Pollesch soll's richten

Von Detlev Baur am 12.06.2019 • Bild: William Minke

Der Regisseur René Pollesch wird zu Beginn der Spielzeit 2021/2022 Intendant der Berliner Volksbühne. Das gab Kultursenator Klaus Lederer gerade auf einer Pressekonferenz bekannt. Er tritt damit die Nachfolge von Interimsintendant Klaus Dörr an, dessen Vertrag erst vor wenigen Monaten verlängert worden war.

Pollesch war einer der prägenden Regisseure der Ära Castorf an der Volksbühne, von 2001 bis 2007 leitete er die Spielstätte „Prater“. Dort und an zahlreichen anderen großen deutschsprachigen Theatern entwickelte er seitdem ohne Unterlass seine eigenwilligen und zugleich prägenden Polit-Palaver-Performances, die mit viel Witz und sprachlichem Einsatz der Akteurinnen und Akteure gesellschaftliche Themen formulierte – und in Beziehung zur Theaterwelt setzte. Dabei entstanden oft Theaterfeste, die anregend und unterhaltsam waren. Nicht zufällig glänzen bei Pollesch die besten Schauspielerinnen und Schauspieler.

René Pollesch wäre 2017 der naheliegendste Nachfolger Castorfs gewesen, stattdessen engagierte der damalige Kulturdezernent Tim Renner den theaterfremden Kurator Chris Dercon. Dercon selbst versuchte dann erfolglos Pollesch in sein Leitungsteam zu holen und scheiterte nach wenigen Monaten.

Ob im Jahr 2021, vier Jahre nach Castorfs Ausscheiden aus der Volksbühne, René Pollesch der richtige Intendant des Theaters ist, ist aus der Ferne schwer zu entscheiden. Ein gewagter Schritt nach vorne ist diese Entscheidung jedenfalls nicht. Hätte nicht etwa ein osteuropäisches Leitungskollektiv der Ausrichtung des Theaters in seiner Berliner Ost-Perspektive ganz neue Impulse geben können?

Nur wenn Pollesch sich als Entwickler jüngerer, alternativer Theaterleute bewähren will und kann, dürfte seine Intendanz nicht nur an die große Castorf-Zeit anknüpfen, sondern die Volksbühne auch in die Zukunft führen.