Medientipp: Musik: Golda Schultz, Jonathan Ware: „This be Her Verse“

Von Andreas Falentin am 21.04.2022 • Bild: Outhere Music
Das Bild zeigt: Cover „This be Her Verse“, Alpha799

Der lyrischen Sopranistin Golda Schultz und dem Pianisten Jonathan Ware ist ein großartiges Album gelungen. „This be Her Verse“ enthält Lieder von Clara Schumann, Emilie Mayer, Rebecca Clarke, Nadia Boulanger und Kathleen Tagg. Hier wird mit größter Akribie und Leidenschaft musiziert. Fast alle Lieder strahlen, lassen Hörer und Hörerin in Welten eintauchen.

Hand aufs Herz, wie viele Komponistinnen kennen Sie? Gut, in den letzten 30 Jahren hat es die eine oder andere in die „Erste Reihe“ geschafft, Sofia Gubaidulina, Rebecca Saunders und Olga Neuwirth sind vielleicht die bekanntesten. In den 150 Jahren davor aber haben Frauen durchaus viel komponiert, erhielten aber meistens keine Möglichkeit, ihre Arbeiten einer Öffentlichkeit zu präsentieren. Ausnahmen wie Louise Farrenc (1804-1875), deren Mann Musikverleger war, bestätigen die Regel. Ihre 3. Sinfonie beispielsweise sollte unbedingt häufiger auf den Konzertprogrammen auftauchen. Frauen galten in der Männergesellschaft des 19. Jahrhunderts vor der Begründung der ersten Frauenbewegungen – und weit darüber hinaus – schlicht als unfähig zu Kreativität auf hohem Niveau und wurden gleichzeitig als Konkurrenz gefürchtet. So nahm Gustav Mahler seiner Frau Alma vor der Ehe das Versprechen ab, nicht mehr zu komponieren.

Komponistinnen“ hieß ein DVD-Projekt des Filmemachers Tim van Beveren und der Pianistin Kyra Steckeweh, das 2020 mit dem Opus Klassik ausgezeichnet wurde, eine dokumentarische Spurensuche nach Mel Bonis, Lili Boulanger, Fanny Hensel und Emilie Mayer. Der erfolgreiche Film löste einen Trend von Veröffentlichungen von Werken oft auch unbekannter Komponistinnen auf dem schrumpfenden CD-Markt aus.

„This be Her Verse“ zeigt, dass auf diesem Gebiet einige Schätze zu heben viel mehr ist als gut gemeintes Anliegen oder Trendsetterei. Die 39-jährige Golda Schultz stammt aus Südafrika, war lange Ensemblemitglied der Bayerischen Staatsoper und verfügt über einen warmen, ungewöhnlich dunkel leuchtenden Sopran, den sie in der Regel schlank führt, der aber gerade im tiefen Register über beträchtliches Expansionsvermögen zu verfügen scheint. Bei den einleitenden Liedern von Clara Schumann stellt sich mit den ersten Takten ein romantisches Wohlgefühl ein. Die Widerhaken befinden sich in den Texten von Friedrich Rückert und Heinrich Heine. Schultz artikuliert so klar und ohne Schärfen, dass man den Worten zuhören muss, nicht in Gemütlichkeit versinken kann. Bei der vollkommen unbekannten Emilie Mayer, einer großartigen Entdeckung in drei Liedern, frappiert der epische Atem. Die dramatische Gestaltung etwa des „Erlkönigs“ ist weitaus differenzierter als in der Version von Mayers Lehrer Carl Loewe. Hier wie bei allen Liedern ist das Klavierspiel von Jonathan Ware, das bei Bedarf durchaus sehr zupackend sein kann, zu preisen. Dem Pianisten kommt bei diesem Programm eindeutig die Funktion des Ohrenöffners zu.

Denn schon die vier Lieder von Rebecca Clarke sind musikalisch sehr eigenwillig. Ihnen eignet nichts Romantisches mehr. „The Tiger“ auf das berühmte Gedicht von William Blake wirkt fast unheimlich mit seiner Intensität unterdrückter Leidenschaft, mit seiner fast hysterischen Mischung aus Wut, Mitleid und Ironie. In „The Seal Man“ scheinen sich dann Benjamin Britten und ein Spiritual zu begegnen. Die ausgewählten Lieder von Nadia Boulanger lassen sich vielleicht am besten als impressionistisch bezeichnen und zeichnen sich durch faszinierend herbe, fast lapidare Klangfarben aus. Hier gerät Golda Schultz die Höhe gelegentlich etwas unter Druck, was den Gesamteindruck aber nur wenig mindert. Abgerundet wird das klug zusammengestellte Programm mit dem Drei-Lieder-Zyklus „This be Her Verse“ von Kathleen Tagg auf Originaltexte von Lila Palmer, die Schultz und Ware eigens beauftragt haben. Es sind, fast im Wortsinn, umwerfende Stücke geworden: Experimenteller Klavierpart (der Konzertflügel klingt phasenweise wie ein ganzes Orchester), jazzig erodierende Harmonik, große dynamische Ausschläge, dann wieder ruhige Passagen. Hier führt Schultz ihre reich timbrierte Stimme überraschend instrumental und trifft damit den Charakter dieser ungewöhnlichen Musik.

„This be her Verse“ ist ein hervorragend zusammengestelltes Programm: 18 Lieder von fünf Komponistinnen, 18mal eine dezidiert weibliche Weltsicht, 18 wirkliche künstlerische Begegnungen, wenn auch nicht alle von der gleichen Intensität; kein Stück dabei, das nicht repertoiretauglich sein könnte; und ein extrem leidenschaftlich gestaltendes, großartig miteinander musizierendes Künstlerduo. Man kann mehrfach hinhören und wird immer wieder Verbindungen, Details neu entdecken!

Golda Schultz, Jonathan Ware: This be her Verse. Alpha799
Erschienen am 8. April 2022
Einen Trailer gibt es HIER
HIER ist das Album sowohl digital (zum Preis von 18 Euro) als auch physisch (zum Preis von 19 Euro) zu erwerben.