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Ohne Dirigent bin ich einsam

Barrie Kosky, Intendant und Chefregisseur der Komischen Oper Berlin, über Glücksmomente und Horrorstories in der Zusammenarbeit zwischen Regisseur und Dirigent

Leseprobe aus Heft 02/2019 zum Schwerpunkt „Dirigenten als Mittäter“.
Von Detlef Brandenburg am 01.02.2019

Herr Kosky, die enge Zusammenarbeit zwischen Regisseur und Dirigent sollte doch eine Selbstverständlichkeit sein. Dennoch gibt es da immer wieder Probleme. Woran liegt das?

Barrie Kosky: Das Problem fängt schon mit dieser klassischen Frage an, ob die Musik wichtiger als der Text ist oder der Text wichtiger als die Musik. Prima la musica, doppo le parole? Oder umgekehrt? Man muss das, glaube ich, historisch betrachten. Über Jahrhunderte hinweg gab es in der Oper ja gar keinen Regisseur im heutigen Sinne. Selbst der heutige Typ des Dirigenten ist sehr spät entstanden und der Regisseur noch später. Früher hat der Komponist selbst seine Oper für die Bühne eingerichtet oder der Dirigent, der Inspizient, der erste Geiger … Erst mit Künstlern wie Max Reinhardt entstand der „Regisseur“, und Reinhardt hat ja durchaus eng mit bedeutenden Dirigenten zusammengearbeitet. Richard Strauss verehrte ihn so sehr, dass er 1911 unbedingt seinen „Rosenkavalier“ in Reinhardts Regie uraufführen wollte, gegen viele Widerstände.

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Über Jahrhunderte hatten also die Dirigenten oder musikalischen Leiter fast alle Macht über die Oper. Und plötzlich kamen Regisseure mit eigenen Gestaltungsansprüchen.

Barrie Kosky: Ja, und nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich insbesondere in Ostdeutschland ein regelrechtes Laboratorium der anspruchsvollen Opernregie, gerade auch hier an der Komischen Oper unter Walter Felsenstein. Diese Opernregie hat die Theaterwelt erobert, und damit kamen auch diese Kräche, wer über die Gattung Oper die Deutungshoheit hat. Ich will hier aber nicht nur die Dirigenten dämonisieren, das ging von beiden Seiten aus. Es gibt auch Regisseure, die sagten: „Es ist mir vollkommen egal, was der Dirigent denkt, ich will nach meinen Vorstellungen mit der Musik umgehen!“ Oder schlimmer noch: „Ich habe überhaupt kein Interesse an der Musik.“ Und ja, es gab und gibt große Dirigenten von Karajan bis hin in unsere Gegenwart, die denken, dass die Musik an erster Stelle steht.

Was denken Sie?

Barrie Kosky: Ja – interessanterweise denke ich das auch! Alle szenischen Impulse für meine Inszenierungen kommen aus der Musik. Die Bilder, die Personenführung, die inhaltlichen Ideen, all das muss von der Musik ausgehen.

Aber wenn die Musik die Szene bestimmt, müsste sich auch der Dirigent für die Regie interessieren, so wie der Regisseur für die Musik. Es müsste ein Teamwork entstehen.

Barrie Kosky: So ist es! Aber bleiben wir ehrlich. Ein Teil von meinen Regiekollegen weiß nicht genug über die Musik. Sie benutzen nur die CD und das Booklet, sie dringen nicht tief in die Musik ein. Und sie verstehen nicht, dass es einen Dialog und eine künstlerische Arbeit zwischen dem Dirigenten und dem Regisseur geben muss, weil die Musik den gesamten Bewegungsraum der Inszenierung bestimmt. Du kannst eine Aktion gegen die Musik setzen. Aber auch dann musst du mit der Musik arbeiten. Die Musik darf nicht zum Soundtrack werden. Auf der anderen Seite gibt es Dirigenten, die Oper machen, obwohl sie eigentlich gar kein Interesse an Theater haben. Die haben keine Lust, wochenlang in einem Probenraum zu sitzen und auszuprobieren, zu wiederholen, zu entdecken. Die stehen auf dem Standpunkt: „Wenn ich sage, das ist werktreu, dann ist es auch werktreu.“ Dieses Selbstverständnis von Dirigenten bringt die Theaterkunst in eine Sackgasse. Die beste aller möglichen Welten in einem Probenraum ist doch, wenn Dirigent und Regisseur gemeinsam ein Sicherheitsnetz für die Sängerinnen und Sänger entwickeln, die ihre Interpretation auf der Bühne verkörpern sollen. Wenn die beiden sich einig sind – das siehst du sofort, schon im Probenraum! Und wenn sie sich nicht einig sind – das ist Gift! Du kannst dann keine gute Arbeit mehr machen. Denn Oper is the most collaborative of Kunstformen!

