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Wiedererwachte Lockdown-Körper

Gregor Zöllig: tanzwärts! Gemeinsam einsam oder Im Innern das Draußen suchen

StreamGestreamt am: Premiere:  (UA)   Theater: Staatstheater Braunschweig
Regie: Georges Hann   Foto: Anna Degen   
Stream auf der Homepage des Theaters
Von Jens Fischer am 21.06.2020

Es hätte – so müssen Theatertexte in Coronakrisenzeiten leider häufig starten. Auch in Braunschweig. Dort hätte am 20. Juni eine große Tanzpremiere im Großen Haus vor einer großen Zahl an Zuschauern stattfinden sollen. Zum fünften Mal hätte Gregor Zölligs Compagnie in der Löwenstadt zum Community Dance Projekt „tanzwärts!“ geladen und in einer fünfwöchigen Probenphase mit 150 Laien trainiert, den Körper zu erfahren, ihn sprechen zu lassen, sich selbst im Tanz zu erkennen und all das in eine Choreographie einzubinden. Embody yourself. In der Uraufführung „Wahnsinn“ sollte es um die Frage gehen: Welche Rolle spielt Sinnlichkeit in einer Zeit, in der alles per Mausklick zu funktionieren scheint? In Pandemie-Zeiten, wo Berührungen als rücksichtslos gefährlich gelten und Nähe daher sanktioniert wird, gewann das Thema schnell an Virulenz, da ja im Modus sozialer Distanzierung noch mehr per Mausklick erledigt, der gesellschaftliche Nahraum ins Virtuelle verschoben wird. Wie nun auch die Tanzproduktionen. Mit distanzierenden Verkehrsformen wie Online-Workshops suchten 22 Laien im Alter von zehn bis 74 Jahren mit den Braunschweiger Tanzprofis die Lockdown-Körper wieder zum Leben zu erwecken – auf Interaktionstour in der Stadt. Unter der Regie des Tänzer Georges Hann entstand so der Film „tanzwärts! Gemeinsam einsam oder Im Innern das Draußen suchen“.

Isolation daheim. In einer großbürgerlichen Villa-Trutzburg hat sich ein Junge gegen die Bedrohungen der Welt in ein Zelt zurückgezogen und drömelt gelangweilt mit seinem Spielzeug durch die schulfreie Zeit. Träumt sich schließlich hinaus, krabbelt einem Ball hinterher, der aus dem Zelt kullert – und landet per Filmschnittzaubertrick im Stadion des gerade der 2. Fußball-Bundesliga entgegensiegenden Clubs Eintracht Braunschweig. Der Junge läuft, rollt, dribbelt, jubelt über den Rasen, tobt durch die Zuschauerreihen und tanzt über die Sitze. Bespielt den Ort mit dem medial vorgegebenen Motionskanon des Fußballerns auf grünem Grund und Fan-Seins auf Tribünen. Das Erobern menschenleerer Räume geht weiter im Herzog-Anton-Ulrich-Museum. Tänzerinnen erproben dabei eigenwillig, mit noch etwas staksigem Eleganzwillen einige Bewegungsphrasen des zeitgenössischen Tanzes. Sie drehen sich mit weit ausschwingenden, raumgreifenden Bewegungen in die Ausstellungssäle hinein, werden zunehmend selbstbewusster, freier im Ausdruck, suchen in der Horizontalen den Ganzkörperkontakt zum Parkettboden oder übersetzen Posen der in Öl verewigten Menschendarstellungen in Tanz. Im Braunschweiger Dom wagen die Teilnehmer auch all das, was gerade tabuisiert ist. Erkunden tastend, berühren neugierig, fassen lustvoll an. Geradezu erotisch wirkt das Spiel mit dem durch die Finger rieselnden Sand, in den Gläubige sonst ihre Kerzen stecken, wie auch die Begegnung mit den Säulen des Gotteshauses. Als kleine Feier der Sinnlichkeit ist das Entlangfingern, Drumherumwinden, Anschmiegen zu erleben. Aufgrund der geltenden Hygiene- und Abstandsregeln sind zwar nur Soli der Tänzerinnen und Tänzer zu sehen, durch Überblendungen der Ausführenden ergeben sich aber auch Begegnungen. Aus Suchbewegungen, Schreibgesten und lesender Introspektion entstehen schließlich noch großräumig nach außen gerichtete, kleinräumig nach innen gelenkte Bewegungen, mit denen die Stadtbibliothek revitalisiert wird. Final wirbeln, zuckend im Techno-Takt, junge Bewegungsfreunde in einem verlassenen Keller-Club die noch vorhandene Energie aus sich heraus.

Entstanden ist keine schlichte „tanzwärts!“-Dokumentation, sondern ein richtiger Tanzfilm. Wunderbar dynamisch gefilmt, pfiffig die Schnittdramaturgie – beides verantwortet von Jeury Tavares. Von hohem ästhetischem Reiz ist stets die Kadrierung der perfekt ausgeleuchteten Bilder, transparent abgemischt kommt die rhythmisch subtil akzentuierende Klangcollage daher. Nach vier Corona-Monaten und einer endlosen Zahl nachlässig schnell gedrehter, häufig schon handwerklich scheiternder Theater-Streaming-Angebote sorgt ein derart professionelles Video für großes Schauvergnügen und ist in seiner Hingabe an die sehr unterschiedlichen Tanz-Temperamente zutiefst sympathisch. Ohne Hätte, Wenn und Aber zu sehen online hier.

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