Ballett Leipzig https://die-deutsche-buehne.de/taxonomy/term/1438 de Mario Schröder / Johann Sebastian Bach, Giovanni Battista Pergolesi und "Indigo Masala": Magnificat https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/aus-gold-und-safran <span>Mario Schröder / Johann Sebastian Bach, Giovanni Battista Pergolesi und &quot;Indigo Masala&quot;: Magnificat</span> <span><span lang="" about="/user/147" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Roland H. Dippel</span></span> <span>So., 10.02.2019 - 13:30</span> <div><p><span><span><span><span><a href="https://www.oper-leipzig.de/de/programm/person/mario-schroder/5680">Mario Schröder</a>, der dem Ballett Leipzig bei der Kreation seines „<a href="https://www.youtube.com/watch?v=3EPk6zOaLH0">Magnificat</a>“ für die intensive Mitgestaltung dankt, tut es offenbar John Neumeier nach, wenn er in der Bachstadt zu einem Bach-Ballettzyklus ausholt: Neben beeindruckenden Bildern gibt es zwischen den Sätzen des titelgebenden „Magnificat“ unerwartete Akzente. Ganz ohne Brüche zwischen Tanz und Musik gelingt die Synthese von Orient und Okzident, von Choreographie und Ambiente allerdings nicht. Doch an einigen Stellen befreit sich die Musik aus dem Zwang des Tanzes und wird in den pausenlosen hundert Minuten mehr zur treibenden Energie als beabsichtigt.</span></span></span></span></p> <p><span><span><span><span>Monotonie vermeidet Mario Schröder mit einem ganz einfachen Strukturprinzip: Bei ihm gibt es nur in den kleineren Soloszenen Symmetrien von Figuren und Bewegungen. Größere Gruppen agieren immer in unterschiedlichen Personenstärken. Schnell löst sich am Beginn das Kollektiv in einzelne und im Bewegungstempo diversifizierte Parzellen auf. Das ist natürlich auch ein Akzent gegen die Partituren von Johann Sebastian Bach und Giovanni Battista Pergolesis „<a href="https://www.youtube.com/watch?v=xHQVtYzjLao">Stabat mater</a>“, dessen Einleitungssatz gleich zweimal erklingt. Fast den ganzen Abend gleichen sich die schönen Bilder, gemessenen Hebungen und durch simultane Bewegungsfolgen gelockerten Arrangements. Anfangs bedeckt goldfarbener Stoff fahrbare Metallgerüste, die den riesigen Bühnenraum der Oper Leipzig rechteckig umgrenzen. In der Mitte hinten findet sich in den Gerüsten ein begehbarer Kreis. Dieser, Sonnensymbol oder kleines Weltrad, setzt sich nach Bachs „Amen“ an der Peripetie der tänzerischen Spannungsfelder tatsächlich in Bewegung. Dabei lösen sich Paul Zollers fahrbare Gerüste auf und werden später wieder zusammengeführt. Die Sphäre der Musiker im Orchestergraben mit den Chordamen auf Treppen Richtung Vorbühne bleiben vom Ballett isoliert. Die drei Musiker der indischen Formation „<a href="http://arunleander.com/indigomasala/">Indigo Masala</a>“ agieren jedoch im Gerüst auf der Bühne, Leiter Ravi Srinivasan mischt sich in einigen Szenen sogar unter die Tänzer. Formstrenge contra Freiheit?  </span></span></span></span></p> <p><span><span><span><span>Bei genauerem Hinsehen bleibt noch immer undeutlich, warum man sich im Tanz entgrenzen oder befreien will. Eindeutig erlaubt die Choreographie den aus klassischen Tonfolgen und improvisierenden Kombinationen entstandenen indischen Klängen, auf die das Ballett Leipzig im Probenprozess improvisieren durfte, weitaus mehr tönende Vielfalt als bei den in eine veränderte Reihenfolge gebrachten Sätzen Bachs und Pergolesis. Die Farben der Kostüme wechseln zwischen fließendem Karmin, dem in Indien als festliche Farbe der Eliten geltenden Safran und grauen, uniformen Kontrasten. Diese Symbolik ist klar. Deshalb wirkt der große Bogen wie der Aufbruch von funktionalen Gruppenbildungen Richtung spirituelle Öffnung – und die halbe Strecke zurück. Figurationen der Gruppen scheinen in dieser Choreographie bedeutsamer als Emotionen einzelner. So entsteht der Eindruck einer starken Geschlossenheit des Aufbaus, aber auch des fast auf die Musik sich zerstörerisch auswirkenden Anspruchs eines formbildenden Gleichmaßes, das Bach und Pergolesi hier bedienen müssen.