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„Wer liebt, stirbt glücklich.“

Ernst Krenek/Kurt Weill: Der Diktator/Der Zar läßt sich photographieren

Premiere: Theater: Anhaltisches Theater Dessau
Regie: Doris Sophia Heinrichsen  Musikalische Leitung: Daniel Carlberg   Foto: Claudia Heysel 
Von Roland H. Dippel am 29.02.2016

Auch bei dieser zweiteiligen Premiere mit leider nur einer Folgevorstellung steht beim Kurt Weill Fest 2016 dessen Beziehung zum ebenso vielschichtig-versatilen Ernst Krenek (25. Todestag) im Fokus. Der 1938 in Anwesenheit von Hitler und Goebbels eröffnete Neubau des Anhaltinischen Theaters ist als Aufführungsort ideal für diese Kombination von Kreneks halbstündigen „Diktator“ (op. 49) aus den „Drei Einaktern“ und Weills eine Stunde satirisch auf Messers Schneide tänzelnder Opera buffa „Der Zar lässt sich fotografieren“. Die Parallelläufe zwischen Dessauer Regionalgeschichte und den Komponisten, die beide vor dem nur allzu realen „Großen Diktator“ nach Amerika flüchten mussten, werden bei diesem Festival mehr ästhetisch als politisch thematisiert. Das gilt auch für die Opernproduktion(en).

Im Doppelpack haben „Diktator“ und „Zar“ äußere, thematische und musikalische Klammern: Gleiches Uraufführungsjahr 1928 (Krenek in Wiesbaden drei Monate vor Weill in Leipzig) und Sujets um missglückende Attentate. Bei Krenek tragödisch-dramatisch, bei Weill burlesk. Die Partituren mit Kolorit der Entstehungszeit ermöglichen durch Mehrfach-Besetzungen farceartige Wirkungsakzente.

Ein Einheitsbühnenbild illustriert in Dessau die Parallelen der „Zeitopern“ zwischen den Weltkriegen: In eine von weißen Wänden und Gerüst umgebene Spielfläche setzt Nicole Bergmann eine protzig rote Ottomane. Das symbolisiert Machtmissbrauch und erotische Potenz. Jessica Rohm steckt die Damen in feine Roben, die Machthaber in helle Anzüge. Anstelle der Parallelen von heutigem Publikum und gespielter Zeit also der wohltemperierende Rückblick. Mit Stilmarotten à la „Grand Hotel“ für die Koloritfunken, hinter denen Weill doch perforierend die großen Themen seiner Gegenwart erkennbar machen wollte.

In Kreneks Partitur hat das neben einigen harmonischen Anschrägungen noch immer den üppig dahinwälzenden Strom der allerspätesten Spätromantik. Das hält Daniel Carlberg mit der Anhaltischen Philharmonie im breiten, freskoartigen Sog, in dem die sexuelle Entäußerung der Attentäterin Maria am Herrenmenschentum des kriegstreibenden Diktators zerschellen wird. Sie will ihren versehrten Mann, einen Offizier, rächen, aber des Diktators dauer-jammerige Frau erschießt sie. Versehentlich, weil der Schuss ihrem Mann gilt. Am Ende tappt der allein nicht überlebensfähige Offizier im Dunkel des Nichtverstehens. Vorhang.

Zugegebenermaßen ist es schwer, Kreneks Klangwelten szenisch auszubremsen. Diese zelebrieren in düsteren Farben Marias Selbstauflösung. Das ist nur etwas weniger üppig als bei Zemlinsky in „Eine florentinische Tragödie“, wenn Biancas Sexus sich am brutalen Machismo Simones entfacht: Über dem Diktator liegt die negative Aura des machtwütigen Nihilisten wie in Korngolds „Wunder der Heliane“. Das zeigt die Inszenierung auch als stilisierte Projektion des Obersalzbergs und wenn der Diktator mit dem Globus spielt wie Charlie Chaplin in „Der große Diktator“. Parallel zur vordergründigen Heultour der Diktator-Gattin treiben der Übermann und sein erotisches Opfer mit pathetischen Stummfilmgesten in ihre pyramidonale Vereinigung. Was da Lüge des Diktators ist als Verführungsstrategie und ab wann Begehren Marias Vergeltungswut absorbiert, bleibt ungewiss. Die Spielleitung verharrt positionslos zwischen Unschärfen und plausibler Figurenentwicklung.

Doris Sophia Heinrichsen setzt im „Diktator“ den Solisten kaum Farben zu. Besonders bedauerlich ist das bei der nur welken Diktator-Gattin Charlotte: Stefanie Kunschke ist anzumerken, dass sie das Scheinaxiom „Blond gleich Bieder“ nur zu gerne widerlegen würde. Auch nach der Pause greift Heinrichsen kaum eines der witzigen Angebote Weills auf, die das vor „Dreigroschenoper“ und „Mahagonny“ entstandene Stück zum frivolen Pulverfass aufschäumen. Durch das Telefon mit Knacken, elektrische Türklingel und einen Tango vom Grammophon ist die dargestellte Überwältigung des Fotostudios Angèle durch Attentäter musikalisch vielschichtig. Der von Sebastian Kennerknecht nicht allzu präzis präparierte Chor raunt stilgerecht in Existentialisten-Schwarz.

Die Balz des Zaren um die Terroristin und vermeintliche Fotografin mit Blut- und Spargel-Anzüglichkeiten im Textbuch Georg Kaisers wäre als Kabinettstück konkurrenzlos: Das sängerdarstellerische Potential von Iordanka Derilova (Maria/Falsche Angèle) und Ulf Paulsen (Diktator/Zar), die vor zwei Spielzeiten „Tosca“ als Kammerkrimi in eine schwer zu überbietende Klimax trieben, ist immens und bleibt hier doch etwas zurück hinter beider Möglichkeiten. Wunderbare Ansätze erhält es, wenn Ulf Paulsen sich vom Macht- zum Liebhaber mausert und Iordanka Derilova im „Zar“ eine erstklassige Ködertour mit abwechselnd echten und geheuchelten Panik-Attacken aufzieht. Beide hätten diese Porträtsession mit Flirtfaktor 100 auch ohne Pistolenschuss aus der Kamera zur Explosion bringen können.

Musikalisch ist das alles zu korrekt, hat aus dem Orchester allzu selten Abstufungen zwischen heißen und kalten Schauern. Die echte Fotografin (Stefanie Kunschke) mutiert vom Chic unvermutet zur „desperate housewife“, weit unter der existentiellen Angst vor Mord und Skandal. Albrecht Kludszuweit (Offizier und Anführer der Attentäter) zeigt hochprofessionelle Routine, aus dem Ensemble ragen David Amels (Gehilfe der „echten“ Angèle) mit hintergründig-feinem Humor und Anne Weinkauf als passgenau präsenter Boy heraus.

Heftig flächiger Applaus machte die fehlende Detailzeichnung vergessen. Trotz aller in der Premiere zwischen Slapstick und Katastrophe fehlenden Abstufungen: Dieser Abend sollte ins laufende Repertoire und auf Gastspiele. Auch weil – wie oft im gehobenen Boulevard – Bizarrerien erst durch Wiederholung doppelbödig und selbstverständlich werden.

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