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Was ist normal?

Marshall Brickman, Rick Elice, Andrew Lippa: The Addams Family

MusiktheaterPremiere: Theater: Theater Ulm
Regie: Benjamin Künzel  Musikalische Leitung: Joo Kraus  Komponist: Andrew Lippa   Foto: Jochen Klenk 
Von Manfred Jahnke am 21.11.2021

Was ist normal? Der Cartoonist Charles Addams erfand 1938 die „Addams Family“, die 50 Jahre als Cartoon überlebte. In den 60er-Jahren wurde diese schräge Gruftiegeschichte dann als Fernsehserie vermarktet, ab 1991 als erfolgreicher Live-Action-Film, mittlerweile auch als Trickfilm. Die Geschichte um Gomez, seiner Frau Mortica und ihren zwei Kindern, die zusammen mit ihren Ahnen mitten im New Yorker Centralpark in einem großen Anwesen wohnen, wurde von Andrew Lippa zu dem Buch von Marshall Brickman und Rick Elice 2010 auch als Broadway-Musical-Comedy produziert. Seit 2014 fetzt diese Fassung auch über deutsche Bühnen. Und nun am Theater Ulm. (Und demnächst kommt der Stoff auch als Netflix-Verfilmung.)

Eigentlich erzählt diese Musicalfassung von einer ganz normalen Situation: Wednesday, die Tochter von Gomez und Mortica, ist in Lucas, einem jungen Mann aus einer stinknormalen Kleinbürgerfamilie verliebt. Beide möchten heiraten. Nun sollen sich beide Elternpaare kennenlernen. Entsprechend hektisch und nervös reagiert man (wer kennt solche Situation als Elternteil von heiratswilligen Kindern nicht?). Man will vorteilhaft erscheinen, inszeniert sich, möchte die Kinder nicht loslassen. Das ist in der Addams Family nicht anders. Da ändert auch die Tatsache nicht viel, dass diese Family immer wieder mit ihren Ahnen auftritt: Sie sind da, aber die eigentliche Handlungskompetenz liegt bei Wednesday, die bei Alexandra Ostapenko in der Ulmer Aufführung leider merkwürdig spröde bleibt.

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Ihre Eltern sind von anderem Kaliber: Markus Hottgenroth lässt sich gerne von seiner Tochter umgarnen und kämpft um seine Ehefrau, die ihn verlassen möchte, weil er offensichtlich gegen alle Absprachen ein Geheimnis hat (seine Tochter hat sich ihm anvertraut). Das macht er jovial und mit röhrenden Tönen. Anne Simmering zeigt als Mortica vor allem große Enttäuschung und spielt voller Energie ihren Sexappeal aus. Übertrumpft aber werden alle von Gunther Nickles als Onkel Fester, der in den Mond verliebt ist und am Ende mit einer kleinen Rakete im Rucksack zum Abflug startet. Nickles mit seiner feinen Komik macht das grandios. Zur Familie gehört auch noch die Grandma, die in der Darstellung von Emma Lotta Wegner karikaturenhaft verzerrt wird, und der Butler Lurch, dem Rudi Grieser lallende, röchelnde Töne gibt.

Voller Pointen und Zitate

Benjamin Künzel ist am Theater Ulm der Spezialist für das Ausloten des komischen Materials in musikalischen Aufführungen. Dieses Gespür für komische Situationen leitet ihn auch hier. Er entwickelt ein Feuerwerk an Pointen. Dennoch funktioniert die Gegenübersetzung von Normalität und Nicht-Normalität in dieser Inszenierung nicht wirklich. Zwar erscheint hier Björn Ingmar Böske als Bräutigam Lucas als farblose Null, die im Laufe des Spiels Kontur anzunehmen versucht. Darin ist er ein Wiedergänger seines Vaters, dem Frank Röder ebenso verhuschte Töne gibt. Einzig die Mutter gespielt von Christel Mayr bekommt hier eine eigene Farbe mit ihrem großen Ausbruch, weil sie aus dem falschen Gefäß trinkt (wer wollte da nicht an Gertrud in „Hamlet“ denken?). Am Ende jedenfalls steht da ein altes Hippiepaar, dass die einstigen „San Francisco“-Ideale wieder rocken lässt. Nicht für den Vertausch der Getränke, aber für deren Vergiftung ist Pugsley, der Bruder von Wednesday, verantwortlich, der weiterhin möchte, dass seine Schwester ihn quälen möge. Für den in Quarantäne befindlichen Spieler sprang kurzfristig die Regieassistentin Eli Eisenmann ein und die ist nun wahrhaftig eine Entdeckung. In ihrem Spiel verwirklicht sie die Intentionen der Regie mustergültig im leicht distanzierten Spiel und hat dabei eine große Präsenz.

Ein großer Baumstamm für die Beschwörung der Ahnen, eine Pappkulisse für die alte Villa im Centralpark, ein viktorianisches Treppenhaus reichen als Grundelemente des Bühnenbildes von Heiko Mönnich. Ergänzt wird diese Szenerie mit einer großen Tafel für das Kennenlernfest, ansonsten grenzen Vorhänge mit doppelten Lilienmuster die Spielräume ein, unterstützt durch das Licht von Marcus Denk, der bewusst mit verschiedenen Lichtkegeleinstellungen arbeitet. Diese Konzeption ermöglicht schnelle Verwandlungen. Die Ahnen werden von Mitgliedern des Ulmer Opernchores gespielt und gesungen. Die agieren mit einer wundervollen Lebendigkeit, Spielfreude und Sangeslust.

Für den exzellenten Jazzmusiker und Trompeter Joo Kraus, der mit seiner Band und Mitgliedern des Philharmonischen Orchesters der Stadt Ulm die Aufführung musikalisch begleitet, war es keine leichte Aufgabe, Schauspielensemble und Chor zusammenzuführen. Er löst diese Aufgabe bravourös, zumal er sichtlich Spaß an der mit Musikzitaten angereicherten Komposition hat. Zwei schwarzgekleidete Spielerinnen mit Strohpuppen, die sich am Ende küssen, treten auch noch auf. Und Gaetan Chailly hat dabei geholfen, dass Markus Hottgenroth und Anne Simmering einen wundervollen Tango tanzen. Großer Beifall.

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