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Wie soll Mann sein?

nach David Foster Wallace: Kurze Interviews mit fiesen Männern

Premiere: Theater: Münchner Volkstheater
Regie: Abdullah Kenan Karaca   Foto: Gabriela Neeb 
Von Anne Fritsch am 17.12.2018

„Ich liebe die Frauen.“ Das stellen die drei Schauspieler gleich zu Beginn fest. Doch eines wird ziemlich schnell klar an diesem Herrenabend, den Abdullah Kenan Karaca basierend auf David Foster Wallace’ „Kurze Interviews mit fiesen Männern“ am Münchner Volkstheater inszeniert: Möglicherweise wird diese Liebe hie und da von den Damen, denen sie zuteil kommt, nicht gleich als solche erkannt. Möglicherweise bleibt da durchaus Raum für Missverständnisse. Denn Silas Breiding, Jakob Immervoll und Jonathan Müller reden sich charmant um Kopf und Kragen, entlarven sich recht schnell als Frauen-Nichtversteher. (Oder zumindest als Eher-Langsam-Checker.)

Zu Harry Belafontes „Banana Boat Song“ albern sie zu Beginn herum und bedienen so ziemlich jedes Klischee vom Kind im Manne, der nun einmal – was soll man drumherum reden – relativ fixiert ist auf das eigene Gemächt. Da sitzen sie auf dem Gitterboden in dem transparenten Kasten, den Vincent Mesnaritsch über die gesamte Länge der kleinen Bühne im Volkstheater gebaut hat, und werfen sich gegenseitig einen Gummiball zwischen die Beine. Die Zuschauer, die auf beiden Längsseiten des Kastens sitzen, sehen drei junge Männer, die sich wie kleine Jungs schlapp lachen, wenn der andere sich vor Schreck und Schmerz in den Schritt fasst. Sie kneifen sich gegenseitig in die Brustwarzen, treten sich in die Eier und springen vor Begeisterung hoch – und hauen sich den Kopf an der Decke an. Nicht einmal, nein: immer wieder. Aus Fehlern lernen? Eher nicht so ihr Ding. Dann aber versichern sie sich verschwörerisch, dass sie die Frauen lieben. Denn: „Was wäre die Welt ohne Frauen?“

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Diese Frage lassen sie im Raum stehen, die Antwort haben sie ja ohnehin schon abgeliefert: eine Männerwelt mit Eiertreten, Brustwarzenkneifen und „Fuck!“-Rufen. Knorke! Also fangen sie nun an, sich gegenseitig von ihren Erfahrungen mit den Frauen zu erzählen, wie Männer das halt gerne tun. Und siehe da, sie machen sich durchaus Gedanken. Bei der Damenwahl gehen sie lieber auf Nummer sicher: Eine Frau, die bereits ein Kind und trotzdem noch eine Top-Figur hat, scheint eine gute Wahl. Lieber auf Nummer Sicher gehen, bevor die Auserwählte am Ende unattraktiv wird und Mann trotzdem bis ans Ende seiner Tage Sex mit ihr haben muss. Falls es soweit überhaupt kommt: Denn wer beim Orgasmus unkontrolliert „Sieg den Kräften des demokratischen Fortschritts!“ brüllt, für den ist der erste Sex mit einer Frau nicht selten auch der letzte. Aber aufgeben gilt nicht. Breiding, Immervoll und Müller tanzen zu „The lion sleeps tonight“ einen Balztanz, bevor Breiding in einem intensiven Monolog von den Schwierigkeiten der Masturbation im jugendlichen Alter berichtet. Seine von der Fernsehserie „Verliebt in eine Hexe“ inspirierten Fantasien basierten darauf, für die Dauer des Liebesspiels die anderen Anwesenden in einem Fitnessstudio erstarren zu lassen. Doch so gewissenhaft, wie er als Pubertierender dachte, endete diese Fantasie schließlich logischerweise damit, das gesamte Universum zum Stillstand bringen zu müssen, damit kein Zeitloch entsteht. Die dafür nötigen wissenschaftlichen Berechnungen trieben ihn in den Wahnsinn, nicht zum Höhepunkt.

Damit sich das ändert, veranstalten die drei ein Yoga-Sex-Seminar in Sachen „Was zeichnet einen guten Liebhaber aus“. Turnend, auf- und nebeneinander posend tauchen sie in die Philosophie des Gebens und Nehmens ein. (Es muss halt immer ein wenig hochtrabend sein, bis Mann zur Erkenntnis gelangt.) Eines wissen sie aber durchaus: Manch eine Frau muss sehr viel Schlimmeres von Männern erleiden als Potenzschwäche und Orgasmusschreie. Wenn Immervoll von einer Gruppenvergewaltigung mit Jack-Daniels-Flasche erzählt, davon, was Männer einer Frau antun können, was an männlicher Grausamkeit möglich ist – dann ist es auf einmal sehr still in der Männergruppe. Dass der Weg aus der Betroffenheit selbstredend über Schwanzwitze führt – wen wundert’s?

Karaca und seine Dramaturgin Rose Reiter haben aus den Geschichten von David Foster Wallace einen dichten und augenzwinkernden Abend über das angeblich starke Geschlecht gezaubert, an dessen Ende man beinahe Mitleid mit den Männern bekommt. Frauen dieser Welt, ihr macht euch ja keine Vorstellung, womit die Kerle ganz im Geheimen zu kämpfen haben. Allein ihre Sexualität! Wovor sie alles Angst haben! Und es ist ja auch nicht leicht, das Mannsein in Zeiten von #metoo. Was zum Henker will denn die moderne Frau? Will sie respektiert oder doch einfach bezwungen werden? Wie soll Mann sein? Ritter oder Beichtvater? „Was die Frau von heute will, ist – kurz gesagt – einen Mann, der sowohl leidenschaftliche Sinnlichkeit mitbringt wie die notwendige deduktive Kapazität, um wahrzunehmen, dass ihre Äußerungen über Autonomie in Wirklichkeit allesamt verzweifelte Rufe in der Wüste des Double Bind sind.“ Keine leichte Aufgabe, Jungs. Aber: Ihr macht das schon! Mit dem Theatermachen hat es ja auch geklappt.

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