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Zum Scheitern verurteilt

Penelope Skinner: Linda

Premiere:  (DSE)   Theater: Schauspiel Düsseldorf
Regie: Marius von Mayenburg   Foto: Sandra Then 
Von Bettina Weber am 04.11.2019

Unsichtbar zu werden, in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden – ist es das, was jeder Frau über 50 droht? Für Linda jedenfalls, Protagonistin in Penelope Skinners gleichnamigen Stück, dessen Deutschsprachige Erstaufführung Marius von Mayenburg jetzt am Düsseldorfer Schauspielhaus inszeniert hat, ist ebendies die größte Bedrohung. Sie ist eine Powerfrau: beruflich erfolgreich, zwei tolle Kinder, ein Haus, ein Mann, eine perfekte Küche. In ihrem Job als Managerin der Kosmetikfirma „Swan“ hat sie stets um Bedeutung gerungen, wollte die Welt verändern – zuhause die Töchter, wie schon die Käuferinnen der Schönheitsprodukte ihrer Firma, zu stolzen, selbstbewussten Frauen erziehen. Wie einen Schutzpanzer trägt diese Linda ihr perfektes Leben mit sich, das dann eben doch Schaden nimmt: Die Powerfrau muss sich Kräften fügen, die stärker sind als sie. Der Ehemann Neil geht fremd, ihre Tochter Alice kämpft nach Mobbingvorfällen in der Schule mit einer Depression und Lindas jüngere Kollegin Amy setzt sich auf der Arbeit gegen sie durch – ausgerechnet mit einer Schönheitskampagne, die die Angst der Frauen vorm Älterwerden kalkuliert ausnutzen soll.

Nun sind auch im (deutschsprachigen) Theater die Frauen über 50 vielleicht nicht unsichtbar, aber doch stark unterrepräsentiert: Zumal die viel gespielten Klassiker, aber auch einige zeitgenössische Theatertexte setzen vor allem auf starke Männerfiguren. Höchste Zeit also, dass sich ein Stück mal dezidiert den älter werdenden Frauen und ihren Problemen widmet. Linda selbst, stets in High Heels und edlem Jumpsuit (Kostüm: Almut Eppinger) ist derweil eher Antiheldin als Heldin: Ihr Ringen um Perfektion und Bedeutung ist so überzogen, dass sie daran scheitern muss. Was Penelope Skinner in „Linda“, ob man es jetzt well made play oder Gesellschaftsstück nennten mag, durchaus gut gelingt, sind die zahlreichen feinen Widerhaken, die einen über so manchen Stereotyp, der einem in diesem auch Text begegnet, hinwegsehen lassen. So streben nämlich nicht alle Frauen in diesem Stück nach Erfolg: Lindas Tochter Alice möchte sein, wovor Linda so große Angst hat: unsichtbar. Lindas jüngere Tochter Bridget spricht bei der Schauspielschule die Rolle des König Lear vor, um gesehen zu werden. Und dass Lindas Konkurrentin Amy unbewusst genauso zu werden versucht wie Linda – und dabei von genau den gleichen Ängsten wie ihre Konkurrentin getrieben wird, zeigt, dass die im Stück angesprochenen Probleme jede Frau betreffen kann – egal welchen Alters.

Vorwürfe und Schuldgefühle, Schönheit und die Angst davor, nicht mehr schön zu sein, Perfektion und Makel, Erfolg und Bedeutungslosigkeit: Zwischen diesen Parametern pendelt der Text, für den sich die knapp dreistündige Inszenierung viel Zeit nimmt. So entsteht genügend Raum, um den Lear’schen Zerfall der Protagonistin detailliert auszubreiten. Auf Stéphanie Laimés Bühne im Kleinen Haus des Düsseldorfer Schauspielhauses sind Zuhause und Büro lediglich weißer Raum, der mit kleinen Utensilien wie Tisch oder Stuhl von Szene zu Szene umfunktioniert wird. Die Frauen scheinen den Bühnenraum mit Worten zu gestalten wie ihr Leben, was allen voran Claudia Hübbecker in der Hauptrolle außerordentlich gut gelingt. Aber auch Lea Ruckpauls (Alice), Caroline Adams Bay (Bridget) und Hanna Werths (Amy) Spiel ist bemerkenswert. Die Männer fallen da eher hinten über: So klischeehaft das Fremdgehen von Lindas Mann Neil mit seiner Bandkollegin Stevie (Sophia Schiller fällt vor allem gesangstechnisch positiv auf) im Stück, so flach ist es leider auch inszeniert – vielleicht, um zu zeigen, dass die Midlife-Krise der Frau komplexer ist als die des Mannes. Thiemo Schwarz (Neil), Chris Eckert (Lindas Aushilfe und späterer Seitensprung) und Wolfgang Michalek (Lindas Chef Dave) spielen das, was ihnen szenisch an Raum bleibt, zwar durchaus stark – trotzdem bleiben die Männer an diesem Abend eher Statisten. Von Mayenburgs Inszenierung vermittelt dadurch den Eindruck, als sei eine der größten Gefahren für die Frau vor allem: die Frau. Womöglich eine sehr männliche Sicht auf das Stück – wenngleich der Text sie eben hergibt. Dass Linda zu guter Letzt  dem Wahnsinn wesentlich näher ist als dem Glück, offenbart wenig feministischen Optimismus.

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