</span></span></span></span></p> <p><span><span><span><span>Paradox ist diese musikalische Bach-Exegese also: Christoph Gedschold lässt sich am Pult sogar auf die extrem hohe und streng genommen der historisch informierten Aufführungspraxis widersprechenden Stimmung des Gewandhausorchesters ein. Natürlich folgt er als versierter Theaterdirigent den Tempo-Bedürfnissen des Balletts. So entsteht im „Magnificat“ vor allem, stellenweise auch im für heutige Ohren eher empfindsam erlebbaren „Stabat mater“ Pergolesis ein wie gepresster oder stark gedehnter Klang. Dieser findet nicht zu echter Virtuosität und erschwert den Gesangssolisten die bühnenaffine oder konzertante Emphase. Gerade weil die deshalb wie gedrosselt wirkenden „klassischen“ Klänge neben den frei schwingenden Tönen von „Indigo Masala“ stehen, wirkt der Abend wie der Selbstbefreiungsbesuch vom Überdruck westlicher Geisteslasten. Bei so viel musikalischer Höhensonne fällt neben dem Hauschor (einstudiert von Thomas Eitler-de Lint) der mitwirkende Kinderchor (einstudiert von Sophie Bauer) kaum auf. Thilo Reinhardts Libretto, das keinerlei individuelle Handlung enthält, gleicht dem akkuraten Versuch einer Mediation.</span></span></span></span></p> <p><span><span><span><span>Also kommt die eigentliche Handlungsdynamik doch aus dem musikalischen Kontrast zu den hier vereinten Eliten des Leipziger Sakralgesangs. Steffi Lehmann, Susanne Krumbiegel, Marie Henriette Reinhold, Martin Petzold und Dirk Schmidt passen sich an, wagen manchmal sogar den Anspruch auf gesanglichen Ausdruck und haben jeder für sich eine Persönlichkeitsstärke, bei der die Tänzerinnen und Tänzer unter der Kuppel von Mario Schröders Bewegungsarchitektur in vielen Szenen kaum mithalten können. So wird aus Druck auf die musikalische Realisierung doch noch musikdramatischer Input.</span></span></span></span></p> <p><span><span><span><span>Ein rauschender Erfolg mit Standing Ovations ist diese Gegenüberstellung von spirituellem Leuchten und der aus Paul Zollers Kostümen ableitbaren Trennung der Kasten. Vom eleganten Gleichmaß zur spirituellen Entäußerung zurück in die komplikationsfreie Wiedereingliederung der schönen Funktionsabläufe gibt es offenbar keinerlei Widerstände. So locker geht beim Ballett Leipzig die Transformation in ein Sein aus Gold und Safran. Wer möchte da nicht jubeln?</span></span></span></span></p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Magnificat</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Aus Gold und Safran</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Mario Schröder / Johann Sebastian Bach, Giovanni Battista Pergolesi und &quot;Indigo Masala&quot;</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2019-02-09T12:00:00Z">09.02.2019</time> </div> </div> <div> <div>UA/DE/DSE</div> <div>UA</div> </div> <div> <div>Medialink</div> <div><a href="https://www.oper-leipzig.de/de/programm/magnificat/73663">Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung</a></div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Mario Schröder</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/607" hreflang="de">Leipzig</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1438" hreflang="de">Ballett Leipzig</a></div> </div> <div> <div>Musikalische Leitung</div> <div>Christoph Gedschold</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Tanz</div> </div> <div> <div>Komponist</div> <div>Johann Sebastian Bach, Giovanni Battista Pergolesi und &quot;Indigo Masala&quot;</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>So., 10.02.2019 - 14:05</div> <div><span lang="" about="/user/24" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Antonia Ruhl</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/Bild-gross/05_Magnificat_090219_Ida_Zenna.jpg?itok=JGr5_w69" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Die Leipziger Tänzerinnen und Tänzer auf dem Weg zur spirituellen Öffnung" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/Bild-gross/05_Magnificat_090219_Ida_Zenna.jpg?itok=_GOwV0rl" width="1800" height="1200" alt="Die Leipziger Tänzerinnen und Tänzer auf dem Weg zur spirituellen Öffnung" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Ida Zenna</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Die Leipziger Tänzerinnen und Tänzer auf dem Weg zur spirituellen Öffnung</div> </div> </div> </div> </div> Sun, 10 Feb 2019 12:30:53 +0000 Roland H. Dippel 11871 at https://die-deutsche-buehne.de Mario Schröder: Lobgesang https://die-deutsche-buehne.de/kritiken/streben-nach-freiheit <span>Mario Schröder: Lobgesang</span> <span><span lang="" about="/user/177" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Ute Grundmann</span></span> <span>So., 07.02.2016 - 12:01</span> <div><p><span>Es ist ein Abend der vielen. Der Menge, der Masse, die durchs Leben schreitet und gleitet, auf der Suche nach Freiheit und nach Befreiung, eine Gruppe, aus der sich nur wenige hervorheben. Glaube, Freiheit, Widerstand – das sind die großen Themen, die sich Mario Schröder, Ballettdirektor und Chefchoreograph der Oper Leipzig, für seinen neuen Tanzabend gewählt hat. „Lobgesang“, das ist natürlich Felix Mendelssohn Bartholdy großes Chor- und Orchesterwerk, das er mit Francis Poulencs „Figure humaine“, einer weltlichen Kantate für Doppelchor, kombiniert hat. Doch die Werke erklingen nicht nacheinander, Schröder hat sie ineinander verschränkt, im Wechsel von heiter und düster, hoffnungsvoll und verzweifelt. So entsteht fast so etwas wie eine Szenenfolge, die bald von der Freiheit im Glauben, bald von der Angst in der Unterdrückung erzählen. Denn Poulenc schrieb seine Musik auf Gedichte von Paul Eluard, über die Resistance im besetzten Frankreich.