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Zu tief im Westen?

Oliver Bukowski: Warten auf'n Bus

SchauspielPremiere:  (UA)   Theater: Theater Bielefeld
Regie: Michael Heicks   Foto: Joseph Ruben 
Von Michael Laages am 19.11.2021

Der zauberhafte Hund hat sogar Text – „Isetta von Donegan“, die Fox-Terrierin in dieser Aufführung, bellt gelegentlich aus der Kulisse; aber natürlich vom Band. Im wirklichen Leben hält Isetta – wie sich das gehört – die Schnauze, freundlich streicht sie (eine echte Bühnenhündin!) zwischen Darstellerinnen und Darstellern herum, zu Beginn sogar an der Rampe, sehr neugierig auf uns Publikum. Aber im Spiel lässt sie sich nicht mal dazu hinreißen, die Darsteller ekliger Nazis anzukläffen. Aber wirklich bissig ist auch Oliver Bukowskis Jammer-Ossi-Comedy nicht geraten – die Theaterfassung jedenfalls, uraufgeführt, aber nicht wirklich angekommen in Bielefeld.

In der brandenburgischen Provinz

Gerade hat ja die zweite Staffel von „Warten auf’n Bus“ begonnen – mit dieser Fernsehserie scheint ja der Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) mal wieder beweisen zu wollen, dass er eben nicht nur Radio und TV im Hauptstadtformat liefern kann. Die Serie spielt in tiefster brandenburgischer Provinz, wo einander Fuchs und Wolf, Neonazi und Altkommunist „Gute Nacht“ sagen, ersatzweise: die Köpfe einschlagen. Wirklich wunderschön kann diese Gegend sein – für alle, die durchfahren. Aber dort leben? Nennenswert viele Menschen fühlen sich hier derart fürchterlich vergessen von Welt, Regierung und Politik, dass sie sich in der Eigenschaft als Wahlvolk ausgerechnet von verantwortungslosen und brandgefährlichen Rechts-Terroristen goldene Zukünfte erhoffen für die arme Heimat. Das ist natürlich zutiefst idiotisch, aber auch ein bisschen verständlich mit Blick auf die ökonomische und gesellschaftliche Verlorenheit, die viele dort trifft. Ralf (oder Ralle) Patzke und (Jo-)Hannes Ackermann sind zwei von ihnen; sie leben mittlerweile eigentlich im Warthäuschen der letzten Buslinie, die ein paar Mal am Tage noch hält im Dorf dieser beiden abgewickelten, verzweifelnden Komiker.

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Hannes ist der Weiß-Clown, der Kluge, gelernter Zimmermann (aber mit Höhenangst) und vollgefuttert mit Wissen, von Literatur bis Philosophie. Er zitiert Heiner Müller. Ralle ist das Gegenteil – ruppig, prollig, interessiert im Grunde nun an Saufen, Fußball und Weibern. Erstaunlicherweise wurden gerade diese beiden dickste Freunde damals in Schulzeiten; und verachteten den dicken Britzke, wie der sie verachtete. Britzke ist jetzt der Dorf-Sheriff – und erinnert sich an alles. Nazis gehören hier zum Alltag, sie beschmieren das Wartehäuschen und klauen unverständlicherweise den Schriftzug am oberen Rand; „Wir lassen Sie nicht im Regen stehen“, warb darauf die örtliche Sparkasse. Die Faschos verprügeln und bepinkeln Ralle und Hannes, und Britzke deckt das rechte Pack; aber auch die wilde Ines ist nicht von Pappe – in weißer Burka provoziert die Terror-Feministin die armen Schrate Hannes und Ralle und lässt sie wie zur Schlachtung an den Füßen aufhängen. Später kommt auch Meike vorbei. Die Nichte von Hannes, Filmstudentin aus Berlin, will die verlorenen Ossis zeigen, „wie sie wirklich sind“; glüht aber nur so vor eigener Vorurteile. Nur Kathrin, die Busfahrerin, bringt ein bisschen Licht und Liebe in die ostdeutsche Düsternis – vertreibt energisch die Nazis mit Handy-Video und Pfefferspray, denkt klüger nach als alle anderen zusammen und verlebt mit den beiden Kerlen am Ende eine wunderschöne Nacht mit Würstchen, Bier und Feuerwerk. Natürlich ist das nur ein Traum – aber verknallt waren ja beide, Ralle und Hannes, schon lange in die toughe Lady aus Polen, die ihrerseits gerade von der Freundin Katja verlassen wurde… auch sie ist kein Glückskind. Aber sie hat ja den Bus.

