Veranstaltung: Stimmen zum Welttheatertag

Von Ulrike Kolter am 27.03.2022 • Bild: Dirk Böttger
Das Bild zeigt: Projektion der Weltkugel im Gasometer Oberhausen im Rahmen der Foto-Ausstellung „Das zerbrechliche Paradies”.

Zum Welttheatertag 2022 haben wir Theatermacher:innen rund um den Globus befragt: Wie ist die Situation für Kulturschaffende vor Ort? Welche Folgen sind durch Pandemie und Ukraine-Krieg spürbar? Und welche neuen Entwicklungen prägen die regionale Theaterszene jeweils?

 

 

Wie ist die aktuelle Situation für die Theater in Indien, Ram Ganesh Kamatham?

Allmählich kehrt das Publikum zurück, Künstler können reisen, zwei Grundvoraussetzungen von Theater. Die Theater in Indien kehren zu vollen Häusern und Spielplänen zurück, Gastspiele sind wieder möglich, Festivals finden statt. Gleichzeitig haben sich während der Pandemie hybride Formen durchgesetzt (teilweise live, teilweise digital). Es kommt mir so vor, als sei das Schlimmste überstanden, aber wir müssen erkennen, dass wir nicht einfach zur Tagesordnung übergehen können.

Ram Ganesh Kamatham, Indien

Indien: Ram Ganesh Kamatham, Dramatiker. 
© privat

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Welche Auswirkungen hatte die Pandemie auf das Theater in New York City, Dennis Yueh-Yeh Li?

Zunächst wurden Vorstellungen abgesagt, einige Theatergruppen haben ganz aufgehört. Die Pandemie hat Theatermacher gezwungen, künstlerisch neue Wege zu gehen. Die Auswirkungen sind vermutlich vorübergehend. Ich hoffe sehr, dass die Unterstützung, die Künstlern in dieser Zeit zuteil wurde, nicht vorübergeht. Von Stipendien über Krankenversicherung wurden Programme aufgelegt, um die Krise zu lindern. In New York gibt es jetzt ein Grundeinkommen für Künstler. Hoffentlich stabilisiert das auf längere Sicht die Situation von Künstlern.

Dennis Yueh-Yeh Li, Regisseur

 New York City: Dennis Yueh-Yeh Li, Regisseur, Dramatiker, Performer. 
© privat

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Welche Entwicklungen gibt es im Theater in Frankreich, Luc Petton?

Wir müssen den Auftrag der Kunst und Kultur stärker in seiner Inter-Nationalität begreifen. Die Künstler aller Länder sind Brüder und wir sollten uns in erster Linie bemühen, das Leben mit all seinen Geheimnissen zu respektieren… Der dramatische Einschnitt von Pandemie und Ukraine-Krieg relativiert Unsicherheiten und ist für uns eine Chance zur Gestaltung einer humanistischeren, großzügigeren und weniger auf Frankreich konzentrierten Entwicklung.

Luc Petton

Frankreich: Luc Petton, Choreograf.
© Alain Julien

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Welche Auswirkungen hatte die Pandemie auf das Theater in Uganda, Asiimwe Deborah Kawe?

In Uganda waren alle öffentlichen Räume, einschließlich der Theater, fast zwei Jahre lang geschlossen. Das bedeutet, dass die Menschen, die in allen Bereichen des Theaters arbeiten, zu Hause saßen. An einige Künstler wurden kostenlose Lebensmittel und Bargeld verteilt, um ihnen zu helfen, die schwere Zeit zu überstehen. Im Februar wurden die Theater offiziell wieder eröffnet, und die Branche versucht, wieder auf die Beine zu kommen, allerdings unter sehr schwierigen Bedingungen. Für viele Künstler war es eine Situation, in der sie von der Hand in den Mund leben mussten. Nur wenige Theater waren in der Lage, ihre Arbeit online zu veröffentlichen, hauptsächlich aufgezeichnete Aufführungen. Diejenigen, die über einen Internetzugang verfügten, konnten Theater online sehen, aber aufgrund der schlechten Internet-Infrastruktur in Uganda und der damit verbundenen Kosten war dies nicht so nachhaltig wie in anderen hoch industrialisierten Ländern.

Asiimwe Deborah Kawe

Uganda: Asiimwe Deborah Kawe, Dramatikerin, Produzentin und Schauspielerin.
© Zahara Abdul.

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Wie beurteilen Sie Ihr Theaterschaffen vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges, Luca Zahn?

Die Kraft des künstlerischen Arbeitens wird häufig unterschätzt. Denn diese Prozesse sind es, die Diktatoren und Autokraten am meisten Angst machen, denn sie werden bleiben und können selbst in Kriegen nur kurzfristig zerstört werden. (…) Der internationale Zusammenhalt in dieser Hinsicht ist umso wichtiger, desto mehr Staaten und Verbündete zunehmend territorial auftreten und militärisch agieren. In Notsituationen auch aus dem Untergrund und aus dem Exil werden Künstler*innen immer für Wahrheit, Menschlichkeit und Nächstenliebe eintreten und für die Narrenfreiheit.

Luca Zahn

Deutschland: Luca Zahn, Schauspieler, Mitglied des internationalen Barr Theatre Collective.
© Benkin Fotografy

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 Welche Entwicklungen gibt es im Theater in Südkorea, Hee Jin Lee?

Die koreanische Regierung unterstützt Kunst- und Technologieprojekte schon seit drei bis vier Jahren. Während der Pandemie gab es viele Menschen, die sich für grüne und organische Produktionen und Tourneen ausgesprochen haben. Es scheint, als ob dieses Jahr in der Theaterszene „grün” und „umweltfreundlich” die Hauptthemen sind. Gleichzeitig gibt es viele Bemühungen, das Theaterumfeld für behinderte Menschen (als Partner und Zuschauer) zu verändern.

HeeJin Lee


Südkorea: Hee Jin Lee ist Kulturproduzentin in Seoul.
© pams – performing arts market in seoul

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Welche Entwicklungen gibt es im Theater in Chile, Marco Layera?

Wir sind voller Hoffnung angesichts der neuen chilenischen Regierung und der verfassungsgebenden Versammlung, die gerade ein neues Grundgesetz entwickelt. Wir hoffen, dass sie Kunst und Kultur anders begreifen wird und ihr einen eigenen Stellenwert zurechnet. Wir müssen unsere Praktiken, in einer Gesellschaft nach dem estallido social (dem gesellschaftlichen Protest und Aufbruch seit 2019), auf den Prüfstand stellen. Unsere Theaterkompanie hat das Theater immer als ein Instrument der Kritik und der Gestaltung verstanden – und als Methode, Gemeinschaften zu bilden.

Marco Layera

Chile: Marco Layera, Regisseur und Autor.
© Teatro La Re-sentida
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Alle Antworten der von uns befragten internationalen Theatermacher:innen lesen Sie im Juni-Heft der DEUTSCHEN BÜHNE!