Offener Brief zum kulturpolitischen Streit in Halle

Von Detlef Brandenburg am 14.01.2019 • Bild: Falk Wenzel
Das Bild zeigt: Streit den Kurs der Oper in Halle

In einem Offenen Brief bringen rund 80 Theaterschaffende aus ganz Deutschland ihre Besorgnis über den Konflikt zwischen den künstlerischen Leitungen der Oper sowie des neuen theaters Halle und der Geschäftsführung zum Ausdruck. Der Konflikt hatte sich im Dezember zugespitzt, nachdem Opernintendant Florian Lutz und Schauspielchef Matthias Brenner in einem Schreiben an den Aufsichtsrat die Verlängerung ihrer Verträge von der Personalie des Geschäftsführers Stefan Rosinski abhängig gemacht hatten. Rosinskis Arbeit bewerten sie in dem Schreiben als „als spaltend, unkollegial bis destruktiv“. Zu den Unterzeichnern Offenen Briefes vom 14. Januar, der sich an den Hallenser Oberbürgermeister Bernd Wiegand als Aufsichtsratsvorsitzenden, an Rainer Robra als Kulturminister des Landes Sachsen-Anhalt und an die übrigen Aufsichtsratsmitglieder richtet, zählen prominente Künstler wie Matthias Lilienthal (Intendant der Münchner Kammerspiele), Jürgen Flimm (Intendant a.D. der Staatsoper Berlin) Dietmar Schwarz (Intendant der Deutschen Oper Berlin) Oliver Reese (Intendant des Berliner Ensembles) oder Nicolas Stemann (Regisseur und designierter Intendant Schauspielhaus Zürich), aber auch Vorstandsmitglier der Gesellschaft der Freunde der Oper und des Balletts Halle. Wir zitieren im Folgenden den Text:

OFFENER BRIEF

Kulturpolitische Weichenstellung in Halle (Saale)

„Halle (Saale) ist seit Beginn der Opernleitung von Florian Lutz, Veit Güssow und Michael v. zur Mühlen in der Spielzeit 2016/2017 und durch das seit acht Jahren kontinuierliche und mutige Wirken von Matthias Brenner und Henriette Hörnigk im neuen theater zu einem außergewöhnlichen Leuchtturm der mitteldeutschen Kulturlandschaft mit bemerkenswerter deutschlandweiter Strahlkraft avanciert, von dem zukunftsweisende Impulse für die deutsche Stadt- und Musiktheaterlandschaft ausgehen. In Halle wird mit künstlerischer Vision und Leidenschaft an einem Theater der Gegenwart gearbeitet, das sich in intensivem Austausch mit den Menschen der Stadt und Region befindet und mit einem vielfältigen Angebot auf die sich wandelnde Stadtgesellschaft reagiert. Wir beglückwünschen den Aufsichtsrat ausdrücklich, sich für dieses künstlerische Profil für seine Stadt entschieden zu haben!

Gerade deshalb verfolgen wir mit größter Sorge die jüngste Zuspitzung des Konfliktes zwischen den künstlerischen Leitungen der Oper und des neuen theater auf der einen und der Geschäftsführung der TOOH auf der anderen Seite. Als Kulturschaffende wissen wir, wie ungemein wichtig eine vertrauensvolle Zusammenarbeit  von  Geschäftsführung  und  künstlerischer  Leitung  für  die  Arbeit  am  Theater  ist. Bedingungen in allen Abteilungen zu schaffen, welche die freie Entfaltung der Kunst ermöglichen, ist der eigentliche Zweck jeder Theaterinstitution. Wir wissen auch, dass die freie Entfaltung der Kunst nicht nur eine Frage der Spielplanautonomie in jeglicher Hinsicht ist, sondern vor allem auch von der Fairness und dem Wohlwollen der kaufmännischen Abteilung abhängt, diese nach innen wie außen zu ermöglichen.

Leider gibt es in jüngster Zeit zahlreiche Beispiele, die zeigen, welch destruktive Energie und welch nachhaltiger Schaden für eine Kulturinstitution entstehen kann, wenn die Machtverhältnisse und Organisationsstruktur im Hause und die Repräsentation gegenüber den Aufsichtsgremien die Kunst aus den Augen verlieren. Die aktuellen Entwicklungen in Halle zeugen von einer akuten Gefahr für das Theater und uns scheint dringender Handlungsbedarf der entsprechenden Aufsichtsgremien in Stadt und Land geboten, die künstlerische Arbeit der derzeitigen Intendanten in Halle zu schützen.

Sie haben die politischen Mittel in der Hand, diese Entwicklung zu befördern und das Theater in Halle und die Kulturlandschaft von Sachsen-Anhalt vor einem lange nachwirkenden, schweren Schaden zu bewahren. Bitte unternehmen Sie alles Notwendige, um die künstlerische Arbeit der äußerst erfolgreichen, oben genannten Intendanten auch in zukünftigen Spielzeiten für Halle zu ermöglichen und zu gewährleisten.“