Keine Heimatsaga für Bielefeld

Mutmacherstückchen sind die Folgen dieser Serie; und vielleicht ja tatsächlich geeignet nicht nur fürs ostdeutsche Jammertal. Denn einerseits mögen sich die Abgewickelten auch an Bushaltestellen zwischen den Vororten Bethel, Heepen und Schildesche versammeln und die eigenen Lebensverluste sortieren – aber natürlich wäre es eine absolut untaugliche Idee gewesen, Bukowski Ost-Sprech ins Ostwestfälische zu übertragen; zumal es ja auch schon eine entsprechende Heimat-Saga gab für Bielefeld: „Raus aus Baumheide“ von Nuran David Calis, der in der Stadt von Dürkop, Doktor Oetker und Seidensticker aufwuchs. Leider bestaunen Bielefelderinnen und Bielefelder jetzt das Brandenburger Getümmel um Hannes und Ralle doch eher als exotisches Spektakel – auch wenn es im Finale zu „Standing Ovations“ kommt, als hätten Ostwestfälin und Ostwestfale sich wirklich wiedererkannt in den Vorzeige-Ossis auf der Bühne. Nazis gibt’s ja auch hier.

Aber bei ehrlicher Betrachtung bleiben Bukowskis rabiat aber präzise gesetzten Pointen erschreckend fremd; nicht nur, weil weithin berlinert wird, dass es einer Sau graust. Auch durch die wichtigsten Passagen des Textes (etwa Ralles großes Solo kurz vor der Pause) wabert natürlich der Ungeist sowohl des Treuhand-Gangstertums als auch der Folgen dieser Plattmacherei Ost vor drei Jahrzehnten; und Ralle persönlich analysiert sehr genau sowohl die eigene Verkommenheit im rechtspopulistischen Sumpfland als auch die Grunde dafür, dass er wurde, wie er heute ist. Aber in Ostwestfalen ist halt kein autoritäres System zu Grunde gegangen – wer diesen Bukowski tief im Westen kenntlich werden lassen will, braucht schon ein paar Tricks mehr, als in Bielefeld zu sehen sind.

Und auch die Serien-Dramaturgie funktioniert eben nicht einfach so auf der Theaterbühne: Episödchen reiht sich zwar an Episödchen, aber es nicht voran, immer nur weiter; und da es das Team um Intendant Michael Heicks im kleinen Theater am Alten Markt beim Einheitsbühnenbild zuzüglich sparsamer Requisiten bewenden lässt, werden die TV-bedingten Begrenztheiten der Vorlage erst recht deut-ich. Die Sprache macht allerdings gerade dann Spaß, wenn Bukowski echte Ost-Spezialitäten serviert, etwa das ulkige Wort „Ihmchen“ (was so viel heißt wie „er da“); oder wenn er sich bei Sport und Medizin bedient: etwa wenn vom „Ruhepuls“ die Rede ist. Bukowski ist ja ein prächtiger Autor, und tief wie kaum jemand sonst hegt und pflegt er einen Begriff von Heimat, von eigener Heimat. Das ist anders und sehr besonders an und bei ihm. Von dort aus betrachtet, liegt aber Bielefeld sehr weit vom Schuss.

Das Bielefelder Ensemble um Alexander Stürmer und Oliver Baierl investiert allerdings enorme Energie, um dieses generelle Defizit vergessen zu lassen; und Nicole Lippold als (nach außen) prächtig selbstbewusste Busfahre-rin hat das Zeug zum Ereignis. Aber trotzdem gehört das Stück nach Cottbus; besser noch (zum Beispiel) ins alte Bauhaus-Theater der Kleinstadt Luckenwalde. Am allerbes-ten wäre es, „Warten auf’n Bus“ würde über die Dörfer geschickt zwischen Beeskow, Peitz und Guben … zuhause bleibt halt zuhause.

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