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Kultur für die Basis?!

Chemnitz wird Europäische Kulturhauptstadt 2025. Neben einem Fünfspartentheater leisten freie Bühnen und Vereine unentbehrliche Theaterbasisarbeit in der von Textilindustrie und Maschinenbau geprägten Stadt

Leseprobe aus Heft 01/2022 zum Schwerpunkt „Freie Szene: Versuch einer Einkreisung “.
Von Ulrike Kolter und Thilo Sauer am 01.01.2022

Industriemetropole mit Subkultur

Chemnitz ist weder Leipzig noch Dresden, weder liberale Messestadt mit Szeneviertel noch Kulturstadt mit barocker Prunkarchitektur. Die drittgrößte sächsische Stadt, die von 1953 bis 1990 Karl-Marx-Stadt hieß, war stattdessen Zentrum des DDR-Maschinenbaus und der nationalen Textilproduktion – bis heute bringt die Technische Universität vor allem Maschinenbauexperten hervor; eine Kunsthochschule gibt es nicht. Kultur in Form sogenannter Hochkultur gewährleistet das Städtische Theater im Stadtzentrum, ein großes Fünfspartenhaus mit Oper (man nennt die Stadt auch gern das sächsische Bayreuth), Philharmonie­, Ballett, Schauspiel und einem traditionsreichen Figurentheater. Daneben sorgen beachtlich ausgestattete Galerien für überregionales Renommee in der sonst eher industriell geprägten Stadt, die 2018 durch rechte Aufmärsche traurige Bekanntheit erlangte und zudem mit Überalterung zu kämpfen hat: Jeder dritte Bewohner ist über 60 Jahre alt. Nichtsdestotrotz behaupten sich einige kleine Bühnen und freie Initiativen neben den kulturellen Leuchttürmen – und halten mit Ausdauer und innovativen Ideen eine Theaterszene am Leben, die enorm wichtig ist für die soziokulturelle Vielfalt der Stadt. Womöglich ist Chemnitz auch deshalb zur Europäischen Kulturhauptstadt 2025 gekürt worden, was ein gewaltiges Konjunkturprogramm mit sich bringt – und nebenbei das lokale Selbstwertgefühl stärken soll.

Ein ehemaliges Kino: Das Fritz Theater

Abseits des Zentrums liegt zum Beispiel das Fritz Theater, ein charmantes umgerüstetes Kino mit 250 Plätzen. Gegründet haben das Theater Isabelle Weh und Hardy Hoosman, seit 2014 gehört Alica Weirauch mit zum Leitungsteam. Alle drei sind ausgebildete Schauspieler:innen und leben von den Einnahmen des Theaters, sie beschäftigen zwei 450-Euro-Jobber und ein Dutzend Freischaffende im künstlerischen Team. Außerdem unterstützt der Förderverein bei Bar, Garderobe und Einlass. Gespielt wird querbeet: Zeitgenössisches wie Rezas „Der Gott des Gemetzels“, Boulevard und Komödie, Kinder- und Jugendtheater sowie Literaturbearbeitungen.
 
„Im Jahr vor der Pandemie hatten wir es nach zehn Jahren geschafft, uns wirklich zu etablieren: Die Lage hier ist schwierig, ein Wohngebiet mit wenigen Parkplätzen und schlechter Anbindung. Wir hatten endlich ein volles Haus, ein dickes Plus – und dann kam Corona …“, erzählt Isabelle Weh. Im Lockdown 2020 hat eine Soforthilfe tatsächlich gegriffen, das Leitungsteam meldete Hartz IV an, die freien Kolleginnen und Kollegen wurden, so gut es ging, mit Förderprogrammen über Wasser gehalten. Durch das Neustart-Kultur-Programm konnte einigen Freien ein Ausfallhonorar gezahlt werden.

Ansonsten versuchten Isabelle Weh, Alica Weirauch und Hardy Hoosman alles, um spielen zu können und ihr Publikum nicht zu verlieren: Straßenaktionen oder ein Hygienekonzept mit extra angefertigten Tischen, sodass Zuschauende am Platz bedient werden konnten. „Das kam super an und ist nicht mehr wegzudenken im Raumkonzept!“ Streamen wollte das Fritz-Team ungern – und dachte sich mit der Serie „Couchgeflüster“ auf YouTube ein Format aus, in dem Theatergeister lokale Persönlichkeiten zum Gespräch treffen. Die Resonanz war überwältigend, und der Förderverein sammelte 15 000 Euro Spendengelder als symbolischen Eintritt. Mitte November 2021 beschloss Sachsen 2G – bis dahin hielten sich die Absagen in Grenzen. „Bis Dezember halten wir durch. Was kommt, wenn die Förderprogramme auslaufen, wissen wir nicht.“ Ende November folgte ein neuerlicher Lockdown in Sachsen, das Fritz musste wieder schließen.

Fluktuation und mangelnde Gelder

Vor 2010 prägte Liane Günther und ihr Armes Theater die freie Szene in Chemnitz. Mit dem Festival Spinning Jenny brachte sie experimentelles Theater in die Stadt, doch vor zehn Jahren geriet die Institution in eine Krise, vor allem, weil Gelder fehlten. „Die Lebensarbeit einer ganzen Generation ist flöten gegangen“, sagt Heda Bayer, die mit der Off-Bühne KOMPLEX sozusagen das Erbe angetreten hat. Die künstlerische Leiterin ärgert vor allem, dass viele Strukturen verloren gegangen sind und wieder neu aufgebaut werden mussten, und sie wünscht sich eine bessere Förderung seitens der öffentlichen Hand.

