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Weder Geschehen noch Geschichte

Peter Handke: Zdeněk Adamec

SchauspielPremiere:  (UA)   Theater: Salzburger Festspiele/Landestheater
Regie: Friederike Heller   Foto: Ruth Walz 
Von Regine Müller am 03.08.2020

Im Saal des Salzburger Landestheaters sieht es weitaus luftiger aus als in der riesigen Felsenreitschule tags zuvor bei der Premiere von Richard Strauss‘ „Elektra“: Im knapp 700 Zuschauer fassenden Saal des neobarocken Theaters sind die Corona-Abstände sogar beruhigend großzügig bemessen. Auch vor dem Haus, im klein bemessenen Foyer und in den Gängen, kommt es nicht zu den gefürchteten Verdichtungen, die in der Hofstallgasse bei der Festspiel-Eröffnung für drangvolle Enge sorgten. Die mit Spannung erwartete Uraufführung von „Zdeněk Adamec“ musste aus Kapazitätsgründen für Publikum und Presse entzerrt werden, daher gibt es eine Voraufführung, bei der für Festspielverhältnisse eine ungewöhnlich lockere und gelassene Stimmung herrscht. Für die Uraufführung am Sonntag hatten sich allerdings einmal mehr die „Mütter von Srebrenica“ zu einer Protest-Demo angesagt. Der Nobelpreisträger ist eben nach wie vor eine höchst umstrittene Figur. (Dem Vernehmen nach blieb die angekündigte Demo dann aber aus.)

„Eine Szene“ hat Handke sein neues Werk lapidar untertitelt. Als Buch ist es bereits erschienen, in Salzburg kommt eine leicht gekürzte Fassung des Textes auf die Bühne. In „Zdeněk Adamec“ gibt es keine festgelegten Rollen, Handke erzählt auch keine Geschichte, sondern kreist in bildreichen Abschweifungen und teils skurrilen Assoziationen um ein historisches Ereignis, nämlich um die Selbstverbrennung des 18-jährigen Zdeněk Adamec auf dem Prager Wenzelsplatz im März 2003, die dieser als Protest über den Zustand der Welt verstanden wissen wollte, wie er in einem Abschiedsbrief bekannte. Der Protest-Gestus wurde damals allerdings nicht ernst genommen, der Selbstmord als Tat eines Verrückten gebrandmarkt. Handkes Text kann man als späte Rehabilitierung Adamecs lesen, denn er sympathisiert offen mit dem radikalen Ansinnen und dem Weltekel Adamecs.

Der Abend beginnt mit lässiger Live-Musik in Lounge-Temperatur von einer dreiköpfigen Band, die im Laufe des etwa zweistündigen Abends immer wieder Brücken zwischen den lose gefügten Textblöcken schlägt. Bühnenbildnerin Sabine Kohlstedt hat eine metallene Bogenkonstruktion auf die Drehbühne gesetzt, die ein Laubengang, ein Caféhaus oder ein Refektorium überwölben könnte. Und Ulrike Gutbrod hat die nach und nach wie zufällig eintrudelnden drei Schauspielerinnen und vier Schauspieler unterschiedlichen Alters in teils grotesk unvorteilhafte, überwiegend prollig wirkende Kostüme gesteckt. Das Septett fängt abwechselnd an zu reden, mal wenden sie sich einander zu, mal ziehen sie sich in lange Monologe zurück, die im altmodischen, hohen Deklamationston in den Saal geschickt werden, mal fallen sie einander fahrig ins Wort. Wer nicht redet, hört zu, was das Geschehen auf der Bühne oftmals lähmend statisch werden lässt. Sie reden über Zdeněk Adamec, spekulieren darüber, wie und wer er gewesen sein könnte, sinnieren über sein Elternhaus, seine Sehnsuchtsorte, sammeln Fakten und überbieten sich gegenseitig mit Vermutungen über die Gründe seiner Tat.

Mehr als 30 Jahre vor Adamec hatte sich am selben Ort der Student Jan Palach aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings und den Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts selbst verbrannt, doch während Palachs Selbstmord als politisches Fanal verstanden wurde, ging Adamecs Protest gegen den unaufhaltsamen Vormarsch der Kapitalismus als Tat eines Verrückten unter. Neben Handkes Sympathie für Adamecs Denken und einer spürbaren, aber nicht explosiven Wut auf die herrschenden Verhältnisse transportiert der Text auch eine eigenartig abgeklärte Stimmung, eine Feier der Schönheit des Lebens. Obwohl die Textblöcke – die keine Textflächen im Jelinek’schen Sinn sind – unablässig um jenen Zdeněk Adamec kreisen, wollen sie sich nicht zu einem Psychogramm verdichten. Es entsteht vielmehr ein eher diffuses Bild durch Zuschreibungen, denn Adamec bleibt eine Projektionsfläche der Figuren.

Als wenig theatertauglich erweist sich immer deutlicher im Laufe des sich in die Länge ziehenden Abends, dass die Textblöcke oder kurzen Einwürfe sich nicht zu Dialogen formieren wollen. Tatsächlich entwickelt sich weder ein Geschehen noch eine Geschichte. Das sorgt dafür, dass das Septett häufig ganz offensichtlich nicht weiß, was es anfangen soll.  Nur manchmal bietet der Text Anlass zu scheuem Aktionismus, oft wirken die Akteure verloren auf der Bühne.

Ebenfalls nur punktuell kristallisieren sich Charaktere und Haltungen heraus, Regisseurin Friederike Heller hat die Texte, die von Handke in keiner Weise adressiert sind, entsprechend zugeteilt. Am klarsten schält sich Hanns Zischler heraus, der sich als ruhender Pol, Geschichtenerzähler und Grandseigneur der auch kulturell diversen Truppe positioniert. Vor Energie und Spielwut vibrierend dagegen irrlichtert der Düsseldorfer Star-Schauspieler André Kaczmarczyk, der anscheinend auch ohne Spielanlass auskommt, in flatternden Gewändern und mit Vogelfeder im Haar über die Bühne. Wie eine schillernde Mischung aus Shakespeares Puck und einer somnambulen Kleist-Figur kommt er einer geträumten Version des Zdeněk Adamec gefährlich nahe, um im nächsten Moment dessen Schein-Identität gleich wieder abzuwerfen.

Regisseurin Friederike Heller, die bereits Handke-Erfahrungen sammeln konnte, hat gar nicht erst versucht, die höchst unterschiedlichen Persönlichkeiten ihres Ensembles auf eine gemeinsame Gangart einzuschwören. Im Gegenteil, jeder spielt auf seine Weise und mitunter auch bewusst übertrieben erkennbar Theater. Dadurch entsteht eine Art Überdeutlichkeit, eine theatrale Überbietung von Handkes fragilem, versonnenem, auch zart humorigem und selbstironischem Text, die er in seiner Musikalität und Dichte gar nicht nötig hätte. Da wäre weniger sicher mehr gewesen.

Fazit: Ein lesenswerter Text, der nur bedingt theatertauglich ist.

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