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Warum nur morden, wenn wir schlachten können?

Christian Dietrich Grabbe: Herzog Theodor von Gothland

SchauspielPremiere: Theater: Landestheater Detmold
Regie: Tatjana Rese   Foto: Landestheater/Quast 
Von Jens Fischer am 18.01.2015

Grobkörniges Geglitzer und nebulös überbelichtetes Geflimmer, das immer wieder auf das Geschehen projiziert wird, lässt nach und nach Konturen sichtbar werden von Aufnahmen des Ersten Weltkriegs. Auf der Hinterbühne hecheln Soldaten animalisch lüstern: „Krieg“. Während an der Rampe ein etwas weltfremd fabulierender Jüngling durch die Heimtücke einer Intrige zum Brudermörder wird, dann gleich als Massenmörder durchstartet und mit eisgekühltem Zynismus verkündet: „So ist der Mensch.“ Im Kopf ein Adler, im Herz ein romantischer Idiot, mit den Füßen aber stapft er durch die Blutsee-Folgen seiner bestialischen Möglichkeiten. Daher hat der menschlich monströse Antiheld seinem Sohn nur folgende Ratschläge zu vererben: Töte alle deine Hoffnungen, entwickele nie Mitgefühl, bereue nichts.

Allmächtiger Wahnsinn: Verzweiflung sei der wahre Gottesdienst, heißt es in dem anarchisch wüsten Werk des Wunderknaben Christian Dietrich Grabbe (1801-1836). Genialisch war er, stets betrunkenen, revoluzzerte mit bitterbös’ anspielungsreicher Berserkerdramatik gegen alle Dichterfürsten, aber hockte fast lebenslang im innig geschmähten Residenzdörfchen Detmold. Das ihn später mit einer wenig repräsentativen Straße ehrte und sein Grab aktuell recht ungepflegt wirken lässt. Aber einmal ein Werk von ihm zu inszenieren, das ist wohl unabdingbare Herausforderung für alle, die in der Grabbe-Stadt die Schauspieldirektion innehaben.

So widmet sich Tatjana Rese kurz vor ihrem Abschied vom Landestheater dem ersten dramatischen Amoklauf Grabbes: „Herzog Theodor von Gothland“ ist eine gegen Maß, Form und alle Ideale der Klassik aufbegehrende, in wortgewaltiger Düsternis weniger für als gegen das Theater geschriebene Schauertragödie. Detmolds radikal gekürzte Spielfassung gliedert das Handlungsskelett so geschickt, dass die Zuschauer nicht ratlos einem Historiengewirr ausgeliefert sind.

Rese setzt auf Klarheit – und startet mit einer überzeugenden Regieidee. Der Herzog wird in einem Glashaus, Treibhaus der Triebe, auf die Bühne geführt. Ihm zur Seite rezitiert ein Schauspieler in Grabbe-Maske peu à peu Heiner Müllers Text „Der Auftrag“. So formvollendet ist dieser geschrieben und mit neugierig elaboriertem Erschrecken so wunderbar gesprochen von Roman Weltzien – da wirken Grabbes Sprünge zwischen Blankvers und freien Rhythmen um so kraftmeierischer. Beiden Texten aber ist die gleiche Weltsicht eingeschrieben: Geschichte sei sinnlos, Krieg ein Naturgesetz und der Mensch ein grausames und absurdes Wesen, nicht viel mehr als das Tier, das in ihm schlummert.

Aus dem Kolonialismus versucht Müller zu verstehen, warum ein Gemetzel dem nächsten folgt: Rachefeldzüge für erlittenes oder eingebildetes Unrecht. Genau das beschreibt auch Grabbes Clash der Kulturen von Schwarz vs. Weiß – verblüffend aktuell wie Christ vs. Moslem. Den „Neger“ des Stücks, ein Feldherr der Finnen, zeigt Rese mit Sturmhaube wie die Charlie-Hebdo-Terroristen. Seine Motivation aber ist von Grabbe: Weil er als Afrikaner, ehemaliger Sklave, wie eine wildes Kind von den Europäern misshandelt wurde, versucht er sie nun mit seinem angestauten Hass zu vernichten. Er begegnet erlebtem Rassismus mit selbst ausgelebtem Rassismus, führt hohnlachend die Mächtigen hinters Licht und lechzt zähnefletschend nach Christenblut. Ein Wettlauf der Gewalt hebt an, bis nicht mehr nur gemordet, sondern geschlachtet wird. Die Leichen entsorgen die Krieger achtlos im Orchestergraben.

Diese brodelnd nihilistische Mixtur zitiert zwar „Titus Andronicus“, aber Grabbe ist kein Shakespeare, sein Herzog kein Macbeth, sein „Neger“ kein wild gewordener Othello. Sein Theater aber eines der Grausamkeit, das sich Tatjana Rese mit einer Art Lapidarstil vom Leib hält. Mit der totalen Negation alles vermeintlich Menschlichen stürmt Grabbes Drama zur Verzweiflung empor, faszinierend gefährlich, aber die Inszenierung schleppt sich sachlich am Text entlang. Wie eine ratlos kunstwillige Auftragsproduktion zum Spielplanschwerpunkt „Schlachten Feste Katastrophen“. Oder ist gerade diese beiläufige Stückabwicklung das Perfide der Arbeit, da das Grausamste wie das Normalste aussieht? Die Zivilisation wird ihrer Firnis entkleidet – und keiner bemerkt, keinen erstaunt oder verstört die Nacktheit.

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