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Zwischen Fiktion und Wirklichkeit

Henriette Dushe: Lupus in Fabula

SchauspielPremiere: Theater: Theater Ulm
Regie: Ivna Žic   Foto: Kerstin Schomburg 
Von Manfred Jahnke am 28.09.2018

Drei Töchter sind herbei geeilt, um den Vater beim Sterben zu begleiten. Drei Lebensgeschichten, drei Lebensentwürfe kreuzen sich mit den Erinnerungen an den Vater. Die ältere Schwester, scheint`s, hat den Vater versorgt, die mittlere hat gerade ein Kind zur Welt gebracht und die jüngste hat eine gescheiterte Beziehung hinter sich. Nun sind sie da, die Maschinen für den Vater sind abgestellt. In „Lupus in Fabula“, 2013 beim Heidelberger Stückemarkt ausgezeichnet, entwickelt Henriette Dushe ein kleines Sprachkunstwerk, eine Art Oratorium, das davon erzählt, wie im Zwischenraum von Leben und Tod Fiktion und Wirklichkeit verschwimmen. Und da die Handlung in der Uckermark verortet ist, glauben die Schwestern, Wölfe heulen zu hören. Zu den Kunstgriffen der Autorin gehört weiterhin, dass der Vater selbst nicht anwesend ist

Im Podium des Theater Ulm findet Ivna Žic, die zusammen mit Henriette Dushe in Graz Szenisches Schreiben studiert hat, dafür ein eindringliches Bild: Die Schwestern agieren zunächst in Wolfsmasken, die allerdings ein wenig zu brav geraten sind, und im Strohkostüm. Damit findet die Regie zugleich ein Sinnbild für die verschiedenen Zeitebenen des Stücks: Solange die Schwestern eher in traumartigen Erinnerungen leben und die Stimmen vom Band kommen, bleiben sie Strohfiguren, die zugleich eine mythische Bedeutung haben wie bei der Austreibung des Winters. Sobald sie aber in der Gegenwart agieren und „live“ sprechen, legen sie das Kostüm ab. Ansonsten bleibt der Spielraum abstrakt. Einzig ein Tuch, mit zwei überdimensionalen Federn als Design, ragt in den Raum, befestigt an einem starken Birkenast, der sich ein wenig herabsenkt, wenn im Laufe des Spiels das Tuch zu Boden fällt.

„Lupus in Fabula“ legt weniger Wert auf äußere Handlungen, sondern mehr auf Dialoge, die im Nichtverstehen die Einsamkeit der Figuren verdeutlichen. Žic lässt dabei die drei Schwestern körperliche Berührung suchen. Immer wieder kommt es dabei zu zärtlichen Momenten, aber im nächsten Augenblick ist wieder jede allein. Diese Einsamkeit spielt Tini Prüfert als Älteste groß aus, leicht verhärmt macht sie dabei etwas vom verlorenen Leben deutlich. Nicola Schubert als die mittlere zeigt ihren verlorenen Kampf um Anerkennung durch den Vater im leicht trotzigen Gestus. Sie ist auch diejenige, die am meisten Körperkontakt sucht. Franziska Maria Pößl betont als die Jüngste die naive Lebenseinstellung ihrer Figur.

Sophie Reble hat die Ausstattung geschaffen. Sie hat darüber hinaus nach langer, langer Zeit die Möglichkeiten des Ulmer Podiums wieder einmal genutzt, ein Raum, der in seiner Einrichtung an das „Totaltheater“ von Gropius erinnern lässt und mit dem sich variable Räume schaffen lassen. So nutzt Reble den Raum als Arena und auch die alten, grün gepolsterten Drehstühle kommen wieder zum Einsatz. Dadurch entsteht eine beeindruckende Atmosphäre! Es ist zu hoffen, dass unter der neuen Intendanz von Kay Metzger – „Lupus in Fabula“ gehört zum Reigen der Eröffnungspremieren – der Raum weiter so genutzt wird.

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