Zwischenruf: Sir Simon Rattle übernimmt das BR-Symphonieorchester

Von Wolf-Dieter Peter am 11.01.2021 • Bild: akg-images/Thomas Bartilla
Das Bild zeigt: Sir Simon Rattle in Aktion

Auch wenn Berlin Bundeshauptstadt ist, die dortigen Philharmoniker schon Weltklasse sind und ein immer noch fabelhaftes Konzertgebäude bespielen: München kann sich mit seinen Mozart-, Wagner-, Strauss-, etlichen anderen Uraufführungen und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, dem „SO des BR“, ebenfalls in die Welt-Liga der Musik einreihen. Deshalb ist auch für Bayens Hauptstadt das Beste gerade gut genug. An diesem Maßstab muss sich die Bestellung von Sir Simon Rattle zum neuen Chefdirigenten eben dieses Rundfunkorchesters ab Herbst 2023 messen lassen.

Reaktion eins: Wenn man einen Maazel, Celibidache, Levine oder Mehta in der Stadt hatte und wenn man die derzeit wohl herausragende Dirigenten-Begabung Kirill Petrenko gerade an Berlin abgegeben hat, dann muss – nach dem Tod von Mariss Jansons – was Großkalibriges den seit einem Jahr verwaisten Chefsessel des „SO“ einnehmen. Schließlich kam ein Weltstar wie Leonard Bernstein zu seiner „Tristan“-Einspielung eben zu diesem „SO“ – und deutlich weniger glamourös, aber von sonst selten anzutreffender Tiefe und Herzenswärme war die Ära des unvergesslichen Rafael Kubelik als Chef des „SO“. Ein Konzert unter Kubelik mit Beethovens 9. Symphonie soll 1970 in Liverpool einen prägenden Eindruck hinterlassen haben: der Teenager Simon wollte daraufhin auch so ein Dirigent werden…

Reaktion zwei: „Rattle-di-tattle“… Da kommt einer, der wird dem stets gediegenen, mitunter auch selbstgefälligen Münchner Musikleben mal so etwas wie das Tanzen beibringen! Der 1955 geborene Liverpooler Simon Rattle hat schon in seiner ersten Chefposition beim zunächst nur regional bekannten Birmingham Symphony Orchestra internationales Aufsehen erregt. Und seine von 2002 bis 2018, also ganze 16 Jahre währende Chef-Periode bei den Berliner Philharmonikern führte das vor, was München jetzt gut tun wird: Neugier über gängige Repertoire-Bereiche hinaus – siehe seine Video-Box „Musik im 20.Jahrhundert“; ein Musizieren, das nicht auf emotionale Überwältigung zielt, sondern auf feine Klangreize und Durchhörbarkeit; dies und dazu die Freude an Monumenten der Klassik zeigen Rattles Einspielung der ersten zwei Werke aus Wagners „Ring des Nibelungen“ – just mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks.

Vor allem aber „Kommunikation über Grenzen hinaus“: Rattle spielte mehrfach Filmmusik ein; er dirigierte bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in London; er initiierte ab 2002 mit den Berliner Philharmonikern das Projekt Zukunft@BPhil, mit und in dem Kinder an Musik herangeführt wurden – gipfelnd in dem Tanz-Projekt auf Strawinskys „Sacre du Printemps“, mehrfach preisgekrönt und verfilmt als Rhythm is it. Auf dieser kommunikativen Schiene – niederschwellig erstklassige Kunst zu vermitteln – sollte München also einiges erwarten. Außerdem kann das internationale Renommee, mit dem Rattle antreten wird, der problem- und jetzt auch finanziell belasteten Situation um einen neuen Münchner Konzertsaal-Bau nur zuträglich sein.

Schon einmal hat der british style um Sir Peter Jonas an der Bayerischen Staatsoper Münchens Musikleben eine singuläre Blüte beschert. Das als Omen genommen: Welcome Sir Simon!