Neues aus der Redaktion: Symposium zur Uraufführung von Jüri Reinveres Oper „Minona“

Von Detlef Brandenburg am 25.01.2020 • Bild: Detlef Brandenburg
Das Bild zeigt: Auf dem Podium: Ulrich Drüner, Hendrik Müller, Christine Siegert, Julia Anslik, Jens Neundorff von Enzberg, Jüri Reinvere, Christiane Wiesenfeldt

War sie es, oder war sie es nicht? Das ist die Frage, mit der ich heute nach Regensburg gefahren bin, zur Uraufführung von Jüri Reinveres Oper „Minona“, der das Theater aus Gründen der Terrainsicherung gleich noch ein Symposium vorgeschaltet hatte, denn die Verhältnisse liegen ziemlich kompliziert. Also bin ich vorsichtshalber mal hingegangen. Minona also: War sie eine uneheliche Tochter Ludwig van Beethovens, gezeugt mit jener geheimnisvollen „Unsterblichen Geliebten“, in der findige Forscher Josephine von Stackelberg wiedererkennen wollten? Sie war Beethovens Klavierschülerin, als sie noch Josephine Brunsvik hieß, und der Komponist hatte sich, wie in fast jede seiner Klavierschülerinnen, so auch in sie unsterblich verliebt.

Gut besucht: Podiusmdiskussion im Neuhaussaal.


Gut besucht: Podiumsdiskussion im Neuhaussaal

Doch bei ihr hielt die Beziehung länger, es entspann sich ein Briefwechsel, der zumindest die Vermutung nahelegt, dass Josephine die Gefühle Beethovens erwiderte. Aber war auch sein berühmter Brief an die „Unsterbliche Geliebte“ wirklich an sie gerichtet? Wir wissen es nicht, denn Beethoven hat ihn nie abgeschickt. Und kam es in jener ominösen Nacht 1812 in Prag wirklich zu einer erneuten Begegnung zwischen Josephine und Ludwig, ja, kam es womöglich zu mehr, so dass die neun Monate später geborene Minona die Tochter des Komponisten sein könnte und nicht die von Baron Christoph von Stackelberg, Josephines ungeliebtem Ehemann?

Wir wissen es nicht. Aber weil diffuse Geheimnisse viel interessanter sind als nackte Tatsachen, kann man darüber durchaus eine Oper machen. Der estnische Komponist Jüri Reinvere hat es getan, und ihn, so bekannte er beim Symposium, fasziniert vor allem die romantische Frauengestalt der Minona, die Beethoven verehrt. Der Komponist taucht in seiner Oper gar nicht auf, er wird zur Projektionsfläche für Vermutungen, Sehnsüchte, Ängste der Titelheldin. So aber schafft auch Reinveres Oper keine Klarheit darüber, ob sie’s nun war oder nicht. Also musste das Symposion her. Es bestand allerdings leidglich aus einer einzigen Podiumsdiskussion, hochkarätig besetzt mit Beethoven-Forschern, Beethoven-Biographen, dem Komponisten Reinvere und dem Regisseur Hendrik Müller. Der Regensburger Intendant Neundorff von Enzberg rückte dem Geheimnis Minona mit forscher Fragetechnik zu Leibe, aber auf dem Boden verifizierter Tatsachen kam auch dieser Diskurs nicht an. Wie auch, in Ermangelung derselben?

Intendant Jens Neundorff von Enzberg, Komponist Jüri Reinvere, Musikwissenschaftlerin Christiane Wiesenfeldt
Intendant Jens Neundorff von Enzberg, Komponist Jüri Reinvere, Musikwissenschaftlerin Christiane Wiesenfeldt

Interessanter war die Frontlinie, die sich zwischen den Romantikern und den Rationalisten auf dem Podium auftat. Auf der einen Seite der Komponist, den die vom Künstler faszinierte Frau interessierte, und der in seiner Oper eine Art „Anti-Fidelio“ sieht, in der Leonores Utopie von selbstbestimmter Freiheit und Gattenliebe an der trostlosen Realität scheitert; und Ulrich Drüner, Musikwissenschaftler und Autor des Buches „Die zwei Leben des Ludwig van Beethoven“, der fest  an den inspirierenden Einfluss Josephines auf Beethovens Werk vor allem in der Krise des „Heiligenstädter Testaments“ glaubt. Auf der anderen Seite Christiane Wiesenfeldt (Journalistin und Professorin an der HfM Weimar), die die Nachweisbarkeit solcher Inspiration im Werk selbst bezweifelt; und ihre Kollegin Christine Siegert (Leiterin des Forschungszentrums Beethoven-Archiv des Beethoven-Hauses Bonn), die darauf hinwies, dass sich die Parallelisierung von Schaffenskrise und unsterblichem Liebesverhältnis in der Werkchronologie verheddert.

Wer aber war denn nun war Minona? Und wer war Josephine? Hier konnte die Diskussion jenseits der Vaterfrage dann doch interessante Erkenntnisse zutage fördern. Denn beide Frauen waren offenbar eindrucksvolle, starke Charaktere, die danach strebten, ein selbstbestimmtes Leben jenseits konventioneller Standes- und Ehebeziehungen zu führen. Sie scheiterten daran, dass die männlich dominierte Welt ihrer Zeit noch nicht reif dafür war.

Detlef Brandenburg
Detlef Brandenburg

Auch Beethoven war in der Diskussion, anders als in der Oper, natürlich allgegenwärtig. Nur mit Jens Neundorffs Schlussfrage nach der Vollendung der nur in Fragmenten überlieferten 10. Sinfonie verabschiedete sich der Komponist, und auf die schöpferische Bühne trat: Kollege Computer. Im Rahmen eines Telekom-Projektes in der Beethovenstadt Bonn wird nämlich gerade versucht, mittels einer Künstlichen Intelligenz diese „Zehnte“ zu rekonstruieren. Da erübrigen sich dann alle Fragen nach unsterblichen Geliebten und unehelichen Töchtern. Beides bringen die Algorithmen leider nicht zuwege. Sie scheitern schon daran, Beethovens Briefworte der Sehnsucht in Musik zu überführen. Und das ist vielleicht ja auch ganz gut so.