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Zwischen Märchen und Psychologie

Richard Wagner: Siegfried

Premiere: Theater: Oper Köln
Regie: Brigitta Gillessen  Musikalische Leitung: Rainer Mühlbach   Foto: Paul Leclaire/Oper Köln 
Von Andreas Falentin am 30.11.2019

Die Gretchenfrage bei diesem ungewöhnlichen Projekt ist stets die nach der Strichfassung und dem musikalischen Arrangement. Denn die Idee, Wagners vier „Ring“-Opern mit jeweils weniger als 20 Musikern und unter 90 Minuten Laufzeit für Kinder und Jugendliche aufzubereiten, darf durchaus als hybrid bezeichnet werden. Der Regisseurin Brigitta Gillessen, dem Dirigenten Rainer Mühlbach und dem Filmmusik-gehärteten Arrangeur Stefan Behrisch gelang es vor zwei Jahren, den Klangfarbenreichtum, die Faszination des Mythos, den nicht alt gewordenen Konversationston und die Dynamik des „Rheingold“ auch im Digest zu bewahren, während in der romantischen Tragödie „Walküre“ im Jahr darauf bei aller erzählerischen Sorgfalt vieles ein wenig pauschal wirkte, pauschal dünn.

Jetzt also war „Siegfried“ an der Reihe, jener Teil der Trilogie, den der klassische Wagnerianer eher nicht so liebt. Weil es kaum pathetisch rauscht im Orchester. Weil im ersten Akt eine Art epischer Konversationston waltet und die musikalischen Reize tiefgründig und effektiv, aber sparsam gesetzt werden. Weil der zweite Akt sehr transparent und flüssig komponiert ist, mit Anklängen an „das Rheingold" und Ahnungen von Impressionismus. Und weil die lange, ungeheuer differenzierte Schlussszene nicht nur Freud vorwegnimmt, sondern viel Aufmerksamkeit verlangt bis zu Brünhildes hohem C.

Just diese Vorgaben nutzen Gillessen, Mühlbach und Behrisch und schaffen den bisherigen Höhepunkt ihres kleinen Zyklus‘. Sie erzählen 75 Minuten lang genau zwischen mythischem und psychologischem Theater. Dafür hat Christof Cremer, der auch die schlüssigen Kostüme entworfen hat, einen stufigen Einheitsraum entworfen, der alles enthält, was das „Siegfried-Herz“ begehrt: vorne Schmiede und Küche, hinten die Drachenhöhle, dazwischen der Wald mit Weltesche, aus dem dann der Brünnhilden-Stein hochfährt. Gillessen setzt auf klassischem Kinder-Märchen-Theater auf, arbeitet die Motive heraus, verzichtet aber auf  Schwarz-Weiß-Zeichnung, dazu haben Mime und Alberich einfach zu viel Lebensenergie. Vor allem setzt die Regisseurin auf Siegfrieds Initiations-Geschichte, die sie ernsthaft angeht, was besonders dem Schluss zugutekommt. Anders als in der „Walküre“ wird Gewalt nicht verniedlicht – auch wenn der Drachenkampf zur Freude der jüngeren Zuschauer fast von der Augsburger Puppenkiste inspiriert scheint – und vor allem Erotik nicht unterdrückt. Mime darf geifern gegen Siegfried, Siegfried darf und muss küssen, Brünhilde darf und muss erst Angst haben, dann Leidenschaft empfinden. Die wird mittels eines weißen Wolltuches ausagiert, das Siegfried vom Waldvogel bekommen hat. Das erinnert zudem von ferne an zwei besondere „Siegfriede“ für Große aus der jüngeren Vergangenheit: Jossi Wielers Stuttgarter Bettenmachen und Günther Krämers Hamburger Schleierzerreißen.

Vor allem gelingt das empathische, aber eben nicht verharmlosende Erzählen von Handlung und Figuren. Wobei in der Premiere einiges noch ein wenig hölzern wirkt, einige Abläufe noch ein wenig unbelebt wirken, was aber spätestens in der dritten oder fünften Aufführung Geschichte sein wird. Für die Stückfassung gehen Gillessen und Mühlbach wieder extrem kleinteilig vor, streichen teilweise sogar einzelne Takte  oder kleben sie neu aneinander. Dazu haben sie am Anfang zwei längere gesprochene Passagen eingebaut, um die Exposition sicher zu vermitteln. Erdas Auftritt zu Beginn des dritten Aktes ist klug gestrichen. Das unvergessliche Orchester-Gebraus dieser Szene ist mit kleiner Combo kaum simulierbar, obwohl wenige Takte daraus zu Beginn ohne Peinlichkeiten ein choreographiertes „was bisher geschah“ untermalen. Sonst ist fast alles da, von Stefan Behrisch für fünf Streicher, einfach besetzte Holz- und Blechbläser, eine Harfe und einen Haufen Percussion gesetzt. Der Klangfarbenreichtum, den die 18 Musiker zusammen mit Rainer Mühlbach entwickeln, ist großartig. An einigen Stellen, gerade beim Waldweben und in der Schlussviertelstunde, hätte man ihnen sehr gerne länger zugehört.

Genau wie den jungen, frischen Stimmen. Insik Choi etwa wird einmal ein wunderbarer Wanderer sein. Noch fehlt es ein wenig an tragfähigem Piano und tiefen Farben, aber Ausstrahlung und musikalischer Zugang stimmen. So einen Gott hätte man ganz gerne.  Auch der Brünnhilde von Jessica Stavros, die echt hochdramatisch klingt, dem charmanten Vincenzo Neri als Alberich, dem niedlichen Waldvogel von Alina Wunderlin und dem noch niedlicheren Fafner von Florian Köfler hört man gerne zu, weil alle wunderbar spielen und frisch und mehr als rollendeckend singen.

Ein besonderer Fall sind die zwei Tenöre. Hier hat eine Art Rollentausch stattgefunden. Martin Koch, an Mitteleuropas Bühnen oft als Mime gebucht, gibt hier den Siegfried, spielt ihn sehr beweglich als Sympathieträger für die Kinder und singt ihn mit hellem Strahl. Ob die Perücke allerdings nötig war… Sein Ziehvater Mime ist Paul McNamara, schwerer Heldentenor in Würzburg und anderswo, der beispielsweise schon jede Menge Tannhäusers hinter sich hat. Er klingt für einen Mime überraschend dunkel – was bemerkenswert gut zur Figur passt, die er mit charmantem, aber nicht zu niedlichem Spiel zu einer Art antagonistischem Sympathieträger aufwertet.

Man darf also gespannt sein auf die finale „Götterdämmerung“, auf die Erz-Sünde von Siegfrieds Ermordung und einen Weltuntergang auf 30 Quadratmeter Bühne. Wenn der so klug gebaut ist, wie jetzt „Siegfried“, wird er Kinder ergreifen und Heranwachsende nachdenklich machen.

 

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