Zwischenruf: Raketen-Pädagogik

Von Detlef Brandenburg am 11.12.2020 • Bild: Ostsee-Zeitung
Das Bild zeigt: Artikel in der Ostsee-Zeitung vom 10. 12. 2020
Heute erreichte uns ein Offener Brief des Theaters Vorpommern mit Sitz in Greifswald und Stralsund, das den gesamten Landkreis Vorpommern-Rügen bespielt. Der Brief betrifft zwar kein genuines Theaterthema. Aber er verwahrt sich gegen einen Vorgang von einer solchen politischen-pädagogischen Kulturlosigkeit, dass wir ihn dennoch hier widergeben. Es geht um den oben abgebildeten Artikel in der Ostsee-Zeitung von gestern über ein museumspädagogisches Gemeinschaftsprojekt der Klassen 9gb der Europaschule in Ahlbeck und des Historisch-Technischen Museums in Peenemünde. Dort, in der einstigen Heeresversuchsanstalt, wurde in den letzten Kriegsjahren die sogenannte „Vergeltungswaffe 2“ (V2) entwickelt, eine vermeintliche Raketen-„Wunderwaffe“, die dem längst bankrotten Nazi-Regime doch noch einen illusionären  „Endsieg“ bescheren sollte. In der Tradition des damals im Team des Physikers Wernher von Braun tätigen Graphikers Gerd de Beek, der die Raketen mit euphemistischen Glückssymbolen verziert hatte (unter anderem eine nackt auf einer Mondsichel reitende Frau), stellte der Museumspädagoge den Schülern die Aufgabe, selbst solche Verzierungen für die Raketen zu entwerfen. Auch Hakenkreuze durften dabei Verwendung finden.
Die Art und Weise, wie die beteiligten Organisatoren diese Aktion kommentieren, auch die Haltungslosigkeit, mit der die Zeitung das kolportiert, offenbaren eine unfassbare demokratisch-politische und geschichtliche Orientierungslosigkeit. Hier handelt es sich ja nicht um irgendeinen privaten Veteranenverein, der ein bisschen außer Kurs geraten ist. Die Aufsichtsrats-Vorsitzende des Museums ist laut Homepage „Staatssekretärin Susanne Bowen“, die Europaschule wird von der Gemeinde Heringsdorf getragen. Mit anderen Worten: Beides sind öffentliche Einrichtungen auf Landes- und kommunaler Ebene. Der Einschätzung von Dirk Löschner und seinem Team zu diesem Vorgang im folgenden Brief schließen wir uns an.

Offener Brief des Theaters Vorpommern

Erschüttert und fassungslos ließ uns der Artikel „Nackte Haut auf V2-Raketen: Schüler verzieren Todeswaffe“ auf Seite 15 in der Ostsee-Zeitung (Greifswalder Ausgabe) vom 10.12.2020 zurück. Als Theater arbeiten wir seit vielen Jahren mit Lesungen, Stückaufführungen im Theater und Klassenzimmerstücken in den Schulen an der Aufarbeitung der grauenhaften Verbrechen des Naziregimes. Dabei war es uns immer wichtig, den Zusammenhang zwischen Militarismus, autoritärem Denken, Technikgläubigkeit und geistiger Manipulation gerade auch der Jugend deutlich zu machen. Die Lehren aus dieser deutschen Vergangenheit zu ziehen hieß für uns, zum Misstrauen gegenüber Verheißungen einer rassischen oder technischen Überlegenheit zu ermutigen und jeder Form der Verharmlosung vehement entgegenzutreten. Nun bemüht sich diesem Artikel zufolge die Museumspädagogik eines öffentlich geförderten Museums in Mecklenburg-Vorpommern darum, Schüler*innen das Verschönern von V-Waffen (Vergeltungswaffe) nahe zu bringen und lässt auch die Verwendung von verfassungsmäßig verbotenen Zeichen der NS-Zeit zu, um „keine Denkgrenzen zu setzen.“ Das Ganze soll als Test für spätere Museums-Besucher der ehemaligen Heeresversuchsanstalt Peenemünde dienen – in einem Wahlkreis, in dem die AfD zusammen mit der NPD bei den letzten Landtagswahlen 2016 auf 52,4 Prozent kam. Im Wahlbezirk Usedom insgesamt kamen beide Parteien auf über 36 Prozent der Wählerstimmen.

Auf die Frage nach der Verwendung von Hakenkreuzen zur „Verschönerung“ der V2 durch die Schüler*innen der Klasse 9 gb der Europa-Schule in Ahlbeck erklärt der Museumspädagoge Sven Brümmel: „Die Schüler haben gefragt, ob sie es verwenden dürfen. Das lag in ihrem Ermessen. Ich habe keine Denkgrenzen gesetzt.“ Die Ostsee-Zeitung findet das: „plausibel, denn solche Grenzen gibt es später für die Museumsbesucher, die vor dieselbe Aufgabe gestellt werden, auch nicht.“ Weder die Leitung des Museums noch die Klassenlehrer noch die Redaktion der Ostsee-Zeitung sehen in diesem Vorgang offenbar irgendetwas Skandalöses. Gibt es keine Instanz mehr in diesem Land, die angesichts solcher Vorgänge aufmerkt und ein Gespür dafür erkennen lässt, dass offenbar etwas eklatant in die falsche Richtung läuft?

Dirk Löschner
Intendant Theater Vorpommern

Peter van Slooten
Kaufmännischer Geschäftsführer Theater Vorpommern

Horst Kupich
Stellvertretender Intendant Theater Vorpommern

Dr. Sascha Löschner
Chefdramaturg Theater Vorpommern

Hans Heuer
Leiter der Öffentlichkeitsarbeit Theater Vorpommern