Auch Sänger sagen, wie schädlich es ist, wenn beides nicht zusammenkommt.

Barrie Kosky: Es ist furchtbar! Es gibt dafür ja auch schlimme Beispiele. Du probst wochenlang, dann erscheint der Dirigent und ändert alles wieder. Ich habe immer von der Utopie geträumt, dass in der Oper Musik und Theater nicht getrennt sind. Ich möchte immer das Gesamtkunstwerk haben!

Das ist doch auch eine Führungsaufgabe. Wie stellen sich eigentlich die Intendanten zu solchen Missständen?

Barrie Kosky: Das ist eine sehr interessante Frage! Hier bei uns wird genau im Vertrag festgelegt, wann der Dirigent da zu sein hat. Das ist ja auch schon immer die Utopie gewesen, für die die Komische Oper Berlin steht. Aber an manchen großen Häusern gibt es noch immer die Vorstellung, eine Inszenierung wäre eine Art Verkehrsregelung für die Sänger: Herzog kommt von hinten, Damen und Edelmänner kommen von links, Rigoletto kommt von rechts und hat Vorfahrt. Und mancher traditionell orientierte Dirigent denkt, der Regisseur sei ein Verkehrspolizist, der soll doch erst mal alles regeln, und dann kommt er und übernimmt. Das ist natürlich meilenweit weg von der Idee des Musiktheaters, das schadet dem Beruf. Zum Glück habe ich das so nie erleben müssen. Ich mache seit 25 Jahren Oper. Und in 90 Prozent der Fälle ist meine Verständigung mit den Dirigenten sehr gut gewesen, nur in zehn Prozent ist das schiefgelaufen. Wenn ich mit einem neuen Dirigenten arbeite, dann treffe ich ihn ein Jahr vor der Premiere, um über die Partitur zu reden, um über die Tempi zu reden, um über unser gemeinsames Abenteuer zu reden. Am ersten Tag der Proben zu erscheinen und zum Dirigenten zu sagen: „Hallo, ich bin Barrie, und wer sind Sie?“ – Nein! Unmöglich! Aber manche Regisseure machen das …

Na ja, man hat auch von Dirigenten gehört, die für Regisseure nicht leicht zu erreichen sind.

Barrie Kosky: Okay, dann musst du insistieren. Es ist doch nicht so schwer, zum Telefonhörer zu greifen und zu sagen: „Hallo, lass uns doch mal einen Kaffee trinken.“ Das muss proaktiv sein, von beiden Seiten. Aber manchmal habe ich auch den Eindruck, dass das Publikum, dass auch das Feuilleton glaubt, es müsse diesen Kampf zwischen Dirigent und Regisseur geben: Wer hat die Kontrolle, wer wird den Kampf gewinnen? That’s the drama that people like. Und dann liest du, vor allem in den Blogs und Internetsites und den Social-Media-Foren, wieder diesen Unsinn: „Wie konnte der Dirigent so eine Inszenierung erlauben?!“ Das schreiben sie dann auch über meine Dirigenten, über Vladimir Jurowski, über Teodor Currentzis, Constantinos Carydis, Ivor Bolton, all diese wunderbaren Musiker: „Wie konnten Sie Herrn Kosky erlauben, das zu machen?“ Hey, they didn’t allow it. They loved it! Das ist so eine fixe Idee, dass Dirigenten und Regisseure gegeneinander arbeiten.

Eigentlich ist doch schon die Frage „Prima la musica, doppo le parole oder umgekehrt?“ falsch gestellt. Es gibt da gar kein Entweder-oder. Oder?