Vereine als Träger: Die Off-Bühne KOMPLEX

Aktuell wird die Off-Bühne durch den 2010 gegründeten Klub Solitaer getragen. Robert Verch vom Vorstand: „Es gibt hier in Chemnitz – anders als in anderen Städten – viel Leerstand, aber den zu beleben ist schwierig.“ Also kaufte der Verein ein Haus auf dem Sonnenberg, einem etwas verrufenen Stadtteil – und schaffte dort Kulturräume, auch für die Off-Bühne KOMPLEX. Früher befand sich hier in der Zietenstraße eine Glaubensgemeinde, Halterungen erinnern noch an das Kreuz, das dort hing, auch die Leuchter im Inneren stammen aus dieser Zeit. Ansonsten hat sich der Raum komplett geändert: schwarzer Tanzboden, Träger mit Scheinwerfern und aufsteigende Sitzreihen – die ledernen Sessel hat Heda Bayer günstig von einem tschechischen Kino kaufen können. Hier organisiert der Verein Taupunkt, zu dem auch Heda Bayer gehört, viel Theater.

Sie hat das Gefühl, dass in Chemnitz viel Kultur für Eingeweihte gemacht wird, für Menschen, die schon ihr ganzes Leben hier verbracht haben. Das KOMPLEX will dazu ein Gegengewicht sein, Theater für Zugezogene machen, die vielleicht auch nicht in Deutschland aufgewachsen sind. „Man behandelt andere Themen, zum Beispiel die Situation der Frau heute in Europa.“ Um diese Lücken zu füllen, werden regelmäßig internationale Gruppen und gefeierte Produktionen eingeladen. Aber Taupunkt kümmert sich auch um die hiesige Szene: So betreut der Verein seit einem Jahr flausen+-Residenz für künstlerische Forschung und andere Stipendien, mit denen Kreative der freien Szene bisher durch die Coronakrise kommen konnten. Lücken füllen und Abseitiges wagen sei eine wichtige Aufgabe der freien Szene in Chemnitz, erklärt Gabi Reinhardt vom Verband der Freien Darstellenden Künste e. V. Sie realisiert verschiedene Projekte, hat mit Menschen in einem Wohnblock eine Performance auf den Balkonen entwickelt. Und ihre Arbeit sei relevant für die politische Bildung, ergänzt Frauke Wetzel, ebenfalls Vorsitzende vom Verband und vom ASA-FF, einem Verein, der Theaterprojekte gegen Rechtsextremismus und Fremdenhass entwickelt.

Zwischen Kino, Club und Galerie: Das Weltecho

Das Weltecho ist eine andere, nicht wegzudenkende Institution für die junge Chemnitzer Alternativkultur. Nach Umzug und Namensänderung kooperieren inzwischen zwei Vereine unter der Dachmarke Weltecho und betreiben zentrumsnah einen Club, eine Galerie für zeitgenössische Kunst, ein Programmkino und ein Café als Spielstätte für Podiumsdiskussionen, Theater- oder Tanzveranstaltungen. Auch das jährliche Festival KAMMERMACHEN mit zeitgenössischem Theater, Tanz und Klangkunst wird vom Verein Oscar e. V. betrieben – vor allem kleine internationale Theatergruppen finden hier eine Bühne. Wie hat ein so kleiner Verein die Coronakrise überwunden? „Der Ausfall und die Verlegung von Konzerten und Ausstellungen war vor allem ein emotionaler Tiefpunkt“, so Ronald Weise. „Zur Verfügung stehende Fördermittel haben wir in Investitionen zur Erneuerung des technischen Equipments und unserer Infrastruktur verwendet.“

Besonders an der Chemnitzer Szene ist, dass man zusammenarbeitet, so Robert Verch vom Klub Solitaer: „Die Künstler bleiben nicht in ihren Galerien und die Musiker nicht in ihren Studios.“ Und Chemnitz wird immer attraktiver. Dennoch fehlt einiges – vor allem eine Struktur und die Unterstützung der Stadtverwaltung, die professionelle Theaterarbeit ermöglicht. Deswegen hat sich kurz vor der Coronakrise der Verband der Freien Darstellenden Künste gegründet. „Ich hatte immer das Gefühl, nicht ernst genommen worden zu sein. Gleichzeitig wurde von der Politik der Wunsch geäußert, einen klaren Ansprechpartner zu haben. Mit dem Verband haben wir einfach eine stärkere Stimme“, erklärt Gabi Reinhardt.

Und der Tanz?

Auch wenn die freie Tanzszene in Chemnitz marginal ist: Seit 2019 gibt es den Verein TANZ | MODERNE | TANZ e. V., dessen Vorstandsvorsitzende Sabrina Sadowska auch Ballettdirektorin am Städtischen Theater Chemnitz ist. Der Verein für zeitgenössischen Tanz hat in 2021 das Projekt #ChemnitzMovesOn! initiiert, bei dem mit Unterstützung diverser Fördertöpfe und im Rahmen von Neustart Kultur digitale und analoge Strukturen für die Szene angestoßen wurden und freischaffende Künstler:innen im Lockdown unterstützt wurden: Online-Tanzkurse für alle Generationen, digitale Workshops für angehende Tänzern:innen und Choreograph:innen oder Tanzprojekte im öffentlichen Raum. Im Sommer 2022 soll das jährlich stattfindende Festival TANZ | MODERNE | TANZ wieder stattfinden, mit internationalen Gastspielen und Diskussionsrunden.

Wie sich die freie Szene auf dem Weg zur Europäischen Kulturhauptstadt 2025 entwickeln wird, ob das Fritz Theater den Lockdown übersteht, die Off-Bühne KOMPLEX und das Weltecho weiter werden Theater zeigen können und ob sich auch der zeitgenössische Tanz etabliert: Es bleibt spannend in der Stadt der Moderne. An Initiativen und Raum mangelt es jedenfalls nicht.

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