend „Aufwind“ zum Start ließ vorsichtig hoffen. </p> <p>Er kam im fast komplett gefüllten Großen Haus des Staatstheaters Darmstadt sehr gut an, bot er doch auch, klug komponiert, „für jeden etwas“, im positiven Sinne: um zu zeigen, was im zeitgenössischen Ballett möglich ist. Ein nachdenkliches, ein flott-humorvolles und ein zackiges, multimedial-futuristisches Stück. Letzteres steuerte der international gefragte Choreograph und ehemalige Forsythe-Tänzer Richard Siegal als Uraufführung bei: „Liedgut“, benannt nach dem gleichnamigen Albumtitel von Uwe Schmidt alias Atom™ von 2009. Dessen elektronische Klänge, sein Rauschen und Fauchen und raunend röhrende Songs über Wellen, Felder, Signale verbinden sich überzeugend rauschhaft mit dem Flimmern, Flackern, Stricheln und Wörterformen auf einem riesigen plankenartiken LED-Bildschirm mit Ufo-Anmutung. Nur was die in Latex-Bodies zu Unisexfiguren mutierten Tänzer machen, bleibt fast leblose Staffage zu den Sound- und Pixelwettern. Erst tauchen sie einzeln und zu zweit aus dem Dunkel ins Screenzwielicht und verschwinden wieder. Später bauen sie Gruppenmuster, die sich wandeln und zerfallen. Zunächst recken und posieren sie stolz in Art des 1990er-Forsythe, später platzieren sie klassische Arabesken wie Skulpturen in den düsteren Raum. Fund- oder Funkstücke aus uralten Zeiten des romantischen Balletts. </p> <p>Der junge schwedische, ebenso international erfolgreiche Choreograph Alexander Ekman hüpft fröhlich über das Erbgut des Balletts hinweg. „Left Right Left Right“ schuf er 2012 fürs Nederlands Dans Theater; darin baut er sogar, wenn auch ins Halbherzige gerückt, eine Kritik am marschhaften Gleichtakt ein, der sowohl dem Klassischen Tanz als auch dem mainstreamigen Fitnessgerenne innewohnt. Mit seinem bekannten stupendem Sinn für Timing stellt er die 24 Tänzer in einen unsichtbaren führerlosen Lebensapparat, der ruckartig anläuft. Stehen, Fuchteln, Stehen, Boxen. Dann joggen sie, tanzen auch, teilen sich in Phrasen auf, die wie Zitate wirken, von Kollegen wie Astaire, Forsythe und Shechter abgeschaut. Und immer wieder Laufen, später sogar auf Laufbändern, an die man sich, erklärt ein Tänzer aus dem Off, wie an einen Tanzpartner gewöhne. Sieht leicht aus, aber Fehltritte dürfen nicht sein. Keine Fälle. Perfektion ist Gebot, wie eh und je. </p> <p>Tim Plegge ist in gewisser Weise der ehrlichste der drei. Als Choreograph noch kaum bekannt, kümmert er sich in seinem Halbstünder um das Ensemble, um das, was für alle anliegt, auch für ihn: „Vom Anfang“. Für etliche Tänzer ist es eine Zeit des Abschieds von der Thoss-Ära, für andere ein Start in Deutschland. Solche Weisen, wie Menschen Übergänge erleben, mit Wegducken, Abwarten, zögernden Schritten, hektischem Suchen, mit gewagten Balancen, mit Vorwärtsstürmen, Mitreißen und kurzem Zurückblicken, mit dem Empfinden getragen oder gehemmt zu werden: Das alles choreographiert er für einzelne Tänzer und für die Gruppe. Ein Wechselbad der Gefühle, ein Luftbad ohne Geheimnisse. Auf Mittelgebirgshöhe. Sein eher lockerer Ballettstil gibt den Tänzern Raum für Ausdruck, allen voran Valeria Lampadova und Tenald Zace. Ein Sympathiestück.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Aufwind</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Frische Brise</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Tim Plegge / Richard Siegal / Alexander Ekman</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2014-10-17T12:00:00Z">17.10.2014</time> </div> </div> <div> <div>UA/DE/DSE</div> <div>UA</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/753" hreflang="de">Darmstadt/Wiesbaden</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1556" hreflang="de">Hessisches Staatsballett</a></div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Tanz</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Mo., 20.10.2014 - 10:42</div> <div><span lang="" about="/user/117" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Melanie Suchy</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/kk_t_darmstad_aufwind.jpg?itok=eZncMIFq" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Tim Plegge/Richard Siegal/Alexander Erdman: Aufwind" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/kk_t_darmstad_aufwind.jpg?itok=U6F3dWZP" width="1800" height="1200" alt="Das Ensemble des neuen Hessischen Staatsballetts in &quot;Left Right Left Right&quot;" title="Das Ensemble des neuen Hessischen Staatsballetts in &quot;Left Right Left Right&quot;" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Regina Brocke</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Das Ensemble des neuen Hessischen Staatsballetts in &quot;Left Right Left Right&quot;</div> </div> </div> </div> </div> Mon, 20 Oct 2014 08:42:20 +0000 Melanie Suchy 9556 at https://die-deutsche-buehne.de