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Zwischen Übermut und Rache

Mario Schröder: Das Nibelungenlied

TanzPremiere: Theater: Theater Kiel
Von Ulrike Lehmann am 18.04.2011

Der Name Siegfried steht für die Vollendung von körperlicher Stärke, für jugendlichen Mut und Heldentum, so ist es in der zweiten Aventüre des „Nibelungenliedes“ ausführlich überliefert. Diesen übermenschlichen Recken als Bühnenfigur zu formen, kann schief gehen – zumal im Tanz, wo physische Kraft eher filigran als kompakt daherkommt. Mario Schröder hat seinen Siegfried endlos kraftvoll geformt, in sprühender Beweglichkeit und gebündelter Energie: sein Siegfried ist ein 14-köpfiges Ensemble – und das funktioniert in mehrerlei Hinsicht prächtig! Homogen gekleidet in weiße T-Shirts mit neckischen Kampf-Symbolen (ein kleiner Gewichtheber, Blitze, ein Schwert) verkörpert die Kieler Compagnie einen naiven Helden, der sich noch austoben muss, seine Stärke kaum lenken kann. Da wirbelt und sprudelt jeder für sich, Gliedmaßen fliegen, die euphorische Truppe endet schon mal kollektiv in einer Bauchlandung. Diese multiple Darstellung charakterisiert nicht nur den Helden selbst, sondern auch sein heroisiertes Ansehen: Die selige Verliebtheit Kriemhilds etwa, die allen Grund hat, diese Übermacht anzuhimmeln.

Der scheidende Kieler Chefchoreograf und designierte Leiter des Leipziger Balletts, Mario Schröder, hat nicht weniger geschaffen, als die wesentlichen Stränge des 39-Aventüren-Epos nachvollziehbar in knappe zwei Stunden Tanz zu packen. Wagner brauchte für seine Dramen-Tetralogie gute 16. Nina Sonnenberg führt als empathische Erzählerin in die wichtigsten Episoden ein, bleibt dabei lakonisch und lässt der Tanzsprache wohldosiert Raum. Absolut stimmig unterstützen Musikauswahl und Lichtkomposition die Geschichte, symbolschwer baumelt der Speer über allem.

Mit der Brasilianerin Isis Calil de Albuquerque entwickelt sich Kriemhild von der kindlichen Schwärmerin zur zerstörten Witwe, deren Rachezwang in einem unglaublich-düsteren Solo nach der Pause Bild wird. Eine Bewegungsabfolge: der Griff zwischen die Schulterblätter (die Wunde, zuvor schon von der Siegfried-Kompanie eindrucksvoll kollektiv befühlt), doppelt-kreuzende Arme zur Waffe, ein verschrockenes Schütteln, und immer schneller rotiert ihr Kampf zwischen Verletzung, Schmerz und Rachedurst. Vergleichbar starker Moment ist die Wandlung Gunthers (Oliver Preiß), der vom geprügelten Gatten mit Siegfrieds Hilfe zum Sieger über die verprügelte Brünhilde (elektrisierend grazil: Urania Lobo Garcia) wird. Kampf- und Breakdance-Elemente vereinend, erhebt sich Gunther, leichtfüßig in wiederhergestellter Ehre und führt Brünhilde als gefügige Marionette davon.

Das Nibelungenlied endet im Gemetzel des Rachefeldzugs, weil auch Etzel Kriemhild nicht besänftigen kann. Mario Schröders plötzliche, verstörende Kriegsmetapher aus Tänzern in Camouflage-Outfits und rhythmisierten Busch-Zitaten zu Afghanistan endet erschreckend triftig: „Wer sich einmal für den Krieg entscheidet, kann keinen Frieden mehr finden.“

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