Barrie Kosky: Es gibt da zumindest keine Hierarchie, nein. Aber es gibt natürlich unterschiedliche Arbeitsprozesse. Wenn ich mit Ivor Bolton eine Barockoper mache, dann weiß ich: Ivor ist ein total instinktiver Künstler. Wie ich übrigens auch. Er kennt die Partitur immer vorwärts und rückwärts, aber es hat überhaupt keinen Sinn, mit ihm vorher über Tempi oder Dynamik zu reden. Die Entscheidungen fallen alle erst mit den Sängern bei der Probe. Genau umgekehrt ist es mit Vladimir Jurowski: Vladimir ist für mich ein Operngenie. Er braucht für seine Arbeit ein komplettes dramaturgisches Fundament – das komplette Gegenteil von Ivor. Vladimir will mit mir am liebsten schon zwei Jahre vor der Premiere über Nietzsche, Freud und die Kabbala reden. Und er geht schon vor den Proben tief in die Partitur, tief in die Musik, dann sitzen wir und sprechen über Architektur, Tempi, Themen … Er ist perfekt vorbereitet – in der Probe dann aber auch immer bereit, eine Idee aufzugeben, wenn eine bessere sich zeigt. Wie Ivor ist er immer da, er sitzt an meiner Seite, stundenlang! Constantinos Carydis redet nicht so sehr über den intellektuellen Überbau, aber sehr genau über die musikalische Architektur. Und auch er ist in jeder Probe da, schon eine halbe Stunde vorher sitzt er da und vertieft sich in die Partitur. Und Teodor Currentzis – als wir „Macbeth“ machen wollten, haben wir uns ein Jahr vorher getroffen, und er hat mir gesagt: „Der einzige Grund, warum ich ,Macbeth‘ noch mal mit dir mache, ist: Ich möchte alles wegschmeißen, was ich vorher gemacht habe. Ich möchte komplett bei null anfangen.“ Das ist es, was alle vier Dirigenten gemeinsam haben: Sie wollen mit mir gemeinsam etwas entwickeln. Das ist das Entscheidende! Ich bin einsam, wenn der Dirigent nicht im Probenraum ist. Ich vermisse ihn, wenn er wegmuss zu den Orchesterproben.

Und wie kam es zu den negativen Erfahrungen – zu den anderen zehn Prozent?

Barrie Kosky: Ah, Sie wollen die Horrorstory, okay! Ich habe auch schlechte Erfahrungen gehabt, aber zum Glück keine katastrophale. Als ich noch jung war, habe ich es erlebt, dass ein Dirigent kurz vor der Premiere anreiste. Wir haben uns gestritten. Und natürlich hatte ich es auch mit den classic lines, mit diesen Standardfloskeln zu tun: „Was Sie vorhaben, ist nicht im Sinne des Komponisten.“ „Das steht nicht in der Partitur!“ „Die Partitur ist unsere Bibel!“ All dieser Quatsch eben. Und ich habe Intrigen erlebt, wo Dirigenten sich mit Sängern zusammengetan haben, um meine Arbeit zu untergraben. Aber ich sage Ihnen: All das ist völlig unnötig. Denn die wirklich guten Regisseure, die ich kenne, die wollen alle mit dem Dirigenten arbeiten. Daran erkennt man aber auch einen enormen Generationswechsel: Die jungen Dirigenten, die jungen Regisseure wollen zusammenarbeiten.

Und Sie arbeiten jetzt mit Ainārs Rubiķis zusammen, seit Beginn der Saison neuer GMD der Komischen Oper Berlin

Barrie Kosky: Ja, und ich bin so glücklich darüber! Ainārs, unser GMD, und Jordan de Souza, unser Erster Kapellmeister, sind beide so hochbegabte musikalische Dirigenten, beide sind hochinteressiert am Theater, und beide können in der Probe etwas liefern! Ainārs hat ja schon in Riga und Nowosibirsk sehr viel Oper gemacht, er ist erfahren. Es ist selbstverständlich für ihn, dass er zu einer Bauprobe kommt, dass er sich für die Ideen der Regisseure interessiert. So wünsche ich es mir. In meinen Proben möchte ich einen offenen Raum schaffen, zu dem alle etwas beitragen. Wenn du dazu keine Lust hast: Go and do concerts! Make CDs! Or do Sprechtheater!

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