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Wettlauf der Hochstapler

Eugène Labiche: Trüffel Trüffel Trüffel

Premiere: Theater: Münchner Kammerspiele
Regie: Felix Rothenhäusler   Foto: Julian Baumann   
Fotos und weitere Informationen auf der Homepage der Münchener Kammerspiele
Von Anne Fritsch am 01.10.2017

Klar: Es geht auch um die Liebe in dieser Komödie. Irgendwie zumindest. Eher am Rande. Denn Eugène Labiche erzählt in seinem Stück „La Poudre aux yeux“ („Sand in die Augen“) vor allem von Geld, von Hochstaplerei und Privatverschuldung. Felix Rothenhäusler hat das Stück aus dem Jahr 1861 nun in der Neuübersetzung von Tobias Haberkorn unter dem Titel „Trüffel Trüffel Trüffel“ an den Münchner Kammerspielen inszeniert. Das Setting ist einfach: Zwei Familien, die Kinder wollen heiraten. Jeder denkt, der jeweils andere hätte mehr: mehr Einfluss, mehr Geld, mehr Prestige. Von der Heirat versprechen sie sich ebenfalls ein Stückchen vom Mehr. Drum präsentieren sie sich im besten Licht, stapeln hoch – und höher.

Auf der Bühne steht eine gigantische Glitzerpyramide auf dem Kopf. Als wäre sie vom Himmel gefallen wie ein Meteorit. Wie eine permanente Verlockung, wie die Karotte vor der Nase des Esels. Ansonsten ist der mit schweinchenrosa Teppich ausgelegte Raum von Jonas von Ostrowski leer. Die Möbel, die Ausstattung der Wohnungen, in denen die Familien aufeinander treffen, bleibt der Fantasie überlassen. Wie auch die Figuren viel zu sehen meinen, das nicht da ist. Hier zählt eher der Schein als das Sein.

Elke von Sivers hat die Schauspieler in grell überzeichnende Kostüme gesteckt. Wie sie wirklich sind, wollen sie nicht preisgeben, diese Suchenden nach dem Mehrwert in allem. Sie stellen sich in einer Reihe auf, blicken ins Publikum. Schon die Besetzung macht deutlich, dass alles ein großes Schau-Spiel ist: Frauen spielen Männer, Männer spielen Frauen. Von ein paar Platzwechseln abgesehen, bleiben alle immer vorne stehen. Sie sprechen immer mehr ins Publikum als miteinander, immer auf die Außenwirkung bedacht, um die sich hier doch alles dreht.

Die statische Anordnung aber ist bis in die kleinste Geste und feinste Mimik so präzise inszeniert, dass es eine wahre Freude ist, den überragenden Schauspielern zuzusehen, wie sie sich um Kopf und Kragen reden. Nichts lenkt von ihrem Spiel ab. Auch die, die gerade nicht mitspielen, reagieren auf das Gehörte, sind in jeder Sekunde präsent: Nils Kahnwald, Zeynep Bozbay, Marie Rosa Tietjen, Wiebke Puls, Samouil Stoyanov und Risto Kübar. Im Zentrum des Abends aber steht ohne Frage die wunderbare Annette Paulmann in der Rolle des Monsieur Malingear, diesem erfolglosen Arzt, den seine ambitionierte Frau zum Hochstapler formt – und der überraschend viel Gefallen an seiner neuen Rolle findet. Bis zur Unkenntlichkeit verkleidet, findet sich Annette Paulmann so grandios in Rolle und Bewegungsmuster des vitalen Väterchens, dass es eine wahre Freude ist, ihr dabei zuzusehen, wie sie sich über den falschen Bauch streicht und mit einer flinken routinierten Kopfbewegung die verbliebene Haarsträhne über die Glatze schwingt.

Was langsam startet, gewinnt sehr schnell an Tempo und bekommt eine Eigendynamik, der sich keine der Figuren entziehen kann. Die Hochstaplerei rollt, einmal losgetreten, wie eine Lawine ins Tal und reißt alle mit sich. „Wenn Sie kein Geld mehr haben, müssen Sie auftreten, als hätten sie welches.“ Nach diesem Motto übertrumpfen sich die beiden Ehepaare gegenseitig, jeder setzt immer noch eins drauf, um in den Augen der anderen mithalten zu können. Und fordert damit sein Gegenüber auf, das Ganze noch weiter auf die Spitze zu treiben. Trüffelmenü, Opernloge, Kutsche, Wohnung, Garderobe, Mitgift... Eine endlose Spirale Richtung Untergang. Angetrieben von der ewigen Angst, nicht mithalten zu können. „Die Großen heiraten uns nicht“, fürchtet Monsieur Ratinois. Und an diese Hochzeit wird doch die gesamte wirtschaftliche Existenz gehängt („Wir heiraten reich“) – leider von beiden Seiten...

Hinter dem komischen Treiben werden sehr menschliche Züge sichtbar. Die Angst, nicht zu genügen in einer auf Hochglanz polierten Welt. Die Scham, es nicht bis an die Spitze geschafft zu haben. Das zugrundeliegende Problem, das durchaus ein gesellschaftliches ist, wird nicht verharmlost. Indem es aber so charmant und humorvoll präsentiert wird, lässt es Raum für eine unangestrengte Katharsis, einen Moment der Selbstbefragung.

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