</span></p> <p><span>Getanzt wird auf großer, leerer Bühne, auf der nur an der Rückwand ein großer Kasten für den Chor steht. Die Damen sind in weiße, die Herren in schwarze Anzüge gekleidet (Bühne und Kostüme Paul Zoller) – so zeitlos wie die Themen, von denen Schröder erzählen will. Und das beginnt mit Mendelssohns „Maestoso con moto“, in dem der Schlusschor schon anklingt, denn auch heiter und gelöst, mit weichen, fließenden Bewegungen der vielen Tänzer. Mit einem pas de deux heben sich einzelne heraus, verschmelzen wieder mit der Menge, die sich zunehmend abgehackter, aggressiver bewegt. Dann wirkt die Gruppe wie geduckt, bedrückt, aus der einzelne herausragen, durch Hebungen, durch einen pas de deux, auch durch ein Trio mit Hebefiguren. </span></p> <p><span>Dieser Wechsel der Stimmungen, der Atmosphäre, der Klänge macht diesen Abend aus, in dem auf kleine, vorsichtige Schritte kraftvolle Bewegungen folgen, sich die Gruppe der Tänzer aber auch niederlegt, quer über die Bühne rollt, sich wieder erhebt. Manchmal läuft die Choreographie Gefahr, die Musik bloß zu illustrieren, meist aber sind die Szenen der vielen und der einzelnen sehr stimmig. Den mächtigen Schlusschor Mendelssohns hat Schröder in die Mitte des Stückes geholt, „Alles was Odem hat“ tanzen die Herren, „Lobe den Herrn“ die Damen des Balletts, um sich dann mit Poulencs „Aussi bas que le silence“ wieder dem Zweifel an der Existenz Gottes zuzuwenden. </span></p> <p><span>Die Sänger (Olena Tokar und Magdalena Hinterdobler, Sopran; Martin Petzold, Tenor) bleiben unsichtbar in der Gasse, so dass ihr wunderbarer Gesang wie vom Himmel zu fallen scheint. Viel zur dichten Atmosphäre des Abends tragen auch das Gewandhausorchester unter Christoph Gedschold und vor allem der exzellente Chor (Einstudierung Alessandro Zuppardo, Jugendchor Sophie Bauer) bei. Sie malen Trauer und Hoffnung, Verzweiflung und Lobpreisung so präzise wie vielschichtig. Und nach diesem Wechsel der Gefühle endet der 90minütige Abend nicht mit dem Lobgesang, aber doch – auch tänzerisch – mit dem Streben nach Freiheit, mit Francis Poulencs „Liberté“.</span></p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Lobgesang</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Streben nach Freiheit</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Mario Schröder</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2016-02-06T12:00:00Z">06.02.2016</time> </div> </div> <div> <div>UA/DE/DSE</div> <div>UA</div> </div> <div> <div>Medialink</div> <div><a href="http://www.oper-leipzig.de/de/programm/lobgesang/57089">Fotostrecke auf der Homepage des Theaters</a></div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/607" hreflang="de">Leipzig</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1438" hreflang="de">Ballett Leipzig</a></div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Tanz</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>So., 07.02.2016 - 12:01</div> <div><span lang="" about="/user/177" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Ute Grundmann</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/foto_6_lobgesang_premiere_6216_leipziger_ballett__ida_zenna.jpg?itok=OyQOhjGg" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Mario Schröder: Lobgesang" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/foto_6_lobgesang_premiere_6216_leipziger_ballett__ida_zenna.jpg?itok=Xgrz2Ruk" width="1800" height="1200" alt="foto_6_lobgesang_premiere_6216_leipziger_ballett__ida_zenna.jpg" title="foto_6_lobgesang_premiere_6216_leipziger_ballett__ida_zenna.jpg" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Ida Zenna</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Mario Schröders &quot;Lobgesang&quot; am Leipziger Ballett</div> </div> </div> </div> </div> Sun, 07 Feb 2016 11:01:48 +0000 Ute Grundmann 9920 at https://die-deutsche-buehne.de