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Zeugnis des Irrtums

Friedrich Dürrenmatt: Die Ehe des Herrn Mississippi

Premiere: Theater: Thalia Theater
Regie: Christine Eder   Foto: Fabian Hammer 
Von Jens Fischer am 15.04.2013

Ein Doppelmord, wie komisch. Herzlich willkommen in der Groteske. Die erbarmungslos auf ihren Vorteil bedachte Anastasia beseitigt ihren Gatten zugunsten eines anderen Opfers ihrer Lust, vergiftet den Angetrauten aber auch für seine Fremdgeherei mit der Gattin des Staatsanwaltes. Der diese wiederum aus Gerechtigkeitswahn hinrichtet. Und um Anastasias Hand fleht. „Ich habe mich verurteilt, sie zu heiraten.“ Ehe als Sühne der Verbrechen. Und als Form der doppelten Vertuschung verheißt sie Straffreiheit. Wohl nur Shakespeares Richard III. legt ähnlich heimtückische Heiratsanträge auf die Bühnenbretter. Allerdings lebensstrotzend, nicht so ausgedacht böse wie in Friedrich Dürrenmatts 1950 entstandener Salonkrimikomödie „Die Ehe des Herrn Mississippi“, eine satirische Abrechnung mit dem Dogmatismus politischer Überzeugungen.

Sie landete beim schrankenlosen Online-Voting zur Spielplangestaltung des Thalia Theaters auf Platz eins. Durch dieses netzdemokratische Experiment sollten populäre Partizipationsformen ausprobiert, Menschen der Generation Facebook fürs Theater aktiviert werden. Klappte das? Soll sich ein Kulturdienstleister so dem Zeitgeist anbiedern? Kann man über Kunst überhaupt abstimmen? Könnte es subversiv inspirierend sein, wenn Mehrheitsmeinung mal ganz offensiv auf die Theaterproduktion gehetzt wird? Die Antwort ist jeweils: nein. Auch das Thalia-Team weiß jetzt, dass Demokratie immer nur die Herrschaft derjenigen ist, die am besten die öffentliche Meinung manipulieren, in diesem Fall also ihre sozialen Netzwerke am dynamischsten für die Schrullen der eigenen dramatischen Vorlieben aktivieren können. Aber der Intendant hatte die Aufführung der Siegerstücke versprochen.

Also ran an Dürrenmatt. Christine Eder wurde engagiert, die ja für hektisch schrille Persiflagen von Texten bekannt ist. Jetzt lässt sie erstmal das Biedermeierwohnzimmer der Handlung als Pop-up-Buch aufklappen (Bühne: Jakobus Durstewitz), Rockmusik dröhnt. Aber dann wird durchaus mit dem Geist der Vorlage gespielt, der parodistischen Überhöhung. Mal klamottig beschleunigt, mal ironisch melancholisiert, mal mit krachender Komik poltert Dürrenmatts boulevardesker Dramenversuch à la „Arsen und Spitzenhäubchen“ als Labiche-Farce auf die Bühne.

Vier Weltverbesserer-Karikaturen buhlen um Anastasia, der Umstände halber, aus brennender Begierde oder purer Berechnung. Als Instanz der Realität ist sie Pragmatikerin ihres Egoismus, will verführt werden und dabei ihre persönlichen Vorteile realisieren. Ein nicht ganz so politisch korrektes Frauenbild, aber egal. Drumherum toben fantastisch tollkühn die Männer bedingungslos zu ihrer Wahrheit, wollen radikal zurück nach vorn: Ideale von gestern für die Zukunft reaktivieren. Der christliche Eiferer möchte mit dem Gesetz Moses die Transzendenz wieder im Leben verankern, ein Freund geht zwecks irdischer Gerechtigkeit für den Kommunismus auf die Barrikaden, ein anderer hat sich närrisch eingesponnen in den Romantik-Kokon wahrer Liebe (zum Niederknien tragikomisch: Mirco Kreibich). Am Ende gewinnt Position vier: ein Realpolitiker, also opportunistischer Karrierist, stellt mit seinem gnadenlosen Machtinstinkt alle kalt – und wird bejubelter Präsident.

Kann eben öffentliche Meinung für sich am besten manipulieren … so argumentiert das Stück gleich noch gegen sein Online-Voting. Ein weiterer Grund für die Wiederentdeckung – kreative Herausforderung oder zeitgenössische Relevanz – lässt sich nicht entdecken. Trotz aller dramaturgischen Rechtfertigungsrhetorik des Theaters, es würden Menschen porträtiert, wie wir sie kennen: scheiternde Kämpfer für eine bessere Welt. Die Stück-Konstruktion ist doch eher plump, die Szenerie arg angestaubt, die Dialoge klingen papieren. Die Regie macht das Beste daraus, führt mit dem komödiantisch virtuosen Ensemble den manischen Idealismus der krass unverbesserlichen Überzeugungstäter höchst vergnüglich ad absurdum. Etwas wenig für die große Bühne, aber allemal ein formidabler Late-Night-Spaß.

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